Cover
Titel
Deutschland in Grün. Eine zwiespältige Erfolgsgeschichte


Autor(en)
Uekötter, Frank
Erschienen
Göttingen 2015: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
294 S., 16 Abb.
Preis
€ 29,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tobias Huff, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Frank Uekötter legt nicht den ersten Überblick zur deutschen Umweltgeschichte vor. Die fachwissenschaftliche und gesellschaftliche Positionierung seines Buches gelingt ihm jedoch mit starken Argumenten. „Umwelt“ ist ein intensiv diskutiertes Gegenwarts- und Zukunftsthema, das in Bereichen wie Klimawandel, Verkehrsplanung, Bodenschutz oder Artenvielfalt erhebliches Konfliktpotential bietet. Der Historiker kann und muss diesen Debatten das notwendige Fundament geben, um Pfadabhängigkeiten, aber auch alternative Deutungs- und Handlungsmöglichkeiten offenzulegen. Dies gilt besonders für ein Land wie Deutschland, dessen Bewohner sich heute als ökologische Musterschüler verstehen. Der Untertitel des Buches lässt bereits vermuten, dass Uekötter dieses Bewusstsein kritisch brechen möchte.

Neben der Tatsache, dass einige der bisherigen Überblicksdarstellungen nicht mehr den aktuellen Forschungsstand abdecken, sieht Uekötter viele der älteren Arbeiten einer linearen Erfolgsgeschichte des Umweltschutzes verhaftet. Dies habe sich in den letzten 15 bis 20 Jahren nicht bewahrheitet (und man meint dabei ein „leider“ des Autors herauszulesen). Zeitgleich mit der Umweltbewegung habe sich seit den frühen 1970er-Jahren der Neoliberalismus in der Welt verbreitet – und dies mit größerem Erfolg (das Wort „nachhaltiger“ verbietet sich an dieser Stelle). Auch in der Konzeption hebt sich das Buch von den meisten Vorgängerarbeiten ab. Uekötter möchte nur wenige, aber markante Entwicklungen aufgreifen, um diese dann in ihrer zunehmenden Verwobenheit herauszuarbeiten. Dieses Vorgehen ist dem Umstand geschuldet, dass sich das Buch nicht nur an ein Fachpublikum richtet, sondern auch an die breitere Öffentlichkeit. Das geht natürlich zu Lasten der Details. Über die Feinheiten der Entwicklungen erfährt man in anderen Werken, etwa von Brüggemeier[1] oder Radkau[2], durchaus mehr. Der grobe Pinselstrich schadet dem Gesamteindruck jedoch nicht, denn Uekötter erweist sich beinahe als ein Monet der Umweltgeschichtsschreibung – beim Zurücktreten entsteht ein stimmiger und konziser Überblick.

Noch in einem weiteren Punkt grenzt sich der Autor von anderen Synthesen ab. Uekötter möchte es nicht bei einer Auswertung der politisch-zivilgesellschaftlichen Sphäre belassen, sondern gezielt solche Akteure einbeziehen, die bisher nicht im Fokus der Geschichtsschreibung standen. Es gelte, nicht nur die weißen Männer aus dem Bürgertum in den Blick zu nehmen, sondern mit einem weiter gefassten Raster nach Prozessen, Konstellationen und Personen zu suchen, die die Umweltgeschichte Deutschlands mitgestaltet haben. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeitet Uekötter mit einem recht breiten Ökologie-Begriff: Es geht ihm um menschliches Verhalten im Alltag – wie entwickelte sich darin ein Bewusstsein für die Natur, den eigenen Körper und die Mitmenschen? Dieses Ökologieverständnis koppelt er methodisch mit bestimmten Handlungsfeldern, anknüpfend an Pierre Bourdieu. Zu den klassisch anmutenden Feldern der staatlichen und kommunalen Politik sowie der Zivilgesellschaft stellt Uekötter das Feld der Lebenswelt, da vor allem hier die angestrebte Erweiterung der Umweltgeschichte erfolgen könne. Das Zusammenwirken dieser drei Felder bezeichnet er als den „Schlüssel für das Verständnis der deutschen Umweltgeschichte“ (S. 18).

Uekötter kommt Kritikern etwas zuvor, wenn er schreibt, dass auch andere Felder wie Medien oder Wissenschaft einigen Einfluss gehabt hätten, dass die gesamtgesellschaftliche Debatte jedoch von den gewählten Bereichen am stärksten geprägt worden sei (S. 18). Dies mag stimmen, doch erweist sich gerade das Feld der Lebenswelt für den historischen Zugriff als extrem sperrig. Während Politik und organisierte Zivilgesellschaft über Gesetzestexte, Protokolle, Berichte oder Denkschriften quellentechnisch gut zu fassen sind, muss Uekötter die Veränderungen lebensweltlicher Parameter über indirekte Belege wie Reformhausdichte, Biolebensmittelquote, Bartmoden oder die Akzeptanz von Recyclingpapier und Jutebeuteln erschließen. Die damit einhergehenden Momente der Unschärfe und Beliebigkeit werden jedoch durch den erreichten Erkenntnisgewinn ausgeglichen.

Der wichtigste Aspekt ist dabei die Unterteilung der Umweltprobleme in zwei Typen. Der erste, ältere Typ waren solche Probleme, die aus der Industrialisierung, Urbanisierung und Technisierung der Lebens- und Arbeitswelt erwuchsen. Luft- und Wasserqualität konnten auch bei zunehmendem Konsumniveau über technische Lösungen verbessert werden, die in einer korporatistischen Verquickung von Politik und Zivilgesellschaft entwickelt wurden. Hier sei Deutschland international stets in der Spitzengruppe gewesen. Die aktuellen Umweltprobleme wie Energie- und Ressourcenverbrauch – als zweiter Typ – entzögen sich jedoch simplen technischen Normsetzungen und Lösungsstrategien. Diese Dichotomie rekurriert auf das Paradigma der reflexiven Modernisierung nach Ulrich Beck und findet sich auch bei anderen Autoren. Uekötter betont jedoch die notwendigen tiefgreifenden Veränderungen gesellschaftlich-lebensweltlicher Denk- und Handlungsweisen, ohne die derartigen Problemen nicht beizukommen sei. Gerade hier hinke Deutschland hinterher, was die grüne Erfolgsgeschichte sehr zwiespältig erscheinen lasse.

Auf dieser methodischen Basis gibt Uekötter einen Abriss der deutschen Umweltgeschichte vom Kaiserreich bis heute. Die markanten Figuren, Ereignisse und Strukturen dieser Epoche sind bereits oft beschrieben worden. Uekötter kann dort überraschen, wo er sie mit der allgemeinen Geschichtsschreibung kalibriert oder die bereits erwähnten lebensweltlichen Entwicklungen einbringt. So sieht der Autor den aufkommenden Flächennaturschutz im 19. Jahrhundert als Ausdruck eines Staatsapparats, der dank Eisenbahn und Telegrafie das eigene Territorium effektiv verwalten konnte. Aus der Zeit des Kaiserreichs stamme auch die enge Verzahnung von staatlichem und zivilgesellschaftlichem Naturschutz als deutsche Besonderheit. Die gesetzlich definierten Aufgaben wurden Verbänden übertragen, die dementsprechend eine große Staatsnähe entwickelten. Dies habe die Kommunikation der Verbände mit der Verwaltung erleichtert, aber zu Verständigungsproblemen mit dem Rest der Bevölkerung geführt. Die frühe Verwissenschaftlichung des Naturschutzes sei ebenso ein deutsches Spezifikum, mit ähnlichem Effekt. Ganz allgemein sei die Zeit bis 1918 von vielen Einzelansätzen geprägt gewesen, denen noch die einheitliche Klammer gefehlt habe. Die politisch polarisierten Jahre der Weimarer Republik seien für Natur- und Heimatschützer keine gute Zeit gewesen. Daneben habe auch die wirtschaftliche Lage größere Projekte verhindert. Im nationalsozialistischen Regime habe es einzelne Personen gegeben, die sehr an Natur- und Umweltschutz interessiert gewesen seien, während gleichzeitig der Reichsarbeitsdienst massive Eingriffe in das Landschaftsbild vorgenommen habe. Insgesamt verhinderte allerdings die früh einsetzende Kriegswirtschaft eine Kontinuität in der Natur- und Umweltpolitik. Daran änderte auch das Reichsnaturschutzgesetz von 1935 wenig, das die Arbeit der Naturschützer erleichterte.

Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wartet Uekötter mit zwei interessanten Thesen auf. In der DDR sei es, nach vielversprechenden Ansätzen, zu einer Ausbeutung der Umweltressourcen gekommen (das entsprechende Kapitel trägt den Titel „Vom planwirtschaftlichen Aufbruch zum Raubtierkapitalismus im Dienste des Realsozialismus“, S. 177–190). Der Mangel einer kritischen Öffentlichkeit habe diesen Umstand noch verstärkt. Im Westen hingegen seien es nicht zuletzt Umweltthemen gewesen, „mit denen sich der deutsche Untertan zum selbstbewussten Staatsbürger emanzipierte“ (S. 83). Die sich entfaltende Wohlstands- und Konsumgesellschaft hatte einerseits ungeahnte Umweltfolgen, andererseits wollte diese Gesellschaft zunehmend in einer intakten Umwelt leben und sich deren Aussehen nicht mehr von Verwaltungsstellen diktieren lassen.

