C. Kutschbach u.a. (Hrsg.): Von Kopf bis Fuß

Cover
Titel
Von Kopf bis Fuß. Bausteine zu einer Kulturgeschichte der Kleidung


Hrsg. v.
Kutschbach, Christine; Schmieder, Falko
Erschienen
Berlin 2015: Kulturverlag Kadmos
Umfang
335 S., 77 Abb.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Gottfried, LVR-Industriemuseum Ratingen

Um es gleich vorweg zu sagen: Dieses Buch liest sich spannend, überraschend, unterhaltsam. Hat man einen Essay beendet, ist man neugierig, aus welcher Perspektive sich der nächste Beitrag dem Thema Kleidung nähern wird und welches Kleidungsstück ausgewählt wurde. In den meisten Texten erschließen sich die Zugänge unmittelbar, und damit sind sie auch für ein breites Publikum interessant.[1]

In 50 kurzen, nur drei- bis fünfseitigen Essays von 50 verschiedenen Autorinnen und Autoren wird ein Kaleidoskop an Geschichten zu einzelnen Aspekten der Kleidung aufgeblättert. Immer sind es einzelne Kleidungsstücke, die im Fokus stehen – wie der Hut, der Strumpf, der Norwegerpullover oder das kleine Schwarze. Auch Aspekten des Beiwerks wie Rüschen, Spitzen und Schleifen oder solchen der Materialität wie Leder oder Pelz sind eigene Beiträge gewidmet. Alltags- wie Festkleidung aus verschiedensten Kontexten (Religion, Politik, Kultur) werden ebenso zum Thema gemacht wie ganz besondere Einzelstücke, zum Beispiel Gagarins Raumanzug. Doch es geht nicht allein um reale Kleidungsstücke, sondern auch um fiktive wie etwa die Siebenmeilenstiefel – die aber, so viel sei hier verraten, ganz reale Vorläufer hatten. Für alle Objekte bildet Europa die geografische Bezugsgröße.

Ebenso breit gefächert wie die Themenwahl sind die analytischen und methodischen Ansätze der Autorinnen und Autoren. Ganz im Sinne der neueren Kulturwissenschaft stehen literaturwissenschaftliche Zugänge neben religionswissenschaftlichen, ethnologischen, philosophischen, kultur- und kunsthistorischen. Mal sind literarische Quellen der Ausgangspunkt, mal ist es das Kleidungsstück selbst, mal der kulturelle Ort, das Ritual, eine religiöse Praxis oder die politisch-symbolische Aufladung eines Stückes.

Was auf den ersten Blick beliebig erscheinen mag, folgt dennoch einer eigenen Ordnung. So sind die Beiträge, wie es in der Einleitung heißt, „nach einer Art Korrespondenzprinzip montiert, so dass sich die aufeinanderfolgenden Beiträge wechselseitig erhellen, kommentieren oder auch herausfordern“ (S. 17). Ein Text zu Trickkleidern beim Eurovision Song Contest steht etwa neben einem zur Geschichte des Tutus, einer zum Strumpf bei Walter Benjamin neben einem zum Blaustrumpf, einer zum Mantel des Propheten neben einem zum Mantel des Schweigens.

