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Titel
Pionierarbeit. Die ersten Professorinnen für Frauen- und Geschlechterforschung an deutschsprachigen Hochschulen 1984–2014


Autor(en)
Bock, Ulla
Erschienen
Frankfurt am Main 2015: Campus Verlag
Umfang
325 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Kemper, Historisches Institut / Fachjournalistik Geschichte, Justus-Liebig Universität Gießen

Ulla Bocks „Pionierarbeit“ hält eine doppelte Botschaft bereit. Wenn die Bestandsaufnahme der ersten Professuren für Frauen- und Geschlechterforschung zu dem Schluss kommt, dass die meisten Entwicklungen in diesem Bereich ambivalenter Natur sind und kein eindeutiges Urteil zulassen, dann spiegelt sich darin auch das grundsätzliche Wissenschaftsverständnis der Genderforschung wider. Aus einem politisch-kritischen Anspruch heraus entwickelt, ging es dieser von Beginn an um die Infragestellung vermeintlicher Gewissheiten; damit stehen auch ihre eigenen Erkenntnisse immer auf dem Prüfstand. Forschungspraktisch beruht die Genderforschung auf Beobachtung, Empirie und dem Aufzeigen nicht sichtbarer Strukturen oder marginalisierter Diskurse; erkenntnistheoretisch hat sie sich der Unabgeschlossenheit von Wissen verschrieben. In einem ähnlichen Spannungsfeld lassen sich die Befunde der explorativen Studie von Ulla Bock einordnen: Zahlen, institutionalisierte Errungenschaften, quantitative Sichtbarkeiten der Frauen- und Geschlechterforschung werden von ihren Anfängen in den frühen 1980er-Jahren bis in die Gegenwart aufgezeigt, aber sie lassen sich nicht einfach als „Erfolge“ deklarieren, sondern eröffnen eine notwendige Debatte über die Form, in der die Forschung ihren politisch-kritischen Anspruch aufrecht erhalten kann.

Bocks Studie beruht auf lebensgeschichtlichen Interviews, die sie mit 39 von insgesamt 65 Professorinnen geführt hat, die als „erste sichtbare Generation“ dieses Forschungsfeldes eine Professur mit der Voll- oder Teildenomination Geschlechterforschung an einer deutschsprachigen Hochschule zwischen 1984 und 2014 innehatten. Die Interviewten sind zwischen 1934 und 1949 geboren, somit „mit und nach den 68ern sozialisiert“ (S. 65), und sie kamen im Klima einer „feministischen Öffentlichkeit“ (S. 66) in die „homosoziale Welt“ der Hochschule (S. 39). Dort haben sie zwischen 1959 und 1991 promoviert und zwischen 1973 und 2000 habilitiert. Um für einen Moment beim reinen Zahlenwerk zu bleiben: Von den 65 Professorinnen-Stellen, die in den 1980er- und 1990er-Jahre geschaffen worden sind, verteilten sich die meisten auf die Bundesländer Nordrhein-Westfalen sowie Berlin und überwiegend auf die Fächer Soziologie, Literaturwissenschaft und Erziehungswissenschaft. Die meisten Professuren gehörten zu den unteren Besoldungsgruppen und etwa ein Drittel von ihnen war befristet (S. 64). Von den 39 Professuren des Samples wurden mittlerweile 23 gestrichen und ein anderer Teil umgewidmet. [1]

Das erste Drittel des Bandes behandelt diese Datengrundlage und den historischen Kontext, der von Frauenbewegung und außeruniversitären Frauenforschungszusammenhängen der 1970er-Jahre über die Einrichtung der ersten Professur für Frauenforschung 1983 im Fach Soziale Arbeit an der Fachhochschule Fulda bis zu den erneuten institutionellen Veränderungen im Rahmen der Bologna-Reform und Exzellenz-Initiative reicht. Eingerichtet wurden die Professuren in der Regel nach politischen Entscheidungen und insbesondere dort, wo einzelne Personen sich dafür einsetzten, wie etwa die von 1985 bis 1998 amtierende nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin Anke Brunn (SPD) oder die Politologin Barbara Riedmüller, die u.a. von 1989 bis 1991 als Senatorin für Wissenschaft und Forschung des Landes Berlin maßgeblichen Einfluss auf Hochschulentscheidungen nahm. Die prekäre Situation von Genderprofessuren wird vollends deutlich, wenn Bock neben finanzieller und machtpolitischer Benachteiligung sowie den Ruch außeruniversitärer Einflussnahme eine fortgesetzte Partikularisierung der Genderforschungsperspektive in der „allgemeinen“ Wissenschaft feststellt. Genderprofessuren sind mit dem Label des „Besonderen“ und „Unterlegenen“ versehen, was sich auch auf die Anerkennung der Forschungsleistung der Stelleninhaberin niederschlägt (S. 22).

Die systematische Aufbereitung der Gespräche und zahlreiche Interviewpassagen machen dieses Spannungsfeld besonders deutlich. Die meisten Interviewpartnerinnen erzählen von den Kämpfen, die mit der Einrichtung ihrer Stellen verbunden waren, von ihrem Stolz, Forschungsprofile im Sinne der Frauen- und Geschlechterforschung etablieren zu können und von ihrer zwiespältigen Meinung zum expansiven Ausbau gleichstellungspolitischer Maßnahmen, wenn er nicht mit wissenschaftspolitischen Entwicklungen korrespondiert. Vielmehr sehen viele von ihnen die an Hochschulen institutionalisierte und formalisierte Genderpolitik zwiespältig, weil sich damit der politisch-kritische und auch widerständige Kern der Frauen- und Geschlechterforschung zu entschärfen droht.

Das Buch präsentiert jedoch weder eine Niedergangsgeschichte noch eine lineare Deutung der Entwicklung. Die „Pionierarbeit“ ist vor allem eine Zusammenstellung sehr unterschiedlicher biographischer Erzählungen von Frauen- und Geschlechterforscherinnen in Verbindung mit der Institutionalisierung ihres Forschungsfeldes. Dazu zählen, um nur einige zu nennen, die Historikerinnen Gisela Bock und Karin Hausen, die Soziologinnen Irene Dölling, Karin Flaake, Ute Gerhard, Carol Hagemann-White und Ilse Lenz, die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun oder die Rechtswissenschaftlerin Konstanze Plett. Bock ist es in ihrer Zusammenstellung gelungen, das Gemeinsame in den Erfahrungen ihrer Interviewpartnerinnen herauszuheben, ohne zu vereinfachen oder das persönliche Profil der Frauen zu glätten. So wird etwa deutlich, dass die meisten der späteren Professorinnen zu Beginn ihres Studiums sehr unterschiedliche Ziele und Erwartungen mitbrachten, aber als Studentinnen die Erfahrung teilten, sich an der Hochschule mit einem „diffusen Empfinden, nicht selbstverständlich dazuzugehören“ bewegten (S. 72).

Ausschlaggebende Impulse gingen für fast alle von der Frauenbewegung aus, in der zum einen Frauenfreundschaften und Netzwerke entstanden und zum anderen die außeruniversitäre Frauenforschung in Form von Museen, Archiven, Bibliotheken, Zentren, Zeitschriften und Seminaren ihren Anfang nahm. Innerhalb des Hochschulsystems brauchten die Frauen vor allem im Übergang von Studium zur Promotion neben der guten Gelegenheit und einem dicken Fell auch männliche Fürsprecher auf Entscheidungspositionen. Das politische Klima war zwar Ende der 1980er-Jahre günstig für die Einrichtung von Genderprofessuren, schlug sich aber an den Hochschulen sehr unterschiedlich nieder. War die Stelle erst besetzt, konnte sich die Inhaberin daran machen, Zentren und Projekte einzurichten, wobei der „Prozess der Integration der Frauen- und Geschlechterforschung im Fachkollegium […] mühsam und zäh“ und vor allen Dingen unabgeschlossen blieb. Denn „einmal geschaffene und vermeintlich tief verankerte institutionelle Strukturen“, zu denen etwa Forschungsbereiche an Fachinstituten zählen, können „unter veränderten Rahmenbedingungen auch schnell wieder verschwinden“ (S. 140). Die Erfahrung der ersten Genderprofessuren zeigt, dass Gender-Themen oftmals nicht institutionell verankert waren, sondern in erster Linie durch Person und Stelle präsentiert wurden. Ging die Professorin in den Ruhestand kam der Forschungsbereich in eine prekäre Situation. Diese strukturelle Prekarität führt Bock auf das Prinzip der „marginalisierenden Integration“ zurück, also auf den Vorgang durch den Frauen und Gender-Themen zwar in das Fach integriert, dort aber am Rand oder mit vermindertem Status positioniert sind. Es wundert nicht, dass die meisten der Interviewpartnerinnen wünschten, sie würden vorrangig als Vertreterin ihrer Disziplin wahrgenommen, die Frauen- und Geschlechterforschung in ihrem Fach betreibt. Aber erfahrungsgemäß wurden die Frauen vorrangig oder nur als Frauen- und Geschlechterforscherin wahrgenommen und daraufhin marginalisiert.

Die doppelte Botschaft der „Pionierarbeit“ wird an dieser Stelle wieder deutlich. Denn die Genderforschung befindet sich in einem Dilemma, weil sie sich einerseits als kritische Wissenschaftsperspektive einem wissenschaftlichen Mainstream verweigern muss, aber andererseits auf Anerkennung innerhalb des wissenschaftlichen Systems angewiesen ist, um diesen kritischen Impuls als einen Teil der „allgemeinen“ Wissenschaft etablieren zu können. Umso größer ist der machtpolitische Stellenwert der Genderprofessuren für die Konstitution des Faches: Fast alle Interviewpartnerinnen berichteten, dass ihnen erst zugehört wurde (und entsprechende Entscheidungen getroffen wurden), nachdem sie berufen worden waren.

Die Stärke der „Pionierarbeit“ liegt in solchen systematischen Zusammenstellungen der individuellen Erinnerungen und Lebensläufe. Interviewpassagen wechseln mit kurzen Einordnungen und Überleitungen der Autorin, so dass sich beim Durchlesen von Unterkapiteln wie „Integration in die Fachdisziplin“ oder „Generationenunterschiede“ die unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen Erfahrungen der Professorinnen zu Gesamtbildern verdichten. Auch wenn die Rezensentin gern von manchen Interviewten mehr erfahren und den zeithistorischen Kontext vertieft gesehen hätte, ist die vorgelegte Struktur nachvollziehbar. Zusammen mit dem Anhang (Kurzporträts der Interviewpartnerinnen und tabellarische Auswertungen der Datenbank) bietet der Band eine souveräne Zusammenstellung von Erfahrungswissen und somit die Grundlage für weitere Wissenschafts- und Politikgeschichte.

Der Band bietet somit mehr als eine Bestandsaufnahme bisheriger Genderprofessuren, denn die Erinnerungen und Stellungnahmen der 38 ehemaligen Professorinnen machen deutlich, wie Ulla Bock am Ende notiert, dass die Genderprofessuren an deutschsprachigen Hochschulen, stabilisierende und wichtige Knotenpunkte in den Netzwerken der Frauen- und Geschlechterforschung und somit auch für die Entwicklung der Frauen- und Geschlechterforschung als wissenschaftliche Perspektive sind. Mehr noch: Wissenschaft und gesellschaftliche Debatte nähern sich über institutionalisiertes Erfahrungswissen an und nicht (allein) durch kurzfristige Coachingprogramme mit Gender-Label. Aus diesem Grund ist es so wichtig für die Frage von Geschlechtergerechtigkeit, machtvolle Positionen im Sinne einer feministischen Politik zu besetzen und auszuüben.

Anmerkung:
[1] Vgl. die Datensammlung Geschlechterforschung des Margherita-von-Brentano-Zentrums der an Freien Universität Berlin, http://www.database.mvbz.org/genderprofessuren (02.03.2018). Aktuell weist die Datenbank insgesamt 212 Professuren mit einer Voll- oder Teildenomination für Frauen- und Geschlechterforschung an deutschsprachigen Hochschulen aus, davon u.a. 40 in den Sprach- und Kulturwissenschaften (dort 9 Professuren in der Geschichtswissenschaft) sowie 112 in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, 15 in den MINT-Fächern und 10 in den Gesundheitswissenschaften. Siehe auch http://www.database.mvbz.org/docs/tabellarische-darstellungen.pdf (02.03.2018).

Zitation
Claudia Kemper: Rezension zu: : Pionierarbeit. Die ersten Professorinnen für Frauen- und Geschlechterforschung an deutschsprachigen Hochschulen 1984–2014. Frankfurt am Main  2015 , in: H-Soz-Kult, 08.03.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24672>.
Redaktion
Veröffentlicht am
08.03.2018
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