GESIS: Materialien zur Erforschung der DDR-Gesellschaft

Titel
Materialien zur Erforschung der DDR-Gesellschaft. Quellen, Daten, Instrumente


Hrsg. v.
Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen e.V. (GESIS)
Erschienen
Umfang
396 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Reichel, Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF)

"Sesam öffne dich." - resümiert Heinz Sahner im Vorwort diesen Band, der ein "kommentiertes Findmittel zur Erforschung der Realität der DDR" darstelle. Tatsächlich haben die in der GESIS zusammengeschlossenen und mit ihr kooperierenden Institute [1] mit der Sicherung und Erschließung von Ergebnissen der sozialwissenschaftlichen Forschung in der DDR eine Arbeit geleistet, deren Wert die Historiker und Transformationsforscher in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch schätzen lernen werden.

Heinrich Best, der von 1990 bis 1994 Wissenschaftlicher Direktor des Informationszentrums Sozialwissenschaften (IZ, Köln) war, läßt in seinem Beitrag "Von Zufall und Notwendigkeit" am Beispiel der Gründung der Berliner Außenstelle der GESIS ein Stück deutsch-deutscher Wissenschaftsgeschichte im Vereinigungs- und (ostdeutschen) Transformationsprozeß Revue passieren. Die Evaluierung und Auflösung (1990/91) des Mitte der 1980er Jahre an der Akademie der Wissenschaften der DDR entstandenen Zentrums für gesellschaftswissenschaftliche Information (ZGI) sowie die Gründung und dauerhafte Etablierung der GESIS-Dependenz in Berlin (1992 bzw. 1995) bildeten, den Empfehlungen des Wissenschaftsrates folgend, die Eckpunkte dieses institutionellen Umbruchsprozesses. Kompetenz und Aufgabenstellung der letztgenannten Einrichtung liegen im Bereich der Erschließung und Bereitstellung sozialwissenschaftlicher Daten und Forschungsarbeiten aus der DDR sowie im Informations- und Datentransfer von und nach Osteuropa.

Die in diesem Band enthaltenen Beiträge dokumentieren im Kern den vorläufigen Abschluß der Bestandssicherung und Erschließung der bis zum Ende des SED-Regimes selbst für ostdeutsche Wissenschaftler kaum bzw. gar nicht zugänglichen Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Forschung in der DDR. Diese sind überliefert in Form sogenannter grauer Literatur - Forschungsberichte, Dissertationen etc. - und Daten aus empirischen Erhebungen, die allesamt mehr oder weniger strenger Geheimhaltung unterlagen, da sie als Herrschaftswissen bestimmten Führungszirkeln des Regimes vorbehalten waren.

Ute Koch und Ulrike Becker (GESIS/IZ, Berlin) berichten ausführlich über Sicherung, Aufbereitung und Möglichkeiten der Nutzung unveröffentlichter Forschungsergebnisse - die o.g. graue Literatur - der Sozialforschung in der DDR. Detailliert zeichnen sie die Genesis des Projektes Bestandssicherung nach, als dessen wichtigstes Ergebnis fast 6000 Beschreibungen von nicht publizierten DDR-Forschungsarbeiten in die IZ-Datenbank SOLIS (Sozialwissenschaftliches Literaturinformationssystem) eingegangen sind. Das Gros dieser Arbeiten (ca. 5000) ist in 10 Bänden, die zwischen 1992 und 1996 erschienen sind, nachgewiesen und somit leicht zugänglich.[2] Auch möglich, allerdings kostenpflichtig, ist die Online-Recherche.[3] Eine Alternative stellt die CD-ROM Edition "WISO" (Teil III) dar, die neben SOLIS u.a. die Datenbank FORIS (Forschungsinformationssystem Sozialwissenschaften) enthält und zumindest in größeren Uni-Bibliotheken vorhanden sein sollte. Überaus hilfreich sind die Ausführungen der Autorinnen über die Begrenztheit, aber auch die Leistungen der Sozialwissenschaften in der DDR. Sie liefern wichtiges Kontextwissen zu den Entstehungszusammenhängen der dokumentierten grauen Literatur und sind somit unverzichtbar für die quellenkritische Interpretation dieses Materials.

