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Titel
Antiziganismus. Rassismus gegen Roma und Sinti im vereinigten Deutschland


Autor(en)
Winckel, Änneke
Erschienen
Münster 2002: Unrast Verlag
Umfang
197 S.
Preis
€ 21,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Holler, Friedrich Meinecke Institut, Freie Universität Berlin

Die Debatte um die Asylpolitik nach der deutschen Einheit wurde ideologisch in besonderem Maße auf dem Rücken von Roma-Flüchtlingen aus Osteuropa ausgetragen. In Politik und Medien kursierte das Gespenst einer „Zigeunerflut aus dem Osten“, die über die „braven Bürger“ des vereinten Deutschland hereinbrechen würde. Die Instrumentalisierung des Antiziganismus zeigte Wirkung, wie Umfrageergebnisse der 90er Jahre, aber auch fremdenfeindliche Ausschreitungen wie in Rostock belegen.

Diesen bitteren Tatsachen widmet sich Änneke Winckel in ihrer Arbeit mit dem Titel „Antiziganismus. Rassismus gegen Sinti und Roma im vereinigten Deutschland“. Die Quellengrundlage bilden dabei Artikel der vergangenen zwölf Jahre aus einigen Tageszeitungen und Journalen. [1] Die inhaltliche Auswertung der Materialien konzentriert sich auf die Einstellung der Mehrheitsbevölkerung gegenüber den Sinti und Roma. Dabei unterscheidet Winckel zwischen drei Ebenen: staatliche Organe, „breite Bevölkerung“ und Medien (Kapitel 4-6).

Darüber hinaus verfolgt Winckel das ehrgeizige Ziel, den modernen Antiziganismus in seinen historischen und theoretischen Entstehungshintergrund einzuordnen, da ihrer Meinung nach „der Antiziganismus in Deutschland seit 1989 wesentlich durch die Kontinuitäten der historischen Verfolgung geprägt“ sei (S.13). Vollkommen unverständlich bleibt insofern, warum Winckel die Vorgängerstudie von Franz Hamburger, die sich mit der medialen Kriminalisierung von Sinti und Roma in den 80er Jahren beschäftigt, mit keinem Wort erwähnt. [2] Gerade der Vergleich mit der Tagespresse vor 1989 hätte ein Urteil ermöglicht, ob und inwieweit der Antiziganismus im vereinten Deutschland eine neue - ideologische wie funktionale - Qualität erreichte.

Stattdessen stellt Winckel ihrer zeitgeschichtlichen Quellenuntersuchung zwei Kapitel voran, die sich vornehmlich auf die Methoden der Stereotypenforschung berufen, gleichzeitig aber auch die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland nachzeichnen sollen (Kap.2-3).

Dieser methodische Ansatz muss als gescheitert betrachtet werden. Verantwortlich hierfür ist in erster Linie die außerordentlich dürftige Literaturbasis des historisch-theoretischen Teils. Winckels Untersuchung entbehrt der elementarsten Forschungsgrundlagen und lässt ein tieferes thematisches Verständnis vermissen. Die Darstellung der Entstehungsgeschichte des Antiziganismus (Kap. 2) stützt sich auf zwei soziologische Aufsätze [3], deren Thesen unreflektiert übernommen werden. Etwaige Forschungskontroversen werden nicht einmal angesprochen.

Ähnlich grobschlächtig wird im darauffolgenden Kapitel die „Geschichte des Antiziganismus in Deutschland von 1871 bis 1989“ referiert. Die „Zigeunerpolitik“ bis zum Ende der Weimarer Republik anhand der Überblicksdarstellung von Katrin Reemtsma [4] nachzuzeichnen, stellt in Anbetracht der vorhandenen Forschungsliteratur [5] eine ungewöhnliche Entscheidung dar. Gleiches gilt für die Problematisierung von Nationalsozialismus und Porrajmos. [6]