Ziel des Bandes ist es, das Thema Bekleidung und Bedeckung des Körpers als kulturelle Praxis aus verschiedensten Perspektiven zu betrachten. Nach Aussage der Herausgeber geht es darum, Materialien und Interpretationsangebote zur Verfügung zu stellen, „die geeignet sind, die Breite des Feldes, den Beziehungsreichtum und die Komplexität des Themas zu verdeutlichen und so zu einem neuen Bewusstsein der Vielfältigkeit von Problembezügen und Dimensionen beizutragen, die in Formeln wie ‚Theorie der Mode‘ oder ‚Theorie der Kleidung‘ unterzugehen beziehungsweise vorschnell abgeschnitten oder vereindeutigt zu werden drohen. Als Bausteine mögen sie brauchbar sein, neue theoretische Anläufe zur Erschließung des Zusammenhangs von Kleiderordnungen und übergreifenden kulturellen und sozialen Entwicklungen zu inspirieren.“ (S. 17) Dabei beabsichtigen die Herausgeber eine „Entgrenzung des Fragehorizontes“ und einen interdisziplinären Zugang zur Erschließung insbesondere solcher Untersuchungsgegenstände, „die quer zu den etablierten Disziplinen stehen und sich einzelwissenschaftlich nicht dingfest machen lassen. Kulturwissenschaft ist in dieser Perspektive Übertragungsforschung, Schwellen- und Transferkunde, eine Arbeit an Übergängen, Bruchstellen, Verwerfungen […].“ (S. 16)

Damit schließt der Band unmittelbar an größere Forschungsvorhaben und ein zentrales Ziel des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) an, aus dessen Mitarbeiterkreis und zu Ehren der ehemaligen Direktorin Sigrid Weigel der Band verfasst worden ist. Das Berliner ZfL versteht sich als ein Forschungsinstitut, das sich der Theorie und Geschichte von Literatur und Wissenskulturen in Europa widmet.[2] Dabei soll die Kulturgeschichte Europas nicht einem spezifischen theoretischen oder methodischen Paradigma folgen („Dekonstruktion, Mediengeschichte, Postkolonialismus“ etc.), sondern nach einem im ZfL entwickelten neuen Modell erklärt werden. „Es handelt sich um das der so genannten ‚Ordnungen‘, anhand derer sich kulturelle Formen in ihrer Materialität ausprägen und entsprechend ihrer Symbolhaftigkeit zusammengefügt werden.“[3] Neben Textordnungen, Bildordnungen, Affektordnungen und Grundordnungen wurden auch Kleiderordnungen „als methodisches Instrumentarium für die kulturwissenschaftliche Forschung“ profiliert.[4] Im Kontext des Auslotens und der Etablierung dieser Ordnungsmodelle ist das vorliegende Buch über die Kulturgeschichte der Kleidung zu sehen.

Der Band löst sein Versprechen ein, „Bausteine“ zu liefern, die eine weitere Beschäftigung mit dem Thema anregen sollen. Er liest sich inspirierend sowohl für Kuratoren kulturwissenschaftlicher Ausstellungen als auch für Forscher unterschiedlicher Disziplinen. Selbst da, wo interdisziplinäres Arbeiten seit längerem praktiziert wird – beispielsweise in den Textilwissenschaften, die durch das Thema besonders angesprochen werden –, kann der offene Zugang, der Ansatz über das Ordnungsmodell zum wichtigen Impulsgeber für neue Perspektiven werden.[5]

Um Mode, Bekleidung und Kleidungsverhalten, die kulturelle Praxis der Bekleidung aus historischer Perspektive zu begreifen und zu erforschen, fehlen hier nach meinem Eindruck aber weitere wichtige Zugänge. So sind zum Beispiel Konsummuster der Bekleidung eng an die Produktions- und Distributionsmöglichkeiten gekoppelt, denen man nur mit Hilfe technik- und wirtschaftshistorischer Untersuchungen auf die Spur kommen kann. Es bleibt unabdingbar, die ökonomische Situation einer Gesellschaft und der Konsumenten als Grundvoraussetzung für Teilhabe an Mode mit zu betrachten. Nehmen wir etwa den Text über das „kleine Schwarze“, der – wie so oft in der Literatur – Emanzipation und neue Mode in eins setzt. Die „Neue Frau“ gilt als Produkt des Ersten Weltkrieges. „Viele Frauen weigerten sich nach dem Krieg, ihre gerade gewonnenen Rollen außerhalb des häuslichen Milieus wieder aufzugeben und an den Herd zurückzukehren – zur Arbeit gesellte sich nun allerdings das Vergnügen [Ausgehen und Tanzen, C.G.].“ (S. 106) Aus der historischen Forschung, gerade auch aus der Konsumforschung ist schon seit längerem bekannt, dass diese Vorstellung von Emanzipation eher ein mediales Konstrukt denn historische Wirklichkeit gewesen ist – oder vielmehr auf die urbanen Zentren und dort wiederum auf eine kleine Gruppe begrenzt. Modernität und Moderne werden fälschlicherweise gleichgesetzt. Ein modernes Kleid verhüllt nicht unbedingt eine moderne Frau.[6] So wird durch die Ausblendung der sozialen und ökonomischen Grundlagen und Bedingungen ein Mythos von der modernen Frau fortgeschrieben. Hier wäre es wünschenswert, wenn die Disziplinenoffenheit sich stärker in die Geschichtswissenschaft erstrecken würde.

