M. Kirchner: Hochschulreform und Studentenrevolte in Italien 1958–1974

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Titel
Hochschulreform und Studentenrevolte in Italien 1958–1974.


Autor(en)
Kirchner, Matthias
Erschienen
Paderborn 2015: Schöningh
Umfang
492 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Morvarid Dehnavi, Allgemeine Erziehungswissenschaft, insbesondere Historische Bildungsforschung, Helmut-Schmidt-Universität, Universität der Bundeswehr Hamburg

Matthias Kirchner verfolgt mit seiner Dissertation das Ziel, die italienischen Hochschulreformen zwischen den Jahren 1958 und 1974 zu untersuchen und dabei die Wechselwirkung zwischen Hochschulreform und Studentenbewegung aufzuzeigen. Die Forschungslage zu den Hochschulreformen und den Protesten an den Universitäten hat sich besonders in den letzten Jahren verbessert. Während die Studentenproteste lange Zeit als Teil von ‚1968‘ fokussiert und kontrovers als wirkungsmächtige Zäsur, als von den Protagonisten selbst aufrechterhaltener Mythos oder als Misserfolgsgeschichte diskutiert wurden[1], hat seit Ende der 1990er-Jahre eine systematische Erforschung der Proteste als Gegenstand der Geschichtswissenschaft eingesetzt.[2] Kirchners Studie knüpft an diese Forschungslinie der ‚langen 60er Jahre‘ als Transformationsphase an und stellt dabei die „Hochschulreform als politische und gesellschaftliche Herausforderung der 1960er Jahre in Italien“ (S. 10) in den Mittelpunkt. In seiner Einleitung hebt er hervor, dass die Frage nach der Wechselwirkung zwischen Reform und Protest „mit der in Italien umstrittenen Frage nach einem Erfolg oder Misserfolg der Reformpolitik des centro-sinistra“ (S. 21) verbunden ist. Der zeitliche Schwerpunkt seiner Untersuchung liegt daher zwischen 1958, beginnend mit der apertura a sinistra-Regierung (1958–1962), bis 1974, dem Ende der Ära der centro-sinistra-Regierung (1963–1974). Damit untersucht er eine spannungsreiche Phase Italiens, die von bildungspolitischen Debatten um den Reformgesetzesentwurf Legge Gui, dessen Ablehnung im Parlament sowie den studentischen Protesten an den Universitäten geprägt war.

Kirchners Analyse erfolgt anhand eines Quellenkorpus mit teils jüngst freigegebenen Beständen, der durch gedruckte Quellen ergänzt wird. Letzteres gilt insbesondere für die Rekonstruktion der hochschulpolitischen Forderungen und Aktionen der Studentenorganisationen. Eine zentrale empirische Grundlage seiner Untersuchung bilden Aktenbestände des Erziehungsministeriums zur Hochschulreformpolitik. Zudem greift Kirchner auf Parteidokumente, gedruckte Sitzungsprotokolle des Parlaments, Quellensammlungen zur Studentenbewegung, Fachzeitschriften zur Schul- und Hochschulpolitik, Tages- und Wochenzeitungen als auch auf autobiographische Schriften beteiligter Akteure zurück.

Die Untersuchung umfasst insgesamt fünf Kapitel, die chronologisch aufgebaut sind. Auch wenn der Schwerpunkt der Arbeit auf der reformorientierten Zeit der Mitte-Links-Regierung liegt, beginnt Kirchner seine Studie mit einer Analyse der historischen Rahmenbedingungen und strukturellen Ursachen der italienischen Hochschulkrise. In diesem ersten Kapitel widmet er sich zum einen der Entwicklung des modernen italienischen Hochschulwesens von 1815 bis 1948 und zeigt auf, wie die Universitäten seit dem 19. Jahrhundert bis in die 1960er-Jahre ungebrochen zentralistisch, selektiv, bürokratisch und autokratisch als Eliteuniversitäten konzipiert waren. Zum anderen beschreibt er in diesem Kapitel die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen zwischen 1948 und 1974 und zeichnet die Entwicklung Italiens zu einem modernen und demokratischen Industrieland nach, die, wie Kirchner konstatiert, eine Krise der Hochschulen auslöste.

Im zweiten Kapitel widmet sich Kirchner der Hochschulpolitik und den Reformdebatten zwischen 1948 und 1962 und arbeitet Kontinuitäten und Veränderungen im hochschulpolitischen Diskurs heraus. Während die politischen Akteure in der Zeit der centrismo-Regierung (1948–1958) lediglich Schulreformen thematisieren und nur wenig Bewusstsein für notwendige umfassende Hochschulreformen erkennbar ist, zeigt Kirchner für die Phase der apertura a sinistra-Regierung (1958–1962) eine Wende in den Reformdebatten auf. Diese führt er auf sozioökonomische Entwicklungen zurück, in deren Rahmen die Reformierung der Bildungsinstitutionen von verschiedenen Akteuren aus unter anderem Politik, Universität und Industrie als Voraussetzung einer modernen und demokratischen Gesellschaft bewertet werden. Auch wenn die Krise des Bildungssystems einstimmig diagnostiziert sowie die Forderung einer umfassenden Reform bereits hier von allen Akteuren formuliert wird, unterscheiden sich die Forderungen, so Kirchner, insbesondere bei den Themen „Demokratisierung, der Rolle der Studenten und dem strukturellen Aufbau der Universität“ (S. 147).