Methodisch ebenfalls unzureichend ist das umfangreiche vierte Kapitel über „Diskussionen, Auseinandersetzungen, Meldungen: Antiziganismus in Deutschland seit 1989“. Winckels analytischer Beitrag beschränkt sich vornehmlich auf die Einteilung des Pressematerials nach chronologischen und thematischen Aspekten sowie auf eine reportageartige, nahezu kommentarlose Ereignischronik. Die Debatten über Asylrecht, NS-Opfer-Entschädigung, Mietverweigerungen und Polizeiübergriffe nach 1989 werden ausschließlich anhand der ausgewählten Medienbeiträge nacherzählt, ohne dass die journalistischen Angaben einer Gegenprobe durch Fachliteratur [7] oder statistische Materialien unterzogen würden. Auch die Dekonstruktion der „Zigeunerbilder“ wird in diesem Kapitel recht halbherzig betrieben, obwohl sich einige der zitierten Passagen dafür geradezu aufdrängen. So fällt etwa die besondere Betonung angeblicher Straftaten von weiblichen Sinti und Roma ins Auge, was bei einem Bremer Ortsamtsleiter in abwertenden Wendungen wie „die Gören sind immer auf Streifzug“ seinen sprachlichen Ausdruck findet (S.47). Auf derlei geschlechtsspezifische Stereotypisierungen geht Winckel indes nicht näher ein. Offensichtlich ist sie der Ansicht, dass solche Zitate für sich sprechen.

Die nachlässige Darstellungsform findet in der Schilderung des „antiziganistischen Alltags“ eine weitere Steigerung. Artikel über antiziganistische Äußerungen und Übergriffe werden knapp zusammengefasst und nach Städten sortiert. So begnügt sich Winckel, um nur ein Beispiel zu nennen, mit folgender „Auswertung“ einer taz-Meldung vom 3.8.2000: „Im August 2000 beschimpften drei etwa 40 Jahre alte deutsche Männer im sächsischen Döbeln eine Gruppe Sinti als ‚Zigeuner’ und drohten ihnen mit Waffen. Die Polizei, die daraufhin informiert wurde, nahm zwei der Deutschen fest.“ (S.102) Der Aussagewert solcher Beispiele, zumal sie nicht weiter kommentiert werden, ist praktisch gleich Null.

Das fünfte Kapitel widmet sich der unterschiedlichen Art der Berichterstattung in den Medien. Winckel hat sich allerdings nicht die Mühe gemacht, statistisches Material zu den untersuchten Zeitungen zu recherchieren. Vielmehr kategorisiert sie diese unbeschwert nach subjektiven Kriterien. Ungewollt komisch wirken dabei schließlich Einstufungen wie diejenige, wonach für manche „Zeit“-Leser „ein Abonnement des Blattes regelrecht als Ausdruck der eigenen Bildung“ gelte (S. 111). Ungeachtet dessen gewinnt die Darstellung mit der Analyse des medialen Antiziganismus zweifellos an Qualität. Winkel beginnt, ausgewählte Zitate nach ihren ideologischen Intentionen zu hinterfragen und konfrontiert sie mit ihren eigenen Widersprüchen. Winckel betont dabei immer wieder glaubhaft, dass nicht nur die eindeutig negativen Klischees über vermeintliche „Zigeunerbanden“ den Antiziganismus prägen, sondern auch die (scheinbar) positive „Lagerfeuerromantik“ (S. 145 a.a.O.). Anschaulich belegt sie auch, wie die Presse politische Roma-Organisationen auf die äußere Erscheinung ihrer Vertreter und deren Familienstrukturen reduziert: „[...] politische Inhalte oder Forderungen der Organisationen spielen bei dieser Beschreibung keine Rolle“ (S. 115).

