A. Barboric: Der Holocaust in der literarischen Erinnerung

Cover
Titel
Der Holocaust in der literarischen Erinnerung. Autobiografische Aufzeichnungen von Udo Dietmar und Elie Wiesel


Autor(en)
Barboric, Antonia
Erschienen
Umfang
332 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dennis Bock, Institut für Germanistik, Soziologisches Institut, Universität Hamburg

Die NS- und Konzentrationslager-Forschung vollzieht aktuell zwei Entwicklungen. Zum einen werden zunehmend Formen der Stigmatisierung und Verfolgung in den frühen Phasen (und deren Aufarbeitung) in den Blick genommen sowie zum anderen einzelne Akteure und marginalisierte Gruppen der Häftlingsgesellschaften untersucht.[1] Diese Entwicklung schlägt sich bisweilen in kulturwissenschaftlichen Arbeiten nieder, wie dies in Ansätzen auch in der von Antonia Barboric 2014 vorgelegten literaturwissenschaftlichen Dissertationsschrift „Der Holocaust in der literarischen Erinnerung“ zu beobachten ist. Neben Elie Wiesels ‚Nacht‘ (dt. 1963), einem der einflussreichsten kanonischen Texte über die Shoah, liegt ihrer Textanalyse das Zeugnis von Udo Dietmar zugrunde. ‚Häftling ..X.. in der Hölle auf Erden‘ gilt als eine der sehr frühen Veröffentlichungen über die nationalsozialistische Verfolgung (1946), blieb innerhalb der literaturwissenschaftlichen Forschung bislang aber weitgehend unberücksichtigt. An diese Beobachtung schließt die Untersuchung von Barboric an: „Damit sein Werk [...] nicht weiterhin nur am Rande in der Forschung erwähnt bleibt, war es mithin ein Ziel der vorliegenden Analyse, dieses aus der Vergessenheit zu holen und unter literaturwissenschaftlichen Aspekten zu betrachten.“ (S. 313) Ihr übergeordnetes Interesse richtet sich auf die Rekonstruktion narrativer Strategien „unter Berücksichtigung der Chronologie der Texte“ (S. 307) sowie auf den Vergleich zweier „so unterschiedliche[r] Texte [...] im Kontext der Holocaust-Literatur“ (S. 11). Leider wird jedoch an keiner Stelle die Auswahl genau jener zwei Bücher über die Feststellung ihrer Unterschiedlichkeit hinaus sinnvoll begründet. Barboric’ Studie gliedert sich im Wesentlichen in drei Teile. Den beiden Textanalysen (Kapitel 12 und 13) stellt sie mit insgesamt 134 Seiten umfangreiche Präliminarien voran, deren Ergebnisse im Analyseteil überraschender Weise aber weitestgehend ausgeklammert bleiben. Hierin begründet sich mithin eine der Schwächen der Studie, in der es Barboric zum einen nicht überzeugend gelingt, einen anwendungsbezogenen theoretischen Unterbau zu entwickeln; zum anderen versäumt sie über weite Teile die eingangs angekündigte vergleichende Perspektive einzunehmen.

Mit ihren Bemühungen den Begriff Holocaust-Literatur als literarische Gattung zu etablieren (Kapitel 1), bewegt sich Barboric im Forschungsfeld der Gießener Arbeitsstelle für Holocaustliteratur, die seit Jahren in dieselbe Richtung arbeitet. Dementsprechend skizziert sie einen kurzen geschichtlichen Abriss der Holocaust-Literatur (Kapitel 3), schlägt vor, die sogenannten „frühen Texte“ als Subgattung zu begründen und sucht deren Charakteristika herauszuarbeiten (Kapitel 4). Mit knapp 80 Seiten bilden diese vier Kapitel den Schwerpunkt der Präliminarien, der – angesichts ihres analytischen Forschungsinteresses – im Kapitel über „Narrative Strategien in der Holocaust-Literatur“ (Kapitel 8) zu erwarten gewesen wäre. Mit lediglich vier Seiten ist dieses Kapitel jedoch vergleichsweise schwach vertreten, und nimmt der Studie deshalb die Möglichkeit, die durchaus überzeugenden Ansätze der späteren Wiesel-Analyse an die theoretischen Vorannahmen rückzubinden. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Wenngleich sie, wie Barboric mehrfach betont, mit ihrer terminologischen Ausrichtung gesamtheitliche Betrachtungsweisen zu etablieren sucht (S. 25), offenbaren ihre Definitionsversuche doch die Gefahr, Phasen der Stigmatisierungs- und Verfolgungsgeschichte zu entkontextualisieren. In einer ihrer Zusammenfassungen heißt es dementsprechend: „Am Anfang waren die Lager – dann erst folgte die (‚Idee‘ der) Endlösung. Dazwischen begann der Holocaust, der Menschenmassenmord. Das besagt wiederum, dass die Vernichtung der Juden – die Schoah – nur ein weiteres Glied in der Kette der furchtbaren ‚Ideen‘ und Gräueltaten der Nationalsozialisten war [...]“ (S. 23).