Damit ist die Frage angesprochen, wie Uekötter das Aufkommen der Umweltbewegung der 1970er- und 1980er-Jahre erklärt. Die Ausführungen zu Wertewandel und Neuen Sozialen Bewegungen sowie zu den zentralen Konflikten jener Jahre wie Atomkraft oder Luftreinhaltung finden sich auch in seinem Buch von 2011[3], sind nun allerdings pointierter auf die Verhältnisse in der Bundesrepublik ausgerichtet. Während die 1970er-Jahre von internationalen Entwicklungen getragen wurden (als Stichworte genannt seien nur die Weltumweltkonferenz in Stockholm oder der Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ – beides Ereignisse von 1972), die zahlreiche Einzelfragen zu „der Umweltfrage“ bündelten, skizziert Uekötter für die 1980er-Jahre eine bundesdeutsche Sonderentwicklung. In der übrigen westlichen Welt rückten angesichts von Ölkrisen, Depression und neoliberalen Reformen die Umweltaspekte in den Hintergrund; die Bundesrepublik erlebte jedoch ihr ökologischstes Jahrzehnt, angefeuert etwa von der Sinnsuche des linksalternativen Milieus, dem Streben nach Sicherheit und der Ausrichtung der deutschen Wirtschaft, die mit neuer Umwelttechnologie Geld verdienen konnte. Auf dieses Gemisch trafen die Agonie der sozialliberalen Koalition und die Waldsterbensdebatte als Zündfunke. Diese „quasi aus dem Nichts“ (S. 152) kommende Debatte hielt die Umweltfrage in der Bundesrepublik lebendig, bis es, bedingt durch Ozonloch und Tschernobyl, zu einer neuen Hochphase der internationalen Umweltdiplomatie gekommen sei, die mit dem Erdgipfel 1992 in Rio ihren Höhepunkt erlebt habe.

Die Zeit danach sei wiederum kritisch zu bewerten. Das Ende der bipolaren Welt, die Globalisierung und der Aufstieg der Schwellenländer habe die Zahl der Akteure und Interessen erhöht und eine neue Unübersichtlichkeit geschaffen. In Deutschland habe sich das rot-grüne Reformprojekt von der Weltpolitik überrollt gesehen und durch das Dosenpfand-Desaster sowie den ersten Atom-Ausstiegsversuch ab dem Jahr 2000 (mit langen Restlaufzeiten) die organisierte Zivilgesellschaft gegen sich aufgebracht. Zum Taktgeber der Umweltgesetzgebung habe sich seit den 1990er-Jahren die Europäische Union entwickelt, deren Vorgaben in nationales Recht umzusetzen seien. Im Fall der Glühbirnen habe dies zwar noch einmal Erfolge auf bekannten Wegen gebracht, doch sieht Uekötter den älteren Typus von Umweltproblemen als weitgehend abgearbeitet an. Die heutigen Schwierigkeiten ließen sich nicht mit End-of-Pipe-Technologien lösen; die Steuerung von Arbeits- und Lebensstilen sei ungleich schwieriger als diejenige rauchender Schornsteine.

Wie lange dies dauern kann und wie relevant dabei Generationenüberlegungen sind, lässt sich an einem kleinen Beispiel demonstrieren. In den 1980er-Jahren – dem Jahrzehnt, in dem das öffentlich-rechtliche Fernsehmonopol für die Bundesrepublik endete –, erhielt eine ganze Generation einen Teil ihrer lebensweltlichen Umweltbildung von einem latzhosentragenden Bauwagenbewohner. Zwischen der „Löwenzahn“-Folge, in der Peter Lustig 1983 die Verpackungen im Supermarkt kritisierte[4], und den aktuellen Eröffnungen von Bulk-Shopping-Läden (ohne Einwegverpackungen) liegen gut 30 Jahre.

Anmerkungen:
[1] Franz-Josef Brüggemeier, Tschernobyl, 26. April 1986. Die ökologische Herausforderung, München 1998; ders., Schranken der Natur. Umwelt, Gesellschaft, Experimente 1750 bis heute, Essen 2014.
[2] Joachim Radkau, Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt, München 2002; ders., Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, München 2011.
[3] Frank Uekötter, Am Ende der Gewissheiten. Die ökologische Frage im 21. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2011.
[4] „Lauter alte Schachteln“, siehe <https://www.youtube.com/watch?v=Ref9oiDO0k8> (13.01.2016).

Zitation
Tobias Huff: Rezension zu: Uekötter, Frank: Deutschland in Grün. Eine zwiespältige Erfolgsgeschichte. Göttingen 2015 , in: H-Soz-Kult, 25.01.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24619>.