I. Marchesi (Hrsg.): Pliny the Book-Maker

Cover
Titel
Pliny the Book-Maker. Betting on Posterity in the Epistles


Hrsg. v.
Marchesi, Ilaria
Erschienen
Umfang
IX, 278 S.
Preis
$ 99.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Isabelle Künzer, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Bei der Beschäftigung mit der Briefsammlung des jüngeren Plinius ist seit geraumer Zeit eine Neuorientierung zu beobachten. Dominierten noch vor einiger Zeit Betrachtungen, die den literarischen Ästhetizismus und die Unterwerfung des Plinius unter gesellschaftliche Zwänge ins Zentrum stellten[1], erfolgte gerade im Hinblick auf die Bewertung des plinianischen Repräsentationsverhaltens eine Korrektur, die in erster Linie mit Forschern aus dem anglophonen Sprachraum verbunden ist.[2] Solche dezidiert sozial- und kulturgeschichtlichen Fragestellungen waren wiederum ausschlaggebend dafür, dass in einem weiteren Schritt vermehrt die Werke des Plinius in ihrer textuellen Struktur und Argumentationsstrategie in den Blick genommen wurden.[3] In diesen Rahmen ist auch die hier zu besprechende, von Ilaria Marchesi herausgegebene Aufsatzsammlung einzuordnen, die sich den Kompositionsprinzipien und den Rezeptionsverfahren durch die Leser des plinianischen Briefcorpus widmet und für die fünf Autoren Beiträge beisteuerten, die zu jenen Initiatoren einer Neubewertung des Plinius zu zählen sind.

Den Auftakt macht ein fast hundertseitiger Aufsatz John Bodels, der bislang nur in den Kreisen von Kollegen und Studenten des Autors zirkulierte und der den eigentlichen Anlass bot, aus philologischer und kulturgeschichtlicher Perspektive den vielschichtigen Prozess der Bedeutungszuweisung über gezielte Komposition und kunstvolles Arrangement durch Plinius in einzelnen Briefen wie in seiner gesamten Briefsammlung umfassend in einem Aufsatzsammelband zu behandeln. Ziel ist es zudem, auf diesem Wege die Briefe des Plinius in gewisser Weise wieder in ihren ursprünglichen, zeitgenössischen Lesezusammenhängen zu betrachten. Mit diesem Anspruch fügt sich der Band auch in das jüngst verstärkt aufkommende Interesse an lesersoziologischen Fragestellungen zur antiken Literatur und am antiken Buch- und Publikationswesen ein.[4]

Sorgfältig erarbeitet Bodel in seinem Beitrag auf der Grundlage einer Untersuchung von intratextuellen Verbindungen zwischen einzelnen Briefen und Büchern der Briefsammlung und anhand des Vergleichs mit den zeitgenössischen, aus mehreren Büchern bestehenden Werken des Martial und des Statius eine Chronologie für die Publikation des plinianischen Briefcorpus. Bislang orientierte sich die Forschung für die Fragen der Zusammenstellung und der Veröffentlichung zumeist an den Ergebnissen Adrian Nicolas Sherwin-Whites.[5] Dessen Publikationsdaten zu den Pliniusbriefen korrigiert Bodel nicht prinzipiell, aber in einigen Punkten hinsichtlich des Arrangements der Bücher. Insgesamt sichert Bodel auf Basis seiner philologischen Analysen und der Untersuchung kompositioneller Prinzipien, die für bisherige chronologische Ansätze der Plinius-Briefe keine oder allenfalls eine marginale Rolle spielten, daher letztlich die Ergebnisse Sherwin-Whites, Symes und Murgias ab, fasst sie aber im Hinblick auf die Zusammenstellung der Briefbücher präziser und differenzierter. In einem nützlichen tabellarischen Appendix stellt Bodel zudem die divergierenden Forschungspositionen zu dieser Thematik zusammen.

