K. Struve: Der Sommer 1941 in der Westukraine

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Titel
Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt. Der Sommer 1941 in der Westukraine


Autor(en)
Struve, Kai
Erschienen
Berlin 2015: Oldenbourg Verlag
Umfang
XV, 739 S.
Preis
€ 69,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Grzegorz Rossolinski-Liebe, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Kurz nach und teilweise schon vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 kam es zu antijüdischen Pogromen in einem Landstreifen, der sich zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer erstreckt und Teile des heutigen Lettlands, Litauens, Polens, der Ukraine, Rumäniens und Moldawiens umfasst. Der Verlauf der antijüdischen Gewalt in den einzelnen Regionen wurde seitdem in mehreren Publikationen unterschiedlich detailliert untersucht. Einige Studien, wie Jan Tomasz Gross' „Nachbarn“ von 2001 haben Debatten ausgelöst, andere wie Simon Geissbühlers „Blutiger Juli“[1] haben sich auch mit der Erinnerung an die Täter auseinandergesetzt. Kai Struves umfangreiche und gründlich recherchierte Studie über die Pogrome in der Westukraine basiert auf der neuen Forschung über die Haupttätergruppen im Lemberger Pogrom und bringt durch eine umfangreiche Heranziehung von Dokumenten weitere unbekannte Bestandteile des Themas ans Licht. Gleichzeitig beinhaltet sie jedoch einige problematische Aspekte, die auf die in der deutschen Ukraineforschung leider verbreitete Nichtbeachtung der Faschismusforschung sowie einen nicht immer korrekten und kritischen Umgang mit der Geschichte der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und vor allem mit den von Veteranen dieser Bewegung hinterlassenen Dokumenten, zurückzuführen sind.

Zu den ersten antijüdischen Ausschreitungen seitens deutscher Truppen, ukrainischer Nationalisten und Teilen der lokalen Bevölkerung in der Westukraine kam es bereits im September 1939, als sich deutsche Truppen in Teilen dieser Gebiete einige Tage lang aufhielten. Bereits zu dieser Zeit überlegte die OUN, eine nationale Revolution durchzuführen und einen ukrainischen Staat auszurufen. Da diese Territorien jedoch nach wenigen Wochen aufgrund des Ribbentrop-Molotow-Paktes von sowjetischen Truppen besetzt wurden, wurden auch die ersten gegen Juden und Polen gerichteten Gewaltakte ukrainischer Nationalisten unterbunden und ihre Pläne bezüglich der Errichtung eines Nationalstaates verschoben (S. 91–119). Zwischen Ende September 1939 und dem 22. Juni 1941 arbeitete die OUN, die sich zu dieser Zeit in die OUN-B (Stepan Bandera) und die OUN-M (Andrii Melnyk) spaltete, mit den Deutschen, vor allem der Wehrmacht und der Abwehr zusammen, was sich unter anderem in der Aufstellung zwei deutscher Bataillone – „Nachtigall“ und „Roland“ – mit ukrainischen Soldaten äußerte. Zu dieser Zeit wurden die in die Sowjetunion eingegliederten westukrainischen Territorien sowjetisiert, infolgedessen bestimmte ökonomische und nationale Gruppen wie Ukrainer und Juden, welche in der Zweiten Polnischen Republik oft als Bürger zweiter Klasse behandelt worden waren, dem Rest der Bevölkerung rechtlich gleich gestellt wurden. Diese Vorgänge, wie auch die Ermordung von einigen tausend politischen Häftlingen durch den NKWD nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, waren für die darauffolgenden Pogrome von Bedeutung. Sie ermöglichten den deutschen Besatzern und ukrainischen Nationalisten mit Hilfe des Stereotyps des Judäo-Bolschewismus und des allgemeinen Antisemitismus die lokale Bevölkerung in die Pogrome aktiv einzubeziehen.

