E. Holtmann u.a.: Wiedervereinigung vor dem Mauerfall

Cover
Titel
Wiedervereinigung vor dem Mauerfall. Einstellungen der Bevölkerung der DDR im Spiegel geheimer westlicher Meinungsumfragen


Autor(en)
Holtmann, Everhard; Köhler, Anne
Erschienen
Frankfurt am Main 2015: Campus Verlag
Umfang
323 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Norbert Grube, Zentrum für Schulgeschichte, Pädagogische Hochschule Zürich

Das zu besprechende Buch enthält neben dem provokant anmutenden Haupttitel die Ankündigung, „Einstellungen der Bevölkerung der DDR im Spiegel geheimer westlicher Meinungsumfragen“ zu untersuchen. Diese Gleichsetzung von Umfragen mit einem „Spiegel“ lässt ein Unbehagen aufkommen, das sich rasch bestätigt. Die Befragungen werden hier zu Abbildern gesellschaftlicher Entwicklungen (S. 23) oder gar zur „Beweislage“ (S. 19) stilisiert und damit eher reproduziert statt historisch kontextualisiert und quellenkritisch analysiert. Der irreführende Titel deutet an, was gleich vorwegzunehmen ist: Die von Everhard Holtmann, Politikwissenschaftler und Sozialforscher an der Universität Halle-Wittenberg, und Anne Köhler, der ehemaligen geschäftsführenden Gesellschafterin von Infratest Kommunikation, vorgelegte Publikation entspricht nicht geschichts- und sozialwissenschaftlichen Standards.

Statt der angekündigten Analyse „westlicher Meinungsumfragen“ enthält das Buch lediglich die Wiedergabe von Umfragen des Infratest-Instituts, die dieses im Auftrag des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen (ab 1969: für innerdeutsche Beziehungen) von 1968 bis zur Wiedervereinigung durchführte. Die in zwei einleitenden Kapiteln kurz skizzierte Befragungsmethode war den Umständen des Kalten Krieges geschuldet: Da Interviewer in der DDR nicht eine repräsentative Stichprobe befragen konnten, griff man auf die so bezeichnete Stellvertreterumfrage zurück. Demnach wurden Westdeutsche nach ihren DDR-Besuchen anhand eines im Anhang abgedruckten standardisierten Fragebogens interviewt und an Gruppendiskussionen beteiligt. So sollten neben eigenen Reiseeindrücken die wahrgenommenen politischen Einstellungen ihrer DDR-Gesprächspartner, zumeist Bekannte und Verwandte, erfasst werden. Die Problematik dieser Methode, dass ein nicht-repräsentativer Befragtenkreis mit westdeutscher Optik Sichtweisen seiner möglicherweise zur sozialen Erwünschtheit neigenden Gesprächspartner in der DDR wiedergab, reflektieren Holtmann und Köhler nur oberflächlich; vielmehr bezeichnen sie die beteiligten Bundesbürger moralisierend als „Sprachrohr eines DDR-Bewohners“ (S. 29).

Die beiden Einleitungskapitel bieten darüber hinaus idealisierende, lückenhafte, zugleich wiederum redundante und hinter den Forschungsstand zurückfallende Ausführungen über die Etablierung der Repräsentativbefragung als Mittel zur Generierung politisch anwendbaren Wissens in Westdeutschland. Dabei wird der von beiden Autoren übernommenen demoskopischen Selbstlegitimation, wonach Repräsentativbefragungen westlichen Zuschnitts Demokratie-, Objektivitäts- und aufklärendes Informationspotential besäßen (S. 16f.), „die hartnäckige Abneigung der DDR-Führung“ (S. 14) im Hinblick auf Bevölkerungsumfragen gegenübergestellt. Diese Ausgangsperspektive vernachlässigt erstens, dass in der DDR – wenngleich spärlich – ebenfalls Umfragen angestellt wurden.[1] Zweitens thematisieren Holtmann und Köhler trotz vorhandener Forschungsliteratur nicht die mit Umfragen auch in der Bundesrepublik verbundene politische Legitimationsabsicht und Strategiefindung. Und drittens scheint ein Widerspruch bei der Mutmaßung auf, wonach Teile der „Führungskaste der DDR“ (S. 14), der zu Recht Realitätsverweigerung attestiert wird, die geheimen Infratest-Umfragen durch Spionage mitgelesen hätten (S. 32f.). Doch warum hat dann das von den Autoren so emphatisch postulierte aufklärerische Umfragepotential in Ost-Berlin nirgends erkennbaren Widerhall gefunden?