Im folgenden Beitrag Christopher Whittons steht die kompositionelle Struktur des zweiten Buches des plinianischen Briefcorpus im Zentrum. Mit den Methoden des pondered reading und des sequential reading ergründet Whitton innere Zusammenhänge zwischen den Briefen dieses Buches und führt das Arrangement durch Plinius auf die Gruppierung nach einzelnen thematischen Schwerpunkten zurück, die sich auch in der Länge der jeweiligen Briefe spiegele. Das gleiche Prinzip legt Whitton seinem essayistischen Beitrag zugrunde, den er in eigenwilliger, doch durchaus ambitionierter Weise aus Briefen über die von ihm behandelnde Thematik an andere Altertumswissenschaftler komponiert.

Auch der Aufsatz Ruth Morellos ist auf ein einzelnes Buch der Briefsammlung konzentriert. Sie liest das achte Briefbuch in sequentiellem Verfahren. Anhand einer solchen Lektüreweise dieses Buches offenbare sich dem Leser durch intratextuelle und intertextuelle Verweise ein komplexes Bild der ethisch-moralischen Einstellung des Plinius, das nach und nach an Konturen gewinne. Als besondere Herausforderung müsse dabei gelten, gleichzeitig ein kohärentes Bild der eigenen Wertehaltung zu zeichnen und dem Prinzip der varietas kompositorisch sowie im Bereich der eigenen Handlungsmaximen gerecht zu werden. Mit einem solchen Maßstäben verpflichteten Aufbau sieht Morello ein didaktisches Anliegen des Plinius gegenüber seiner Leserschaft verbunden.

Roy Gibson richtet die Aufmerksamkeit auf die Verteilung der Themen im neunten Buch des Briefcorpus. Er sieht mit diesem Buch die Einladung des Plinius zum re-reading und gegebenenfalls zu einer Neuorientierung nach Abschluss der Lektüre verknüpft. Demnach dienten die Verbindungen zwischen dem ersten und dem neunten Buch der Briefsammlung nicht nur der thematischen, sondern vor allem auch der semantischen Verknüpfung. Gibson vertritt dabei die These, dass sich innerhalb des plinianischen Briefcorpus eine Entwicklung hin zu düstereren Inhalten und einer pessimistischeren Sprache verfolgen lasse, die insbesondere nach dem sechsten Buch an Intensität gewinne. Der Autor setzt diese Veränderung in Bezug zur historisch-politischen Situation, die als Phase der längsten Anwesenheit Trajans in Rom herausgestellt wird. Im neunten Buch zeige sich in diesem Zusammenhang zwar wieder der Optimismus der ersten Bücher, doch ist dieser nun allein auf Plinius persönlich bezogen, während der Bereich des Politischen seit dem siebten Buch in dunklen Farben erscheine. Gibson geht jedoch nur am Rande darauf ein, ob hier historischer Kontext und Wandel des Plinius lediglich miteinander konvergieren oder aber ob ersterer einen Einflussfaktor für letzteren darstellte. Er unterstellt immanent eine Enttäuschung des Plinius durch Trajan, die sich sukzessive manifestierte, als die Angehörigen der Senatorenschaft aufgrund der dauerhaften Präsenz des Kaisers in der Hauptstadt ständig mit diesem interagieren mussten. Somit überträgt Gibson eine Entwicklungs- bzw. Verdüsterungsthese auf Plinius, die schon für Tacitus hartnäckig vertreten wurde, aber zu Recht und mit guten Gründen kritisiert wird.[6]

