T. Blanning: Frederick the Great

Cover
Titel
Frederick the Great. King of Prussia


Autor(en)
Blanning, Tim
Erschienen
London 2015: Allen Lane
Umfang
672 S.
Preis
€ 44,11
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Burgdorf, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Tim Blannings Biographie Friedrichs des Großen ist brillant geschrieben, vielschichtig und bietet überzeugende neue Interpretationen. Dies betrifft insbesondere die Sexualität des Königs. Tim Blanning – Fellow am Sidney Sussex College und Professor für Modern European History an der University of Cambridge – demonstriert schlüssig, wie es zu dem jahrhundertealten Missverständnis kommen konnte, Friedrich sei heterosexuell oder vielleicht bisexuell gewesen. Friedrich berichtete nämlich seit seiner Heirat mit Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern 1732 in Briefen, von denen er wusste, dass sie auf dem Weg zu ihren Adressaten von seinem Vater kontrolliert werden würden, ausführlich von seinem angeblichen Bemühen um einen Erben. In gleichzeitigen Briefen an enge Vertraute wie seine ältere Schwester Wilhelmine hingegen wird seine Frau mit keinem Wort erwähnt, sehr wohl aber sein inniges Verhältnis zu Männern. Andere Berichte über das intime Eheleben gehen auf Personen zurück, die ein Liebesverhältnis mit Friedrich unterhielten, wie Graf Friedrich von Wartensleben (S. 56f.). Friedrich und seine intimen Freunde schufen so selbst die Anknüpfungspunkte für Generationen von national-konservativen Historikern, für die Friedrich der Große – der deutsche, der protestantische Held – auf keinen Fall homosexuell sein konnte. Umgekehrt beruhen die oft kolportierten Berichte über Friedrichs heterosexuelle Erlebnisse während seiner Reise zum sächsischen Hof 1728 in den Memoiren seiner Schwester Wilhelmine auf Hörensagen, sind lange nach der Reise niedergeschrieben worden und mit vielen Fehlern behaftet (S. 35).

Der Cambridger Preußenexperte bezeichnet die Atmosphäre, welche Friedrich in seiner Umgebung schuf, als „camp“ (S. 447). Der Begriff Camp stand um 1900 in der anglophonen Welt für „pleasantly ostentatious“ (vergnüglich auffällig) und wandelte sich später zur Bezeichnung für Homosexuelle bzw. für die schwule Subkultur. Susan Sontag beschrieb die spezifische Kultur von Homosexuellen als Vorreiter der Camp-Ästhetik, die häufig zum Vortrupp der allgemeinen kulturellen Avantgarde wird. Man könnte bei Friedrich aber auch von der Etablierung einer alternativen „hegemonialen Männlichkeit“ sprechen. Hegemoniale Männlichkeit ist ein Begriff, der von der australischen Soziologin Raewyn Connell geprägt wurde. Er stammt aus der Geschlechterforschung und beschreibt „eine gesellschaftliche Praxis […], die die dominante soziale Position von Männern und eine untergeordnete Position von Nicht-Männern garantieren soll. Mit dem Konzept soll erklärt werden, wie und warum Männer ihre soziale Dominanz gegenüber Frauen und anderen Geschlechtsidentitäten (beispielsweise Transsexuellen), aber auch gegenüber als ‚schwächerʻ wahrgenommenen Männern (beispielsweise Homosexuellen) erreichen und aufrechterhalten.“[1]

Im Self-fashioning Friedrichs des Großen, in seiner Imagepolitik wurde das Verhältnis hegemonialer Männlichkeit umgedreht. Eine alternative hegemoniale Männlichkeit – Männer, die Männer liebten – dominierte. Dies zeigt die Ausgestaltung des Parks von Sanssouci, die Aufstellung des betenden Knaben, der Freundschaftstempel wie die Ausstattung und Ausmalung seiner Schlösser, die Auswahl seiner Gefährten. Während des Siebenjährigen Krieges wurde die preußische Armee überwiegend von Männern geführt, die Männer liebten: Friedrich, Prinz Heinrich und Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel. Wie in allen Zeiten wurden auch im friderizianischen Preußen Homophile besonders von Institutionen angezogen, in denen Männer unter sich waren. Da es keine Klöster und keine nennenswerte Marine gab, bestraf dies besonders die Armee. Die friderizianische Armee wurde nicht erst ab 1740 zu einem bevorzugten Reservoir für Friedrich, um Liebhaber zu rekrutieren. Für einen Hof untypisch, schuf Friedrich um sich herum eine homosoziale Sphäre. Selbst Friedrichs Windhunde waren misogyn und begannen zu bellen, wann immer sich eine Frau näherte (S. 134). Diese alternative Männlichkeitsvorstellung und ihre Hegemonie im Herrschaftssystem waren nicht zuletzt ein genuin politisches Programm: auch Männer, die Männer lieben, können die Welt regieren.