Im Hauptteil des Buches untersucht Struve die antijüdischen Massaker in Lemberg, wo das größte Pogrom in der Westukraine stattfand, und an mehreren anderen Orten, die entweder von deutschen oder ungarischen Truppen besetzt waren. Darüber hinaus beschreibt er auch die Proklamation der Eigenstaatlichkeit in Lemberg am 30. Juni 1941 durch Banderas Vertreter Yaroslav Stets`ko und analysiert die durch die Waffen-SS Division „Wiking“ begangenen Verbrechen. Anders als in den früheren Publikationen deutscher Osteuropahistoriker und Nationalsozialismusforscher konzentriert er sich nicht nur auf die Verbrechen der Nationalsozialisten, sondern untersucht die Gewalt transnational, so wie es unter anderem Omer Bartov, John-Paul Himka und der Autor dieser Rezension für Ostgalizien bereits gemacht haben.[2] Durch den Gebrauch der Dokumente, welche von deutschen und ukrainischen Tätern sowie Opfern und Überlebenden hinterlassen wurden, rekonstruiert er viele wichtige Aspekte der antijüdischen Massengewalt vom Sommer 1941, die bis jetzt nicht ans Licht gebracht wurden oder nicht so detailliert behandelt wurden. Die Vielzahl der herangezogenen Dokumente und ihre ausführliche und überwiegend überzeugende Besprechung sind auch der stärkste Punkt der vorliegenden Studie.

Leider ist Struves Buch nicht frei von kleineren Fehlern, problematischen Unvollständigkeiten und einem nicht durchgehend kritischen Umgang mit Quellen. Es finden sich in der Studie mehrere Detailfehler, die sich sowohl auf die ukrainische als auch die deutsche Geschichte beziehen, und davon zeugen, dass nicht alle Aspekte der Studie gründlich recherchiert wurden. So wird der Leser zum Beispiel informiert, dass Bandera am 15. Oktober 1959 in seiner „Wohnung in München tot aufgefunden wurde“; in Wahrheit wurde er im Treppenhaus auf dem Weg zu seiner Wohnung ermordet (S. 26); oder dass Bandera kurz nach dem Attentat auf den polnischen Innenminister Bronisław Pieracki verhaftet wurde; in Wahrheit wurde er einen Tag zuvor im Zug einer Massenverhaftung von OUN-Mitgliedern durch die polnische Polizei in Lemberg festgenommen (S. 78).[3] Ähnlich wird falsch angegeben, dass Hitler am 18. Dezember 1941, die „Weisung Nr. 21“ für den Fall Barbarossa gab (S. 120) – richtig wäre der 18. Dezember 1940; oder dass Erwin Schulz der Führer der „Einsatzgruppe 5“ war, während er tatsächlich dem „Einsatzkommando 5“, welches Teil der „Einsatzgruppe C“ war, vorstand (S. 129).

Auch lässt Struves Umgang mit Quellen einiges zu wünschen übrig. An mehreren Stellen des Buches gibt er seitenlang Informationen aus Quellen wider, ohne den Inhalt genügend zu analysieren und zu kommentieren. Einen Großteil der Informationen, die die Tätigkeiten der OUN in den Jahren 1940–1941 betreffen, zitiert er nicht aus Originaldokumenten, die in den ukrainischen Archiven zugänglich sind, sondern aus Dokumenteneditionen, die eine bestimmte Vorauswahl und Kürzungen getroffen haben (S. 20, S. 182ff). An mehreren Stellen werden Informationen aus der Erinnerungsliteratur der OUN-Veteranen unkritisch übernommen, obwohl diese Gruppe wegen ihrer Beteiligung am Holocaust und anderen Massakern wichtige Informationen verschwiegen hat. Das ist unter anderem der Fall mit Mykola Sydor-Chartoryis’kyis Erinnerungen und Yaroslav Stets’kos „30. Juli 1941“ (S. 403, 441), das 1967 sogar mit einem Vorwort des Chefideologen der Bandera-Generation, Dmytro Dontsov, herausgegeben wurde.[4] Die von Struve angegebenen Opferzahlen werden zwar mit großer Sorgfalt errechnet, sie sollten jedoch mit noch größerer Vorsichtig betrachtet werden, weil die von ihm vorgenommene Trennung zwischen den Opfern der deutschen Besatzer und ukrainischer Nationalisten aufgrund der engen Zusammenarbeit der beiden Tätergruppen kaum eindeutig zu treffen ist und auch deshalb, weil die Dokumente und die dokumentierten Ereignisse nur einen Ausschnitt der damaligen Wirklichkeit festhalten (S. 668–671). Struve steht Volodymyr Viatrovychs Publikationen kritisch gegenüber, der die OUN und UPA (Ukrainische Aufständische Armee) rehabilitiert, gegenüber Historikern der „Mitte“, die seit Jahren eine wissenschaftliche Geschichtsbetrachtung mit problematischen Auslassungen und Darstellungen verbinden – wie etwa Yaroslav Hrytsak, mit dem Struve in der deutsch-ukrainischen Historikerkommission wirkt – unterbleibt dagegen eine solche Kritik. Polemiken erscheinen nicht im Haupttext, sind jedoch in Fußnoten enthalten (zum Beispiel S. 5, 22, 382).