Evelyn Brislinger, Brigitte Hausstein und Eberhard Riedel (Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung/ZA, Uni Köln) widmen sich der Überlieferung sozialwissenschaftlicher Daten aus der DDR und den neuen Bundesländern (1968 bis 1996). An den Anfang ihrer Ausführungen stellen sie einen kurzer Abriß zur Entwicklung der Soziologie in der DDR. Den Hauptteil bildet die Beschreibung des Bestandes von ca. 500 empirischen Studien aus der DDR und den neuen Bundesländern. Davon sind bisher über 400 zugänglich, z.T. befinden sich die Daten allerdings noch in der Aufbereitung. Bei einem Fünftel des Bestandes sind die Zugriffsrechte noch nicht geklärt. Einen ersten Überblick kann man sich anhand eines publizierten Katalogs verschaffen, und für ausführlichere Informationen stehen diverse elektronische Datenträger zur Verfügung.[4] Potentielle Nutzer wenden sich am besten direkt an das ZA.[5] Etwa 350 dieser empirischen Studien betreffen den Zeitraum 1968 bis 1990, wobei die Mehrzahl davon in den 1980er Jahren insbesondere in der zweiten Hälfte angefertigt wurde. Daten für die ersten beiden Jahrzehnte der DDR sind in diesem Bestand nicht überliefert. Sehr dichtes und den westlichen Standards entsprechend erhobenes Material steht der Transformationsforschung für die Zeit ab 1990 zur Verfügung. Aus der Palette der vor 1990 angestellten Untersuchungen ragen (rein quantitativ) diejenigen des Zentralinstituts für Jugendforschung (ZIJ, Leipzig) heraus, aus dem allein mehr als die Hälfte der archivierten Studien stammen. Dieser Teilbestand ist auch deshalb von großer Bedeutung, weil die überlieferten Materialien (fast) aller anderen Institutionen nicht vor Ende der 1970er Jahre einsetzen. Aber auch die zum Teil komplett gesicherten Bestände kleinerer Institute sind wichtig, da sie die Breite und thematische Vielfalt der Gesamtüberlieferung ausmachen. Inhaltliche Schwerpunkte bilden die Bereiche Erziehung und Schulwesen, politische Einstellungen und Verhaltensweisen sowie Gesellschaft und Kultur. Wichtige Hintergrundinformationen liefern die Ausführungen über Erhebungsmethoden, die Verarbeitung des empirischen Materials und daraus resultierende Einschränkungen bezüglich der Repräsentativität bzw. Validität der in der DDR durchgeführten Umfragen.

Bernhard Schipmel-Neimanns und Heike Wirth (Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen/ZUMA Mannheim), stellen die Möglichkeiten der Nutzung amtlicher Mikrodaten der DDR als Datenquelle für die Sozialstrukturforschung vor. Das ZUMA hat in Kooperation mit dem Statistischen Bundesamt im Rahmen des Projektes "Mikrodaten-DDR" noch maschinenlesbar vorliegende Bevölkerungserhebungen der DDR-Statistik dokumentiert, die Qualität dieser Datenbestände evaluiert sowie Nutzungs- und Zugangsmöglichkeiten geklärt. Durch die gezielte Auswertung dieses Materials wird es möglich sein, die teils noch erheblichen Informationsdefizite bezüglich sozialer Differenzierungsprozesse in der DDR abzubauen. Dies trifft allerdings nur für die 1980er Jahre zu, da in der DDR aufgrund der Knappheit der dafür benötigten Magnetbänder diese Datenträger nach 10 Jahren wieder gelöscht bzw. überschrieben wurden. Die erhaltenen Datensätze umfassen die Volkszählung von 1981, Haushaltsbudgeterhebungen (1982 bis 1990), Zeitbudgetermittlungen (1985 und 1990), eine Erhebung zur Inanspruchnahme kultureller und sozialer Leistungen in Arbeiter- und Angestelltenhaushalten (1987/88) sowie eine Einkommensstichprobe in Arbeiter- und Angestelltenhaushalten (1988). Zu allen genannten Befragungen werden grundlegende Informationen geliefert und Beispiele aufgezeigt, welche Forschungsfragen mit Hilfe des jeweiligen Datenmaterials nunmehr zu beantworten sind. Als besonders wichtig heben die Autoren die 1981er Volkszählung hervor, da dies die einzige Erhebung ist, anhand der die Sozialstruktur der gesamten DDR-Gesellschaft rekonstruiert werden kann. Zugang zu all diesen Daten erhält man nur über das Statistische Bundesamt.