Winckel kommt zu dem Ergebnis, dass der überwiegende Teil der ausgewerteten Pressebeiträge über Sinti und Roma antiziganistische Stereotypen reproduziert, unabhängig davon, um welche Zeitung oder Zeitschrift es sich handelt. Während jedoch Zeit, FAZ und Spiegel durchgängig am klischeehaften „Zigeuner“-Bild festhalten, zeichnen sich einige Beiträge der taz sowie der Frankfurter Rundschau durch einen ausgewogeneren Stil aus (S. 145-147).

Kapitel 6 hebt sich ebenfalls positiv vom Niveau der vorangegangenen Kapitel ab. Zwar werden hier bereits behandelte Sachverhalte noch einmal wiederholt, doch leuchtet die Notwendigkeit einer exakteren Kategorisierung der antiziganistischen Stereotypen durchaus ein. Winckel unterscheidet zehn Motive und Motivationen – „Kriminalität“, „Betteln“, „Kinder“, „Hygiene“, „Aberglaube“, „Primitivität“, „Sippen“, „Zigeunerlager“, „Nomaden“ und „Selbst schuld“ - die das moderne, negative „Zigeuner“-Bild prägen. Durch kluges Argumentieren und die Kontrastierung mit Aussagen von Betroffenen entlarvt Winckel den Konstruktionscharakter der klischeehaften medialen Zuschreibungen.

Die letzten beiden Kapitel deuten an, wie viel aus dem zusammengetragenen Quellenmaterial herauszuholen gewesen wäre. Leider wurde diese Chance verpasst. Der methodische Ansatz, Kontinuitäten und Veränderungen des Antiziganismus nach 1989 aufzuzeigen, verkümmert in Folge der wissenschaftlich vollkommen unzulänglichen Einführungskapitel. Methodisch weitaus fruchtbarer wäre insofern der sich anbietende Vergleich mit bereits existierenden Untersuchungen zum medialen „Zigeunerbild“ vor 1989 gewesen.

Die von Änneke Winckel präsentierten Presseberichte sprechen eine deutliche Sprache und können als eine Art „Antiziganismus-Pressespiegel“ benutzt werden. Die wissenschaftliche Auswertung des „Zigeunerbildes“ im vereinten Deutschland steht indessen noch aus.

Anmerkungen:
[1] „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“, „Spiegel“, „taz“ und „Zeit“.
[2] Hamburger, Franz (Hg.), Kriminalisierung von Minderheiten in den Medien. Fallstudien zum „Zigeuner“-Bild der Tagespresse (Schriftenreihe des pädagogischen Instituts der Johannes Gutenberg-Universität Mainz 9), Mainz 1988.
[3] Maciejewski, Franz, Elemente des Antiziganismus, in: Giere, Jaqueline (Hg.), Die gesellschaftliche Konstruktion des Zigeuners. Zur Genese eines Vorurteils, Frankfurt am Main 1996, S.9-28; Hund, Wulf D., Das Zigeuner-Gen. Rassitische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: ders. (Hg.), Zigeuner. Geschichte und Struktur einer rassistischen Konstruktion, Duisburg 1996, S.11-35.
[4] Reemtsma, Katrin, Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996.
[5] Bonillo, Marion, „Zigeunerpolitik“ im Deutschen Kaiserreich 1871-1918, Frankfurt am Main 2001; Hehemann, Rainer, Die „Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ im Wilhelminischen Deutschland und in der Weimarer Republik, 1871-1933, Frankfurt am Main 1987.
[6] Winckel stützt sich hierbei nahezu ausschließlich auf Rose, Romani (Hg.), „Den Rauch hatten wir täglich vor Augen“. Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma, Heidelberg 1999.
[7] Zum Beispiel Widmann, Peter, An den Rändern der Städte. Sinti und Jenische in der deutschen Kommunalpolitik, Berlin 2001.

Zitation
Martin Holler: Rezension zu: : Antiziganismus. Rassismus gegen Roma und Sinti im vereinigten Deutschland. Münster  2002 , in: H-Soz-Kult, 09.05.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2476>.
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09.05.2003
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