Statt solcher Spekulationen wäre eine zeithistorische Analyse der diesen Umfragen zugrundeliegenden politik- und kulturgeschichtlich relevanten Entstehungs- und Verwendungsbedingungen bzw. der Aushandlungskontexte zwischen bundesrepublikanischer Regierung und Sozialforschern hilfreich und notwendig gewesen. Zum augenscheinlich drei Kanzlerwechsel (1969, 1974 und 1982) überdauernden Auftragskontext erfährt man nichts. So bleibt die Agenda des Infratest-Fragebogens unklar, etwa warum er sehr auf die Selbst- und Westwahrnehmung der DDR-Bewohner fokussierte – während Fragen zu osteuropäischen Entwicklungen, etwa zur Oppositionsbewegung in Polen ab 1980 oder zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, weitgehend unterblieben.

Stattdessen dominieren zur Überraschung des Lesers in zwölf zumeist chronologisch angelegten Unterkapiteln im dritten Abschnitt, dem eigentlichen Hauptteil, ausgewählte Wiedergaben von durch Anführungszeichen getrennten Zitatblöcken aus den Infratest-Umfrageberichten für die Zeit von 1968/69 bis 1990, teilweise eingeleitet mit einer halbseitigen „Chronik“ (S. 187) weniger Ereignisse von vermeintlich deutsch-deutscher Relevanz. Die sehr selektive und unkommentierte Zitatreihung genügt nirgends editorischen Standards. Notwendige Erläuterungen von problematischen Quellenbegriffen, zum Beispiel „Sozialhygiene“ (S. 77), fehlen. Teils werden inhaltliche Fehler mit der Quellenreproduktion übernommen (S. 109). Nur ganz sporadisch werden die offenkundigen Auslassungen markiert, etwa mit drei Punkten in eckigen Klammern (also „[...]“ auf S. 106ff. und S. 118). Unklar bleibt, ob diese nirgends begründete Auswahl von Textstellen die Gesamtaussagen der vollständigen Umfrageberichte verändert.

Da die Praxis der Zitatreihung an manchen Stellen plötzlich unterbrochen wird, etwa durch lange Zitate aus Gruppendiskussionen (S. 84f.), mangelt es an einer nachvollziehbaren Textkohärenz. Zudem wechseln sich Zitatblöcke mit kaum durch Absätze und Layout-Änderungen voneinander geschiedenen paraphrasierenden Passagen der Autoren ab (z.B. auf S. 79); besonders ab dem vierten Unterkapitel im dritten Hauptteil (S. 123) über die „Einstellungen von DDR-Bewohnern, westdeutschen Besuchern der DDR und der Bundesbevölkerung im Jahr 1983“ nehmen paraphrasierende Textteile zu. Daher ist die Lektüre schon wegen des formalen Erscheinungsbildes mühsam – zumal die selektive Wiedergabe einiger hektographierter Tabellen aus den Umfrageberichten von sehr schlechter Druckqualität ist (S. 250–253).

Wissenschaftlich unbefriedigend bleibt es, dass Änderungen der Methode nicht begründet werden, zum Beispiel bei der ab 1973 gewählten „weicheren Formulierung“ (S. 96) der Trendfrage zur Typologisierung der politischen Einstellung der DDR-Bevölkerung (S. 75). Die Typenbildung mit fünf Gruppen – den unpolitischen Indifferenten (A), den Systemkritikern (B), den Befürwortern (C), den kritisch Angepassten (D) und den unpolitischen Angepassten (E) – erinnert zum Teil an die unter anderem durch Jürgen Habermas und Ludwig von Friedeburg 1961 gebildeten Habitustypen zur Kategorisierung der politischen Einstellung westdeutscher Studenten.[2] Ob es hier Bezüge gab, wird nicht erläutert, wie überhaupt mögliche Bezüge auf andere Umfragen gänzlich ausbleiben, die sich vor allem für die Zeit um 1989/90 angeboten hätten.

Problematisch ist auch die angesichts der Stichprobe nur sporadisch reflektierte Gleichsetzung der Gesprächspartner der befragten Besucher mit ‚der DDR-Bevölkerung’ (S. 20, 94f., 131). Systematische Angaben über die teilweise niedrigen Fallzahlen (S. 37f., 46) fehlen ebenso wie Angaben zur Gewichtung, die lediglich durch das Kürzel „Basis gew.“ auf manchen wiederabgedruckten Tabellen angedeutet wird (S. 90, 101, 172).