Ebenfalls im Medium elektronisch gespeicherter Daten bewegen sich Heinrich Best und Stefan Hornbostel (Uni Jena). Sie diskutieren die Verwendbarkeit prozeß-produzierter Daten als empirisches Material für eine Soziologie des realen Sozialismus am Beispiel der Kaderspeicher des Ministerrates der DDR. Zwischen Schaudern und Euphorie schwanken die Verfasser bei ihrer Schilderung des "Systems der sozialen Buchführung", das nach Einführung der elektronischen Datenverarbeitung in den DDR-Verwaltungsapparaten seit Anfang der 1970er Jahre Orwellsche Züge angenommen habe und dessen Hinterlassenschaft nun eine einmalige Fundgrube für die historischen Sozialwissenschaften darstellt. Beispielsweise wurden im Datenspeicher "Gesellschaftliches Arbeitsvermögen der DDR" die Berufsbiographien von ca. 7,25 Mio. Erwerbstätigen festgehalten und im "Zentralen Einwohnermelderegister" fand buchstäblich jeder Bewohner der DDR mit bis zu 200 Einzelangaben Eingang. Dieser letztgenannte Alptraum aller Datenschützer wurde allerdings 1992 gelöscht. Erhalten geblieben ist jedoch der Zentrale Kaderdatenspeicher (ZKDS) des DDR-Ministerrates, der personenbezogene Angaben zu mehr als 300.000 Kadern beinhaltet und somit eine "einmalige sozialstrukturelle Bestandsaufnahme des Führungspersonals" darstellt. Freilich gießen Best und Hornbostel einiges Wasser in den Wein, indem sie mitteilen, daß die für die Nutzung und Interpretation nahezu unerläßliche Dokumentation zum ZKDS nicht überliefert wurde. Der mühselige und langwierige Prozeß der Entschlüsselung und Aufbereitung ist im Gange, aber noch keineswegs abgeschlossen. Dass aufschlußreiche Sekundäranalysen anhand dieses Materials bereits möglich sind, wird prägnant am Beispiel der vermeintlichen Gleichberechtigung von Frauen im Arbeitsleben sowie in Bezug auf Herkunftsmilieus und soziale Reproduktionschancen innerhalb der DDR-Gesellschaft vorgeführt.

Die Historiker Hermann Weber und Ulrich Mählert (Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung) steuern zu dem Band einen knappen Überblick die Quellenlage zur DDR-Geschichte betreffend bei. Eingangs schildern sie die Entwicklung der Archivlage seit der deutschen Vereinigung. Darin wird ausdrücklich die "aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu akzeptierende [deutsch-deutsche] Asymmetrie im Aktenzugang" beklagt, die aufgrund der 30-jährigen Sperrfrist für westdeutsche Staatsarchive noch geraume Zeit ein Hindernis für die Forschung darstellen wird. Ganz andere Probleme, deren Lösung noch viel ungewisser ist, bestehen freilich in Bezug auf die russischen Archive, die nur selektiv bzw. gar nicht zugänglich sind. Nicht zu widersprechen ist Weber und Mählert, wenn sie daran erinnern, daß man gut daran tut, sich nicht Hals über Kopf in die Aktenberge zu stürzen, sondern auch den bereits erreichten Forschungsstand zur Kenntnis zu nehmen und die Bibliotheken mit ihren teils umfangreichen Beständen und Spezialsammlungen, insbesondere die der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR (SAPMO) in Berlin-Lichterfelde nicht einfach "links liegen zu lassen". Auf den Wegweiser durch die wichtigsten Archive und Bibliotheken soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen, sondern lediglich auf die eigenständige Langversion verwiesen werden.[6]

Der von Wilhelm Heinz Schröder und Jürgen Wilke verfaßte Beitrag beinhaltet eine Fülle von Informationen zu Quellen und Datenbestände über politische Gefangene in der DDR, ein erstaunlicherweise noch relativ wenig bearbeitetes Feld der Forschung zur zweiten deutschen Diktatur. Den Schwerpunkt ihrer Ausführungen legen die Verfasser auf die Voraussetzungen für quantitative Untersuchungen in diesem Themenkreis. Dabei verweisen sie auf ein grundsätzliches Problem, das auch bei qualitativen Fragestellungen nicht umgangen werden kann, nämlich die möglichst trennscharfe Definition "politisch Verfolgter bzw. Gefangener", die für empirische Forschungen operationalisierbar sein muß. Diese Ein- und Abgrenzung erweist sich als schwierig, weil politisch motivierte Verurteilungen auch mit vermeintlich 'unpolitischen' Paragraphen begründet wurden, was nur in jedem Einzelfall und nicht immer zweifelsfrei nachvollzogen werden kann. In einem Überblick zu den wichtigsten Quellenbeständen, wovon die zentrale Entlassungskartei Strafgefangener und die elektronische Strafgefangenen- und Verhaftetendatei die umfangreichsten sind, wird deutlich, daß es sich hierbei um teils sensible personenbezogene Materialien handelt, die aus Gründen des Datenschutzes wohl kaum zugänglich sein werden bzw. zuvor mit ganz erheblichem Aufwand anonymisiert werden müßten. Nach Schröders und Wilkes Einschätzung steht nicht nur die archivalische Aufbereitung beispielsweise der Militärjustizakten sowie diverser Teilbestände in der Gauck-Behörde erst am Anfang, sondern bedarf es insgesamt noch erheblicher Anstrengungen, um einen umfassenden Überblick über die relevanten Materialien zu gewinnen, auf deren Basis dieses Forschungsfeld systematisch erschlossen werden könnte.