Gegen die Charakterisierung dieser homosozialen Sphäre als Camp könnte sprechen, dass – wie Blanning zeigt – Friedrichs Bildung und Geschmack in vielen Bereichen zurückgeblieben waren. Sein Musikgeschmack blieb der Zeit seiner Jugend verhaftet, sein Literaturgeschmack orientierte sich an der französischen Klassik zur Zeit Ludwigs XIV., die schon bei seiner Geburt vorüber war. Auch seine architektonischen Vorlieben waren anachronistisch. Das Neue Palais in Potsdam ist das letzte Barockschloss Europas, gebaut eine Generation nach dem Ende des Barock. Mit Ausnahme der Erweiterungen von Charlottenburg und Sanssouci waren fast alle seine Neubauten Kopien bzw. Adaptionen von bereits vorhandenen Bauten. Auch seine Fiskalpolitik blieb hinter den zeitgenössischen Theorien zurück. Er war kulturell nicht auf der Höhe seiner Zeit. Am meisten Camp war, dass er zumindest in Sanssouci für sich und seine unmittelbare Umgebung eine frauenfreie Zone schuf. Seine Frau hat ihn niemals in Potsdam besucht, wie er sie auch niemals in ihrem Verbannungsort, dem im Kontext der Berlin-Potsdamer Schlösserlandschaft wenig attraktiven Schönhausen.

Aber die Biographie Blannings bietet weit mehr als sexuelle Aufklärung über Friedrich den Großen. Das Buch deckt nach einer Einführung in die Geschichte Brandenburg-Preußens und der Familie der Hohenzollern fast alle Aspekte des Lebens Friedrichs ab: von der Erziehung, Lektüren, dem Pietismus, dem Brechen seiner Persönlichkeit durch den Vater, der Rettung vor der Hinrichtung durch Eingreifen des kaiserlichen Hofes über seine Neuerfindung nach der Haftentlassung, Rheinsberg, die „Ehe“, seine Gefährten, besonders Fredersdorf und Algarotti, Kriegsereignisse, das europäische Staatensystem und das Alte Reich, seine Gier nach persönlichen Ruhm, Musik, Opern- und Literaturgeschichte bis zum großen, erst nach seinem Tod vollendeten Projekt der Justizreform sowie seine Selbst- und Fremdinszenierung und vieles mehr. Die Auswahl der Opern ist am ehestens aufgeklärt. Eine Vielzahl der in dem – in seinen Auftrag erbauten – ersten eigenständigen Theatergebäude Europas, dem Opernhaus unter den Linden, gegebenen Opern propagierte das Ideal aufgeklärter Herrschaft.

Flöte spielen hatte für ihn eine ähnliche Bedeutung wie für Ludwig XIV. das Ballett. Er inszenierte sich so nicht nur als kunstkennender, sondern als kunstbeherrschender Souverän. In seiner Tafelrunde, dem Gegenstück zum grobschlächtigen Tabakskollegium seines Vaters, in der Akademie und in seinen Schriften präsentierte er sich zudem als roi-philosophe et poète sowie Mitglied der Republik der Gelehrten. Von besonderer Wichtigkeit, das zeigen seine Schriften, war ihm seine Darstellung als roi connétable, obwohl er wusste, dass sein Bruder Heinrich der bessere Feldherr war. Blanning lässt die versunkene Welt des Rokoko wiederauferstehen, schön und grausam, in Schlössern, Konzerten, Gemälden und Literatur, in Krieg, Elend, Hunger und Tod. Der Gelehrte, der mit vielfältigen Studien zur Geschichte Deutschlands, insbesondere Preußens, aber auch zur Musik jener Epoche hervorgetreten ist, durchdringt die Welt Friedrichs wahrlich enzyklopädisch. „Die Verbannung seiner Frau, die Ausstattung Fredersdorfs mit einem Landgut und die Nobilitierung Algarottis zum Grafen waren Bestandteil seiner Unabhängigkeitserklärung“ (S. 71), die durch den Tod des Vaters ermöglicht wurde. Die nachträgliche Rechtfertigung seiner Okkupation Schlesiens durch seinen Außenminister kommentierte er: „Bravo! Das ist die Arbeit eines guten Scharlatans.“ (S. 78)