Diese fragwürdige Form des Teil-Reprints vermindert den Quellenwert der Infratest-Umfragen, wenngleich sich in der partiellen Wiedergabe der Umfrageberichte interessante Befunde andeuten: Der großen Westorientierung und der hohen Bedeutung der zunehmenden Westreisen für die Gesprächspartner (S. 155f.) stand etwa die anhaltende Positivbeurteilung des Bildungssystems der DDR im Vergleich zu demjenigen der Bundesrepublik gegenüber (S. 113, 121, 174). Doch diese Befunde werden ohne systematische zeithistorische Analyse lediglich aneinandergereiht. Auch die ab 1983 ermittelte große Relevanz des Umweltschutzes (S. 134–137) wird nicht in den Kontext der vielen osteuropäischen Umweltbewegungen der 1980er-Jahre gesetzt. Und die Umfragebefunde von 1985 zu „Lebensziele[n] der DDR-Bürger“ (S. 182ff.) werden nicht verglichen mit Parallelen und Unterschieden des ebenfalls demoskopisch ermittelten „Wertewandels“ in der Bundesrepublik. Vielmehr wirken durch den sehr deskriptiven „Sowohl-als auch“-Stil der Infratest-Berichte die wiedergegebenen Erkenntnisse, etwa zur „Liberalisierung in der DDR?“ um 1986 (S. 190), beliebig, stereotyp und oberflächlich. Die in den Umfrageberichten mehrfach betonte Anpassung in der DDR war zeitgenössisch bereits ohne Befragung beobachtet worden, ebenso wie manche Einschätzungen zur wirtschaftlichen Lage in der DDR, die trotz Ärger über Engpässe gegenüber anderen Ostblockländern noch als besser eingestuft wurde (S. 80).

Fast hat man beim Lesen den Eindruck, als hätten die Infratest-Forscher die widersprüchlichen Umfragedaten bis 1989 möglichst vage interpretiert, um selbst für die weitere Entwicklung anpassungsfähig zu sein. Noch 1986 stuften die Forscher die politische Stimmungslage in der DDR zwar als negativ, jedoch als konstant ein, sodass man meinen könnte, die dortigen Gesprächspartner hätten es verstanden, sich sowohl dem Regime als auch sozialempirisch befragten westlichen Besuchern gegenüber bis zur Unkenntlichkeit anzupassen (vgl. S. 202). Holtmann und Köhler attestieren der Infratest-Forschung hingegen, schon im frühen Jahresverlauf 1989 mit ihren Daten den „Aufbruch der Bevölkerung zu demokratischen Ufern“ in der DDR angekündigt zu haben (S. 248). Das scheint angesichts der weiterhin widersprüchlichen Umfragedaten ein wenig geschichtsklitternd. Doch statt quellenkritische, zeit- und kulturhistorische Überlegungen anzustellen, endet das Buch mit der Wiedervereinigung 1990 unvermittelt und reflexionslos. Für die zeithistorische Diskussion über die Nutzung sozialempirischer Daten[3] erweist es sich als weitgehend unbrauchbar.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zur „DDR-Demoskopie“ und vor allem zur zeithistorischen Analyse der Stellvertreterbefragungen: Jens Gieseke, Auf der Suche nach der schweigenden Mehrheit Ost. Die geheimen Infratest-Stellvertreterbefragungen und die DDR-Gesellschaft 1968–1989, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 12 (2015), S. 66–97, URL: <http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2015/id=5182> (06.03.2016).
[2] Jürgen Habermas u.a. (Hrsg.), Student und Politik. Eine soziologische Untersuchung zum politischen Bewußtsein Frankfurter Studenten, Neuwied 1961, 2. Aufl. 1967, S. 75–123, 298f.
[3] Vgl. u.a. Jenny Pleinen / Lutz Raphael, Zeithistoriker in den Archiven der Sozialwissenschaften, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 62 (2014), S. 173–195.

Zitation
Norbert Grube: Rezension zu: : Wiedervereinigung vor dem Mauerfall. Einstellungen der Bevölkerung der DDR im Spiegel geheimer westlicher Meinungsumfragen. Frankfurt am Main  2015 , in: H-Soz-Kult, 29.03.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24694>.