Allerdings müssen zunächst weitere Forschungen zeigen, inwieweit das Modell der Ordnungen tatsächlich trägt und ob „jenseits aller spannenden Fakten rund ums Bekleiden […] durch das Zusammenspiel der Texte ein Bedeutungsgewebe [entsteht], das die Welt der Mode überschreitet und in dem die Ordnungen der Kleider untrennbar mit Bild- und Affektordnungen verknüpft sind“ (Klappentext). Das erschließt sich nach der Lektüre des ansonsten sehr gewinnbringenden Buches noch nicht.

Anmerkungen:
[1] So lautet der Anspruch der Herausgeber in Bezug auf ihre Zielgruppe; vgl. Von Kopf bis Fuß. Radiogespräch mit Christine Kutschbach, in: RBB Kulturradio am Vormittag, 11.08.2015, 9.10 Uhr.
[2] Vgl. die knappe Selbstdarstellung unter <http://www.zfl-berlin.org/das-zfl.html> (23.03.2016).
[3] Martin Treml, Einleitung. Europa in kulturellen Ordnungen. Überlegungen zu einem methodischen Instrumentarium, in: Zaal Andronikashvili u.a. (Hrsg.), Die Ordnung pluraler Kulturen. Figurationen europäischer Kulturgeschichte, vom Osten her gesehen, Berlin 2013, S. 9–32, hier S. 23.
[4] Ebd., S. 25, und dann genauer zu den Kleiderordnungen die Beiträge im dritten Kapitel, S. 189–268.
[5] Vgl. z.B. Gabriele Mentges, Die Angst der Forscher vor der Mode oder das Dilemma einer Modeforschung im deutschsprachigen Raum, in: Gudrun König / Gabriele Mentges / Michael R. Müller (Hrsg.), Die Wissenschaften der Mode, Bielefeld 2015, S. 27–48.
[6] Vgl. Birthe Kundrus, Geschlechterkriege. Der Erste Weltkrieg und die Deutung der Geschlechterverhältnisse in der Weimarer Republik, in: Karen Hagemann / Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.), Heimat – Front. Militär und Geschlechterverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege, Frankfurt am Main 2002, S. 171–187; LVR-Industriemuseum Ratingen (Hrsg.), Die Macht der Mode. Zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik. Begleitband zur Sonderausstellung, Bönen 2015; vgl. auch die konsumgeschichtliche Forschung, z.B.: Claudius Torp, Das Janusgesicht der Weimarer Konsumpolitik, in: Heinz-Gerhard Haupt / Claudius Torp (Hrsg.), Die Konsumgesellschaft in Deutschland 1890–1990, Frankfurt am Main 2009, S. 250–267.

Zitation
Claudia Gottfried: Rezension zu: Kutschbach, Christine; Schmieder, Falko (Hrsg.): Von Kopf bis Fuß. Bausteine zu einer Kulturgeschichte der Kleidung. Berlin  2015 , in: H-Soz-Kult, 19.04.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24998>.
Redaktion
Veröffentlicht am
19.04.2016
Redaktionell betreut durch