Sammelrezension: A Brief History of Peru and Bolivia

: A Concise History of Bolivia. Cambridge : Cambridge University Press  2003 ISBN 0-521-00294-X, 320 S. 20,00 EUR.

: Peru - Society and Nationhood in the Andes. Oxford : Oxford University Press  2000 ISBN 0-19-506927-7, 494 S. 25,90 EUR.

: A Brief History of Bolivia. New York : Facts on File  2003 ISBN 0-8160-4692-1, 288 S. 38,90 EUR.

: A Brief History of Peru. New York : Facts on File  2004 ISBN 0-8160-5794-X, 304 S. 17,90 EUR.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Mücke, Seminar für Romanische Philologie, Georg-August-Universität Göttingen

Die lateinamerikanische Geschichte ist ein gutes Beispiel für unterschiedliche Entwicklungen in der Geschichtswissenschaft in den USA und Deutschland in den letzten Jahrzehnten. In beiden Ländern blühte die historische Beschäftigung mit Lateinamerika seit der kubanischen Revolution 1959. Während dies in den USA aber in den letzten Jahrzehnten zu einer zunehmenden Spezialisierung führte, blieben die deutschen Kollegen in der Regel Generalisten, die sich mit mehreren Ländern und Epochen beschäftigten. In den USA bezeichnet sich heute kaum noch jemand als Lateinamerikahistoriker, da man sich dort meistens als Mexikanist, Brasilianist, Peruanist usw. definiert. In Deutschland dagegen wird von einem Historiker erwartet, dass er sich nicht nur mit Lateinamerika beschäftigt, sondern zumindest noch mit der atlantischen Welt, europäischen Ländern oder am besten mit allgemeiner, d.h. deutscher Geschichte. Die Spezialisierung auch des Studiums in den USA hat einen Buchmarkt geschaffen, in dem in den letzten Jahren zunehmend Übersichtsdarstellungen für einzelne Länder platziert werden, da es hier insbesondere in den undergraduate courses einen großen Markt zu geben scheint. So kann es nicht verwundern, dass innerhalb weniger Jahre vier Monografien zu zwei relativ kleinen, armen und in der heutigen Welt scheinbar eher unbedeutenden Ländern erschienen sind: Peru und Bolivien.

Aufgrund der gemeinsamen Geschichte der beiden Länder und ihrer zahlreichen Ähnlichkeiten lassen sich die Bücher zum einen gut vergleichen und zum anderen darauf befragen, ob solche für den US-Markt produzierten Übersichtsdarstellungen für ein deutsches Publikum mehr als ein gelehrtes Interesse befriedigen können. Die vier Bände stammen von WissenschaftlerInnen (zwei Männer und zwei Frauen), welche in den USA lehren. Drei von ihnen sind renommierte Historiker, die grundlegende Beiträge zu den entsprechenden Nationalgeschichten geliefert haben. Die vierte Autorin, Waltraud Q. Morales, lehrt Politikwissenschaft an der University of Central Florida. Zwei der beiden Bücher (Hunefeldt und Morales) erscheinen in der Reihe der Brief Histories von Facts on File. Es handelt sich also um reich bebilderte Einführungswerke, die mit zahlreichen Kästen, Karten und Tabellen, dem Leser einen ersten Zugang zur Geschichte des entsprechenden Landes eröffnen wollen. Die Concise History of Bolivia ist Teil der gleichnamigen Reihe bei Cambridge University Press. Hier ist der akademische Anspruch höher, auch wenn der Text keinen Anmerkungsapparat und kaum Diskussionen des Forschungsstandes enthält. Die Geschichte Perus von Klarén erscheint in der Reihe Latin American Histories von Oxford University Press. Sie ist das mit Abstand anspruchvollste Buch. Sie enthält nicht nur deutlich mehr Text, sondern erläutert auch ihre Methodik und entwickelt die gesamte Darstellung in Auseinandersetzung mit der Forschung.

Alle vier Bücher lassen die Geschichte Perus und Boliviens mit den präkolumbischen Zivilisationen beginnen, widmen diesen aber nur eine Art einleitendes Kapitel. Dies widerspricht der vor allem in Peru mittlerweile etablierten Sichtweise, derzufolge innerhalb der Nationalgeschichte die präkolumbische Zeit mindestens ebenso bedeutsam ist wie die Kolonialepoche oder die neueste Geschichte. In dem einflussreichen Handbuch Nuestra Historia z.B. sind zwei der vier Bände der vorspanischen Zeit gewidmet. [1] Natürlich kann man es rechtfertigen, dass die vorspanische Geschichte in solchen Überblickswerken relativ wenig Beachtung erfährt. Schließlich ist es sowohl für Historiker als auch für Politikwissenschaftler nicht unproblematisch, über Epochen zu schreiben, aus denen es keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt. Aber in keinem der Bücher findet sich eine solche Rechtfertigung, und dies ist ein Mangel.

Die geringe Beachtung der vorspanischen Zeit ist aber schon die einzige Gemeinsamkeit in der von den vier Autoren vorgeschlagenen Epocheneinteilung. Bei Morales ist im Grunde genommen alles bis 1932 nur Vorgeschichte. Zwei Drittel ihres Textes berichten von den letzten 70 Jahren. Die drei anderen AutorInnen geben dagegen der Kolonialzeit und dem 19. Jahrhundert mehr Gewicht. Auffallend ist, dass außer Klein alle die alte Zäsur der Unabhängigkeitskämpfe (1809-1825) aufheben und stattdessen für eine längere Epoche des Wandels plädieren. Bei Hunefeldt und Morales wird eine Zäsur mit den Aufständen von 1880 gesetzt, Klarén sieht ein ganzes Jahrhundert des Umbruchs (1730-1824), das am Ende von der Unabhängigkeit und davor von den bourbonischen Reformen und hunderten von indianischen Aufständen geprägt war. Dass allein Klein an der alten eurozentrischen Zäsur festhält, hat einen einfachen Grund. Bei seinem Buch handelt es sich um eine erweiterte Neuauflage seines 1982 bei Oxford University Press erschienenen Buches.[2] Während also die neuere Forschung epochale Grenzen zieht, welche ein großes lateinamerikanisches Reform- oder Revolutionszeitalter markieren, ging ein Teil der älteren Forschung von einem abrupten Einschnitt aus, der ereignisgeschichtlich an die französische Besatzung Spaniens gebunden wurde.

Zum Vergleich der Bücher sollen zwei Epochen als Beispiele gewählt werden. 1. Die Eroberung im 16. Jahrhundert und 2. die Unabhängigkeit im frühen 19. Jahrhundert. Darüber hinaus werde ich noch einen Blick auf die 1990er-Jahre werfen, mit denen sich alle vier Bände beschäftigen.

Zwei wichtige Unterschiede fallen bei der Darstellung der Eroberung ins Auge. Zum einen geht es um die Frage, ob die Eroberung kontextualisiert wird. Klarén und Klein beginnen nicht mit Pizarros Ankunft in Peru 1532, sondern versuchen zunächst den welthistorischen Zusammenhang zu erläutern. Die Eroberung Perus wird somit zu einem Teil der europäischen Expansion, der nur verständlich ist, wenn man den spanischen Hintergrund kennt. Bei Morales und Hunefeldt dagegen erscheint Pizarro mit seinen Mannen ex nihilo und kann innerhalb weniger Jahre ein riesiges Reich besiegen und neu ordnen. Zum anderen unterscheiden sich die Darstellungen bezüglich des Bildes der Indianer. Bei Morales spielen die Indianer in den ersten Jahrzehnten der spanischen Eroberung gar keine Rolle. Sie sind bestenfalls Statisten. Hunefeldt stellt ihrer personenzentrierten Narration zumindest einen Einschub über die indianische Sicht der Eroberung zur Seite. Die Indianer werden hierdurch zwar nicht zu Akteuren des Prozesses, erhalten aber eine Stimme. Klein dagegen beschreibt die Eroberung konsequent aus eurozentrischer Sicht, erst bei seiner Beschäftigung mit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gewinnen die Strukturen der indianischen Gesellschaft für die Formation der Kolonialgesellschaft an Bedeutung. Es ist offenkundig, dass Kleins Text vor den großen Debatten anlässlich der 500. Wiederkehr der ersten Fahrt des Kolumbus 1992 geschrieben wurde. Denn hier wurde – gerade von amerikanischer Seite – die Ersetzung der eurozentrischen Vorstellung einer Eroberung der Amerikas durch eine dezentrierte Beschreibung als „Begegnung zweier Welten“ gefordert. Dass es bei Klarén in der entsprechenden Kapitelüberschrift „Clash of Empires“ heißt, ist daher Programm. Und auch wenn Klarén dieses Programm nicht konsequent durchhält, so wird doch nur bei ihm ansatzweise deutlich, dass man die Geschichte der Eroberung nicht ohne Betrachtung beider Seiten schreiben kann. Damit vermeidet Klarén auch jenen Bruch, der bei den anderen Büchern zu beobachten ist. Denn dort verschwinden die Indianer nach dem Einleitungskapitel über die präkolumbischen Kulturen mal kurz aus der Geschichte. Wo, so könnte man fragen, sind sie denn in jener entscheidenden Übergangsphase gewesen? Und wenn man denn annehmen will, dass in dieser Phase die Spanier die Geschicke jener Länder bestimmten, sollte man die Geschichte Perus und Boliviens dann nicht konsequenterweise in Spanien beginnen lassen und auf politisch korrekte Einleitungskapitel über die präkolumbischen Kulturen gleich ganz verzichten?

Das Gefälle wiederholt sich bei der Darstellung der Unabhängigkeitsbewegungen. Auch hier bewegt sich Klarén auf dem Stand der Forschung. Seit über dreißig Jahren wird hier darüber diskutiert, wer die Unabhängigkeit wollte und wer sie durchsetzte. Bekanntlich schlugen ausländische Truppen in Peru und Bolivien entscheidende Schlachten gegen die Royalisten, so dass eine linke Geschichtswissenschaft in den 1970er Jahren zu dem Ergebnis kam, dass weder die Kreolen noch die Indianer, sondern Ausländer Peru befreit hätten. Klarén zeigt gut, dass weder die alte Nationalhistoriografie mit ihren Heldengeschichten von den tapferen peruanischen Freiheitskämpfern noch deren Kritiker in den 1970er Jahren völlig recht hatten. Denn während die Oberschicht Limas zum größten Teil tatsächlich nicht für die Unabhängigkeit eintrat, gab es in den Anden zahlreiche Aufstände für mehr Autonomie – sowohl gegenüber Lima als auch gegenüber Madrid. Hunefeldt erwähnt diese Fragen zwar, legt den Schwerpunkt aber dann doch auf eine Darstellung der militärischen Feldzüge. Immerhin stellt sie aber abschließend einen bedeutenden royalistischen Indianeraufstand dar, und zeigt damit nicht nur, wie komplex die Kämpfe waren, sondern auch, dass die Unabhängigkeit selbst und der junge Nationalstaat in jeder Provinz ein anderes Gesicht haben konnten. Die beiden Darstellungen zu Bolivien argumentieren weniger differenziert. Morales erwähnt zwar die Aufstände im 18. Jahrhundert, steckt sie aber gleich in die millenaristische Schublade, so als gäbe es gerade über diese Frage nicht eine erbitterte Forschungsdebatte. [3] Die Unabhängigkeit selbst wird dann als Ereignisgeschichte nacherzählt, in der die großen Männer die Geschehnisse bestimmen. Die letzten Unterkapitel über die Jahre 1780 bis 1839 heißen bezeichnenderweise: „The Great Liberators and Bolivian Independence“, „Presidencies of Bolívar und Sucre“ und „Santa Cruz: Bolivia’s First Caudillo“. Männer machen Geschichte. Kleins Darstellung ist dagegen ein seltsames Wechselspiel zwischen sozio-ökonomischer Strukturgeschichte und Ereignisgeschichte. So stellt er auf der einen Seite die langfristigen Entwicklungen der bolivianischen Geschichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dar, auf der anderen Seite werden die politischen Umbrüche zwischen 1809 und 1825 völlig losgelöst von diesen Strukturen beschrieben. Hier heißt es für die Jahre zwischen 1810 und 1825: „[T]he history of Upper Peruvian independence is now determined by events occuring thousands of miles from the altiplano cities.“ (S. 93) Und über die Träger der Unabhängigkeit schreibt Klein: „It was in fact Bolivar and Sucre who would determine the destiny of the provinces of Upper Peru.“ (S. 99) Dies ist bolivianische Geschichte ohne Bolivianer.

