Titel
Speer. Hitler's Architect


Autor(en)
Kitchen, Martin
Erschienen
New Haven 2015: Yale University Press
Umfang
xii + 442 S.
Preis
€ 22,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kim Christian Priemel, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Mehrere hundert Seiten schwer war der Band, den der Publizist Adelbert Reif 1978 vorlegte, und er versprach nicht weniger, als „ein deutsches Phänomen“ auszuleuchten. Die Riege der Beiträger – es handelte sich fast durchweg um Nachdrucke von Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln – las sich illuster: Hugh Trevor-Ropers frühe Skizze von 1948 war ebenso darunter wie Rezensionen Golo Manns und Karl-Dietrich Brachers, ein Kapitel aus der Feder Joachim Fests stand neben Alexander Mitscherlichs Psychoanalyse, Carl Zuckmayers warme Worte fanden sich neben den kritischen Perspektiven Günter Kunerts und Elias Canettis wieder. Und in einer vom Herausgeber unreflektierten Volte kam auch das Objekt der Debatte selbst wiederholt zum Wort: Albert Speer steuerte neben seinen Nürnberger Vernehmungsprotokollen zwei kleinere Texte zum Gemeinschaftswerk bei, wie um zu unterstreichen, dass die Historisierung der eigenen Person ihren Ausgang noch immer bei ihm selbst nahm.[1]

Reifs Sammelband erschien bemerkenswerterweise vor der inzwischen opulenten Reihe von Biographien und Teilstudien zu Speers Karriere, die 1981 mit der Dissertation Matthias Schmidts ihren Anfang nahm und in den folgenden zwanzig Jahren unter anderem um die Monographien von Gitta Sereny, Dan van der Vat, Susanne Willems und Joachim Fest ergänzt wurde [2], ehe Heinrich Breloer mit seinem Multimediaereignis ‚Speer und Er‘ 2005 einen ersten Schlussstein setzte.[3] Abseits dieser meist für eine breitere Leserschaft verfassten Bücher hat sich eine Vielzahl politik-, wirtschafts- und architekturhistorischer Studien immer wieder an Speer abgearbeitet, zuletzt vor allem an den vermeintlichen Wundertaten, die er als Rüstungsminister unter alliiertem Dauerfeuer vollbracht zu haben beanspruchte.[4] Unvermeidbar grob, aber doch ohne allzu große Verzerrungen lassen sich im regalfüllenden Bestand der Speer-Literatur drei Klassen unterscheiden: die Psychogramme (Sereny, Mitscherlich, Breloer), die Entmystifizierungen (Willems, Schmidt, Vat, Tooze, Scherner/Streb) und die Typologien (Haffner, Trevor-Roper, Fest, Speer).

Martin Kitchens – etwas irreführend mit „Hitler’s Architect“ untertitelte – Biographie schickt sich nun an, diese drei Stränge zu kombinieren und eine konsolidierte, umfassende und durchweg kritische Perspektive auf Speer zu eröffnen. Spektakuläre Archivfunde hat der britisch-kanadische Emeritus nicht vorzuweisen – das Aktenverzeichnis kommt mit einem knappen Dutzend Signaturen aus –, doch die benötigt Kitchen auch gar nicht, sind doch die Fakten hinlänglich bekannt und weitgehend unstrittig. Der lange Zeit kontroverse Status Speers in der Geschichte der NS-Herrschaft ist ein Deutungsproblem, nicht eines fehlender Informationen. Und so rollt Kitchen die bekannten biographischen Stationen Speers souverän und ohne große Überraschungen aus: die bürgerliche Herkunft und Sozialisation; das wenig bemerkenswerte Architekturstudium; der frühe Beitritt zur NSDAP 1931 und der damit verbundene, rasche Aufstieg zu dem Architekten des „Dritten Reichs“ schlechthin; die Berufung an die Spitze der deutschen Rüstungswirtschaft; Nürnberger Prozess und Spandauer Haft; und schließlich seine zweite Karriere als „intimer Hitler-Kenner […], als Weltautor und führender Zeitzeuge des Dritten Reiches“.[5] Von den Lichtdomen des Reichsparteitagsspektakels über die megalomanen Pläne, Berlin zur Welthauptstadt „Germania“ umzubauen, von den V-Waffen bis zur erklecklichen Zusammenarbeit mit dem Lektoren- und Verlegerteam Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler: es fehlt nichts. Wer alle relevanten Informationen zu Speers Karriere, auf 400 flüssig geschriebenen und bündig erzählten Seiten sucht, wird hier fündig werden.

Doch Kitchens Anliegen ist ein anderes. Seine Biographie verfolgt vor allem einen Zweck: den Mythos Speer – oder das was davon noch geblieben ist – nachhaltig einzureißen, keiner der vielen Lebenslügen seines Protagonisten auf den Leim zu gehen und die Fallstricke früherer Biographen zu vermeiden. Mit diesen geht er nicht zimperlich um. Serenys allzu große Empathie (“the sadness and loneliness I would find in him”[6]) liegt ihm zurecht fern, und den analytischen Gewinn, den die Journalistin nach zwölf Jahren Arbeit zu bieten hatte, hält er für “a singularly modest return for all her efforts.” (S. 363). Fests defizitäre Fähigkeiten bei der methodischen Grundanforderung des historischen Handwerks, der Quellenkritik, kommentiert Kitchen säuerlich, zumal eingedenk Fests eigenen Spitzen gegen die Historikerzunft (S. 11, 333). Breloers Opus wiederum wird als “timid step forward” zur Entmystifizierung Speers abqualifiziert (S. 335). Lediglich den knappen Skizzen Haffners und Trevor-Ropers fühlt sich Kitchen verbunden (wie auch Schmidts Dissertation, auf deren Ergebnisse er ganz maßgeblich baut), wiewohl ihm diese notwendigerweise zu kurz greifen.

Doch mehr noch als die Biographen ist es Speer selbst, der den scharfen Kommentaren Kitchens nicht entkommt. Der lebenslange Public Relations Manager seiner selbst, wird hier zum Kaiser ohne Kleider. Die dramatische Szenerie von Speers Geburt erweist sich ebenso als Hirngespinst eines geltungsbedürftigen Aufsteigers wie der vermeintlich bürgerliche Anstand im nationalsozialistischen Nest der Korruption, den Trevor-Roper und Fest hervorgehoben hatten. Kitchen zeigt, dass Speer schon früh verstand, wie das NS-Regime funktionierte, und virtuos auf der Klaviatur von Nepotismus, Korruption und Zwang zu spielen wusste. Sein vermeintliches Rüstungswunder schreibt Kitchen in einer ersten Phase den von Fritz Todt gelegten Grundlagen zu, um dann die zweite als statistische Augenwischerei zu enttarnen, von Rolf Wagenführ geschickt kompiliert und von Speer ebenso gekonnt inszeniert. Seine Rolle bei der Entrechtung und Ausweisung der jüdischen Bevölkerung Berlins, seine Zusammenarbeit mit dem Zwangs- und Vernichtungsapparat von SS und Sicherheitspolizei sowie seine zentrale Rolle in der Organisation der Kriegswirtschaft und damit auch der Zwangsarbeit werden klar umrissen und unzweideutig bewertet: Speer war nicht nur dabei, sondern mittendrin in den Entscheidungsprozessen, die den NS-Verbrechen zugrunde lagen. Seine vermeintliche Unkenntnis der deutschen Vernichtungspolitik – spätestens seit einem 2007 aufgetauchten Brief aus der Feder Speers über seine Anwesenheit bei Himmlers berüchtigter Posener Rede widerlegt – war schon aus der Fülle seiner Zuständigkeiten, Netzwerke und Informationsströme heraus nie plausibel, wie Kitchen unterstreicht. Serenys vermeintlich entscheidender Punkt, wenn Speer geahnt habe, dann habe er auch gewusst, gerät damit zur sophistischen Marginalie. Und auch sonst ist Kitchens Buch unerbittlich: Speers architektonische Leistungen waren laut Kitchen weder originell noch handwerklich gelungen, die gigantische Neue Reichskanzlei ein veritables Kosten-Nutzen-Fiasko. Privat blieb der distanzierte, ambitionierte und hochegoistische Opportunist freud- und freundlos, worunter nicht zuletzt seine “seriously dysfunctional family” litt (S. 343).

In einem der Kernkapitel, das die bislang beste Deutung von Speers Auftritt vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg bietet, zeichnet Kitchen Speers „meisterhafte“ (S. 286) Strategie nach. Mit einer rhetorisch umfassenden, tatsächlich aber eng begrenzten Verantwortungsübernahme, die zugleich jede moralische Schuld bestritt, gelang es ihm, den Eindruck von Einsicht und Selbstreflektion, ja von Reue, zu erwecken. Bewusst, dass er sich vom Gros seiner Mitangeklagten qua Bildung und Habitus abhob, setzte der ehemalige Minister auf eine Strategie, die scheinbare Selbstinkriminierung mit Schuldabwälzen (insbesondere auf Fritz Sauckel, “a bullnecked demagogue with impeccable Jew-baiting credentials and dogged devotion to his Führer“, S. 151) und düsteren, pseudo-profunden Warnungen vor der Hydra von Technologie und Totalitarismus verband. Sebastian Haffners Vorlage von 1944 aufnehmend, kleidete sich Speer, stets der “consummate role player”, in die Persona des Technokraten, der professionell, aber unideologisch sein Bestes gegeben und zu spät realisiert habe, dass seine Talente für den falschen Zweck missbraucht worden waren. Vom “pure technician” und “technocrat”, als den ihn Haffner, Trevor-Roper und Fest beschrieben[7], wurde er zum „soul-searching prisoner, and finally [the] best-selling penitent who provided an alibi for an entire nation.” (S. 287)

Im Grunde begann Speers Karriere erst mit dieser Transformation. Ohne den Nürnberger Katalysator wäre er eine von zahlreichen hochrangigen, aber doch nicht herausragenden Gestalten des Regimes geblieben. Im Gewand des Hitler-Vertrauten, der paradogmatischen Managerfigur und des gewissensgeplagten Sünders jedoch avancierte er zugleich zum obersten Gewährsmann für die NS-Deutung und zur Chiffre für die NS-Herrschaft per se. Gerade die typologische Selbst- und Fremddeutung als jene Figur, mit der die destruktive Dynamik und verheerende Effizienz des „Dritten Reichs“ scheinbar erklärbar wurde, trieb die Interpretationen Trevor-Ropers und vor allem Fests an. Wie der Journalist, trotz aller, immer wieder protokollierter Zweifel an Speers Glaubwürdigkeit, wie sie in seinen später veröffentlichten Notizen zum Ausdruck kommen[8], zum Steigbügelhalter des post-Spandauer Speers wurde, zeichnet Kitchen wünschenswert deutlich nach.

Gelegentlich aber schießt er über das Ziel hinaus, auch mit Blick auf Fest. Seine Argument, dieser habe nicht akzeptieren können, dass ein grundbürgerlicher Mensch wie Speer, vom gleichen Schlage wie er selbst, ein ebensolcher Krimineller zu sein vermochte wie die anderen Regimegrößen auch, verkennt, dass es eben diese Dissonanz war, die Fests Erkenntnisinteresse befeuerte – ganz davon abgesehen, dass der FAZ-Herausgeber Speer keineswegs als intellektuell Gleichen wahrnahm, sondern dessen kleinbürgerliches Pathos als „spießige[n] Bildungskitsch“ verspottete. [9] Auch an anderen Stellen lässt sich Kitchen allzu leicht von der Verve der eigenen Urteilskraft davontragen. Von einer “‘Speer-Himmler Axis’” zu sprechen, die zu feiern der eigentliche Anlass der Posener Tagung gewesen sei, verzerrt die Relationen und bedient sich zu freimütig der Formel von Dietrich Eichholtz, der hier als einziger Beleg genannt wird (S. 181 f.). Man mag Kitchens Abneigung gegenüber seinem Protagonisten teilen, doch die Wucht der Demaskierung verfehlt hier ihr Ziel gleich doppelt: zum einen, da die Maske längst gefallen ist, zum anderen weil die Beschreibung des darunter liegenden Antlitzes zu unpräzise gerät. Zudem kann Kitchen am Ende gar nicht anders, als ganz ähnlich wie Trevor-Roper und Fest im Typus Speer die Antwort auf die Frage zu finden, wie der NS-Staat funktionieren konnte: “He was of the type that made National Socialism possible” (S. 371). Doch wie viele solcher Typen gab und gibt es? Die Anspielung auf T. S. Eliots ‚Hollow Men‘ hilft hier auch nicht weiter. Und so ist am Ende das vielleicht interessanteste Ergebnis von Kitchens Studie das am wenigsten intendierte: je länger die Lektüre dauert, desto weniger interessant erscheint Speer. Spannend ist eigentlich nur die Frage, wie einer so kreuzdurchschnittlichen Gestalt der Nimbus eines „Phänomens“ anhaften und sie Jahrzehnte währende Kontroversen auslösen konnte. Vielleicht ist dies auch damit zu erklären, dass das akademisch gebildete Bürgertum, ob in journalistischer oder historischer Inkarnation, sich selbst interessant finden möchte.

Anmerkungen:
[1] Adelbert Reif (Hrsg.), Albert Speer. Kontroversen um ein deutsches Phänomen, München 1978.
[2] Matthias Schmidt, Albert Speer. Das Ende eines Mythos. Aufdeckung einer Geschichtsverfälschung, München 1983; Gitta Sereny, Albert Speer. His Battle with Truth, London 1995; Dan van der Vat, The Good Nazi. The Life and Lies of Albert Speer, London 1997; Joachim Fest, Speer. Eine Biographie, Berlin 1999; Susanne Willems, Der entsiedelte Jude. Albert Speers Wohnungsmarktpolitik für den Berliner Hauptstadtbau, Berlin 2002.
[3] Heinrich Breloer, Unterwegs zur Familie Speer. Begegnungen, Gespräche, Interviews, Berlin 2005; ders. und Rainer Zimmer, Die Akte Speer. Spuren eines Kriegsverbrechers, Berlin 2006.
[4] Jonas Scherner / Jochen Streb, Das Ende eines Mythos? Albert Speer und das so genannte Rüstungswunder, in: VSWG 93 (2006), S. 172–196; Adam Tooze, The Wages of Destruction. The Making and Breaking of the Nazi Economy, London 2006, S. 554–579.
[5] Magnus Brechtken, „Ein Kriminalroman könnte nicht spannender erfunden werden.“ Albert Speer und die Historiker, in: ders. (Hrsg.), Life Writing and Political Memoir, Göttingen 2012, S. 35–78, 51.
[6] Sereny, Speer, S. 6, 12.
[7] Sebastian Haffner, Albert Speer. Dictator of Nazi Industry, in: The Observer, 09.04.1944; Hugh Trevor-Roper, Portrait of the Real Nazi Criminal, in: New York Times Magazine, 29.02.1948.
[8] Joachim Fest, Die unbeantwortbaren Fragen. Notizen über Gespräche mit Albert Speer zwischen Ende 1966 und 1981, Hamburg 2015.
[9] Ebd., 91.

Zitation
Kim Christian Priemel: Rezension zu: : Speer. Hitler's Architect. New Haven  2015 , in: H-Soz-Kult, 18.05.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25222>.
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18.05.2016
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