Sowohl der Abschnitt über Trauma (Kapitel 10), als auch das den Interpretationen voranstehende und einführende Kapitel „Textanalyse“ (Kapitel 11) verdeutlichen in ihren Resümees noch einmal, dass sich die Präliminarien und die der Analyse zugrunde gelegten Texte nur bedingt aufeinander beziehen lassen. Zum einen sei die „Traumaforschung nur begrenzt eine wichtige zu berücksichtigende Komponente“ (S. 134) für den Analysegegenstand, zum anderen kämen die „vorgestellten Theorien und Thesen“ nur bedingt zum Tragen, da sie ausschließlich „der Erläuterung [dienten], wie Holocaust-Literatur heute zu verstehen sein sollte“ (S. 135f.).

Barboric ging beim Verfassen ihrer Studie noch davon aus, dass „Dietmars richtiger Name[] bedauerlicherweise nicht zu erfahren, und dieser anscheinend auch nicht (mehr) eruierbar“ (S. 139) sei. Demzufolge könnten auch „ausführliche Details über sein Leben vor und nach den Internierungen [nicht] belegt“ werden (ebd.). Seit 2014 – nach Erscheinen von Barboric Studie – ist allerdings bekannt, dass es sich bei dem Pseudonym Udo Dietmar um den ehemaligen Häftling Walter Paul handelt. Paul wurde als Homosexueller verfolgt und schließlich im August 1943 im KZ Natzweiler interniert. Im September des darauffolgenden Jahres wurde er nach Dachau verschleppt, von wo im Dezember 1944 schließlich seine Überstellung nach Buchenwald erfolgte. Paul wurde in Buchenwald befreit und verstarb 1974 in Gelsenkirchen.[2] Die Entscheidung für das Pseudonym dürfte auf seine Verfolgungsgeschichte und die anhaltende Stigmatisierung in der Nachkriegsgesellschaft zurückzuführen sein.

In ihrer Dietmar-Analyse widmet sich Barboric den Landschafts- und Wetterbeschreibungen des Textes. Die Autorin argumentiert zunächst hinreichend, dass scheinbar trivial anmutende Wettererinnerungen narrativierenden und literarisierenden Charakter entfalten, indem die an extreme Wetterbedingungen gekoppelten Erinnerungen im Prozess der Textentstehung vergegenwärtigt werden können (S. 142). Sie stellt fest, dass die Beschreibungen mit der mentalen Konstituierung des Protagonisten korrespondieren, bisweilen aber auch im Kontrast dazu stehen (S. 313). Aufgrund des chronologisch-nacherzählenden Verfahrens und der ausschließlichen Orientierung an Landschafts- und Wetterbeschreibungen entwickelt die Analyse in ihren Ergebnissen Redundanzen. Gänzlich unkritisch betrachtet Barboric zudem den Entstehungszeitpunkt des Textes. Ihr zufolge käme der Aspekt des „unzuverlässigen Gedächtnisses und der umformenden Erinnerung“ (S. 311 sowie S. 138) aufgrund der zeitlichen Nähe zum historischen Ereignis bei Dietmar kaum zum Tragen. Ein Vergleich des Zeugnisses mit der Lagergeschichte Dachaus verdeutlicht demgegenüber jedoch, dass einige Episoden und Akteure, über die Dietmar berichtet, sich mit seinem Inhaftierungszeitraum in Dachau nicht überschneiden. Sie dürften vielmehr den Erinnerungen ehemaliger Mithäftlinge und seinem angeeigneten Wissen zum Entstehungszeitpunkt des Berichts entsprechen. Dietmar erwähnt beispielsweise den „SS-Kommandanten Lorritz [sic!], diesen Menschenfresser!“[3], der zur Zeit von Dietmars Internierung aber bereits auf Befehl von Oswald Pohl nach Norwegen strafversetzt worden war.[4] Auch das ehemalige Lagerbordell, dessen Errichtung er beschreibt[5], wurde vermutlich zwischen April und Mai 1944 eröffnet[6], also noch vor Dietmars Internierung im September desselben Jahres.

Die Wiesel-Analyse richtet sich auf die polyphone Erzählstruktur des Textes. Barboric stellt, dem Forschungsstand entsprechend, mit den Figuren „Küster-Moshe“ und „Frau Schächter“ zwei zentrale Figuren vor und erprobt an ihnen ihre These des „Seher- und Narrentums“ als literarische Strategie. Als „Kassandra-Figuren“ (S. 214) fungierten sie bisweilen als „Zeuge, Berichterstatter und auch Voraussager“ (S. 225) und ermöglichen es Wiesel, episodisch angelegte Binnenerzählungen in seinen Text zu integrieren. Hierin liegt für Barboric nachgerade die literarische Qualität des Textes, weil zum einen die mehrstimmige Ausdeutung von Gerüchten und Erzählungen Spannung erzeuge sowie Struktur gebenden Charakter zeige. Zum anderen bestätige dieses Verfahren, „dass Wiesel eine nicht mehr unmittelbare, rein subjektive Darstellung seiner Erlebnisse, sondern eine überformte, teilweise fiktionalisierte Version derselben präsentiert“ (S. 271). Insgesamt hat Barborics solider Analyseansatz Mühe sich gegen die dominierende Nacherzählung durchzusetzen. Eine systematische Zusammenführung ihrer Beobachtungen mit einem tragfähigen Theoriegerüst hätte der Studie an dieser Stelle zu griffigeren Ergebnissen verholfen.

Antonia Barboric ist es zu verdanken, dass mit der Druckfassung ihrer Dissertationsschrift eine Studie vorliegt, die dem Zeugnis von Udo Dietmar erstmals eine umfangreichere Untersuchung widmet. Beide Textanalysen zeigen interessante Ansätze, produzieren aufgrund des nacherzählenden Analyseverfahrens und des je monothematischen Untersuchungsgegenstandes aber bisweilen Redundanzen. Im Vergleich der beiden Textzugänge erwies sich die Frage nach Seher- und Narrentum bei Wiesel ertragreicher als die Analyse der Landschafts- und Wetterbeschreibungen bei Dietmar. Über weite Passagen fällt es der Studie sichtlich schwer, ein in allen Teilen der Arbeit kohärentes Vorgehen zu entwickeln. Dort, wo der Text den Rahmen des Vertrauten verlässt, offenbart die Studie zudem Wissenslücken, beispielsweise im Kontext der KZ-Forschung.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Regina Fritz / Éva Kovács / Béla Rásky (Hrsg.), Als der Holocaust noch keinen Namen hatte. Zur frühen Aufarbeitung des NS-Massenmordes an den Juden, Wien 2016; Marco Brenneisen u.a. (Hrsg.), Stigmatisierung, Marginalisierung, Verfolgung. Beiträge des 19. Workshops zur Geschichte und Gedächtnisgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Berlin 2015.
[2] Schriftliche Auskunft des Archivs der KZ-Gedenkstätte Buchenwald vom 20.02.2015 sowie des Archivs der KZ-Gedenkstätte Dachau vom 26.02.2015.
[3] Udo Dietmar, Häftling..X..in der Hölle auf Erden, Weimar 1946, S. 71.
[4] Dirk Riedel, Ordnungshüter und Massenmörder im Dienst der „Volksgemeinschaft“. Der KZ-Kommandant Hans Loritz, Berlin 2010, S. 288f.
[5] Dietmar, Häftling X, S. 72.
[6] Robert Sommer, Das KZ-Bordell. Sexuelle Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern, Paderborn 2009, S. 142.

Zitation
Dennis Bock: Rezension zu: : Der Holocaust in der literarischen Erinnerung. Autobiografische Aufzeichnungen von Udo Dietmar und Elie Wiesel. Wien  2014 , in: H-Soz-Kult, 01.03.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25132>.
Redaktion
Veröffentlicht am
01.03.2016
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation