A. Gallus u.a. (Hrsg.): Deutsche Zeitgeschichte – transnational

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Titel
Deutsche Zeitgeschichte – transnational.


Hrsg. v.
Gallus, Alexander; Schildt, Axel; Siegfried, Detlef
Erschienen
Göttingen 2015: Wallstein Verlag
Umfang
339 S., 16 Abb.
Preis
€ 42,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Lorke, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Seit mindestens zehn Jahren schwimmt die Geschichtswissenschaft auf der transnationalen Welle. Dennoch ist eine nach wie vor bestehende Skepsis hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen des analytischen Potenzials unüberhörbar – so kann jedenfalls die Grundmelodie beschrieben werden, von der die durch Alexander Gallus, Axel Schildt und Detlef Siegfried verfasste Einleitung zu ihrem Sammelband getragen wird. Dieser präsentiert die Ergebnisse einer Kopenhagener Tagung vom Mai 2013.[1] Das Buch sei mitnichten der Versuch, einen „transnational turn“ einzuleiten, habe dieser doch längst Einzug in die (zeitgeschichts)wissenschaftliche Praxis gehalten. Zugleich sehe sich gerade die deutsche Zeitgeschichtsforschung wiederholt der Kritik ausgesetzt, eher als national abgeschottete Teildisziplin zu agieren. Möge der Vorwurf zutreffen oder nicht, so sei die Nationalgeschichte – insbesondere mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus sowie die deutsch-deutsche Verflechtungsgeschichte nach 1945 – aber keineswegs obsolet. Dieses Wechselspiel nationaler und transnationaler Elemente zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Band.

Die in fünf Themenfelder gebündelten Beiträge loten an ausgewählten Beispielen die transnationalen Dimensionen deutscher Geschichte nach 1945 aus. Angesichts ihres breiten Panoramas lassen sich die einzelnen Aufsätze hier lediglich skizzenhaft wiedergeben. Wenn Andreas Eckert anhand der „westdeutsche[n] Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika“ für eine globalgeschichtliche Erweiterung plädiert, so ist das ebenso zu begrüßen wie die von Claudia Kemper betonte blockübergreifende Dimension: Anhand der internationalen Ärzte-Friedensorganisation IPPNW weist sie nach, welchen Einfluss die jeweilige nationale und regionale Herkunft auf die konkrete Vorgehensweise hatte – nicht selten quer zu den gewohnten Routinen des Kalten Krieges.

Im selben Abschnitt („Politisch-gesellschaftliche Initiativen“) legen zwei Beiträge den Schwerpunkt auf die DDR, die im Sammelband ansonsten etwas zu kurz kommt. Detlev Brunner diskutiert zunächst anhand der vielfältigen Solidaritätspolitik des SED-Regimes mannigfache Transferprozesse, die der Identitätsstiftung und Systemlegitimation dienten. Ritualisierte Mechanismen, Solidaritätskampagnen und Spendenaktionen standen im deutlichen Kontrast zu der praktizierten weitgehenden Abschottung der einheimischen Bevölkerung von ausländischen Studierenden oder „Vertragsarbeitern“ – wenngleich Brunner zu Recht darauf verweist, dass die tatsächlichen Einflüsse und Auswirkungen auf die lebensweltlichen Realitäten in Ermangelung entsprechender Studien noch weitgehend im Verborgenen liegen. Hans-Georg Golz beleuchtet am Beispiel der britischen Liga für Völkerfreundschaft die Anbahnung und Pflege transnationaler Kontakte einer exklusiven Gruppe als Beleg für eine Fortführung des „Klassenkampfes“ mit friedlichen Mitteln. Solche Initiativen vermochten jedoch das bestehende, von Mauer und Stacheldraht dominierte DDR-Image in Großbritannien kaum zu verändern. Letztlich blieb das frappierende Desinteresse am „Arbeiter- und Bauernstaat“ in Großbritannien bis zum Mauerfall bestehen. Die Beiträge von Brunner und Golz werfen noch einmal ganz andere Fragen auf, wecken sie doch den Eindruck, eine transnational gewendete DDR-Geschichte wäre wenig zielführend. Brunner ist uneingeschränkt zuzustimmen, wenn er schreibt, dass „eine transnationale Perspektive […] aus der DDR kein offenes Land“ mache (S. 80) – doch könnte eine solche das bestehende Bild zumindest weiter nuancieren. Im Sammelband hätten beispielsweise auch transnational bzw. -kulturell ausgelöste und zirkulierende Konsummuster und Lebensstile innerhalb des östlichen Deutschlands stärker fokussiert werden können.