Im dritten Kapitel betrachtet Kirchner die Zeit zwischen 1963 bis 1965, der Kernphase der Reformpolitik im Schul- und Hochschulwesen durch die centro-sinistra-Regierung. Erstmals seit der Gründung der Republik wird hier durch die Commissione Ermini ein gemeinsamer Entwurf für eine umfassende Hochschulreform ausgearbeitet. Dieser beinhaltet nicht nur quantitative Maßnahmen, sondern auch Reformen der Lehr- und Studienpläne, der Organisationsstruktur sowie der Partizipationsmöglichkeiten. Dass die Aufbruchsstimmung nicht lange währte, führt Kirchner auf gesamtgesellschaftliche Veränderungen ab den Jahren 1963/64 zurück. Diese lösten Konflikte zwischen den Koalitionspartnern aus und hatten eine Abkehr von den progressiven Vorschlägen der Commissione Ermini zugunsten einer konservativen Ausrichtung zur Folge. Der endgültige Gesetzesentwurf, die Legge Gui, lag 1965 dann zwar vor, wurde jedoch in dieser Form nicht von allen Akteuren akzeptiert.

Im vierten Kapitel widmet sich Kirchner ausführlich den Debatten um die Legge Gui und dem Beginn der Studentenrevolte zwischen 1965 und 1967. In seiner Analyse zeigt er die Spaltung der politischen Akteure in zwei Lager auf; die „linken Parteien als Befürworter tiefgreifender Reformen“ und die „konservativ-liberale[n] Parteien“ (S. 287). Ähnliches beschreibt er auch für die akademischen Akteure und unterscheidet zwischen „Lehrbeauftragte[n], Assistenten und Studenten“ einerseits und „Professoren und Rektoren“ (S. 287) andererseits. Die unterschiedlichen Positionierungen verdeutlicht er an Reformvorschlägen wie zum Beispiel zur Einführung der dipartimenti-Struktur, die ein Aufbrechen des autoritären Lehrstuhlsystems zur Folge gehabt hätte, oder auch zur Demokratisierung, die insbesondere mit der Forderung nach Mitbestimmung der Studierenden und Assistent/innen einherging. Dabei zeigt er verschiedene Strömungen innerhalb einzelner Gruppen auf, wie auch die Spaltung innerhalb der Studentenschaft.

Im fünften und letzten Kapitel betrachtet Kirchner die Debatten über die Legge Gui nach der Hochphase der Studentenrevolte und fragt abschließend komprimiert nach Reformprozessen zwischen 1968 und 1974 sowie zwischen 1974 und 1980. Am Beispiel von drei Universitäten, Trient, Pisa und Turin, fasst Kirchner zusammen, wie die Proteste der Studierenden mit den geplanten Hochschulreformen, die sich letztlich auf die Öffnung der Hochschulen für eine breite Masse und auf erste Expansionsmaßnahmen beschränkten, zusammenhingen. Kirchner kommt zu dem Schluss, dass das Scheitern der Legge Gui nicht allein auf die Studentenbewegung zurückzuführen ist, auch wenn diese die Krise innerhalb der Koalition deutlich verschärfte, sondern viel mehr auf die langwierigen und konflikthaften Aushandlungsprozesse in den Jahren zuvor (S. 415).

Auch wenn der Titel der Monographie suggeriert, dass Hochschulreform und Studentenrevolte gleichermaßen in die Analyse einbezogen werden, fällt auf, dass der Schwerpunkt der Studie auf der Hochschulreformpolitik der Mitte-Links-Koalition sowie den Positionierungen verschiedener politischer Akteure in den ‚langen 60er Jahren‘ Italiens liegt, zu denen auch die Studierenden zählen. Die Analyse der Studentenrevolte in ihrer Diversität und in ihrer Bedeutung für die Hochschulreformentwicklung findet im Vergleich weniger differenziert statt. Dass diese Perspektive ausbleibt und lediglich eine zusammenfassende Betrachtung der drei ausgewählten Universitäten stattfindet, begründet Kirchner selbst mit der schwierigen Quellenlage in italienischen Archiven. Eine ausführlichere universitätsspezifische Analyse der studentischen Proteste hätte jedoch tiefergehende Ergebnisse ermöglicht. Wünschenswert wäre zudem gewesen, wenn Kirchner seine Ergebnisse zur Hochschulpolitik und Studentenbewegung in den ‚langen 1960er-Jahren‘ Italiens vor dem Hintergrund bestehender internationaler Forschungsergebnisse gedeutet hätte. Zusammenfassend bleibt dennoch festzuhalten, dass Matthias Kirchners Studie einen lesenswerten Blick auf die italienischen Reformdebatten, deren Umsetzungsversuche sowie auf die Forderungen und Kritiken beteiligter Akteure bietet.

Anmerkungen:
[1] Hermann Lübbe, Der Mythos der „kritischen Generation“. Ein Rückblick, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 20 (1988), S. 17–25; Wolfgang Kraushaar, 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur, Hamburg 2000; Kai Diekmann, Der große Selbst-Betrug, München 2007.
[2] Arthur Marwick, The Sixties. Cultural Revolution in Britain, France, Italy, and the United States, Oxford 1998; Axel Schildt / Detlef Siegfried (Hrsg.), Between Marx and Coca Cola. Youth Cultures in Changing European Societies, 1960–1980, New York 2006; Anne Rohstock, Von der „Ordinarienuniversität“ zur „Revolutionszentrale“. Hochschulreform und Hochschulrevolte in Bayern und Hessen 1957–1976, München 2010.

Zitation
Morvarid Dehnavi: Rezension zu: : Hochschulreform und Studentenrevolte in Italien 1958–1974. Paderborn  2015 , in: H-Soz-Kult, 14.11.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25217>.
Redaktion
Veröffentlicht am
14.11.2016
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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