Im abschließenden Beitrag konzentriert sich Ilaria Marchesi auf die Villen des Plinius als Orte der literarischen Produktion und der Komposition seines Briefcorpus. Die Einsamkeit, die Plinius zum Betreiben der studia benötige, spiegele sich in der sparsamen Einrichtung der Räume seiner Villen. In einem gewiss etwas fragwürdig anmutenden Analogieschluss erkennt Marchesi die gleiche Zurückhaltung bei der Darstellung des Verschriftlichungs- und Überarbeitungsprozesses seiner Brief-Bücher durch Plinius. Zu dieser Feststellung gelangt Marchesi durch einen Vergleich mit den zur selben Zeit entstandenen „Epigrammen“ Martials, in denen sich – anders als bei Plinius – zahlreiche Hinweise des Verfassers auf seine Arbeit am Œuvre fänden. Problematisch und zugleich wenig überraschend ist in diesem Zusammenhang wohl auch Marchesis Erklärung für dieses Phänomen. Sie schließt auf voneinander abweichende kulturelle Codes, die sich bei Plinius und Martial in einem unterschiedlichen Verständnis bezüglich der Strukturierung ihrer Alltagswelt dokumentierten. In diese sei bei Martial die epigrammatische Dichtung integriert, während Plinius seine Briefsammlung sorgsam in eine andere Sphäre fern trivialer oder profaner Angelegenheiten hebe.

Sämtliche Aufsätze dokumentieren auf unterschiedliche Weise den planvollen Aufbau der Briefsammlung durch den jüngeren Plinius. Damit liefern die Autoren in einem insgesamt überlegt aufgebauten Band wichtige Erkenntnisse und Ergebnisse, die es gestatten, zumindest ansatzweise den Überarbeitungs- und Kompositionsprozess dieses Briefcorpus nachzuvollziehen. Dazu trägt gewiss auch der Eindruck innerer Kohärenz des Bandes bei, den die Autoren nicht zuletzt dadurch vermitteln, dass die Einzelbeiträge aufeinander abgestimmt und durch Verweise immer wieder miteinander verbunden sind. Die Aufsatzsammlung behandelt Plinius insofern als „Book-Maker“ im wahrsten Sinne des Wortes. Die im Untertitel des Buches angesprochene, ohnehin nicht ganz unproblematische memoriale Orientierung des Plinius bleibt dabei tendenziell unterbelichtet. Denn in seinen Kompositionsverfahren einen Weg zu sehen, der intendiere, memoria zu gewährleisten, bedeutete eine Rückkehr zur Betrachtung des Plinius als eines Ästheten, dessen Haltung sich in den Kompositionsprinzipien einzelner Briefe und in der Briefsammlung insgesamt spiegele. Dies dürfte jedoch kaum die Ansicht der Autoren des Bandes sein.

Die Artikel im Einzelnen wie auch der gesamte Band enthalten den Appell zum „closer reading“ (S. 5). Ob allerdings die Briefe des Plinius von den antiken Rezipienten wirklich so gelesen wurden und sie die Kompositionsprinzipien des Plinius trotz möglicherweise wiederholter Lektüre zu würdigen wussten, muss offen, ja stellenweise wohl zweifelhaft bleiben. Diese Frage kann letztlich auch durch die Aufsatzsammlung nicht beantwortet werden, deren Beiträge zum Teil notwendigerweise auf spekulative Schlussfolgerungen angewiesen sind. Hier wären vielleicht Vergleiche mit spätantiken Briefcorpora und deren Komposition in Erwägung zu ziehen gewesen, um zu eruieren, ob Plinius nicht nur für das zahlenmäßige Arrangement von Briefbüchern, sondern auch für kompositionelle Gesichtspunkte Vorbildfunktion gewonnen hatte. Ein Verdienst des Bandes ist es gewiss, dass die Aufsätze allesamt das Augenmerk auf die kunstvolle, intellektuell anregende Gestaltung des Briefcorpus durch den jüngeren Plinius richten und so Interpretationsanregungen für weitere Forschungen bieten können.

Anmerkungen:
[1] Vgl. beispielsweise Hans-Peter Bütler, Die geistige Welt des jüngeren Plinius. Studien zur Thematik seiner Briefe, Heidelberg 1970; Eckhard Lefèvre, Vom Römertum zum Ästhetizismus. Die Würdigungen des älteren Plinius (3,5), Silius Italicus (3,7) und Martial (3,21), in: Gymnasium 96 (1989), S. 113–128; Eckhard Lefèvre, Vom Römertum zum Ästhetizismus. Studien zu den Briefen des jüngeren Plinius, Berlin / New York 2009.
[2] Vgl. z.B. Matthias Ludolph, Epistolographie und Selbstdarstellung. Untersuchungen zu den „Paradebriefen“ Plinius des Jüngeren, Tübingen 1997; Stanley E. Hoffer, The Anxieties of Pliny the Younger, Atlanta 1999; Roy K. Gibson, Pliny and the Art of (In)offensive Self-Praise, in: Arethusa 36 (2003), S. 235–254; Carlos Noreña, The Social Economy of Pliny’s Correspondence with Trajan, in: American Journal of Philology 128 (2007), S. 239–277.
[3] Vgl. Ilaria Marchesi, The Art of Pliny’s Letters. A Poetics of Allusion in the Private Correspondence, Cambridge u.a. 2008; Roy K. Gibson / Ruth Morello, Reading the Letters of Pliny the Younger. An Introduction, Cambridge u.a. 2012.
[4] Vgl. William A. Johnson, Readers and Reading Culture in the High Roman Empire. A Study of Elite Communities, Oxford u.a. 2012; Timothy P. Wiseman, The Roman Audience. Classical Literature as Social History, Oxford u.a. 2015.
[5] Die chronologische und kompositorische Anordnung der Plinius-Briefe ist bis heute kontrovers diskutiert: In Auseinandersetzung mit Theodor Mommsen liefert Adrian Nicolas Sherwin-White seinen Vorschlag eines wenig konsistenten, mehr oder weniger zufälligen Arrangements durch Plinius, dem Ronald Syme dahingehend widersprach, dass er auf zumindest einzelne gezielt platzierte Briefe verwies. Gegen sämtliche Positionen wiederum wandte sich Charles Murgia, der eine komplette Überarbeitung und Neugruppierung der Briefe zu Publikationszwecken annahm. Die Veröffentlichung dieser Fassung erfolgte nach Murgia en bloc. Vgl. Theodor Mommsen, Zur Lebensgeschichte des jüngeren Plinius, in: Hermes 3 (1869), S. 31–136; Adrian Nicolas Sherwin-White, The Letters of Pliny. A Historical and Social Commentary, Oxford 1966; Ronald Syme, The Dating of Pliny’s Latest Letters, in: Classical Quarterly 35 (1985), S. 176–185; Charles Murgia, Pliny’s Letters and the Dialogus, in: Harvard Studies in Classical Philology 89 (1985), S. 171–206.
[6] Als bekannteste Vertreter einer Entwicklungstheorie bei Tacitus können Richard Reitzenstein und Friedrich Klingner gelten. Ihren Positionen wurde beispielsweise von Reinhard Häussler widersprochen; vgl. Richard Reitzenstein, Bemerkungen zu den kleinen Schriften des Tacitus 2, in: Nachrichten von der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Philologisch-Historische Klasse 1914, S. 226–276, hier S. 235–269; Friedrich Klingner, Tacitus, in: Friedrich Klingner, Römische Geisteswelt. Essays zur lateinischen Literatur, 5. Aufl. München 1965, S. 504–526; Reinhard Häussler, Tacitus und das historische Bewußtsein, Heidelberg 1965, S. 401–404.

Zitation
Isabelle Künzer: Rezension zu: Marchesi, Ilaria (Hrsg.): Pliny the Book-Maker. Betting on Posterity in the Epistles. Oxford  2015 , in: H-Soz-Kult, 07.12.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24767>.
Redaktion
Veröffentlicht am
07.12.2015
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Sprache Publikation