G. B. Christmann (Hrsg.): Zur kommunikativen Konstruktion von Räumen

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Titel
Zur kommunikativen Konstruktion von Räumen. Theoretische Konzepte und empirische Analysen


Hrsg. v.
Christmann, Gabriela B.
Erschienen
Wiesbaden 2016: Springer VS
Umfang
239 S.
Preis
€ 49,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marie-Kristin Döbler, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Der Sammelband „Zur kommunikativen Konstruktion von Räumen“ setzt sich im ersten Teil zum Ziel, „eine Grundlegung für die theoretische Fassung kommunikativer Aspekte der Raumkonstruktion an[zu]bieten“; sein zweiter Teil soll „Einblicke in kommunikationsorientierte empirische Raumforschungen geben“ (S. 8). Damit soll ein Forschungs- und Theoriedesiderat gefüllt werden, das von Herausgeberin und Autoren in der bisherigen Auseinandersetzung mit Räumen erkannt wird. Zwar werde schon länger berücksichtigt, dass Räume nur durch Zuschreibung von Bedeutung im intersubjektiven Austausch Wirklichkeit werden und ‚Realitätsstatus‘ erlangten, das heißt als soziale Konstruktionen verstanden werden, doch blieben dabei Relevanz und Umfang kommunikativer, diskursiver Aspekte unterberücksichtigt, was durch diesen Band kompensiert werden soll.

In ihrer Einleitung präsentiert Gabriela B. Christmann die als „Meilensteine“ (S. 8) identifizierten Momente der Raum-Theoriebildung. Historisch geordnet stellt sie Ansätze der Raumphilosophie, dann der frühen Raum- und Stadtsoziologie, abschließend der modernen Raumtheorien vor. Christmann nimmt dabei vor allem die sozialkonstruktivistische Betrachtung von Räumen in den Blick und legt ein besonderer Schwerpunkt darauf, welche Rolle und Bedeutung bereits von diesen Theorien (implizit) kommunikativen Prozessen für die Raumkonstruktion zugewiesen wird. Damit schafft sie einen guten Hintergrund für das Verständnis der folgenden Beiträge.

Hubert Knoblauch skizziert ganz allgemein die Grundlagen der kommunikativen Konstruktion von Wirklichkeit (S. 29ff.). Zentrale Annahmen sind dabei, erstens, dass Handeln nur dann beobachtet werden kann, wenn es kommunikativ ist, und zweitens, dass Handlungen nur dann Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit sind, intersubjektive Bedeutung erlangen, wenn sie kommuniziert werden. Knoblauch beschreibt das Bezugsproblem des von ihm entwickelten Ansatzes, um dann Ähnlichkeiten und Differenzen zum Sozialkonstruktivismus zu erörtern. Das Kapitel kommt ohne spezifischen Bezug auf Räume aus, bildet aber eine gute Einführung zu Knoblauchs Ansatz, dessen Potentiale und Relationen aufgezeigt, als vielfältig anschlussfähig ausgewiesen (Diskurstheorien, Praxistheorien, Aktor-Netzwerk-Theorie; vgl. S. 18) und in folgenden Kapiteln aufgegriffen werden. Mit Reiner Kellers Ausführungen zur „symbolische[n] Konstruktion von Räumen“ ist ein weiterer, originär an kommunikativen Prozessen orientierter Ansatz in dem Band vertreten: die Wissenssoziologische Diskursanalyse (WDA). Als herausragender Vorteil dieser Theorie wird das Analysevokabular herausgearbeitet, das es ermöglicht, auch Aspekte jenseits der reinen Zeichenpraxis zu berücksichtigen. Der von Foucault übernommene Dispositivbegriff erlaubt es Keller, auch jene Materialitäten in den Blick zu nehmen, die für die symbolische Ordnung konstitutiv sind. Auch dieser Beitrag stellt eine griffige Einführung dar, die jenseits der Beschäftigung mit Raum, einen guten Startpunkt für die Beschäftigung mit der WDA bildet.

Martina Löw Beitrag ist der erste, der sich dezidiert für das Verständnis von Räumen interessiert. Die Verfasserin nähert sich darin aus methodologischer Perspektive der Frage, wie Räume konstituiert und über Kommunikation etabliert werden. Löw geht davon aus, dass man auf die Konstruktion von Raum nur über Beobachtungen, nicht jedoch über Interviews zugreifen könne. Damit verbunden ist ihr Plädoyer, den Forschungsschwerpunkt auf das Sprechen zu legen. Löws Ansatz ist demnach keine Text- oder Sprachanalyse, sondern ein auf die Handlungspraxis gerichteter Ansatz. Im Fokus dessen stehen die Konzepte des ‚Spacing‘ und der ‚Syntheseleistung‘. In der gleichzeitigen Berücksichtigung von Sprech- und Körperhandlungen und damit von Materialitäten liegt die Stärke dieses Ansatzes, der es ermöglicht, raumbezogene Wissens- und Erfahrungsstrukturen zu erschließen. Christmann versteht ihren eigenen Beitrag als Darstellung einer Weiterentwicklung des kommunikativen Konstruktivismus. Theoretische Bezugspunkte sind Knoblauchs und Löws Positionen, die in den vorherigen Kapiteln dargestellt wurden. Christmann legt zunächst dar, wie aus „subjektivem raumbezogenem Wissen […] gemeinsam geteiltes Raumwissen“ (S. 20) wird, das dann wiederum Kulturräume konstituiert. Leitende Annahme ist, dass Raumkonstitutionen und -konstruktionen nicht statisch und irgendwann als abgeschlossen zu betrachten sind, sondern als dynamisch zu gelten haben. Daher spricht Christmann von theoretischen Konzepten der kommunikativen Raum(re)konstruktion. Christmanns Beitrag rundet den theoretischen Teil des Bands ab, präsentiert (im Vergleich zu den vorangegangenen Aufsätzen) die jüngste theoretische Konzeption für den Umgang mit der kommunikativen Entstehung von Räumen und schlägt die Brücke zum zweiten, analytisch-empirischen Teil.

