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Titel
Stadt als Palimpsest. Zur Wechselwirkung von Materialität und Gedächtnis


Autor(en)
Binder, Julia
Erschienen
Berlin 2015: Neofelis Verlag
Umfang
222 S., 42 Abb.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Ludwig, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Stadt als Handlungs-, Diskurs- und Erinnerungsraum zu interpretieren ist seit längerem Gegenstand einer Ethnologie, Kulturanthropologie und Soziologie der Städte, die die Ortsgebundenheit von Gedächtnis in der Forschung ebenso thematisiert wie die örtliche Verdichtung von Zeit im städtischen Raum. Julia Binders Untersuchung, eine an der Humboldt-Universität zu Berlin verteidigte stadtsoziologische Dissertation, fügt dem zweierlei hinzu: eine vergleichende Perspektive sowie die Einführung des Palimpsest-Begriffs als metaphorische Zuspitzung von Wandel, Vergessen(machen) und Wiederaneignung.

Der Begriff „Palimpsest“, der ursprünglich eine abgeschabte oder abgewaschene und dann neu beschriebene Urkunde bezeichnet, suggeriert ein Geheimnis, dessen Entdeckung eine zuvor entfernte historische Schicht freilegt. Julia Binder hat ihn für ihre Untersuchung auf städtische Orte übertragen – gemeint ist dabei das Entfernen eines alten und das Einschreiben eines neuen Textes in die städtische Topographie. Die Vorstellung der Stadt als eines Palimpsests öffne den Blick nicht nur für die mehrschichtige materielle Substanz der Jetztzeit, sondern zugleich auch für die Gegenwartsbezogenheit des Umgangs mit ihr (S. 57). Wie solche Prozesse verlaufen können, soll in einer Verknüpfung von raum- und gedächtnistheoretischen Ansätzen untersucht werden. Binder bezieht sich raumtheoretisch zum einen auf Henri Lefebvres „La Production de l’Espace“ (1974) und dessen Unterscheidung von geplantem und gelebtem Raum, zum anderen auf Kevin Lynchs „Image of the City“ (1960), worin die Stadt als Struktur von nutzungsbezogenen Wiedererkennungspunkten beschrieben wird. Gedächtnistheoretisch verweist die Autorin auf Maurice Halbwachs’ Begriff des sozialen Gedächtnisses, den sie in einer akteurszentrierten Erweiterung benutzt; Erinnerung sei stets gegenwartsbezogen und werde durch soziale Prozesse immer wieder neu hergestellt. Ausgewählt hat sie vier Orte – drei in Berlin, einen in Buenos Aires –, die in unmittelbarem Zusammenhang mit Diktatur und Diktaturgedächtnis stehen. Hier, so Binder, lasse sich ein schneller Wandel sozialer Bedingungen beobachten – im Gegensatz zum langfristigen Inventar der historischen Stadtlandschaft (S. 11). Die vier Fallbeispiele zeigen unterschiedliche Facetten eines Aushandlungsprozesses, der die gebaute Stadt mit dem sozialen Gedächtnis von Akteuren in Beziehung setzt.

Das erste Beispiel ist das Funkhaus in der Berliner Nalepastraße (Oberschöneweide), ab 1952 Sitz des Rundfunks der DDR. Nach dem Ende des Sendebetriebs wurde der Gebäudekomplex funktionslos, dann von staatlichen Instanzen verwaltet und 2005 schließlich privatisiert. Binder beschreibt zunächst die isolierte stadträumliche Situation, die das teilweise denkmalgeschützte Ensemble von der täglichen Wahrnehmung durch die Stadtgesellschaft trennt, und hat in einem zweiten Schritt Akteure interviewt, die mit dem Funkhaus zu tun hatten oder haben: ehemalige Redakteure, Mitarbeiter der Immobilienverwaltung, Techniker. Das Funkhaus Nalepastraße wird gleichsam als ein Nicht-Ort (Marc Augé) identifiziert, denn ehemalige Redakteure des Staatsrundfunks der DDR haben offenbar kein ortsgebundenes Gedächtnis entwickelt. Paradigmatisch sei die Neubezeichnung des ehemaligen Rundfunkgebäudes durch die staatlichen Besitzer als „Einrichtung gemäß Artikel 36 Einigungsvertrag“. Obwohl zahlreiche materielle Relikte der Rundfunk-Nutzung weiterhin vorhanden sind[1], beziehe sich das soziale Gedächtnis vor allem auf den Funktionsabbruch nach 1990, der das Funkhaus als kontaminierten Ort der Diktatur kodiere.

Das zweite Fallbeispiel ist ein Bereich des ehemaligen Grenzstreifens im Zentrum Berlins. Nach der Restitution der Alteigentümer lange Zeit ungenutzt, wurde die Brache zwischen 2006 und 2010 von einer Künstlergruppe als Skulpturenpark bespielt.[2] Inzwischen ist die Brache mit einem historisierenden Neubaukomplex bebaut und lässt keinerlei Spuren der früheren Situation im geteilten Berlin mehr erkennen. Binder weicht bei der Beschreibung dieses Ortes vom Konzept der Gegenwartsbezogenheit insoweit ab, als sie die mittlerweile eingetretene Komplettierung einer geschlossenen Stadtlandschaft eher am Rande erwähnt, der historisch gewordenen, ohne Spuren verbleibenden künstlerischen Zwischennutzung jedoch breiten Raum einräumt.

