R. Fritz u.a. (Hrsg.): Als der Holocaust noch keinen Namen hatte

Cover
Titel
Als der Holocaust noch keinen Namen hatte / Before the Holocaust Had Its Name. Zur frühen Aufarbeitung des NS-Massenmordes an den Juden / Early Confrontations of the Nazi Mass Murder of the Jews


Hrsg. v.
Fritz, Regina; Kovács, Eva; Rásky, Béla
Erschienen
Umfang
460 S., mit z.T. farbigen Abb.
Preis
€ 32,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Neumann-Thein, Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Weimar

Wie jüngere Forschungen zur Nachgeschichte des Nationalsozialismus gezeigt haben, begann bereits vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine sehr konkrete Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen und insbesondere auch mit der rassistischen Vernichtungspolitik, der über sechs Millionen Juden zum Opfer fielen. Entscheidende Initiatoren und Akteure dieser frühen Dokumentations- und Aufarbeitungsbemühungen waren in vielen Fällen die Überlebenden der Verbrechen selbst. Verglichen damit war die Zeit ab der Mitte der 1950er-Jahre wenn nicht von einem generellen Verschweigen jüdischer Opfer in den verschiedenen nationalen Kontexten in Europa und darüber hinaus, so doch zumindest von einer erheblichen Entkonkretisierung und Entkontextualisierung ihrer Geschichte und ihrer Erfahrungen gekennzeichnet. Damit verbundenen zentralen Fragen geht der von Regina Fritz, Éva Kovács und Béla Rásky herausgegebene Band anhand einer breiten Palette von Beispielen nach. Er basiert auf einer Tagung am Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) vom Winter 2012.[1] Unter welchen Bedingungen entwickelten sich die frühen Initiativen zur Dokumentation und Erforschung der Menschheitsverbrechen an den europäischen Juden, für die sich seit der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre allmählich die Bezeichnung „Holocaust“ durchsetzte? Welche Individuen, Gruppen und Institutionen initiierten und forcierten solche Forschungen? Wie gestaltete sich die Interaktion nichtstaatlicher geschichtspolitischer Akteure und politisch Verantwortlicher? Welchen Einfluss hatten außenpolitische Überlegungen? Warum nahm die individuelle und kollektive Auseinandersetzung im östlichen Europa wie in der westlichen Welt oft einen auffallend ähnlichen Verlauf und kam etwa ein Jahrzehnt nach der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager zunächst weitgehend zum Erliegen?

Das Buch versammelt teils auf Deutsch, teils auf Englisch insgesamt 22 Beiträge. Deren zumeist bereits einschlägig ausgewiesene Autorinnen und Autoren aus allen Teilen Europas und den USA gehen – wie die Herausgeberinnen und der Herausgeber in der Einleitung ausführen – jeweils auf „verschiedene Formen der frühen Auseinandersetzung mit dem Holocaust“ sowie auf „die Rolle verschiedener geschichtspolitischer Akteurinnen und Akteure bei den diversen geschichtspolitischen Debatten“ ein (S. 8). Strukturiert ist der Band in fünf Kapitel. Der erste und der zweite Teil widmen sich frühen Anläufen, den Holocaust zu dokumentieren und zu verstehen, zu erzählen und zu beschreiben.

Wie der Beitrag von Katherine Lebow zeigt, sammelte etwa die Warschauer Widerstandskämpferin Halina Krahelska in ihrer seit 1939 im besetzten Polen geführten Kriegschronik auch Berichte zur Vernichtung der polnischen Juden und des Warschauer Ghettos. Von New York aus versuchte zwischen 1944 und 1948 die „Commission on European Jewish Cultural Reconstruction“ die von den Nationalsozialisten systematisch zerstörte jüdische Kultur zu dokumentieren und deren Überreste zu sichern. Ihr widmet sich der Artikel von Elisabeth Gallas. Im Auftrag der „Psychological Warfare Division“ der U.S. Army stellten ehemalige Buchenwald-Häftlinge im ersten Monat nach ihrer Befreiung vom 11. April 1945 äußerst bemerkenswerte Berichte zusammen. Unter Leitung von Eugen Kogon entstand damit der später so genannte Buchenwald-Report. Er kann „als erste umfassende soziologische Studie zu einem nationalsozialistischen Konzentrationslager angesehen werden“ (S. 64), argumentiert Andreas Kranebitter, der den theoretischen und methodischen Entstehungshintergrund der Studie ausleuchtet. Laura Jockusch vergleicht weitere Ansätze zur Dokumentation und Erforschung der jüdischen Katastrophe in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sie weist Historische Kommissionen, Dokumentationszentren und Projekte in nicht weniger als 14 europäischen Staaten nach und erläutert deren Arbeit an Beispielen aus Frankreich, Polen und Deutschland. Auch in die USA ausgewanderte Holocaust-Überlebende schwiegen – anders als vielfach angenommen – zunächst keineswegs über das ihnen Angetane. Dem Einfluss ihrer Erfahrungen und Berichte auf das kollektive Gedächtnis der dortigen jüdischen Gemeinschaft geht Hasia Diner bis in die 1960er-Jahre nach. S. Jonathan Wiesen widmet sich der nicht weniger spannenden Frage, wie eine andere Minderheit, die in den USA lebenden Afroamerikaner, auf den Judenmord und dessen beginnende Erforschung und Aufarbeitung nach 1945 Bezug nahm. Zwei weitere Beiträge widmen sich dem Wirken Einzelner: Ulrike Vordermark analysiert die frühe, 1955 erstmals veröffentlichte Theresienstadt-Monografie H.G. Adlers als Werk eines Autors, der sich explizit als Wissenschaftler und Literat zugleich verstand. Auf Grundlage der umfangreichen Korrespondenz des polnisch-jüdischen Historikers Philip Friedman rekonstruiert Natalia Aleksiun dessen „Invisible Web“ der Holocaust-Forschung. Hervorzuheben ist schließlich der Aufsatz von Olga Baranova, der sich dem Beispiel sowjetischer Historiker widmet und unter anderem zeigt, dass diese den Holocaust keineswegs pauschal ignorierten oder negierten.

Kapitel drei versammelt unter dem Titel „Riten der Erinnerung: Die Macht der Repräsentation“ erste Ansätze in diesem Bereich. Hier untersucht Imke Hansen anhand der 1947 eingeweihten Gedenkstätte Auschwitz „[k]onkurrierende Geschichtsbilder im Nachkriegspolen“. Hinzu kommen Beiträge über jüdische Initiativen und nichtjüdische Akteure in Frankreich bis Mitte der 1950er-Jahre (von Simon Perego), über erste Ausstellungen zu den NS-Verbrechen in Deutschland und Österreich (von Harald Schmid) sowie über frühe Denkmalsetzungen für ermordete und gerettete Juden in Schweden (von Tanja Schult).

Das folgende Kapitel bietet mit fünf Texten einen exemplarischen Einblick in schriftstellerische Annäherungs- und Aufarbeitungsformen. Die vergleichenden Studien von Markus Roth und Hans-Joachim Hahn analysieren „[d]as Warschauer Ghetto in der polnischen und deutschen Holocaust- und Lagerliteratur von 1940 bis 1950“ bzw. „[f]rühe literarische Reflexionen des Holocaust in deutscher Sprache“. Lars Fischer stellt den Einfluss dar, den der ehemalige österreichische Häftling Benedikt Kautsky, dessen KZ-Erinnerungen 1946 unter dem Titel „Teufel und Verdammte“ erschienen, auf die Publikation der Memoiren des deutsch-jüdischen Historikers Gustav Mayer drei Jahre später nahm. Die beiden Studien von Máté Zombory und Anika Binsch widmen sich dem Programm des ungarischen Widerstands-Verlags Áron Gábor sowie der Buchproduktion im amerikanisch besetzten Teil Deutschlands.

Im Mittelpunkt des abschließenden fünften Kapitels steht der Umgang mit der Schuldfrage im Spannungsfeld von „Thematisieren, Verdrängen und Tabuisieren“. Hier untersucht Mirjam Wenzel, welche Gestalt das Motiv des „anderen Deutschland“ im Denken des Philosophen Karl Jaspers während der unmittelbaren Nachkriegszeit annahm. Weitere Beiträge von Hansjörg Buss und Peter Hallama behandeln am Beispiel der evangelischen Landeskirche Lübeck bzw. der Tschechoslowakei jeweils spezifisches Verhalten zur Schuldfrage. Regina Fritz schließlich skizziert die – letztlich wenig erfolgreichen – Versuche der ungarischen Regierung, im Rahmen der Pariser Friedensverhandlungen 1946 die Rolle des eigenen Landes bei der Ermordung der Juden herunterzuspielen.

Mit den aufgeführten Beiträgen versammelt der Band eine beachtliche Zahl von Detailstudien zu bekannteren, aber teilweise auch zu bislang kaum beachteten Themen. Geografisch greifen sie über Ost- und Westeuropa bis in die USA aus und belegen eindrücklich insbesondere das Agieren und Wirken einzelner Personen sowie von diesen organisierter Netzwerke und Institutionen. Dadurch trägt der Band dazu bei, Forschungslücken zu schließen. Ein Aufsatz zu den Entwicklungen in Palästina / Israel hätte hier zusätzlich bereichern können. Zugleich erweitert der Band die empirische Grundlage zur Auseinandersetzung mit den oben genannten zentralen Fragen. Zwar stehen – wie auch die Herausgeberinnen und der Herausgeber konstatieren – abschließende Erklärungen weiterhin aus; die hier versammelten Studien geben aber vielfach plausibel erscheinende Teilantworten, die dabei helfen, zukünftige Forschungen anzuregen und auszurichten. Regina Fritz, Éva Kovács und Béla Rásky selbst schlagen insbesondere weitere transnationale bzw. vergleichende institutionsgeschichtliche Annäherungen vor, bei denen die jeweiligen historischen Kontexte noch stärker in die Analyse einzubinden wären. Dieser Ansatz erscheint in der Tat vielversprechend – gerade auch mit Blick auf in den letzten Jahren publizierte vergleichend angelegte Studien und Sammelbände zu den Organisationen Überlebender der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager.[2]

Anmerkungen:
[1] Vgl. den Tagungsbericht von Ina Markova, in: H-Soz-Kult, 08.03.2013, http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4689 (06.10.2016).
[2] Vgl. insbesondere Susan Hogervorst, Onwrikbare herinnering. Herinneringsculturen van Ravensbrück in Europa, 1945–2010, Hilversum 2010, und Janine Doerry / Thomas Kubetzky / Katja Seybold (Hrsg.), Das soziale Gedächtnis und die Gemeinschaften der Überlebenden. Bergen-Belsen in vergleichender Perspektive, Göttingen 2014.

Zitation
Philipp Neumann-Thein: Rezension zu: Fritz, Regina; Kovács, Eva; Rásky, Béla (Hrsg.): Als der Holocaust noch keinen Namen hatte / Before the Holocaust Had Its Name. Zur frühen Aufarbeitung des NS-Massenmordes an den Juden / Early Confrontations of the Nazi Mass Murder of the Jews. Wien  2016 , in: H-Soz-Kult, 21.10.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25156>.