Den Auftakt zum zweiten Teil macht Heidi Fichter-Wolf. Sie nimmt interkulturelle Praktiken in den Blick, um darüber den Prozess der Europäisierung näher zu erläutern. Im Fokus stehen europäische Grenzregionen am Beispiel einer deutsch-polnischen Hochschulkooperation. Annika Noack und Tobias Schmidt analysieren am Fallbeispiel Berlin-Moabit Kommunikationsprozesse innovativer Raumpionier-Ideen innerhalb und zwischen Akteursgruppen. Theoretisches Rüstzeug sind insbesondere die Ansätze von Knoblauch und Christmann sowie innovationstheoretische Konzeptionen. Auf diese Weise identifizieren sie die Relevanz der Positionen von Ideengebern und Kommunikationsstilen in Gruppen als Faktoren, die beeinflussen, ob und inwieweit (Raumpionier-)Ideen ihre Wirkung entfalten, Stadtquartiere umgestalten und sozialräumliche Probleme lösen können. Auch Hans-Joachim Bürkner stellt (Um-)Gestaltungsprozesse von Stadtquartieren an einem Beispiel (Schiffbauergasse in Potsdam) dar. Ein zentraler Unterschied resultiert jedoch aus dem unterschiedlichen theoretischen Rahmen, der für Bürkner durch den Ansatz der „imaginaries“ (vgl. v.a. S. 185ff.) gegeben ist. Diese werden verstanden als aus Weltanschauungen und Ideologien abgeleitete Vorstellungsinhalte. Es wird angenommen, dass diese die sozialen Kontexte, kommunikativen Strategien, Handlungsarenen und änhliches bestimmen, deren Zusammenwirken imaginaries kreiert, verschiedene imaginaries miteinander in Verbindung setzt und auf diese Weise Räume konstituiert.

Gertraud Koch beleuchtet, was an der Schnittstelle und durch die Verbindung von realem und virtuellem Raum passiert, wie es durch digitale Aufladung zur Rekonfigurationen des Raums kommt, aus Städten, Regionen und Landschaften augmented realities werden. Kochs These ist dabei, dass rein physische Präsenz in einem Raum heute allenfalls ausreiche, den „faktischen Raum“ zu erfahren (S. 211). Der soziale und symbolisch gedeutete Raum hingegen könne und werde von jedem unterschiedlich erfasst, da die „Durchdringung mit verschiedenen digitalen Hypertexten“ (S. 211) Raum-Nutzern und Usern jeweils anders zugänglich sei. Ursächlich dafür seien vor allem die verschiedene Hard- und Softwareausstattung sowie die Ressourcenvariation. Ursula Stein startet mit der Annahme, dass Kommunikation immer „ein wichtiges Element in der Stadt- und Regionalplanung“ gewesen sei (S. 223), doch mangele es bislang an einem Modell, das in systemischen und konstruktiven Überlegungen wurzle. Stein will diesen Ansatz zu liefern, um damit eine theoretische Lücke zu füllen. Den Hintergrund bildet die Überlegung, dass qua „Begegnung, Kommunikationen und gemeinsame[n] Erfahrungen“ (S. 22) eine Möglichkeit bestehe, die Wirklichkeitswahrnehmungen unterschiedlicher Akteure und Akteurssysteme einander verständlich zu machen oder gar einander anzunähern.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass der Sammelband nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der „kommunikativen Konstruktion von Räumen“ liefert, sondern insbesondere einen starken ersten Teil aufweist. Dieser bietet einen guten, umfassenden Überblick über aktuelle und sich in der Entwicklung befindliche Theorien, die sich mit der sozialen, insbesondere der kommunikativen Konstruktionen beschäftigen. Es ist ein großer Vorteil, dass die ‚Erdenker‘ der Ansätze mit Beiträgen in diesem Band vertreten sind und der Leser so eine ‚Firsthand-Insight‘ bekommt. Davon profitieren die einzelnen Kapitel und der gesamte Sammelband, dessen zweiter Teil auf einem starken und soliden Fundament aufbauen kann. Es kann als Bereicherung gelten, dass die theoretischen Positionen des ersten Teils hier mit konkreten und direkten Anwendungen und Beispielen in Verbindung gesetzt werden. Auf diese Weise bietet das Buch fast für jeden etwas: den Theoretiker, den Praktiker, jene, die sich mit dem Konstruktivismus allgemein, und jene, die sich im spezifischen mit Räumen auseinander setzen (wollen).

Zitation
Marie-Kristin Döbler: Rezension zu: Christmann, Gabriela B. (Hrsg.): Zur kommunikativen Konstruktion von Räumen. Theoretische Konzepte und empirische Analysen. Wiesbaden  2016 , in: H-Soz-Kult, 22.01.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25171>.
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Veröffentlicht am
22.01.2016
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