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Titel
Zwölftes Jahrhundert. 1125-1198


Autor(en)
Haverkamp, Alfred
Erschienen
Stuttgart 2003: Klett-Cotta
Umfang
268 S.
Preis
€ 36,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tobias Weller, Historisches Seminar, Universität Bonn

Vor 110 Jahren legte Bruno Gebhardt sein ‚Handbuch der deutschen Geschichte’ vor und wurde damit Namen gebend für den wohl verbreitetsten Klassiker unter den geschichtswissenschaftlichen Lehrbüchern. Die 1970 in vier Bänden unter der Herausgeberschaft von Herbert Grundmann erschienene 9. Auflage des „Gebhardt“ galt lange Zeit als die verbindliche Gesamtdarstellung zur deutschen Geschichte, gehörte zum Standardrepertoire eines jeden Proseminars und war Pflichtlektüre für Examenskandidaten. Seit 2001 erscheint nun die 10. Auflage des „Gebhardt“; nach dem Willen der Herausgeber soll das auf insgesamt 24 Bände konzipierte Gesamtwerk im Jahre 2005 abgeschlossen sein. Der Zeitspanne bis zum Ausgang des Mittelalters wird dabei offenbar ein größeres Gewicht beigemessen, als dies noch in der 9. Auflage der Fall war, denn ihr sind immerhin die ersten acht Bände gewidmet, die von dem Trierer Mediävisten Alfred Haverkamp als verantwortlichem Herausgeber betreut werden. Derselbe geht mit gutem Beispiel voran und hat nunmehr seine Synthese zur Geschichte des 12. Jahrhunderts als Band 5 der Gesamtreihe vorgelegt.

Der zeitliche Rahmen reicht von der Regierungszeit Lothars III. (1125-37) bis hin zu Heinrich VI. (1169/90-97), geht freilich in seinen strukturgeschichtlichen Überblickskapiteln zuweilen auch über diese Grenzen hinaus. Der Darstellung gehen zwei bibliografische Abschnitte voran. Das von Alfred Heit zusammengestellte Verzeichnis „Allgemeine Quellen und Literatur“ (Kap. I/1-15, S. XXIII-L) wird allen acht Frühzeit- und Mittelalter-Bänden des neuen „Gebhardt“ vorangestellt und umfasst in erster Linie bibliografische Hilfsmittel, Lexika, Nachschlagewerke, Handbücher und Quellensammlungen, die die Epoche des Mittelalters insgesamt betreffen. Selbstverständlich kann eine solche Bibliografie nur eine Auswahl bieten; prinzipiell wurde der jüngeren Literatur Vorrang eingeräumt, über die sich dann das ältere Schrifttum erschließen lässt. Hier und da vermisst man das ein oder andere Werk, doch sei zugegeben, dass bei einer solchen Auswahlbibliografie notwendigerweise sehr viel vom subjektiven Urteil des Erstellers abhängt, dem die undankbare Aufgabe zukommt, aus der überbordenden Fülle der in Frage kommenden Titel das Wesentlichste auszusuchen. Aus Gründen der Raumersparnis wurde bei der bibliografischen Aufnahme auf Unter- und Reihentitel verzichtet; überdies werden die einzelnen Beiträge innerhalb der Rubriken im Fließtext, nur durch Semikola voneinander getrennt, hintereinander aufgelistet, was die Übersichtlichkeit ein wenig beeinträchtigt. Auf diese allgemeine Bibliografie folgt ein zweiter, von Haverkamp selbst zusammengestellter Quellen- und Literaturapparat speziell zur Geschichte des 12. Jahrhunderts (Abschnitt VI/1-5, S. 1-11). Auch hier wurde bei der Auswahl der Titel sehr restriktiv verfahren, allerdings wurden die aufgeführten erzählenden Quellen ganz knapp kommentiert. Das eigentliche Literaturverzeichnis ist zwar denkbar schmal (S. 9-11), doch wird dies durch den Anmerkungsapparat im darstellenden Teil des „Gebhardt“ ausgeglichen, der einschlägige Literaturverweise bietet.

Im darstellenden Teil (S. 12-240) legt Haverkamp großen Wert auf strukturgeschichtliche Aspekte. Von den insgesamt 20 Kapiteln des Bandes sind lediglich neun der im engeren Sinne politischen Geschichte gewidmet; im übrigen reicht das von Haverkamp behandelte Panorama von der Siedlungs-, Agrar- und Wirtschaftsgeschichte über die Sozial- und Verfassungsgeschichte bis hin zur Religions- und Wissenschaftsgeschichte. Im Vergleich dazu war die 9. „Gebhardt“-Auflage (die entsprechenden Abschnitte stammen aus der Feder von Karl Jordan [1]) sehr viel stärker ereignisgeschichtlich angelegt. Das Programm, das Haverkamp sich vorgenommen hat, ist ehrgeizig und zwingt zu extremer Konzentration. Neben einem knappen Überblick über die Quellenlage und die Tendenzen der jüngeren Forschung (§ 1) skizziert er den Landesausbau in den deutschen Altsiedellanden, die im Verlauf des 12. Jahrhunderts deutlich intensivierte Ostsiedlung (§ 2) sowie die Entwicklungen auf den Gebieten Agrarwirtschaft, Handel, Gewerbe und Münze (§ 3). Das Aufkommen und die Verbreitung neuer monastischer Gemeinschaften (Zisterzienser, Prämonstratenser, Augustinerchorherren, Schottenklöster) wird ebenso umrissen wie die Entstehung laikaler religiöser Gemeinschaftsformen (Hospital- und Ritterorden, Bruderschaften, Beginen usw.), die Ausbreitung von Frauen- und Doppelkonventen, die mit der Ostsiedlung einhergehende Slavenmission sowie die von der neu aufkeimenden Mystik ausgehenden Impulse (Bernhard von Clairvaux, Hildegard von Bingen) und die Verstärkung der Seelsorge insgesamt (§§ 7-8). Ferner geht Haverkamp auf die Situation der Juden und ihre Beziehungen zum christlichen Umfeld ein (§ 15), zeichnet ein bei aller Kürze doch differenziertes Bild von den Organisationsformen ländlicher und städtischer Gemeinden (§ 16) und beleuchtet den Prozess der fortschreitenden gesellschaftlichen Differenzierung sowohl innerhalb des Adels und der Ministerialität als auch im Hinblick auf die stadtbürgerlichen und bäuerlichen Schichten (§ 17). Daneben finden auch das Geistesleben und die Entwicklungen im Bereich der Technik (z.B. Mühlentechnik, Architektur), des Kunsthandwerks und der Dichtung eine knappe Betrachtung (§§ 18-19). Hinzu kommt die Darstellung des politischen Geschehens während der Herrschaft Lothars III., Konrads III., Friedrich Barbarossas und Heinrichs VI., wobei auch auf die Veränderungen im Verfassungsgefüge der Reiches und die Ausgestaltung des Lehnswesens sowie anderer Instrumente der Königsherrschaft (z.B. Reichslandpolitik, Landfrieden) eingegangen wird (§§ 4-6, 9-14). Mit einer resümierenden Schlussbetrachtung endet das Buch (§ 20). Es folgen ein detailliertes Orts- und Sachregister sowie ein Personenregister, die den Text erschließen helfen (S. 243-268).

Mit dem „Zwölften Jahrhundert“ erweist sich Haverkamp einmal mehr als souveräner Kenner der Materie, der sich auf vertrautem Terrain bewegt, was er bereits 1984 mit seiner in der Reihe „Neue Deutsche Geschichte“ erschienenen Gesamtdarstellung zum Hochmittelalter unter Beweis gestellt hat.[2] Dabei ist der neue „Gebhardt“-Band keineswegs ein Neuaufguss dessen: Allenthalben findet sich die neueste Literatur eingearbeitet – und was allein in den letzten anderthalb Jahrzehnten hinzugekommen ist, ist wahrlich nicht wenig.

Es liegt in der Natur der Sache, dass bei einem Handbuch sehr komplexe Sachverhalte auf sehr engem Raum „eingedampft“ werden müssen. Hier die rechte Balance zu halten, viele Informationen zu bieten, ohne den Text zu überfrachten, ist ein anspruchsvolles und diffiziles Unterfangen. Bei dem weiten Panorama, das Haverkamp ausbreitet, ist es unumgänglich, dass die Fülle von Namen, Zeitläuften, Umständen und Gegebenheiten in wenigen Sätzen zusammengezogen werden. Das verlangt dem Leser ein hohes Maß an Konzentration ab. Die straffe, sehr dichte Darstellung richtet sich in ihrem komprimierten Informationsgehalt eher an einen Personenkreis, der sich in der Epoche schon ein wenig auskennt, als an Studenten, die nach einer ersten Orientierung suchen. Gewisse Vorkenntnisse werden vorausgesetzt: So fallen eine Reihe von Begriffen aus dem Gebiet der Grund- und Leibherrschaft ohne erläuternde Erklärung (z.B. S. 44: Villikationsverfassung, Rentengrundherrschaft; 200: Hufenbauern, Salland, Todfallabgabe). Dass es sich bei den „grauen Mönchen“ um Zisterzienser handelt (S. 105), muss der Leser zum Verständnis des Textes ebenso wissen wie die Tatsache, dass Philipp von Flandern mit Philipp von Elsass identisch ist (S. 150). Für denjenigen, dem das 12. Jahrhundert nicht mehr völliges Neuland ist, ist der neue „Gebhardt“-Band freilich eine sehr gewinnbringende Lektüre, die nicht nur die wesentlichen Linien der Entwicklung zusammenfasst, sondern auch vielfältige Anregungen bietet.

Überdies verdient erwähnt zu werden, dass der Band sorgfältig lektoriert wurde, was heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr darstellt. Die Zahl der bei der Lektüre aufgefallenen Druckfehler ist verschwindend gering; allenfalls ließen sich auf S. 183ff. im Anmerkungsapparat einige fehlerhafte Querverweise beanstanden. Ein Wort sollte noch zum Preis des Bandes gesagt werden. Die 9. Auflage des „Gebhardt“ wurde bereits wenige Jahre nach ihrem Erscheinen als 22-bändige Taschenbuchausgabe herausgebracht, deren Einzelbände auch für studentische Geldbörsen erschwinglich waren [3]. Dagegen ist die 10. Auflage sehr schmuck aufgemacht (fester Einband, Fadenheftung), was sich auch im Preis niederschlägt, der die meisten Studenten vom Kauf abhalten dürfte. So bleibt zu hoffen, dass der Verlag dem Beispiel der 9. Auflage folgt und eine kostengünstigere Ausgabe auf den Markt bringt, wenn der neue „Gebhardt“ erst einmal abgeschlossen sein wird.

Anmerkungen:
[1] Vgl. die §§ 103-127 in: Grundmann, Herbert, Gebhardt – Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 1, 9. neu bearb. Aufl., Stuttgart 1970, S. 367-425.
[2] Haverkamp, Alfred, Aufbruch und Gestaltung. Deutschland 1056 – 1273 (Neue Deutsche Geschichte 2), München 1984.
[3] In dieser Form wurde die 9. „Gebhardt“-Auflage letztmals 1999 vom Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) auf den Markt gebracht.

Zitation
Tobias Weller: Rezension zu: : Zwölftes Jahrhundert. 1125-1198. Stuttgart  2003 , in: H-Soz-Kult, 20.06.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2497>.
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20.06.2003
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