Unmissverständlich war das Bekenntnis des Königs zur Toleranz: „Ich wünsche, dass jedermann in meinen Staaten zu Gott betet und Liebe macht, wie er es für richtig hält. In meinen Besitzungen herrschen Freiheit des Glaubens und der Schwänze“, so wurde seine Ansicht in einer französischen Schrift von 1813 widergegeben (S. 370f.). Die Pressefreiheit wurde hingegen wenige Monate nach ihrer spektakulären Verkündigung 1740 wieder eingeschränkt, und auch das Folterverbot galt nur bedingt. War Friedrich in Vielem rückwärtsgewandt, so sind manche seiner Überzeugungen auch heute noch bedenkenswert. Selbst wenn er die Russen für dumm, versoffen, abergläubisch und erbärmlich hielt, war er doch von der unabdingbaren Notwendigkeit überzeugt, Alles in der Welt zu tun, um harmonische Beziehungen mit Russland zu unterhalten (S. 188). Allerdings zeigte Friedrichs Umgang mit Frankreich auch seine Grenzen als Staatsmann (S. 195). Durch seinen zweifachen Bündnisverrat während des Österreichischen Erbfolgekrieges wurde er selbst ungewollt zu einem der Väter des Renversement des alliances von 1756. Auch in Hinsicht auf die alternde und schrumpfende Bevölkerung, die heute gerade in Ostdeutschland ganze Dörfer, ja Städte zu Wüstungen werden lässt, sind seiner Überlegungen erneut erwägenswert: „Die wahre Macht der Staaten liegt in der Erhöhung der Bevölkerungszahlen.“ Und: „Wenn Türken und Heiden kämen, um das Land zu bevölkern, würden wir ihnen Moscheen und Tempel bauen.“ (S. 414)

Friedrich liebte Edelsteinringe, Prunktabaksdosen, luxuriöse Kleider und Speisen. Besonders in der ersten Hälfte seiner Regierung erschien er bei Hof in großen Galakostümen, reich mit Silber- und Goldstickereien verziert, mit Diamantknöpfen, kostbaren Schnallenschuhen und Seidenstrümpfen. „Es war nicht ungewöhnlich für einen Souverän, in Luxus zu leben. Überraschend bei Friedrich ist die Diskrepanz von öffentlicher Wahrnehmung seiner angeblich spartanischen Bescheidenheit und dem tatsächlich babylonischen Lebensstil.“ (S. 449f.) Friedrich hatte sich nach seiner Entlassung aus der Festungshaft in Küstrin angewöhnt, seinen Vater zu täuschen. So verfuhr er nach seinem Regierungsantritt auch mit seinem Volk.

Bei diesem glänzend geschriebenen Opus Magnum ist es eigentlich nicht angemessen zu beckmessern. Aber Joseph II. wurde nicht 1765, sondern 1764 zum Römischen König und künftigen Kaiser gewählt (S. 298) und Friedrich ließ sich nicht krönen (S. 67f.). Die Reise nach Königsberg 1740 – ohne Königin, dafür mit seinem Liebhaber Francesco Algarotti – diente nicht der Krönung, sondern allein der Entgegennahme der Huldigung. Es gab in der preußischen Geschichte nur zwei Königskrönungen: 1701 und 1861. Es wäre der Orientierung in dem gelungenen Werk zuträglich, wenn bei einer Neuauflage auch die Untergliederungen der einzelnen Kapitel ins Inhaltsverzeichnis aufgenommen würden. Die einzelnen Kapitel enthalten sowohl Fuß- wie auch Endnoten. Die ästhetisch schön zentrierten Fußnoten enthalten Verweise innerhalb des Buches, die Endnoten Belegstellen. Zudem ist das Buch opulent, überwiegend farbig bebildert, und die wichtigsten Schlachten sind in Skizzen wiedergegeben. Am Ende befindet sich vor dem Index eine bibliographie raisonnée, über deren Auswahl man diskutieren könnte.

Bernd Krysmanski hat 2015 einen Vorschlag für „das einzig authentische Porträt des Alten Fritz“ unterbreitet.[2] Ob seine Argumentation durchschlägt, ist abzuwarten. Absolut bestechend ist jedoch das Porträt, welches Tim Blanning von Friedrich dem Großen entworfen hat. Er hat überzeugend die Mythen enthüllt und ein aufschlussreiches, vielschichtiges, erhellendes Bild entworfen.

Anmerkungen:
[1] Hegemoniale Männlichkeit, in: Wikipedia, <https://de.wikipedia.org/wiki/Hegemoniale_Männlichkeit> (11.10.2016).
[2] Bernd Krysmanski, Das einzig authentische Porträt des Alten Fritz? Entdeckt in Hogarths Marriage A-la-Mode, Dinslaken 2015.

Zitation
Wolfgang Burgdorf: Rezension zu: : Frederick the Great. King of Prussia. London  2015 , in: H-Soz-Kult, 15.11.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25108>.
Redaktion
Veröffentlicht am
15.11.2016
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation