M. Meier: Das andere Zeitalter Justinians

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Titel
Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6. Jahrhundert n.Chr.


Autor(en)
Meier, Mischa
Erschienen
Göttingen 2003: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
739 S.
Preis
€ 112,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Goltz, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

An Büchern über Justinian und seine nach wie vor faszinierende Gemahlin Theodora besteht wahrlich kein Mangel. Im letzten Jahrzehnt haben etwa John Moorhead, James A. St. Evans und Pierre Maraval Monografien über Justinian vorgelegt[1], und erst in jüngster Zeit sind zwei Biografien über Theodora sowie die umfangreiche Arbeit über Justinian von Otto Mazal erschienen.[2] Allerdings hat gerade das zuletzt erwähnte, problematische Werk von Mazal verdeutlicht[3], dass in der Forschung ein Bedarf an originellen Studien besteht, die sich mit neuen Fragestellungen diesem bemerkenswerten Kaiser sowie seiner Zeit nähern und der Wissenschaft neue Impulse verleihen. Eine solche innovative Studie gilt es im Folgenden zu besprechen: Es handelt sich um die - obgleich um wichtige und bereits an anderer Stelle veröffentlichte Teile gekürzte [4] - monumentale Habilitationsschrift (739 Seiten!) des nunmehr in Tübingen lehrenden Althistorikers Mischa Meier, die von der Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie der Universität Bielefeld im Sommersemester 2002 angenommen und vor kurzem auf dem Historikertag in Kiel mit dem Habilitationspreis des Verbandes der HistorikerInnen Deutschlands ausgezeichnet wurde.

Die zentrale Fragestellung von Meiers Arbeit lautet: Welche Bedeutung besaßen die Erfahrung und Bewältigung der im 6. Jahrhundert in einer außerordentlichen Dichte und Schwere auftretenden Katastrophen (militärische Rückschläge, blutige Aufstände, vor allem aber verheerende Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Epidemien, Mißernten, Sonnenfinsternisse, Kometen usw.) - also von Kontingenz, wie Meier dies im Anschluss insbesondere an Alfred Heuß [5] nennt (S. 23) - für die Entwicklung von Justinians Herrschaft? Ausgangspunkt für Meiers Analyse ist der Umstand, dass bereits unter Kaiser Anastasios (491-518), verstärkt aber während der Regierungszeiten Justins I. (518-527) und Justinians (527-565) das Ostreich von außergewöhnlich vielen und gravierenden Katastrophen erschüttert wurde, was durch die im Anhang befindliche "Liste mit Katastrophen im Oströmischen Reich zwischen 500 und 565" (S. 656-670) eindrucksvoll verdeutlicht und wohl auch von naturwissenschaftlicher Seite bestätigt wird (Ausbruch des Krakatau und Hinweise auf Klimaveränderungen Mitte des 6. Jahrhunderts beim Baumwachstum und in den Sedimentschichten des Toten Meeres).

Meier verbindet in seiner Arbeit zwei methodische Ansätze, einen politikgeschichtlichen und einen mentalitätsgeschichtlichen: Einerseits will er den Umgang Justinians mit diesen Katastrophen untersuchen, insbesondere inwieweit sie die Maßnahmen und das politische Handeln des Kaisers beeinflusst haben; andererseits will er den Auswirkungen der Katastrophen auf die Reichsbevölkerung Aufmerksamkeit widmen. Welche Einfluss hatten sie auf die Mentalität(en) der Menschen des 6. Jahrhunderts, welche Deutungsmuster und Bewältigungsstrategien wurden entwickelt? Dass der zweite Ansatz aufgrund der Quellenlage problematisch ist, sieht auch Meier (vgl. S. 36ff.), doch versucht er dies durch die Art der Fragestellung, die Kontextualisierung der Einzelinterpretation, die Kombination mit archäologischen und siedlungsgeschichtlichen Befunden sowie mit Analogieschlüssen aus besser erforschten Gesellschaften zu kompensieren. Schließlich will Meier "die beschriebenen beiden Stränge zusammenführen, um so aufzuzeigen, ob und in welcher Weise bestimmte Reaktionen auf Katastrophen innerhalb der Bevölkerung […] Einfluß auf Regierungsmaßnahmen Justinians hatten und wie diese Maßnahmen wiederum von den Zeitgenossen aufgenommen wurden. Ziel der Arbeit ist somit, die Interaktion - jeweils verstanden als Interreaktion auf bestimmte Katastrophen - von Kaiser und verschiedenen Gruppen innerhalb der Bevölkerung darzustellen und als wesentliches Movens für politisch-gesellschaftliche sowie mentalitätengeschichtliche, insbesondere religiöse Entwicklungen im 6. Jahrhundert herauszuarbeiten" (S. 25). Die Entwicklungen während der Herrschaft Justinians, so Meiers Kernthese, wurden weit weniger durch die Person des Kaiser oder sein (von Meier für die frühen Jahre abgelehntes) Restaurationsprogramm bestimmt, wie in der älteren Forschung vermutet, als vielmehr von den zahlreichen Katastrophen während seiner Regierung. Dabei stellt Meier dar, dass das "Zeitalter Justinians" keine kohärente Phase bildete, sondern einen Bruch in den 540er-Jahren aufweist und Züge einer Übergangsphase von "Ostrom" zu "Byzanz" trägt (hierzu weiter unten).

Meier führt seine Untersuchung in fünf großen Kapiteln mit einer abschließenden Zusammenfassung durch. Im ersten Kapitel "Vorüberlegungen: Mentalitäten und Katastrophen" (S. 11-44) werden die Voraussetzungen und methodischen Grundlagen der Studie geklärt. Meier bietet einen Abriss der heidnischen, vor allem aber christlichen chiliastischen Vorstellungen von der Kaiserzeit bis in die Spätantike. Dabei arbeitet er die Bedeutung der Zeitalterberechnungen heraus, die zum einen von einem 1.000 Jahre-Rhythmus in Verbindung mit der sechs Tage währenden Schöpfungswoche und damit von einem Ende der Welt nach 6.000 Jahren ausgingen und die zum anderen Rom in die Abfolge der Weltreiche in der Prophezeiung Daniels einbanden und mit dem Schicksal der Welt verknüpften. Die meisten Berechnungen deuteten dabei auf ein Weltende um das Jahr 500 n.Chr., was in einigen Katastrophen und im Namen des damals regierenden Kaisers Anastasios (Verbindung zu anastasis, "Auferstehung") eine zusätzliche Bestätigung zu finden schien. Tatsächlich lassen sich unter Anastasios im Osten vermehrt Endzeiterwartungen feststellen.[6] Da die Welt während der Regierungszeit dieses Kaisers aber nicht unterging und damit die bisherigen als Orientierungshilfe und als Argument gegen 'unbegründete' Naherwartungen dienenden eschatologischen Modelle versagt hatten, stellt sich die Frage, wie die Menschen im 6. Jahrhundert mit der außergewöhnliche Reihe von Kriegen, Aufständen und Naturkatastrophen - alles Vorzeichen für ein nahes Weltende, das man unter Anastasios ja nur knapp 'verpasst' hatte - insbesondere seit den 540er Jahren umgingen. Wesentlich für Meiers Ansatz ist dabei, dass er von einem hohen Maß an christlicher "Religiosität" im 6. Jahrhundert ausgeht, so dass die erwähnten Probleme in der Tat von großer Bedeutung für die Bevölkerung und nicht nur für einzelne Gruppen waren. Abschließend stellt Meier ausführlich seinen methodischen Ansatz vor und klärt dabei zentrale Begriffe und Problemfelder.

Das zweite Kapitel "Grundvoraussetzungen: Unerfüllte Erwartungen - Der Katastrophendiskurs im 6. Jh. als Spiegel zerbrochener Weltbilder" (S. 45-100) ergänzt die Ausführungen des Ersten. Meier verdeutlicht hier anhand mehrerer Zeugnisse, wie auf heidnischer Seite (Zosimos und Damaskios) mit Pessimismus und Desillusionierung auf die Katastrophen des 6. Jahrhunderts reagiert wurde, während auf christlicher Seite (Orakel von Baalbek, Josua Stylites, Romanos Melodos, Johannes Lydos, Prokop, Agathias) Endzeiterwartungen, Angst und Erklärungsversuche für das Leiden dominierten. In den Grundzügen sind Meiers Folgerungen zweifellos plausibel und bereichern die Forschung um wichtige Erkenntnisse, auch wenn sich immer wieder die schwierige Frage stellt, inwieweit die angeführten Zeugnisse repräsentativ und verallgemeinerbar sind, so dass tatsächlich von einer generellen Verunsicherung der Bevölkerung ausgegangen werden kann. Problematisch erscheint allerdings die These, im Osten habe sich in der Zeit um 500 die Vorstellung durchgesetzt, mit dem Ende des westlichen Kaisertums sei auch das Westreich untergegangen, und dass diese Ansicht "vor dem Hintergrund, dass im Imperium Romanum die Kraft gesehen wurde, die allein dem drohenden Weltuntergang entgegenwirken konnte, von bedrohlicher Relevanz für die Zeitgenossen gewesen" sei (S. 70). Da Konstantinopel auch als zweites Rom galt, der Bestand des Ostreiches und damit des Imperium Romanum als parusieverzögernden Faktors nicht gefährdet war und sich im Übrigen im betroffenen Westen derartige Endzeitstimmungen nicht greifen lassen, ist fraglich, ob dem Schicksal des Westreiches von den Zeitgenossen eine derartige Bedeutung zugemessen wurde. Darüber hinaus ist keineswegs eindeutig, dass die Beurteilung der Lage derart fatalistisch ausfiel. Sicherlich wurde im Osten der generelle Niedergang des Westreichs seit 454/55, das Fehlen eines Kaisers sowie die zunehmende Eigenständigkeit der dortigen 'barbarischen' Herrscher seit Odovacar (476-489/493) und Theoderich (489/493-526) wahrgenommen; angesichts der gravierenden Probleme im eigenen Reich musste man sich aber mit den Verhältnissen im Westen abfinden. Da Theoderich, der ja aus dem Osten gekommen war, die Anerkennung des Kaisers gesucht und erhalten hatte, er die formale Vorrangstellung des Kaisers berücksichtigte und sich die Beziehungen zwischen Ravenna und Konstantinopel relativ friedlich und für beide Seiten akzeptabel gestalteten, konnte man aber in Byzanz die Position vertreten, dass das Hesperium Imperium, wenn auch 'geschrumpft', weiter bestand und (vorübergehend?) von dem Kaiser untergeordneten Germanenkönigen verwaltet wurde, was hinsichtlich der Stellung und Bedeutung des Kaisers nicht einmal von Nachteil war. Ein untergegangenes Reich hätte doch wohl kaum einen oder sogar beide Konsuln stellen können! Betrachtet man die angeführten Quellen (Malchos, Damaskios, vermutlich Eustathios von Epiphaneia, Marcellinus Comes) vor diesem Hintergrund kritisch, so erscheint ihr Aussagewert hinsichtlich der obigen These zweifelhaft.[7]

Im dritten und umfangreichsten Kapitel "Die Herrschaft Justinians und die Katastrophen" (S. 101-341) wendet sich Meier der Politik des Kaisers und möglichen Einflüssen kontingenter Faktoren auf dieselbe zu. Meier gliedert Justinians Herrschaft in zwei Phasen (die Jahre 527-540 und 543-565), die nach Zielen, Inhalten und Methoden der Politik einen "prinzipiell verschiedenartigen Charakter" (S. 102) aufweisen, was nach Meier wesentlich durch die exzeptionelle Reihe schwerster Katastrophen seit den 540er-Jahren bedingt ist. Die Jahre 540-542 bilden dabei eine Art Zwischenphase. In den ersten Jahren seiner Herrschaft betrieb Justinian eine erstaunlich "aktive, energische und von ausgesprochenem Optimismus gekennzeichnete Politik" (S. 104), was sich durch zahlreiche Entscheidungen, Maßnahmen und Aussagen des Kaisers nachweisen lässt. Für Meiers zentrale These nicht ganz unproblematisch ist dabei, dass - wie er selbst bemerkt - dieses Verhalten in auffallendem Kontrast zu der herausgearbeiteten von Orientierungslosigkeit, Ängsten und Endzeiterwartungen geprägten Grundstimmung in der Bevölkerung steht: Offenbar gab es also Gruppen, die diese Vorstellungen nicht teilten. So exzeptionell war Justinian sicher nicht, und zumindest sein Onkel Justin sowie das Umfeld der beiden sind hier ebenso zu berücksichtigen wie die Konkurrenten um die Kaiserherrschaft.

Meier führt Justinians bemerkenswerte Politik der ersten Jahre, die sowohl aus der Sicht des Kaisers als auch einiger Zeitgenossen die Vorstellung eines neuen glücklichen "Zeitalters" rechtfertigten, wesentlich auf das spezifische Selbstverständnis des Kaisers zurück. In seiner vorrangig religiös geformten Wahrnehmung der Welt verstand sich Justinian, in selbst für die Spätantike ungewöhnlich ausgeprägtem Maße, als von Gott - und zwar allein von Gott, dem Volk wird bei der Herrschaftsübertragung keine Bedeutung zugestanden - eingesetzten Herrscher, auf dessen Person und Regierung die besondere Gnade des Herrn ruhte, was sich durch die Erfolge der ersten Jahre eindrucksvoll zu bestätigen schien. So konnten sich Onkel und Neffe bei der Kaisererhebung Justins durchsetzen, im Anschluss ihre wichtigsten Konkurrenten ausschalten und die Herrschaft konsolidieren. Unter tatkräftiger Unterstützung Justinians gelang es, das Akakianische Schisma beizulegen und die Kirchenunion mit dem Westen wiederherzustellen. Darüber hinaus vermochte es Justinian während seiner Alleinherrschaft, die Krisensituationen des ersten Perserkrieges, des Aufstandes der Samaritaner 529/30 und vor allem des Nika-Aufstandes 532 [8] zu bewältigen. Die unerwartet schnelle Sammlung und Veröffentlichung der im Corpus Iuris Civilis vereinigten Rechtstexte stellte ebenfalls eine bedeutende Leistung dar. Schließlich konnte Belisar einen außergewöhnlich raschen und leichten Sieg über die Vandalen erringen, so dass Nordafrika wieder in den Reichsverband eingegliedert wurde. Und der Gotenkrieg machte anfangs ebenfalls gute Fortschritte.

Im Kontext dieser Kriege geht Meier auch auf das in der jüngeren Forschung umstrittene Restaurationsprogramm Justinians ein und legt dar, dass sich das Programm erst im Zuge des unerwarteten und nicht beabsichtigten (geplant sei nur eine Wiedereinsetzung Hilderichs gewesen) Erfolges im Vandalenkrieg herausbildete. Die Argumente Meiers hierfür sind gewichtig. Andererseits ist nicht zu leugnen, dass Justin und Justinian dem Westen bereits frühzeitig besondere Aufmerksamkeit widmeten. Dass hierbei eben nicht allein religiöse Motive eine Rolle spielten, belegen z.B. die Destabilisierungsversuche Konstantinopels bezüglich Theoderichs Herrschaft ab ca. 523, nachdem man zuvor jahrelang mit dem "Arianer" relativ gute Kontakte gepflegt hatte und sich die vorteilhafte Situation der Katholiken im Ostgotenreich nicht, die politische Großwetterlage hingegen schon geändert hatte. Ein regelrechtes Restaurationsprogramm könnte sich in der Tat erst in den 530er-Jahren herausgebildet haben. Allerdings schließt dies ja keineswegs aus, dass nicht schon vorher intensive Bestrebungen existierten, den eigenen Einfluss im Westen zu erhöhen und diesen wieder enger an das Ostreich zu binden, wobei hier vielfältige Optionen denkbar sind (größerer politischer Einfluss, eindeutigere staatsrechtliche Unterordnung der Germanenreiche unter Byzanz, Stationierung von Truppen, Abtretung von Gebieten an den Kaiser usw.). Aufgrund der Probleme im Osten ab 525 (Erdbeben, Perserkrieg, Samaritaner-Aufstand, Nika-Aufstand) und der Möglichkeiten der Einflussnahme im Vandalen- und Ostgotenreich unter Hilderich bzw. Amalasuintha könnten derartige Bemühungen zunächst wieder in den Hintergrund gerückt sein, mit der Absetzung Hilderichs und dem Eingreifen der Byzantiner aber wieder an Dynamik gewonnen und sich zu einem Programm verdichtet haben.

Nach den Erfolgen in den 520er und 530er-Jahren ereigneten sich 540-542 jedoch derart verheerende Katastrophen im Reich - Bulgareneinfall 539/40, Persereinfall 540, Eroberung und Zerstörung Antiocheias 540, Ausbruch der Pest 541/42, die jahrelang wütete und an der auch der Kaiser erkrankte, schweres Erdbeben in Konstantinopel 542, Entfremdung von Belisar, Gefährdung der Erfolge in Italien -, dass sich in Reaktion auf die physischen, materiellen und mentalen Folgen im Reich und aufgrund der persönlichen Bewältigung ein Wandel in der Politik Justinians vollzog. Wie Meier sehr gut herausarbeitet, war die zweite Hälfte der Herrschaft Justinians von einer rapide nachlassenden Aktivität sowie einem kurzfristigen, reaktiven Handeln des Kaisers sowohl in der Außenpolitik (zunehmende Defensive, lediglich mühsame Kontrolle der wichtigsten Krisenherde durch kurzfristige Maßnahmen, Perspektivlosigkeit, Bereitschaft zu friedlichen und für das Reich kostspieligen Lösungen) als auch in der Innenpolitik (nachlassende Durchsetzungskraft in machtpolitischen Konflikten, geringere Gesetzgebungstätigkeit, wobei Anklänge an die altrömische Tradition fehlen, Rücknahme bestimmter Verordnungen, problematische 'Personalpolitik') gekennzeichnet.

Im Gegensatz hierzu wandte sich der Kaiser nun verstärkt der Religions- und Kirchenpolitik zu, die eine Intensivierung und Radikalisierung erfuhr. Wie Meier es prägnant ausdrückt, wandelte sich der "Kirchenpolitiker" Justinian "in dieser Phase zum Theologen" (S. 292), der über das notwendige Sendungsbewusstsein und die erforderlichen Machtmittel verfügte, seine Vorstellungen notfalls auch mit Gewalt (man denke nur an die Behandlung des Papstes Vigilius) durchzusetzen. Meier vertritt dabei die Ansicht, dass Justinians Religions- und Kirchenpolitik - mit Ausnahme des aphthartodoketischen Ediktes am Ende seines Lebens - prinzipiell konstant und konsequent war und sich als beständiger Versuch erweist, "die chalkedonische Glaubensformel im Sinne des von ihm bevorzugten Theologen Kyrillos von Alexandreia neu zu definieren" (S. 293). Nur die Art und Weise und die Mittel der Durchsetzung seiner persönlichen theologischen Vorstellungen hätten sich in den 540er-Jahren geändert. Nun hat Meiers Ansicht viel für sich, und die ältere Vorstellung eines religionspolitischen "Zickzackkurses" als beständige Suche nach einem politischen Ausgleich mit den Monophysiten ist in der Tat problematisch und korrekturbedürftig. Andererseits bilden das erwähnte Edikt und die Annäherungsversuche an die Monophysiten Anfang der 530er-Jahre bereits zwei gravierende Ausnahmen von der postulierten Konstanz, und die Entwicklungen während der Besuche von Papst Johannes I. (525/26, noch unter der Herrschaft Justins, doch spielt Justinian hier bereits eine bedeutende Rolle) und Papst Agapet (536) zeigen, dass Justinians Religionspolitik durchaus von äußeren Faktoren abhängig und anpassungsfähig war. Hier wären vermittelnde Positionen denkbar. Gegenüber Heiden und Samaritanern verfolgte der Kaiser hingegen nunmehr eine gemäßigtere Politik: Zwar wurde öffentlichkeitswirksamer gegen sie vorgegangen, doch weniger brutal als zuvor.

Im anschließenden vierten Kapitel "Reaktionen, Deutungen und Bewältigungsstrategien in der Bevölkerung" (S. 342-426) wendet sich Meier, wie angekündigt, der "Bevölkerung" und ihrem Umgang mit den Katastrophen zu. Anhand verschiedener Beispiele - angefangen beim Kometen des Jahres 520 über Ereignisse in Antiocheia und Konstantinopel bis hin zur Massenhysterie in Amida 560 - zeigt Meier, wie Justinians Herrschaft verschiedentlich als "Zeitalter der Angst" wahrgenommen wurde und die katastrophalen Ereignisse in weiten Teilen der Bevölkerung als ein Versagen der kaiserlichen Schutzfunktion sowie bisheriger religiöser Orientierungssysteme und Bewältigungsstrategien angesehen wurden. Hieraus resultierte wiederum eine verstärkte Kritik am Kaiser, eine Abwendung von staatlichen und eine Hinwendung zu religiösen Schutzmächten sowie die Ausbildung neuer Formen der Frömmigkeit und religiösen Praxis.

Diesen Entwicklungen, ihren Konsequenzen sowie Justinians Reaktionen hierauf ist das letzte und wieder sehr ausführliche Kapitel "Synthese" (S. 427-641) gewidmet. Meier geht zunächst noch einmal auf die verbreitete "Kaiserkritik" ein, die Justinian nicht nur für das Versagen der staatlichen Institutionen (vor allem des Heeres) verantwortlich machte, sondern ihm teils auch die Schuld an den Naturkatastrophen anlastete. Im Folgenden arbeitet Meier die veränderten bzw. neuen Formen der Katastrophenbewältigung heraus, die von der "Bevölkerung", aber auch vom Kaiser entwickelt wurden, wobei sich diese Prozesse gegenseitig bedingten und aufeinander Bezug nahmen.

Den Unsicherheiten bezüglich der Zeitalterberechnung und in Fragen der Eschatologie versuchte man verschiedentlich durch die Neukonzeption chronologischer und eschatologischer Modelle zu begegnen (Johannes Malalas, Hesychios, Prokop von Gaza, Eustathios von Epiphaneia und Jakob von Sarug). Meier vermutet auch, dass sich die Einführung der noch heute gültigen Kalkulation seit Christi Geburt durch Dionysius Exiguus im Jahr 525 in diesen Kontext einordnet, was zumindest hinsichtlich des Umstandes, dass bisherige Modelle ihre Verbindlichkeit eingebüßt hatten, plausibel erscheint. Ob hingegen Justinians Novelle 47 aus dem Jahr 537 mit ihren Datierungsvorschriften nach Herrscherjahren, Konsuln und Indiktionen vorrangig vor diesem Hintergrund zu interpretieren ist, lässt sich hinterfragen. Letztlich könnte Justinian damit nach den Erfolgen der 530er-Jahre auch nur eine Heraushebung seiner eigenen Person und Herrschaft, eine Abgrenzung von vorigen Kaisern sowie eine Minderung der Bedeutung, aber auch der Probleme (häufige Nichtbesetzung und verwirrende Datierungen nach post consulatum) der Konsuldatierung bezweckt haben. Meiers Überlegungen zur Indiktionenzählung - Vermeidung von Fixdaten durch Verwendung eines 15 Jahre-Zyklus ohne absolute chronologische Verankerung - sind anregend, bleiben aber, wie er selbst vorausschickt, Spekulation. Ebenfalls auf die eschatologischen Probleme der Zeit reagierten die im 6. Jahrhundert aufkommenden Kommentare zur Offenbarung des Johannes (Oikumenios, Andreas von Kaisareia) sowie die "Christliche Topografie" des Kosmas Indikopleustes.

Von weitaus größerer Bedeutung waren jedoch die tiefgreifenden Veränderungen im Bereich der religiösen Praxis, der Frömmigkeit, die - wie Meier überzeugend darlegt - zu strukturellen Transformationsprozessen führten, die charakteristisch für den Übergang des "Oströmischen" zum "Byzantinischen Reich" sind. So trugen etwa die vermehrten christlichen Prozessionen in den Städten zur Krisenbewältigung bei. Dabei erfolgte eine zunehmende Identifikation der Bewohner mit ihrer jeweiligen Stadt, die als sakraler Bereich definiert und gegen äußere Bedrohungen abgegrenzt wurde, wodurch "das alte pagane Verständnis einer Polis als singulärer Kultgemeinschaft neue Impulse erhielt" (S. 564f.). Diese Konzentration auf die eigene Stadt hatte freilich auch eine schwindende Bindung zum Reich zur Folge. Justinian reagierte auf die Blüte des für ihn mitunter bedrohlichen Prozessionswesens, indem er sich an die Spitze derartiger Festzüge, Bitt- und Bußgänge setzte bzw. sie strengen Reglementierungen unterwarf und die christliche Topografie der Städte durch Kirchenbauten entscheidend mitbestimmte. Mit dem gesteigerten Prozessionswesen und dem Versagen der Zentralregierung in ihrer Schutzfunktion hängt offensichtlich auch die Etablierung von individuellen Schutzmächten für einzelne Städte im 6. Jahrhundert zusammen.

Generell lässt sich im Reich eine Zunahme der Marienverehrung konstatieren, die wohl insbesondere mit der Pest 541/42 in Verbindung steht. Gerade in Konstantinopel avancierte die Gottesmutter seit der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts zur besonderen Beschützerin der Stadt. Als Reaktionen Justinians hierauf erweisen sich die bewusste Propagierung seiner Marienverehrung (literarisch und durch den Bau von Marienkirchen), die Verlegung des Festes "Mariae Lichtmeß" (Hypapante), das von einem Christus- in ein Marienfest umgestaltet wurde, vom 14. auf den 2. Februar (40 Tage nach Christi Geburt am 25. Dezember), und die Einrichtung des Festes "Mariae Verkündigung" (Euangelismos) am 25. März. Schließlich entfaltete sich parallel zu den geschilderten Entwicklungen der Bilderkult im Reich. Gerade im Kontext kriegerischer Bedrohungen und des militärischen Unvermögens der Zentralgewalt gewannen wunderwirkende Bilder, insbesondere Christusbilder, als individuelle Beschützer der Städte, denen die Abwehr von Feinden zugeschrieben oder zugetraut wurde, an Bedeutung. Da Maria als Patronin weitgehend von Konstantinopel monopolisiert wurde, etablierten sich in den Städten des Reiches eigene lokale Schutzmächte (Bilder, Reliquien), was ebenfalls zu einer Entfremdung vom Reich führte.