Erika Schwefel hat aus den Datenbanken des Informationszentrums Sozialwissenschaften eine zweiteilige Dokumentation zusammengestellt. Der erste, umfangreichere Teil enthält 700 Einträge zu sozialwissenschaftlichen Forschungsarbeiten zum Thema "DDR", die zwischen 1991 und 1997 im Rahmen des "Forschungsinformationssystems Sozialwissenschaften" (FORIS) erfaßt wurden. Im zweiten Teil dieser Dokumentation wird eine Auswahlbibliographie (knapp 300 Bücher und Aufsätze) der Erscheinungsjahre 1991-1997 zum Gegenstand der Sozialwissenschaften und des Wissenschaftssystems in der DDR angeboten, die dem "Sozialwissenschaftlichen Literaturinformationssystem" (SOLIS) entnommen ist. Sowohl die gemeldeten Forschungsvorhaben als auch die aufgelisteten Publikationen sind jeweils durch Sach- und Personenregister erschlossen. Die Halbwertszeit solcher Dokumentationen zu abgeschlossenen und laufenden Forschungen ist allerdings so kurz, daß diesbezügliche Recherchen besser in einer aktuellen (elektronischen) Version der jeweiligen Datenbanken erfolgen sollten.

Der mehrteilige Anhang des Bandes enthält u.a. eine Zusammenstellung aufbereiteter empirischer Studien aus der DDR und den neuen Bundesländern, eine Auflistung verschiedener Standorte der in SOLIS dokumentierten grauen Literatur aus der DDR sowie Hinweise auf diverse Spezialdokumentationen zu bestimmten sozialwissenschaftlichen Teildisziplinen bzw. ausgewählten thematischen Fragestellungen.

Wer sozialhistorisch fundierte DDR-Forschung, insbesondere mit Bezug auf die Honecker-Ära, betreiben will - so kann man ohne Übertreibung sagen - sollte dieses Buch kennen.

Anmerkungen:
[1] Für detaillierte Informationen über die GESIS, die in ihr zusammengeschlossenen Institutionen und deren Angebote siehe http://www.social-science-gesis.de.
[2] Informationszentrum Sozialwissenschaften, Abteilung Berlin (Hg.), Sozialforschung in der DDR. Dokumentation unveröffentlichter Forschungsarbeiten, Berlin 1992 Bde. 1-3, 1993 Bde. 4-5, 1994 Bd. 6, 1995 Bd. 7, 1996 Bde. 8-10.
[3] Die E-mail-Adressen der drei Hosts lauten: hlpdesk@fiz-karlsruhe.de, hlpdesk@dimdi.de, infogbi@gbi.de.
[4] Der Titel des Katalogs lautet: Empirische Sozialforschung aus der DDR und den neuen Bundesländern, 1968 bis 1996. Datenbestände des Zentralarchivs für empirische Sozialforschung, Köln. Die ausführliche Version gibt es im ZA (Köln) bzw. in der GESIS-Außenstelle Berlin als Diskette, CD-ROM oder ZIP-DISK.
[5]http://www.za.uni-koeln.de.
[6] Vademekum DDR-Forschung. Ein Leitfaden zu Archiven, Forschungseinrichtungen, Bibliotheken, Einrichtungen der politischen Bildung, Vereinen, Museen und Gedenkstätten, hrsg. von Ulrich Mählert, 2. Aufl., Opladen 1999.

Zitation
Thomas Reichel: Rezension zu: Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen e.V. (GESIS) (Hrsg.): Materialien zur Erforschung der DDR-Gesellschaft. Quellen, Daten, Instrumente. Opladen  1998 , in: H-Soz-Kult, 18.01.2000, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-247>.
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