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Titel
"Falsche Juden". Performative Identitäten in der deutschsprachigen Literatur von Lessing bis Walser


Autor(en)
Thurn, Nike
Erschienen
Göttingen 2015: Wallstein Verlag
Umfang
573 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Linda Krenz-Dewe, Graduiertenkolleg "Vergegenwärtigungen. Repräsentationen der Shoah in komparatistischer Perspektive", Universität Hamburg

Das spannende, und bislang unterbelichtete literarische Phänomen, das Nike Thurn in ihrer äußerst umfangreichen Dissertation in einem literarhistorischen Zeitraum von über 200 Jahren untersucht, sind „Figuren, die sich als Juden ausgeben oder davon ausgehen, Juden zu sein, die (planmäßig oder irrtümlich) für Juden gehalten werden oder von anderen hierzu gemacht werden“ (S. 14). Die Figur des ‚falschen Juden‘ eignet sich somit vorzüglich, Projektionen über ‚das Jüdische‘ als ‚das Andere‘ aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten und diese auf ihre Konstruktion, Funktion und Geschlossenheit zu befragen, was Thurn in ihrer Studie dezidiert und kenntnisreich leistet.

Der untersuchte Korpus umfasst fünf Textpaare, die in unterschiedlichster Funktion und Weise ‚falsche Juden‘ entwerfen, und somit ein umfassendes Repertoire anti- und philosemitischer Fremdbilder aufrufen: Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ und Achim von Arnims „Die Majorats-Herren“; Oskar Panizzas „Der operirte Jud’“ und Mynonas „Der operirte Goj“; Max Frischs „Andorra“ und Georg Kreislers „Sodom und Andorra“; Edgar Hilsenraths „Der Nazi & der Friseur“ und Irene Disches „Eine Jüdin für Charles Allen“; Klaus Pohls „Die schöne Fremde“ und Martin Walsers „Kaschmir in Parching“. Anhand der zehn ausgewählten Texte kann die Autorin die Vielfalt der ‚Falsche-Juden’-Figuren in historischer Perspektive nachzeichnen und zugleich deutlich machen, in welch unterschiedliche Diskursformationen diese sich einbetten lassen.

Dabei zielt die zentrale Forschungsfrage auf die „Affirmation und Subversion von Sicht- und Erkennbarkeit“ (S. 14) von Differenzkonstruktionen, die anhand der ‚Falsche-Juden’-Figuren verhandelt werden und immer innerhalb asymmetrischer Machtverhältnisse verortet sind. Zugrunde gelegt wird ein Verständnis der „performative[n] Verhandelbarkeit von Identität, d[er] kulturell und gesellschaftlich geprägte[n] Einübung von Identifizierung“ (S. 20).

Thurns Buch ist somit zwar in der literaturwissenschaftlichen Antisemitismusforschung zu verorten, umgeht aber deren Problematik, die untersuchten Phänomene deskriptiv fortzuschreiben, indem sie auf der Performativität jeglicher identitärer Zuschreibungen beharrt und zeigt, wie diese in den Texten hergestellt – oder aber unterlaufen – werden.

Den Analysen vorangestellt ist eine umfangreiche Einführung der theoretischen Zugänge. Nachdem die Autorin – dies allerdings sehr knapp – die ihrer Arbeit zugrundeliegenden Konzepte von Identität, Identifizierbarkeit und Identifikation eingeführt hat, beschäftigt sie sich mit dem Allosemitismus-Begriff Zygmunt Baumans, der sowohl ‚positive‘ als auch klassisch negative Projektionen über ‚das Jüdische‘ miteinbezieht. Die frappante Widersprüchlichkeit allosemitischer Stereotype, die flexibel auf veränderte gesellschaftliche, politische und ökonomische Verhältnisse reagieren können, zeichnet Thurn ausführlich nach. Sie zeigt die ‚Virtualität‘ allosemitischer Zuschreibungen auf, denen sie mit Erving Goffman eine „besondere Diskrepanz zwischen virtualer und aktualer Identität“[1] zuspricht.

Die ‚Mitarbeit‘ der Literatur an der Verbreitung, aber auch der teils subversiven Aushandlungen dieser Stereotype wird in einem eigenen Teilkapitel reflektiert. Zum einen ist die Literatur prädestiniert für die Herstellung von ‚Bildern des Jüdischen‘, die jenseits jeder Erfahrung gesellschaftliche Relevanz erhalten; zum anderen können diese literarischen Konstruktionen bzw. Codes aufgrund des vorausgesetzten ‚Wissens‘ der Leser_innen ‚erkannt‘ bzw. decodiert werden, auch wenn keine Vereindeutigung ‚jüdischer Identität‘ stattfindet. Wie Thurn zeigt, werden Leser_innen so zu Kompliz_innen der Autor_innen oder aber von diesen (wie insbesondere bei Edgar Hilsenrath) ihrer Vorurteile überführt – je nachdem in welcher Weise die ‚falschen Juden‘ in den jeweiligen Texten eingesetzt sind.

Das Konzept des Passing ist ein weiterer zentraler theoretischer Zugang der Arbeit, da die Frage nach Sichtbarkeit bzw. Unsichtbarkeit von Differenzen hier inhärent ist. Ähnlich wie Judith Butlers Konzept der Performativität von Geschlechtsidentitäten ist auch das Passieren zwischen unterschiedlichen Statusgruppen innerhalb binärer Differenzkonstruktionen und somit zwischen der Affirmation und Subversion dieser angesiedelt. Dies ist Thurn durchaus bewusst und schlägt sich in ihren Analysen insofern nieder, als dass sie jeden Akt des Passierens auf seine Funktion, seinen Kontext und die Umstände seines ‚Gelingens‘ konsequent befragt.

Im letzten Teil ihres Theoriekapitels wiederum beschäftigt sich die Autorin mit der ‚Fama jüdischer Erkennbarkeit‘, die sich in der Virtualität ‚jüdischer‘ Namen, Sprache und Körpern zu zeigen scheint. Ihre große Kenntnis relevanter literarischer Beispiele zu diesen Virtualitäten jüdischer Identitätszuschreibungen macht Thurn hier deutlich. Die sich insbesondere in Bildern des ‚jüdischen Körpers‘ aufdrängende Intersektionalität rassistischer und sexistischer Klischees, die sich bspw. in den widersprüchlichen Sexualisierungen dieser zeigen, schlägt sich auch in den Möglichkeiten und Grenzen des Passierens als ‚falsche Jüdinnen bzw. Juden‘ nieder, was die Autorin teilweise noch etwas genauer hätte verfolgen können.

Im mit 363 Seiten sehr umfangreichen Analyseteil der Arbeit setzt Thurn die zuvor entwickelten theoretischen Zugänge klug, differenziert und konsequent mit den ausgewählten Primärtexten in Beziehung, um die Komplexität der ‚falschen Juden und Jüdinnen‘ herauszuarbeiten und diese in Bezug auf deren Konstruktion (werden sie zu ‚Juden‘ gemacht oder Fingieren sie sich selbst als solche? welche ‚Differenzmarker‘ werden herangezogen?), Funktion (werden hier vermeintliche Differenzen manifestiert und essentialisiert oder zeigen sie gerade deren diskursiven, veränderbaren Charakter auf?) und Implikation (werden Leser_innen in vorhandenen stereotypen Vorstellungen bestätigt oder aber dieser überführt?) kritisch zu hinterfragen.

Die Textanalysen zeigen so zwei zentrale Zäsuren auf, die den Diskurs über ‚das Jüdische‘ und entsprechend die Motive für die Annahme einer ‚falschen jüdischen Identität‘ massiv verschoben haben. Auch die scheinbar so eindeutigen Marker, anhand derer (falsche) ‚jüdische Identität‘ identifizierbar sein soll, erfuhren Neukonstitutionen. Zum einen ist hier der sich Mitte des 19. Jahrhunderts vollziehende Wandel vom primär religiös und ökonomisch begründeten Judenhass zum rassistisch und biologistisch begründeten Antisemitismus zu nennen, der sich auf vermeintliche körperliche, essentielle Differenzen berief. Die „Neucodierung ‚des Juden‘“ (S. 24) in diesem Zeitraum ist signifikant und zeigt sich insbesondere an der nunmehr außer Frage stehenden ‚Sichtbarkeit‘ und ‚Erkennbarkeit‘ der ‚jüdischen Differenz‘, was auf die Konstitution ‚falscher jüdischer‘ Figuren massive Auswirkungen hat: Passieren ist nunmehr nur noch durch die – fast unmögliche – Überwindung körperlichen ‚Andersseins‘ machbar. Die Textpaarung Lessing-Arnim zeigt den Übergang in Richtung dieser körperbezogenen Markiertheit, der bei Panizza und Mynona bereits vollkommen vollzogen ist.

Die zweite Zäsur stellt selbstverständlich die Shoah dar. Im Sinne der Legende von der ‚Stunde Null‘ schienen sich mit dem NS-Gedankengut im Allgemeinen auch der rassistische Antisemitismus aus den Köpfen (und Herzen) der Deutschen verabschiedet zu haben – was Thurn anhand der untersuchten Textbeispiele als Farce herausstellt. Eine Haltung gegenüber ‚Juden‘, die auf der Annahme wesenhafter und sichtbarer Differenzen beruhte, war nun allerdings gesellschaftlich disqualifiziert, was deren (un)heimlichem Weiterwirken aber keinen Abbruch tat. Das Fingieren ‚jüdischer Identitäten‘ musste dennoch neu codiert werden. Max Frischs „Andorra“ spricht beredt von diesen Versuchen, indem er – seinem ‚ehrenhaften‘ Vorhaben zum Trotz – mit seiner Andri-Figur in eine ‚dramaturgische Falle‘ tappt, die seine geplante Antisemitismus-Kritik letztlich tendenziell als Fortschreibung antisemitischer Stereotype erscheinen lässt. Auch Frank Pohls „Schöne Fremde“ fällt – ebenfalls ganz explizit entgegen der Absicht des Autors – zurück in die Strapazierung exotistischer Klischeevorstellungen über das ‚jüdische weibliche Andere‘, wie Thurn aufzeigt.

Die Autorin stellt heraus, dass der Schuldabwehrantisemitismus, sowie dessen philosemitisches Pendant, Bilder ‚des Jüdischen‘ zeichnen, die ständig in ihr Gegenteil kippen können: in der Auratisierung der jüdischen Opfer-Identität steckt schon die antisemitische Wende der Opfer-Täter-Verkehrung, die ‚den Juden‘ als diffus mitbeteiligt an ‚seinem‘ Schicksal imaginiert und ein ‚Kapitalschlagen‘ – in ökonomischer wie moralischer Hinsicht – aus der Shoah unterstellt. Wie kunstvoll Hilsenrath diese Neuverhandlungen und deren Doppelbödigkeit in „Der Nazi & der Friseur“ verhandelt, arbeitet Thurn mit größter Komplexität heraus, weshalb dieses Kapitel als besonders brillant bezeichnet werden kann.

Besonders hoch anzurechnen ist der Autorin die Reflexion ihrer eigenen Position als Leserin. So stellt sie teils alternative Lesarten vor, kann aber ihre eigene stets überzeugend darstellen und legitimieren, was insbesondere in der Analyse von Irene Disches umstrittener Kurzgeschichte deutlich wird. Alles in allem ist Nike Thurns Buch äußerst differenziert und kenntnisreich konzipiert – die Textauswahl zeigt zum einen die zentralen Veränderungen des allosemitischen Diskurses in historischer Perspektive. Aber auch jenseits der Chronologie lassen sich – teils verblüffend hellsichtige wie bei Lessing, teils beängstigend reaktionäre wie bei Walser – Entwürfe des ‚falschen Juden‘ finden, die miteinander korrelieren. Thurns analytische Arbeit ist theoretisch sehr versiert und in ihrer Komplexität und Genauigkeit schlicht hervorragend.
Zwar weisen einige der Analysekapitel (zu Frisch, zu Walser) leichte Redundanzen auf, was der guten Lesbarkeit und Kongruenz der Arbeit aber keinen Abbruch tut. Fachfernere Leser_innen könnten hier allerdings – oder bereits durch den generell enormen Umfang der Studie – an ihre Grenzen gelangen.

Nike Thurn leistet somit einen äußerst wichtigen und überzeugenden Beitrag für das Verständnis allosemitischer Projektionen des ‚jüdischen Anderen‘ in der Literatur und darüber hinaus. Wie die Autorin abschließend zeigt, haben auf Erkennbarkeit setzende, machtvolle ‚Bilder des Anderen‘ „erschreckend“ wenig ihrer Wirkmacht mit „oft tödlichen Folgen“ (S. 538) eingebüßt.

Anmerkung:
[1] Erving Goffman, Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität, Frankfurt am Main 1967, S. 11 (zitiert nach Thurn, S. 48).

Zitation
Linda Krenz-Dewe: Rezension zu: Thurn, Nike: "Falsche Juden". Performative Identitäten in der deutschsprachigen Literatur von Lessing bis Walser. Göttingen 2015 , in: H-Soz-Kult, 01.11.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25146>.
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Veröffentlicht am
01.11.2016
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