J. Malitz: Nikolaos von Damaskus. Augustus

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Titel
Nikolaos von Damaskus. Leben des Kaisers Augustus


Hrsg. v.
Malitz, Jürgen
Erschienen
Umfang
210 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Monika Schuol, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Nikolaos von Damaskus (geb. ca. 64 v.Chr.) war als Erzieher (wohl vor allem des Kaisarion) im Dienste der letzten Ptolemäerin Kleopatra und - nach der Schlacht bei Actium 31 v.Chr. - als einflussreicher Diplomat und Politiker im Auftrag des Herodes tätig. Er trat auch als Autor umfangreicher philosophischer Schriften und einer Universalgeschichte in 144 Bänden hervor. Etwa im Jahre 20 v.Chr. verfasste er auf der Grundlage der wenige Jahre zuvor publizierten Memoiren des Augustus eine Lebensbeschreibung des ersten Princeps, die gemeinsam mit den Werken des Onesikritos (FGrHist 134) und des Marsyas (FGrHist 135) über Alexander und des Lysimachos über Attalos I., den Begründer des Reiches von Pergamon (FGrHist 170), in die hellenistische Tradition panegyrischer Herrscherbiografien einzuordnen ist. Mit seiner Augustus-Biografie, die wahrscheinlich den Zeitraum bis Actium oder bis 27 v.Chr. umfasste, wandte sich Nikolaos insbesondere an den griechischen Osten des Römischen Reiches; der Öffentlichkeit des lateinischen Westens standen die Memoiren des Augustus in 13 Büchern zur Verfügung, die etwa bis zum Kantabrischen Krieg (25 v.Chr.) reichten.

Die auffällige Panegyrik des Nikolaos, propagandistische Verzerrungen und Fälschungen auf der einen Seite und die negative Darstellung des Antonius auf der anderen Seite, also ein ganz offensichtliches Bemühen, die öffentliche Meinung zugunsten des Augustus durch die Herausstellung seiner Verdienste zu beeinflussen, passen - gegenüber einer in der Forschung ebenfalls vertretenen Datierung des Werkes nach dem Tod des Augustus - am besten in die Zeit wenige Jahre nach dem Sieg über Antonius bei Actium. Mit seiner idealisierenden Kaiserbiografie war Nikolaos darauf bedacht, gegen Augustus erhobene Vorwürfe aus der Bürgerkriegszeit durch politische und persönliche Rechtfertigung zu entkräften, um die Reserviertheit gegenüber dem Princeps zu brechen und Loyalität zu erzeugen. Trotz ihrer nicht immer auf Richtigkeit und Objektivität bedachten Darstellung ist die panegyrisch-apologetische Augustus-Biografie des Nikolaos eine überaus wichtige Quelle für den politischen Aufstieg des Princeps, dem niemand unter den antiken Historikern und Biografen persönlich so nahe gestanden hat wie Nikolaos. Sein möglicherweise auf Anregung des Herodes entstandenes Werk bietet darüber hinaus eine wichtige Ergänzung der Überlieferung bei Appian, Plutarch und Cassius Dio; zugleich ist diese Schrift ein aufschlussreiches Zeugnis für die rasche Rezeption der Autobiographie des Augustus kurz nach ihre Veröffentlichung und für die augusteische Propaganda im Osten.[1]

Aufgrund seiner tendenziösen Darstellung des Augustus und auch seines Großonkels Caesar war Nikolaos' Augustus-Vita eines der meistgeschmähten Werke der antiken Literatur. Herablassend äußert sich z.B. Josephus: "Denn weil er (sc. Nikolaos) im Reich des Herodes lebte und mit ihm verkehrte, schrieb er, um sich ihm gefällig zu erweisen und ihm zu schmeicheln, nur das nieder, was zum Ruhm des Königs beitragen konnte, und ließe viele seiner offenkundigsten Ungerechtigkeiten in günstigerem Licht erscheinen oder verschwieg sie auch gänzlich [...] Überhaupt verfährt er in seinem ganzen Werk so, daß er alle guten Taten des Königs übermäßig lobt, seine Frevel hingegen zu entschuldigen sucht. Gleichwohl kann man ihm das nachsehen; er hatte es sich ja nicht zur Aufgabe gemacht, für andere Geschichte zu schreiben, sondern wollte nur dem König sich gefällig erweisen [...]" (ant. Iud. 16,7,1). Dann hebt Josephus hervor, dass er selbst die Tatsachen sorgfältig und unverfälscht berichte und in seinem Werk der Wahrheit einen höheren Stellenwert zumesse als der Verehrung der Nachkommen des Herodes, auch wenn er sich auf diese Weise vielleicht den Zorn der Machthaber zuziehen würde. Auch in der Forschungsliteratur wurde mit Polemik gegen Nikolaos nicht gespart. So schreibt E. Hohl: "Der Literat aus Damaskus konnte der östlichen Leserwelt getrost seine dressierten Enten vorführen [...]"[2]

Die Augustus-Biografie ist nur fragmentarisch in den sogenannten byzantinischen Exzerpten erhalten, die Konstantin VII. Porphyrogennetos 945-959 anfertigen ließ. Die Fragmente reichen von der Jugend und Erziehung des späteren Erben Caesars über die Verschwörung und Ermordung Caesars an den Iden des März bis zum Herbst des Jahres 44 v.Chr., als Octavian nach seiner Rückkehr aus Apollonia in den Machtkampf eingriff, um mit Unterstützung der in Kampanien mobilisierten Veteranen Caesars seine ehrgeizigen Ansprüche gegen Antonius durchzusetzen.

Malitz beginnt seine Textausgabe der Vita mit einer Einführung über das Leben und Werk des Nikolaos (S. 1-14); begreiflicherweise liegt dabei der Schwerpunkt auf der Augustus-Biografie und der vom Princeps selbst verfassten Memoiren. Die Bibliografie nennt die Editionen, Übersetzungen und Kommentare sowie die wichtigste Forschungsliteratur (S. 15-24). Hier wäre noch die 1850 von N. Piccolos vorgelegte Edition zu ergänzen, die auch in den späteren Textausgaben konsequent Berücksichtigung gefunden hat.[3] Den größten Raum nehmen bei Malitz selbstverständlich der griechische Text mit der deutschen Übersetzung (S. 25-95) und der Kommentar (S. 97-198) ein. Textstellen-, Orts- und Personenregister (S. 199-210) erschließen den Kommentar. Das gesamte Buch ist auf leichte Benutzbarkeit und gute Lesbarkeit angelegt: Der griechische Text, der im Wesentlichen der Edition von Felix Jacoby (FGrHist 90 F 125-130) entnommen ist, wird ohne kritischen Apparat dargeboten. Mit seiner Übersetzung gelingt Malitz eine sprachlich gefällige, aber auch genaue Übertragung von Nikolaos' Augustus-Vita ins Deutsche.

Von Nikolaos' Bios Kaisaros gibt es mehrere Übersetzungen, von denen einige auch mit ausführlicheren Kommentaren versehen sind.[4] Hervorzuheben ist hier vor allem das Werk von B. Scardigli,[5] das - allerdings ohne Wiedergabe des griechischen Textes - eine sehr zuverlässige Übertragung ins Italienische bietet und zudem einen ausführlichen Kommentar sowie umfangreiche Indizes enthält. Man hätte von Malitz eine Würdigung und zugleich eine Abgrenzung von diesen älteren Veröffentlichungen erwartet, es wird aber lediglich die Übersetzung von M. Schüler und U. Staffhorst unter Verzicht auf jegliche Form der Auseinandersetzung erwähnt. In welchen Punkten beabsichtigt Malitz nun also, über die früheren Textausgaben, Übersetzungen und Kommentare hinauszugehen? Wo verortet er sich in der neueren Forschung? Die Antwort auf diese Fragen, gewissermaßen die Rechtfertigung einer neuen Publikation zu Nikolaos' Augustus-Biografie, bleibt Malitz seinem Lesepublikum schuldig. Insbesondere die lediglich in der Bibliografie erwähnte Arbeit von B. Scardigli braucht den Vergleich mit Malitz nicht zu scheuen und hätte mehr Aufmerksamkeit verdient.

Im Kommentar geht Malitz auf einige Schwierigkeiten der Textüberlieferung und philologische Probleme ein; sein Schwerpunkt liegt jedoch eindeutig auf den Erläuterungen zum historischen Hintergrund, die recht ausführlich gehalten und damit dem Verständnis des Textes sehr dienlich sind. Völlig zu Recht und konform mit der Forschung macht Malitz darauf aufmerksam, dass die Augustus-Biografie des Nikolaos propagandistischen Zwecken diente. Die Caesarapologetik und die Rechtfertigung der Nachfolgeansprüche Octavians bei Nikolaos, der auch vor der Verdrehung der Ereignisse und verschiedenen erzählerischen Kunstgriffen nicht zurückschreckt, hätte Malitz am Beispiel der Ehrenbeschlüsse für Caesar, der Luperkalienszene mit der versuchten Königsproklamation Caesars durch M. Antonius und der Statuenkrönung sowie Caesars Sitzenbleiben vor dem Senat (Nic. Dam. vita Caes. 67-80) noch einmal in aller Deutlichkeit zeigen können; eine Zusammenfassung der über mehrere Stellen des Kommentars (Anmerkung 210ff.) verteilten Erläuterungen zu dieser Problematik bereits in der Einleitung wäre hilfreich.