Vergleicht man die Bücher hinsichtlich ihrer abschließenden Kapitel zur jüngsten Vergangenheit, so fällt zunächst einmal auf, dass alle Autoren die Nationalgeschichte bis in die unmittelbare Gegenwart hinein erzählen – in der Regel bis zum Jahr vor Erscheinen des Buches. Der Preis für diese Aktualität besteht darin, dass sich die Autoren für die 1990er-Jahre im Großen und Ganzen auf die politische Ereignisgeschichte beschränken. Klein wagt abschließend die These, dass es in Bolivien nun endlich gelingen könnte, Partizipationsmechanismen zu schaffen, in welchen sich auch die Interessen der nicht-weißen Bevölkerungsschichten artikulieren. Demnach befände Bolivien sich momentan also in einem revolutionären Umbruch, und Klein ist mit dieser Meinung sicherlich nicht allein. Morales schließt seine Geschichte Boliviens dagegen mit Klagen über den Drogenhandel und den fehlenden Zugang zum Meer. Hunefeldt und Klaren flechten ihre Überlegungen stärker in die ereignisgeschichtliche Darstellung ein, aber als Leser hätte man sich gewünscht, am Ende zu erfahren, welche Entwicklungen die Autoren denn momentan für grundlegend halten. Steht die Wahl von Alejandro Toledo als erstem „indianischen Präsidenten“ (Hunefeldt, S. 264) für einen grundlegenden Wandel der Gesellschaft, wie ihn Klein für Bolivien konstatiert? Welche Rolle spielt das Verschwinden der Mittelschichten und die gewaltige Migration in die USA, nach Japan und Europa?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich um vier sehr unterschiedliche Bücher handelt. Peter Klaréns Geschichte Perus ist – trotz der Einschränkungen für die 1990er-Jahre – ein großer Wurf. Klarén entwickelt seine Darstellung anhand der aktuellen Forschungsdebatten, und das Buch bietet einen Überblick über den Stand der Geschichtsschreibung zu einem Land auf der anderen Seite der Globalisierung. Herbert Kleins Geschichte Boliviens war auch ein großer Wurf – aber eben vor über zwanzig Jahren. Wie gerade auch die aktualisierte Bibliografie am Ende des Buches zeigt, ist seitdem eine ganze Reihe von grundlegenden Werken erschienen, die aber eben nicht konsequent eingearbeitet wurden. Dass Cambridge University Press diesen Text neu auflegt, zeigt, dass es momentan keine bessere einbändige Geschichte Boliviens auf Englisch gibt. Die zwei Bände von Facts on File haben andere Ansprüche als Peter Flindell Klaréns und Kleins Studien. Christine Hunefeldts Geschichte Perus ist sicherlich für einen Studenten im Grundstudium eine bereichernde Lektüre. Die Ereignisgeschichte wird hier immer wieder durchbrochen von Hinweisen auf grundlegende Probleme der peruanischen Geschichte. Das Werk von Waltraud Morales bewegt sich dagegen auf dem Niveau von historischen Kapiteln besserer Reiseführer. Während für Peru damit zwei sich an ein unterschiedliches Publikum wendende gute Einführungen auf Englisch vorliegen, wird man sich für Bolivien wohl noch für längere Zeit mit dem alten Text von Herbert Klein zufrieden geben müssen.

Anmerkungen:
[1] Nuestra Historia, Lima. Cooperación Financiera de Desarrollo, 1995.
[2] Klein, Herbert S., Bolivia. The Evolution of a Multi-Ethnic Society, New York 1982. Eine zweite ergänzte Auflage erschien 1992.
[3] Die neuesten Beiträge zu dieser nun Jahrzehnte andauernden Diskussion: Serulnikov, Segio, Subverting Colonial Authority. Challenges to Spanish Rule in Eighteenth-Century Southern Andes, Durham 2003; Thomson, Sinclair, We Alone Will Rule. Native Andean Politics in the Age of Insurgency, Madison 2002.

Zitation
Ulrich Mücke: Rezension zu: : A Concise History of Bolivia. Cambridge  2003 / : Peru - Society and Nationhood in the Andes. Oxford  2000 / : A Brief History of Bolivia. New York  2003 / : A Brief History of Peru. New York  2004 , in: H-Soz-Kult, 21.04.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2513>.
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21.04.2005
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