Meier zeigt überzeugend, wie Justinian auf die durch die Katastrophen verursachte "Kaiserkritik" und die enorme Bedeutung religiös geprägter Bewältigungsformen reagierte, indem er durch verschiedene Maßnahmen seine eigene Frömmigkeit betonte und wesentlich zur "Liturgisierung", "d.h. der nahezu vollständigen christlich-religiösen Durchdringung und Überformung aller greifbarer Ausdrucks- und Kommunikationsformen im Oströmischen Reich" (S. 640), beitrug. Dies hatte eine "Sakralisierung" des Kaisers zur Folge, die wiederum die Herrschaft Justinians stabilisierte. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die bereits beschriebene starke Hinwendung Justinians zur Religions- und Kirchenpolitik und das Nachlassen seiner Aktivität in anderen Bereichen in der zweiten Phase seiner Herrschaft.

Eine Zusammenfassung (S. 642-655), die bereits erwähnte "Liste mit Katastrophen im Oströmischen Reich zwischen 500 und 565" (S. 656-670), ausführliche Verzeichnisse der Quellen (S. 671-679) und der Literatur (S. 680-722) sowie ein nützliches, mehrfach untergliedertes Register (S. 723-739) beschließen das auch in seiner Gestaltung ansprechende Buch.

Meiers beeindruckende Studie, die hier trotz aller Ausführlichkeit nur in den Grundzügen vorgestellt werden konnte und noch zahlreiche weitere interessante Aspekte beinhaltet, ist ein großer Wurf: Die Fragestellungen sind ebenso innovativ wie aufschlussreich. Die Argumentation baut auf detaillierten, breitgefächerten Forschungen auf, ist von einer bemerkenswerten Kenntnis der Quellen und der Forschungsliteratur geprägt und lässt sich - u.a. aufgrund der ausführlichen Quellenzitate im Text, die immer auch in Übersetzung geboten werden - gut nachvollziehen. Schließlich sind die Folgerungen gut begründet und vielfach überzeugend.

Natürlich fordert eine derartige Neuinterpretation des "Zeitalters Justinians" neben Anerkennung und Zustimmung auch Kritik heraus. Einige Probleme sind bereits angeführt worden. Hier sei nochmals auf die grundlegende Frage verwiesen, ob die Grundstimmung in der Bevölkerung am Anfang der Regierung Justinians tatsächlich derart von Angst, Unsicherheit und Endzeiterwartungen geprägt, wie in der Studie angenommen, und ob sie als Hintergrund der Herrschaft des Kaisers wirklich eine solch bedeutende Rolle spielte? Zumindest hinsichtlich der ersten Phase von Justinians Herrschaft (527-540) erscheint sie als Erklärungsmodell nicht notwendig. Und bezüglich der zweiten Phase (540/42-565), die zweifellos von den Auswirkungen der verheerenden Katastrophen der 540er-Jahre geprägt war, wäre zu fragen, ob nicht angesichts der Schwere und Dichte der Katastrophen erst jetzt Angst und Endzeiterwartungen an Brisanz und Konstanz gewannen. Auch scheint Meier an einigen Stellen die Einzigartigkeit und Bedeutung Justinians überzubewerten und die Rolle vorhandener Kontinuitäten, von anderen Personen und von strukturellen Aspekten (jenseits der Katastrophenproblematik) zu unterschätzen, wobei hier sicher z.T. vermittelnde Positionen zwischen der älteren Forschung und Meiers Ergebnissen denkbar sind. Interessant wäre schließlich ein Strukturvergleich mit dem Westen, wo sich im 6. Jahrhundert kaum Endzeiterwartungen, aber sehr wohl Mentalitätsveränderungen greifen lassen, doch war dies von Meier nicht auch noch zu leisten.

Derartige Kritikpunkte und Überlegungen sind jedoch marginal angesichts der Leistung Meiers und sie resultieren gerade aus der Auseinandersetzung mit seiner Studie und den dort vermittelten neuen Perspektiven, plausiblen Ergebnissen und vielfältigen Anregungen. Mischa Meier bereichert die Forschung zu Justinian, die nun sicher geglaubte Positionen aufgeben, berichtigen oder kritisch überprüfen muss, um eine in vielen Punkten überzeugende Interpretation sowie um zahlreiche neue Impulse und stellt damit ein hervorragendes Beispiel für den erkenntnisfördernden Beitrag neuer Ansätze in der althistorischen Forschung dar.

Anmerkungen:
[1] Moorhead, John, Justinian, London 1994; Evans, James A. St., The Age of Justinian. The Circumstances of Imperial Power, London 1996; Maraval, Pierre, L'empereur Justinien, Paris 1999. Darüber hinaus ließen sich anführen: Rubin, Berthold, Das Zeitalter Justinians, Bd. 2, aus dem Nachlass hg. v. Carmelo Capizzi, Berlin 1995; Noethlichs, Karl Leo, Art. "Iustinianus", RAC 19 (1999), S. 668-763.
[2] Evans, James A. St., The Empress Theodora, Austin 2002; Cesaretti, Paolo, Theodora. Herrscherin von Byzanz, Düsseldorf 2004; Mazal, Otto, Justinian I. und seine Zeit. Geschichte und Kultur des byzantinischen Reiches im 6. Jahrhundert, Köln 2001.
[3] Vgl. etwa die Rezension von Tankred Howe in H-Soz-Kult, 02.12.2002 (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=697) oder die kurzen Bemerkungen von Hartmut Leppin in seiner Rezension von Mischa Meiers gelungener Kurzbiografie Justinians (Justinian. Herrschaft, Reich und Religion, München 2004) in: Sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 (http://www.sehepunkte.historicum.net/2004/09/5759.html).
[4] Vgl. etwa Meier, Mischa, Die Erdbeben der Jahre 542 und 554 in der byzantinischen Überlieferung. Quellenkritische Überlegungen zur Geschichte des 6. Jahrhunderts n.Chr., ZPE 130 (2000), S. 287-295; Ders., Kaiserherrschaft und "Volksfrömmigkeit" im Konstantinopel des 6. Jahrhunderts n.Chr. Die Verlegung der Hypapante durch Justinian im Jahr 542, Historia 51 (2002), S. 89-111; Ders., Das Ende des Konsulats im Jahr 541/542 und seine Gründe. Kritische Anmerkungen zur Vorstellung eines 'Zeitalters Justinians', ZPE 138 (2002), S. 277-299; Ders., Die Translatio des Christusbildes von Kamulianai und der Kreuzreliquie von Apameia nach Konstantinopel unter Justin II. Ein übersehenes Datierungsproblem, ZAC 7 (2003), S. 237-250; und unten Anm. 8.
[5] Heuß, Alfred, Kontingenz in der Geschichte, in: Bubner, Rüdiger u.a. (Hgg.), Kontingenz (Neue Hefte für Philosophie 24/25), Göttingen 1985, S. 14-43.
[6] Vgl. hierzu Brandes, Wolfram, Anastasios ho dikoros. Endzeiterwartung und Kaiserkritik in Byzanz um 500 n.Chr., ByzZ 90 (1997), S. 24-63.
[7] Die Bemerkung bei Malchos fr. 18.3 (Blockley), dass alle Städte und alle Macht der Römer zerstört seien, bezieht sich vermutlich nur auf die chaotische Situation im Osten unter Kaiser Zenon und ist der Enttäuschung über Zenons Abbruch des Feldzuges gegen Theoderich geschuldet. Damaskios' Aussage über das gefallene Westreich (epit. Phot. 64 ed. Zinsen = fr. 51A ed. Athanassiadi) bezieht sich auf die Krise im Westen nach 455 und drückt zudem die wenigstens unter Anthemios (467-472) bestehende Hoffnung auf eine Besserung aus. Die wohl auf Eustathios zurückgehende Passage bei Euagrios (HE 2,16) vermerkt letztlich nur, dass Romulus Augustulus der letzte Kaiser des Westreiches war, was noch nichts über das Schicksal des Reiches an sich aussagt, zumal nun Odovacar ta pragmata Romaion in den Händen hielt und nur die Stellung eines rex, nicht die eines Kaisers beanspruchte. Eine Ausnahme bildet zweifellos die berühmte Nachricht bei Marcellinus Comes zum Jahr 476 (MGH AA 11, 91), auf der wohl auch Jordanes (Iord. Rom. 345) basiert. Sie dürfte jedoch in einen spezifischen - von Meier in Anschluss an Croke, Brian, A.D. 476. The Manufacture of a Turning Point, Chiron 13 (1983), S. 81-119, aber sicherlich zu Recht im Osten verorteten - Kontext gehören. Diese Problematik wird demnächst in einer Arbeit des Rezensenten ausführlicher behandelt.
[8] Meiers Interpretation (vgl. etwa S. 118 oder 650f. bzw. seinen entsprechenden Aufsatz: Die Inszenierung einer Katastrophe. Justinian und der Nika-Aufstand, ZPE 142, 2003, S. 273-300), dass der Nika-Aufstand von Justinian inszeniert war, vermag ich mich nicht anzuschließen.

Zitation
Andreas Goltz: Rezension zu: : Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6. Jahrhundert n.Chr.. Göttingen  2003 , in: H-Soz-Kult, 06.12.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2524>.
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06.12.2004
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