Das dritte Beispiel stammt aus Buenos Aires und beschreibt die Bemühungen von überlebenden Opfern der argentinischen Militärdikatur zwischen 1976 und 1983, ehemalige innerstädtische Folterorte wieder kenntlich zu machen. Die Folterkeller waren temporär eingerichtet und wurden später überbaut, so dass die Orte der Diktatur in der Stadtlandschaft bald nicht mehr auffindbar waren; sie wurden erst durch zivilgesellschaftliche Gruppen gesucht und im Wortsinn wieder ausgegraben. Das Beispiel zeigt eindrucksvoll die Bedeutung eines ortgebundenen Gedächtnisses für die Betroffenen, jedoch zugleich den Wandel der Erinnerungskultur, auf den die offizielle politische Unterstützung der Akteure seit Beginn der 2000er-Jahre verweist.

Aushandlungsprozesse zwischen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren stehen auch im Zentrum des letzten Untersuchungsbeispiels, der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße.[3] Das hier in den letzten Jahren entstandene Gedenkensemble ist der aktuellste Eingriff in die Stadtlandschaft; vorangegangen waren der Mauerbau und die nachfolgende Freiräumung des Ost-Berliner Grenzstreifens. Die DDR hatte nach 1961 die direkt an der Grenze liegende Häuserzeile abgerissen, einen Friedhof überbaut und zuletzt, noch in den 1980er-Jahren, die im Grenzstreifen liegende Kirche gesprengt. Nach 1990 entwickelte sich eine konfligierende Interessenlage, indem einerseits die von der Grenzanlage betroffenen Grundstücke restituiert wurden, andererseits an der Bernauer Straße eine Gedenkstätte errichtet werden sollte, die auch den Mauerverlauf und das auf Ost-Berliner Seite liegende sicherheitstechnische Hinterland erfahrbar machen sollte. Während die Mauerteile, wie fast überall in Berlin, zu Beginn der 1990er-Jahre entfernt wurden, sollte nun eine exemplarische Markierung des Ortes erfolgen. Akteure für die Errichtung des Gedächtnisortes waren der Staat sowie die örtliche Kirchengemeinde; Widerstand erfolgte durch einige Bewohner der neu errichteten Häuser auf dem ehemaligen Mauerstreifen.

Wie unterscheiden sich diese Beispiele nun hinsichtlich einer akteurszentrierten Gedächtnisbildung am konkreten Ort, und wie passen sie in das Konzept der Stadt als Palimpsest? Am Berliner Rundfunkhaus sind materielle Spuren erkennbar, eine soziale Gedächtnisbildung am Ort ist jedoch nicht auszumachen – eine „Wechselwirkung von Materialität und Gedächtnis“, wie im Untertitel des Bandes formuliert, findet nicht statt; es erscheint treffender, von einer kulturellen Neuaneignung zu sprechen. Die zentralen Berliner Mauergrundstücke zeigten eine solche Wechselwirkung nur temporär, und weder Materialität noch soziales Gedächtnis konnten auf längere Sicht erhalten werden. Die Berliner Mauergedenkstätte ist schon deshalb ein fragliches Beispiel, weil die materielle Substanz abgetragen war und für eine Gedächtnisbildung am Ort nachträglich neu organisiert werden musste. Buenos Aires erscheint im Vergleich als positives Gegenbeispiel, denn hier gelang es durch zivilgesellschaftliche Initiative, die verschütteten materiellen Überreste im sozialen Gedächtnis der Stadt zu verankern.

Die vier sehr unterschiedlichen Fälle repräsentieren eine Spannbreite, die auf die Möglichkeiten ortsbezogener und ortsgebundener sozialer Gedächtnisbildung hinweist. Obwohl das Diktaturgedächtnis ihre gemeinsame Klammer ist, vermag die Auswahl nicht recht zu überzeugen; die kurzzeitige künstlerische Intervention im innerstädtischen Mauerstreifen hat, folgt man Binders Ausführungen, wenig soziale oder kommunikative Interaktion mit sich gebracht, und sie entfaltete keine nachhaltige Wirkung. Die Auswahl der untersuchten Orte wird über ihre Gemeinsamkeit als Orte der Diktatur hinaus nicht begründet. Vielleicht deshalb wird eine Systematisierung der empirischen Befunde auch nur angedeutet. Zudem fehlt eine Diskussion über die zeitliche Dimension der aufgeführten Beispiele vor dem Hintergrund des Konzepts der „lieux de mémoire“ und der darin enthaltenen These eines Übergangs vom sozialen zum kulturellen Gedächtnis. Zu problematisieren wäre in dieser Hinsicht, ob die Gedenkstätte Berliner Mauer nicht eher einem kulturellen als einem sozialen Gedächtnis zuzuordnen ist. Julia Binders Konzept der Stadt als Palimpsest ist vor allem am Beispiel von Buenos Aires einleuchtend, weil das Überschriebene wieder lesbar gemacht werden konnte und damit die konkreten historischen Schichtungen im heutigen Stadtraum sichtbar sind.

Anmerkungen:
[1] Für Bildmaterial siehe etwa <http://funkhausberlin.blogspot.de> (30.11.2015).
[2] Vgl. <http://www.skulpturenpark.org> (30.11.2015).
[3] Vgl. <http://www.berliner-mauer-gedenkstaette.de/de/> (30.11.2015).

Zitation
Andreas Ludwig: Rezension zu: : Stadt als Palimpsest. Zur Wechselwirkung von Materialität und Gedächtnis. Berlin  2015 , in: H-Soz-Kult, 04.01.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24835>.