M. Sénécheau u.a.: Living History als Gegenstand historischen Lernens

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Titel
Living History als Gegenstand Historischen Lernens. Begriffe – Problemfelder – Materialien


Autor(en)
Sénécheau, Miriam; Samida, Stefanie
Hrsg. v.
Brauch, Nicola
Erschienen
Stuttgart 2015: Kohlhammer Verlag
Umfang
192 S.
Preis
€ 32,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Björn Onken, Didaktik der Geschichte, Universität Duisburg-Essen

Bei der zu besprechenden Monographie gilt es, den genauen Wortlaut des Titels ernst zu nehmen, denn die Autorinnen analysieren Living History als „Gegenstand“ – und nicht etwa als „Methode“ – Historischen Lernens. Es geht also nicht wie in den meisten anderen aktuellen Publikationen zur Living History darum, wie das enorme Motivationspotential der Living History für Lernprozesse nutzbar zu machen wäre, sondern wie man geschichtskulturelle Kompetenz außenstehender Beobachter bei der Analyse von Events der Living History schulen kann.

Zunächst beschäftigen sich die Autorinnen mit grundlegenden Begriffen, die sie prägnant vorstellen, aber nur punktuell diskutieren. Die unter anderem durch Beiträge von Wolfgang Hochbruck[1] angestoßene Debatte um die Sinnhaftigkeit des Begriffs „Living History“ wird von den Autorinnen zwar erwähnt, aber nicht kommentiert. Sie verstehen unter Living History „ganz generell den Versuch der aktiven Aneignung – also des parktischen/emotionalen/körperlichen Erlebens – von Vergangenheit oder Aspekten der Geschichte in der Gegenwart“ (S. 41). Für die Analyse der Events entwickeln sie einen Leitfaden, der nach Authentizitätsanspruch, Bezug zur Fachwissenschaft, Interaktion zwischen Akteuren und Zuschauern, Intention, Zeugnissen gesellschaftlicher Diskurse und emotionaler Wirkung fragt (S. 48f.). Wie diese Aspekte konkret in historisches Lernen eingebracht werden können, bleibt dem Leser überlassen, zumal sich die Autorinnen ausdrücklich als Archäologinnen mit dem Schwerpunkt Ur- und Frühgeschichte verstehen, die nicht aus geschichtsdidaktischer, sondern aus kulturwissenschaftlicher Perspektive an das Thema herangegangen sind (S. 8). Allerdings veranschaulichen sie viele Aspekte, die in ihrem Leitfaden angesprochen werden, beispielhaft an deutschen Events der Living History mit Bezug zu Germanen. Für diesen Zweck eignen sich die Germanen in besonderer Weise, da sie für die deutsche Geschichtskultur als vermeintliche Vorfahren der Deutschen von großer Bedeutung sind, aber viele Problemfelder mit sich bringen: Bei dem Begriff „Germanen“ handelt es sich heute um ein Erbe der Wissenschaftsgeschichte, das nur als Hilfskonstruktion dient, da mit ihr keine bekannten Stämme oder Völker, sondern allgemein nur die einstigen Bewohner einer europäischen Region bezeichnet werden können, was es für den Laien sehr schwer macht, den Forschungsstand zu erfassen. Die komplexen wissenschaftlichen Grundlagen bereiten daher Geschichtsdidaktikern ohne archäologische Expertise oft Schwierigkeiten, wie man unter anderem an der fragwürdigen Germanendarstellung in einigen Schulbüchern sehen kann. Da es außerhalb der archäologischen Spezialliteratur nur wenige Veröffentlichungen gibt, die prägnant, zuverlässig und für den interessierten Laien verständlich über die „Germanen“ informieren, sind die von den Autorinnen bereitgestellten wissenschaftlichen Aussagen zu den Germanen nicht nur notwendige Grundlage zur Analyse entsprechender Events der Living History, sondern auch ganz allgemein eine konzise Einführung in die Beschäftigung mit Germanen in anderen Zusammenhängen.

Wünschenswert wären noch nähere Angaben zu der Frage gewesen, inwiefern Germanen Vorfahren der Deutschen waren, da diese von Schülerinnen oder Schülern oft gestellt, in der Literatur aber nur selten beantwortet wird. Der Blick auf Germanen ist auch deswegen für die geschichtskulturelle Kompetenz in hohem Maße relevant, weil die Germanenrezeption aufgrund des Missbrauchs in der NS-Zeit noch heute eine brisante politische Komponente hat, die für Laien nicht leicht zu durchschauen ist. Sehr hilfreich sind daher die Ausführungen zur Germanenrezeption bei heutigen Rechtsextremen und zur Germanenideologie im Nationalsozialismus, die allerdings in der Kürze der Darstellung den Eindruck eines geschlossenen ideologischen Systems erwecken, was der ideologischen Unschärfe der NS-Bewegung nicht entspricht. So hat trotz der großzügigen Förderung der Germanenforschung durch führende Nationalsozialisten Hitler selbst nur wenig Interesse an den vermeintlichen Vorfahren der Deutschen gehabt. Nach Albert Speer soll er sogar gesagt haben: „Nicht genug damit, daß die Römer schon große Bauten errichteten, als unsere Vorfahren noch in Lehmhütten hausten, fängt [der Reichsführer SS, Heinrich] Himmler nun an, diese Lehmdörfer auszugraben und gerät in Begeisterung über jeden Tonscherben und jede Streitaxt, die er findet.“[2]

Doch diese Detailkritik soll den Nutzen der vielfältigen Informationen zu Germanen nicht verdecken. Es ist vor diesem Hintergrund zu bedauern, dass auf die intensive Beschäftigung mit den Germanen im Untertitel „Begriffe – Problemfelder – Materialien“ nicht hingewiesen wird, zumal der frühgeschichtlichen Bevölkerung des heutigen Norddeutschlands weit mehr als Hälfte der Seiten gewidmet sind.

Der Band wird beschlossen von einem fast 50 Seiten starken Anhang mit Materialien (Texte, Graphiken und Bilder), die sich wiederum vor allem auf Germanen beziehen und nach Umfang und Anspruchsniveau durchaus für den Einsatz in der gymnasialen Oberstufe oder im universitären Proseminar geeignet sind. Wer also Materialien für einen Unterricht mit Living History „als Gegenstand“ sucht, sich bei der Analyse von Events der Living History an einem Leitfaden orientieren möchte oder sich für die Germanen in der deutschen Geschichtskultur interessiert, wird vom vorliegenden Band sehr profitieren.

Anmerkungen:
[1] Wolfgang Hochbruck, Geschichtstheater. Formen der „Living History“. Eine Typologie, Bielefeld 2013.
[2] Johann Chapoutot, Der Nationalsozialismus und die Antike, Darmstadt 2014, S. 86.

Zitation
Björn Onken: Rezension zu: : Brauch, Nicola (Hrsg.): Living History als Gegenstand Historischen Lernens. Begriffe – Problemfelder – Materialien. Stuttgart  2015 , in: H-Soz-Kult, 07.10.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25249>.
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Veröffentlicht am
07.10.2016
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