Bei wirtschaftshistorischen Fragen liegt es für die Zeit nach 1945 vergleichsweise nahe, nationalstaatsübergreifende Perspektiven einzunehmen. Werner Plumpe macht in seinem pointierten Beitrag am Beispiel der ersten „Ölkrise“ von 1973 darauf aufmerksam, wie lohnend es ist, den Blick stärker nach Ostasien zu richten. Dies stelle gängige und letztlich unterkomplexe Formulierungen wie „Ernüchterung“ und „Zuversicht“ ebenso in Frage wie omnipräsente Krisensemantiken. Etablierte Deutungen gerieten so ins Wanken: Normalisierung statt Krise, Abflachung statt Bruch, Wandel statt Zäsur. Den Zerfall der Ordnung von Bretton Woods sowie die damit verbundenen Veränderungen im Welthandel und im Kapitalverkehr macht Plumpe hingegen als wirtschaftshistorisch entscheidende Veränderungen der 1970er-Jahre aus, wurden damit doch neue Handlungsmöglichkeiten und die Grundlagen des heutigen internationalen Finanzmarktkapitalismus geschaffen. In einem zweiten Beitrag für die Sektion „Wirtschaft im Wandel“ widmet sich Christian Kleinschmidt dem Zusammenhang zwischen Automobilindustrie und gelenkter Konsumenteninformationen. Für die Bundesrepublik kann er dabei einen massiven medialen Widerstand gegen die vermeintliche Bedrohung durch japanische Automobile ausmachen. Die Dramatisierung der Rhetorik und die Heraufbeschwörung einer durch historische Anspielungen imaginierten „gelben Gefahr“ lassen populäre bundesdeutsche Zeitschriften wie „auto, motor und sport“ als wichtiges nichttarifäres Handelshemmnis im Welthandel hervortreten.

Die Beiträge zu transkulturellen Phänomenen im Bereich „Lebensstile und Konsummuster“ überzeugen durchgehend. Maren Möhring nimmt etwa die ausländische Gastronomie in der Bundesrepublik in den Blick und die mit einem entsprechenden Restaurantbesuch verbundenen Verheißungen, Nationales zumindest zeitweise hinter sich zu lassen sowie abweichende Geselligkeits- und Unterhaltungsmodi zu konsumieren. Transkulturelle bzw. -nationale Prozesse werden hier ebenso greifbar wie in den Aufsätzen des Abschnitts „Medien und Populärkultur“. So diskutiert Frank Bösch das Wechselspiel aus transnationalen Medien und regionalen Kommunikationsformen seit dem späten 19. Jahrhundert und verweist auf eine sich stetig intensivierende grenzübergreifende Medienkommunikation. Dass abweichende Sehgewohnheiten dabei selbst innerhalb der jeweiligen nationalen Kultur neue Formen der Re-Nationalisierung auslösen konnten, belegt die häufig nicht widerspruchsfreie Gegenläufigkeit dieser Entwicklungen gerade im Bereich der Massenmedien. Berechtigt ist Böschs Warnung, frühere Entwicklungen nicht zu stark aus heutiger Perspektive zu interpretieren und dadurch das Transnationale zu überschätzen. Malte Zierenbergs Beitrag zu den Infrastrukturen des Visuellen nimmt ebenfalls einen blockübergreifenden Blickwinkel ein, indem die Aneignungspraktiken und Distributionsmodi von AP-Fotografien für die Zeit nach 1945 miteinander kontrastiert werden.[2]

Den Abschluss des Buches bildet die Rubrik „Erinnerungswelten“. Simone Lässig wendet sich dem hochgradig national aufgeladenen Medium Geschichtsbuch zu und untersucht daran die Transzendierung des Nationalen. Zwar lasse sich beobachten, dass innerhalb der Schulbücher die geographische Beschränkung auf Deutschland zunehmend aufgeweicht werde und sich somit ein Konzeptwechsel andeute, doch dürfte die Eigenlogik der Unterrichtspraxis noch einmal ganz andere Realitäten aufdecken. Dass Erinnerung ein überaus transnationales Phänomen war (und ist), bestätigen die Beiträge von Christoph Cornelißen (zur „öffentlichen Erinnerung an den deutschen Widerstand in Westeuropa“) und Mary Fulbrook (zu „Nachwirkungen der NS-Verfolgungspolitik“). In beiden Fällen wird eindrücklich herausgearbeitet, inwiefern die jeweiligen Deutungen immer an nationale Entwicklungen rückgekoppelt waren.

Mit Philipp Gassert gesprochen muss sich die transnationale Geschichtsschreibung an ihrer konkreten Umsetzung messen lassen: „The proof of the pudding is in the eating.“[3] Was also bleibt nach der Lektüre? „Es wäre schön“, formulieren die Herausgeber in ihrer Einleitung, „wenn in einigen Jahren festgestellt werden könnte, dass die zeitgeschichtliche Forschung in allen Bereichen so selbstverständlich transnationale Dimensionen berücksichtigt, dass es der Hervorhebung durch Buchtitel wie den unseren nicht mehr bedarf.“ (S. 23) Doch braucht es eine solche Hervorhebung heute wirklich noch? Die Wichtigkeit einer entsprechenden Erweiterung erscheint doch unbestritten. Seine Stärke entfaltet der Band hingegen gerade dort, wo die national „entgrenzte“ Perspektive nicht als allein-seligmachend verstanden, sondern in vielen Einzelbeiträgen abwägend auf Widerspruch und Wechselspiel zwischen Transnationalem und Nationalem hingewiesen wird.

Gleichwohl ergeben sich nach der Lektüre diesbezüglich neue Fragen: Denn ob die Erweiterung auf grenzüberschreitende Problemkonstellationen gelingt oder nicht, hängt offenbar ganz wesentlich vom Gegenstand ab, der in entscheidender Weise die (dann mitunter wenig überraschenden) Ergebnisse prädeterminiert: Ob die Veränderungen der nationalen Ökonomie, Beeinflussungen von „Lebensstilen und Konsummustern“, Medienlogiken oder „Erinnerungswelten“ – vieles hiervon ist in der Zeitgeschichte ohnehin kaum allein nationalstaatlich zu deuten. Doch wären die Ergebnisse grundsätzlich andere gewesen, wäre der Blick weniger auf Regionen wie den Westen und Norden Europas sowie die USA gerichtet worden, sondern stattdessen noch stärker auf Afrika und Asien, Südeuropa oder auf den „Ostblock“? Neuere Publikationen deuten das Potenzial einer solchen Erweiterung an, was verspricht, den Ort der deutschen Zeitgeschichte im transnationalen Kontext noch genauer zu bestimmen.[4] Eine stärkere „Veröstlichung“ des Transnationalen dürfte aber ebenso spannende Einsichten in das Funktionieren osteuropäischer Gesellschaften versprechen. Daneben ist abzuwarten, ob und wie dem Konzept der „Transnationalen Geschichte“ gerade angesichts aktueller Re-Nationalisierungstendenzen hierzulande und in verschiedenen Teilen der Welt weitere Modifizierungen bevorstehen.

Anmerkungen:
[1] Siehe den Bericht von Alexander Simmeth, in: H-Soz-Kult, 30.07.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4949> (12.02.2016).
[2] Zu ergänzen wäre dies um die transnationale Geschichte von AP vor 1945; siehe dazu jetzt Harriet Scharnberg, Das A und P der Propaganda. Associated Press und die nationalsozialistische Bildpublizistik, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 13 (2016), S. 11–37, <http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2016/id=5324> (24.02.2016).
[3] Philipp Gassert, Transnationale Geschichte, Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 29.10.2012, <http://docupedia.de/zg/Transnationale_Geschichte> (24.02.2016).
[4] Beispielsweise der aktuelle Band von Sonja Levsen / Cornelius Torp (Hrsg.), Wo liegt die Bundesrepublik? Vergleichende Perspektiven auf die westdeutsche Geschichte, Göttingen 2016. Für eine gesamtdeutsche und zugleich transnationale Perspektive siehe neuerdings etwa Young-sun Hong, Cold War Germany, the Third World, and the Global Humanitarian Regime, Cambridge 2015.

Zitation
Christoph Lorke: Rezension zu: Gallus, Alexander; Schildt, Axel; Siegfried, Detlef (Hrsg.): Deutsche Zeitgeschichte – transnational. Göttingen  2015 , in: H-Soz-Kult, 07.03.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24631>.