Diese Ereignisse werden in der antiken Literatur in unterschiedlicher Reihenfolge berichtet (App. bell. 2; Suet. Iul. 76,1-79,2; Cass. Dio 44,8,1-11,4 bzw. Nic. Dam. vita Caes. 67-80; Vell. 2,56-58; Plut. Caesar 60,4-61,5; Antonius 12,1-7; Liv. per. 116). Mit seiner Version intendiert Nikolaos die Diskreditierung der Mitglieder der Verschwörung gegen Caesar und die Entlastung des Diktators; insbesondere Antonius wird eine zweideutige, unrühmliche Rolle und ein dubioses Verhältnis zu den Caesarmördern unterstellt: Der Verdacht des Königsstrebens wird von Caesar auf Antonius gelenkt, der sich dem Befehl Caesars widersetzt und die Krönung des Diktators gegen dessen Willen unternommen habe. Nikolaos deutet an, dass Antonius den Hass auf Caesar durch die Verleihung des Diadems schüren wollte - ein Gedanke, der sich dann voll ausgebildet in der dezidiert antoniusfeindlichen Darstellung des Velleius Paterculus (2,56,2) findet, dass nämlich Antonius durch diese forcierte Königsproklamation die Ermordung Caesars provoziert habe.[6] Auch für die Arbeitsweise des Nikolaos ist dieser Abschnitt sehr aufschlussreich: Der Augustus-Biograf berichtet über die Statuenkrönung zweimal - einmal chronologisch plausibel zu Beginn der Proklamationsfragen und dann wieder in Verbindung mit den Luperkalien-, was auf die Benutzung von mindestens zwei Quellen in diesem Abschnitt deutet.[7]

Zweifellos handelt es sich bei Nikolaos' Werk über Augustus um einen auch für den heutigen Leser in vielerlei Hinsicht interessanten Text, der die neue Veröffentlichung von Malitz mit deutscher Übersetzung und ausführlichem Kommentar rechtfertigt. Malitz bietet keinen Ersatz für Jacobys Textedition; ihm gebührt aber zweifellos das Verdienst, eine zweisprachige Ausgabe vorgelegt zu haben, die wissenschaftlichem Standard entspricht und zugleich sehr benutzerfreundlich ist.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Sonnabend, H., Geschichte der antiken Biographie. Von Isokrates bis zur Historia Augusta, Stuttgart 2002, S. 113-119; S. 121-123.
[2] Hohl, E., Das Angebot des Diadems an Cäsar, in: Klio 34 (1942), S. 100.
[3] Piccolos, N., Nicolas de Damas. Vie de César. Fragment récemment découvert et publié pour la première fois en 1849. Nouvelle édition, accompagnée d'une traduction française et suivie d'observations sur tous les fragments du même auteur, Paris 1850.
[4] Hall, C. M., Nicolaus of Damascus' Life of Augustus. A Historical Commentary embodying a Translation (Smith College Classical Studies 4), Northampton, Massachusetts 1923; Bellemore, J., Nicolaus of Damacsus. Life of Augustus, Edited with Introduction, Translation & Commentary, Bristol 1984; Schüler, M.; Staffhorst, U., Die Augustusvita "Bios Kaisaros" des Nikolaos von Damaskos, in: Jahresbericht des Bismarck-Gymnasiums Karlsruhe 1991-1992, S. 55-67; 1992-1993, S. 101-113; 1993-1994, S. 75-83.
[5] Scardigli, B., Vita di Augusto. Introduzione, traduzione italiana e commento storico. In collaborazione con Paola Delbianco, Firenze 1983.
[6] Zu der Darstellung des Antonius im Zusammenhang mit der Ermordung Caesars vgl. Kober, M., Die politischen Anfänge Octavians in der Darstellung des Velleius und dessen Verhältnis zur historiographischen Tradition. Ein philologischer Quellenvergleich: Nikolaus von Damaskus, Appianos von Alexandria, Velleius Paterculus (Epistemata 286), Würzburg 2000, S. 29-90.
[7] Zu diesem Abschnitt von Nikolaos' Augustus-Biographie vgl. Dobesch, G., Nikolaos von Damaskus und die Selbstbiographie des Augustus, in: Grazer Beiträge 7 (1978), S. 91-174, bes. S. 96-116.

Zitation
Monika Schuol: Rezension zu: Malitz, Jürgen (Hrsg.): Nikolaos von Damaskus. Leben des Kaisers Augustus. Darmstadt  2003 , in: H-Soz-Kult, 16.06.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2493>.
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16.06.2003
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