E.-J. Howell: Von den Besiegten lernen?

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Titel
Von den Besiegten lernen?. Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961


Autor(en)
Howell, Esther-Julia
Erschienen
Umfang
XII, 384 S., 4 Abb., 10 Tab
Preis
€ 54,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wigbert Benz, Karlsruhe

Die langjährige kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee mit Hunderten ehemaliger Wehrmachtsoffiziere, darunter hochrangige Vertreter wie die Generäle Franz Halder, Walter Warlimont oder Georg von Küchler, erfuhr in der geschichtswissenschaftlichen Literatur bislang eher eine spärliche Rezeption. So standen hier im Wesentlichen nur die knappen Spezialstudien des amerikanischen Militärhistorikers Charles B. Burdick, selbst in den 1950er-Jahren eng mit deutschen Offizieren verbunden, und des deutschen Militärhistorikers Bernd Wegner zur Verfügung. Während ersterer einen eher deskriptiven und unkritischen summarischen Überblick über die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit im Rahmen der Operational History (German) Section der Historical Division der U.S. Armee gab[1], lieferte Wegners Untersuchung klare Hinweise, dass diese Kooperation eben nicht zu einer Geschichtsschreibung der Sieger geführt hat, sondern so paradox dies auf den ersten Blick erscheinen mag, die Historical Division eher eine Art „Geburtshelfer“ der apologetischen deutschen Geschichtsschreibung zum Zweiten Weltkrieg war.[2] Nun liegt die quellengesättigte, auf einer umfassenden Auswertung der relevanten Archive sowohl in den USA als auch in Deutschland basierende einschlägige Dissertation Esther-Julia Howells, die 2012 von der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Augsburg angenommen wurde, als leicht gekürzte und überarbeitete Buchpublikation vor.

Im Mittelpunkt der Studie Howells steht die Untersuchung der Bedingungen für die ungeheure Produktivität der Wehrmachtsoffiziere mit mehr als zweieinhalbtausend kriegsgeschichtlichen Studien zur deutschen Strategie und Taktik im Zweiten Weltkrieg, welche die Legende von der unpolitischen, auf höchstem professionellen Niveau handelnden Wehrmacht ermöglichten. Hatten zunächst nach der deutschen Niederlage 1945 nur Interviews mit deutschen Offizieren zur Kriegführung stattgefunden, wurden Anfang 1946 unter Leitung von Colonel Harold E. Potter, als Zweigstelle der Historical Division der U.S. Armee in Europa, die Operational History (German) Section eingerichtet und in den hessischen Lagern Allendorf und Neustadt sowie im bayerischen Garmisch die kriegsgeschichtliche Kooperation mit deutschen Offizieren organisiert. Der ehemalige Generalstabschef Franz Halder wurde zunehmend zur zentralen Figur, dem die Amerikaner weitgehend freie Hand bei der Wahl seiner Mitarbeiter sowie der Art und Weise der Themenbearbeitung überließen. Als 1948 eine Umstrukturierung der Kooperation erforderlich war, weil die letzten deutschen Offiziere aus den Kriegsgefangenenlagern entlassen wurden, richteten die Amerikaner die sogenannte Control Group aus acht deutschen Generalstabsoffizieren mit Halder an der Spitze ein, welche als Bindeglied zwischen U.S. Armee und mehreren Hundert ehemaligen Wehrmachtsoffizieren fungierte, die als „Heimarbeiter“ zu kriegsgeschichtlichen Fragen arbeiteten. Die amerikanischen Offiziere wurden nun eher, so Howell, zu „Zuarbeitern der ehemaligen Wehrmachtselite“ (S. 305). Sie hatten vor allem für die Beschaffung der benötigten deutschen Akten, anderen Materials sowie der erforderlichen Schreibkräfte und Übersetzer zu sorgen.

Verfolgten die Amerikaner ursprünglich primär das Interesse, durch die Studien der deutschen Offiziere bei ihrer eigenen Kriegsgeschichtsschreibung die Perspektive des Feindes zu berücksichtigen, so rückten bald entsprechende Untersuchungen zur Kriegführung der Wehrmacht gegen die Rote Armee in den Fokus der Studien. Durch den beginnenden Kalten Krieg, mit dem Korea-Krieg 1950 als Zäsur, wuchs die Nachfrage nach Studien zur Kriegsführung im „Unternehmen Barbarossa“ drastisch. Der Deal bestand nun darin, dass die U.S. Armee der ehemaligen Wehrmachtselite einen geschützten Raum für die systematische Darstellung ihrer apologetischen Positionen bot, um im Gegenzug Informationen über die UdSSR und die Rote Armee zu erhalten. Howell kann durch eine vergleichende gruppenbiografische Analyse der wichtigsten Akteure auf deutscher und amerikanischer Seite zeigen, dass die amerikanischen Offiziere durchschnittlich wesentlich jünger waren und rangniedrigere Positionen bekleideten als die deutschen Offiziere und sie diesen auch von daher mit Respekt begegneten. Zudem war Ihnen aufgrund ihrer eigenen militärischen Sozialisation weder die „sozialdarwinistische Überhöhung des Ostkrieges als unausweichlicher übernationaler Schicksalskampf“ noch die Metapher vom Deutschen Reich als „Bollwerk gegen die bolschewistische Expansion des Ostens“ fremd (S. 302).

Vor diesem Hintergrund konnten deutsche Studien zum Ostkrieg und der operativen Kriegführung gegen die Rote Armee zunehmend Verwendung als Trainingsmaterial für die U.S. Armee finden. In den 1950er-Jahren hielten eine Reihe hoher deutsche Offiziere, unter ihnen Anton von Bechtolsheim und Friedrich von Boetticher, entsprechende Vorträge an Militärschulen und Fortbildungseinrichtungen der U.S. Armee. Studien der ehemaligen Wehrmachtsoffiziere gewannen Einfluss auf die operative Doktrin der U.S. Armee. So eignete sich die amerikanische Armeeführung Anfang der 1950er-Jahre das „Konzept der mobilen Verteidigung“ an, das die Wehrmacht bei ihren Rückzugsoperationen aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion praktizierte, da es den Strategen der U.S. Armee geeignet erschien, im Kriegsfalle den Vormarsch der Roten Armee zu verlangsamen und Zeit zu gewinnen (S. 234).

Im Gegenzug nutzten deutsche Generäle wie Heinz Guderian, Franz Halder, Albert Kesselring und Georg von Küchler die kriegsgeschichtliche Kooperation mit der Historical Division der U.S.-Armee, um ein glorreiches Bild der Wehrmacht fernab jeder Involvierung in Kriegsverbrechen zu zeichnen, das in den Worten Halders dem Wirken der Wehrmachtsoffiziere ein „literarisches Denkmal“ setzen sollte (S. 305). Dies gelang auch deswegen, weil diese ehemaligen Offiziere um Halder „privilegierten Zugang zu den beschlagnahmten deutschen Militärakten“ erhielten (S. 270), der den zivilen akademischen Historikern bis Ende der 1950er-Jahren vollständig verwehrt blieb. Zudem erlaubten die Amerikaner den ehemaligen Wehrmachtsoffizieren nun ihre Arbeiten auch in deutschen Verlagen zu veröffentlichen. Halder und sein aus der Control Group stammender kriegsgeschichtlicher Arbeitskreis, darunter unter anderem Burkhart Müller-Hillebrand, Waldemar Erfurth, Alfred Philippi, Alfred Toppe und Alfred Zerbel, nutzten dies, um über den auf Vermittlung der Dienststelle Blank vom Bundespresseamt finanzierten Arbeitskreis für Wehrforschung (AfW) zu publizieren. Der Verlag „Mittler & Sohn“ stellte dem AfW als offizielles Organ seine Zeitschrift „Wehrwissenschaftliche Rundschau“ zur Verfügung. In dieser Zeitschrift und der vom AfW herausgegebenen, im „Muster-Schmidt-Verlag“ erschienenen Schriftenreihe „Studien und Dokumente zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges“ konnten die ehemaligen Wehrmachtsoffiziere ihre Geschichtsschreibung präsentieren.

Zwei kritische Anmerkungen sollen nicht unerwähnt bleiben. Da Howell in ihrer Studie zweifellos eine umfassende Auswertung der relevanten Quellen – von den Nachlässen deutscher und amerikanischer Beteiligter bis zu den Verwaltungsakten der Historical Division – geleistet hat, bleibt die Aufnahme der dubiosen Website „lexikon-der-wehrmacht.de“ (S. 366) ohne Angaben, etwa in Fußnoten, wofür diese verwendet wurde, in das Verzeichnis der verwendeten Quellen und Literatur unverständlich. Es fehlen über die Anmerkungen beim erstmaligen Auftauchen der Protagonisten und das allgemeine Quellenverzeichnis hinausgehende konkrete Belegangaben zu den Daten der jeweiligen „Biogramme“ der 37 wesentlichen Akteure der deutsch-amerikanischen Geschichtskooperation auf den betreffenden Seiten (S. 328–354). Hier hätte sich angeboten, wie bei dem analogen Anhang der „Biogramme“ in Johannes Hürters Habilitationsschrift zu verfahren, der dort einleitend seine Quellen speziell für die Erstellung der „Biogramme“ zusammengefasst hat.[3] Diese Detailkritik schmälert den überaus positiven Gesamteindruck der Studie nicht wesentlich. Dass Howell zu den Historikerinnen zählt, die eine wissenschaftliche Arbeit klar strukturiert und auch für ein breiteres Publikum sehr gut lesbar verfassen können, sei ausdrücklich betont, da es alles andere als selbstverständlich ist.

Anmerkungen:
[1] Charles B. Burdick, Vom Schwert zur Feder. Deutsche Kriegsgefangene im Dienst der Vorbereitung der amerikanischen Kriegsgeschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg. Die organisatorische Entwicklung der Operational History (German) Section, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 2, 1971, S. 69–80.
[2] Bernd Wegner, Erschriebene Siege. Franz Halder, die „Historical Division“ und die Rekonstruktion der Zweiten Weltkrieges im Geiste des deutschen Generalstabes, in: Ernst Willi Hansen / Gerhard Schreiber / Bernd Wegner (Hrsg.), Politischer Wandel, organisierte Gewalt und nationale Sicherheit, Oldenbourg / München 1995, S. 287–302.
[3] Johannes Hürter, Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42, München 2006, S. 619.

Zitation
Wigbert Benz: Rezension zu: : Von den Besiegten lernen?. Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961. Berlin  2015 , in: H-Soz-Kult, 14.03.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25135>.
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Veröffentlicht am
14.03.2016
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