Abgesehen von diesen problematischen Aspekten beinhaltet das Werk ein grundlegendes Problem: die Nichtbeachtung der Faschismusforschung bzw. sogar ihre Instrumentalisierung mit Hilfe der sowjetischen Diskurse und neuerer politischer Begriffe wie der „faschistische Putsch“, der Ende Februar 2014 in Kiew stattgefunden haben soll. Die Auslassung der Faschismusproblematik erlaubt Struve zwar ein terminologisches „Minenfeld“ zu umgehen, wie es ein anderer deutscher Osteuropahistoriker formulierte (der es auch nicht untersuchte), aber sie schadet der Aufarbeitung der ukrainischen, deutschen, europäischen und transnationalen Geschichte. Die Nichtbeachtung der Faschismuskonzepte von Wissenschaftlern wie George Mosse, Robert Paxton, Michael Mann, Roger Griffin, Sven Reichardt, Arnd Bauerkämper oder Stanley G. Payne erschwert es bzw. macht es eigentlich unmöglich, bestimmte Kontexte sowie Sach- und Sinnzusammenhänge zu verstehen. Deshalb gelingt es Struve auch nur teilweise, die von Deutschen und der OUN praktizierende Massengewalt und ihre Zusammenarbeit sowie die Konflikte zwischen den beiden Gruppen zu erklären. Wichtige Informationen über faschistische Handlungen der OUN im Sommer 1941 werden teilweise gar nicht erwähnt, teilweise werden sie nur in knappen Nebensätzen in den Fußnoten angeführt (beispielsweise S. 381).

Ungeachtet dieser kritischen Einwände muss aber hervorgehoben werden, dass es sich hier um eine wichtige, instruktive und lesenswerte Studie handelt, die jedoch bei einem mit der Thematik vertrauten Historiker gemischte Gefühle hinterlässt. Auf der einen Seite sammelt Struve eine Vielzahl von Dokumenten über die Pogrome im Sommer 1941 in der Westukraine und legt die bislang vollständigste Publikation zu diesem Thema vor. Auf der anderen analysiert er bestimmte Quellenarten unkritisch und ignoriert die Faschismusforschung, wodurch er bestimmte Ereignisse nicht erklären und bestimmte Sinnzusammenhänge nicht erschließen kann.

Anmerkungen:
[1] Jan T. Gross, Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne, München 2001; Simon Geissbühler, Blutiger Juli. Rumäniens Vernichtungskrieg und der vergessene Massenmord an den Juden 1941, Paderborn 2013.
[2] John-Paul Himka, The Lviv Pogrom of 1941. The Germans, Ukrainian Nationalists, and the Carnival Crowd, in: Canadian Slavonic Papers 53 (2011) 2–4, S. 209–243; Omer Bartov, Wartime Lies and Other Testimonies. Jewish-Christian Relations in Buczacz, 1939–1944, in: East European Politics and Societies 26 (2011) 3, S. 486–511; Grzegorz Rossoliński-Liebe, Der Verlauf und die Täter des Lemberger Pogroms vom Sommer 1941. Zum aktuellen Stand der Forschung, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 22 (2013), S. 207–243.
[3] Siehe dazu Grzegorz Rossoliński-Liebe, Stepan Bandera: The Life and Afterlife of a Ukrainian Nationalist. Fascism, Genocide, and Cult, Stuttgart 2014, S. 119, S. 348.
[4] Für die Erinnerungsliteratur ukrainischer Nationalisten als Dokumente, siehe Grzegorz Rossoliński-Liebe, Remembering and Forgetting the Past. Jewish and Ukrainian Memories of the Holocaust in Western Ukraine, in: Yad Vashem Studies 43 (2015) 2, S. 41–44.

Kommentare

14.11.2016
Replik von K. Struve auf die Rezension von G. Rossolinski-Liebe über "Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt. Der Sommer 1941 in der Westukraine"
Von Kai Struve
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14.11.2016
Replik von G. Rossolinski-Liebe auf die Reaktion von K. Struve zur Rezension von "Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt. Der Sommer 1941 in der Westukraine"
Von Grzegorz Rossolinski-Liebe
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Zitation
Grzegorz Rossolinski-Liebe: Rezension zu: : Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt. Der Sommer 1941 in der Westukraine. Berlin  2015 , in: H-Soz-Kult, 05.09.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24974>.
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Veröffentlicht am
05.09.2016
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