U. Brunnbauer: Globalizing Southeastern Europe

Cover
Titel
Globalizing Southeastern Europe. Emigrants, America, and the State since the Late Nineteenth Century


Autor(en)
Brunnbauer, Ulf
Erschienen
London 2016: Lexington Books
Umfang
376 S.
Preis
€ 105,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elisabeth Janik, Universität Wien

Migration ist der Normalfall. Dies gilt insbesondere auch für die wechselvolle Geschichte des Balkanraums: Der Südosteuropa-Historiker Holm Sundhaussen formulierte einst, dass die Geschichte des Balkanraums zu großen Teilen eine Migrationsgeschichte sei.[1] Hunderttausende setzten sich seit dem späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart in Bewegung. Doch nicht nur die Migranten prägen den Migrationsprozess. Es ist vielmehr ein Zusammenspiel mehrerer, unterschiedlicher Akteure, die vor, während und nach dem Migrationsprozess tätig waren (bzw. sind). Ihre Handlungsspielräume und Interessen fanden bisher kaum Beachtung in der Forschung. Auch die Rolle des Staates sowie die langfristigen sozioökonomischen Folgen der Migration für die Ausgangsgesellschaften blieben in bisherigen Darstellungen eher blass.

Das Verlassen der ‚Heimat‘ und die Ankunft im Zielland stellte nicht nur die zahlreichen Migranten und ihre Zielländer vor neue Herausforderungen, sondern es war auch eine Last für die Ausgangsgesellschaften – dies ist sicherlich keine völlig neue Erkenntnis – wurde aber in der Forschung bisher nur selten thematisiert. Besonders problematisch wurde diese Entwicklung Ende des 19. Jahrhunderts, als sich Millionen von Menschen vor allem aus Ost- und Südosteuropa auf den Weg nach Amerika machten. Mitte des 20. Jahrhunderts machten sich noch einmal Hunderttausende sogenannte Gastarbeiter aus Griechenland, den Balkanländern und der Türkei auf den Weg nach Westeuropa.

Ulf Brunnbauers neues Buch untersucht diese Aspekte am Beispiel der südosteuropäischen Migration nach Amerika. Dabei folgt er zum einen den Spuren und Wegen der Migranten, zum anderen fokussiert er auf den Staat als einen wesentlichen Akteur im Migrationsprozess. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich vom späten 19. Jahrhundert bis zu den südosteuropäischen Gastarbeiter-Migrationsbewegungen der 1950–70er-Jahre. Ein wesentliches Anliegen Brunnbauers ist die Darstellung der Kontinuität von Migrationsmustern in Südosteuropa seit dem 19. Jahrhundert. Am Beispiel Jugoslawiens macht die Arbeit zudem deutlich, mit welchen Strategien und Mitteln ‚der Staat‘ als wichtiger Akteur versuchte, Einfluss auf die Emigration zu nehmen, um sie politisch, ideologisch und vor allem ökonomisch nutzbar zu machen. In insgesamt sieben Kapiteln geht Brunnbauer der Leitfrage nach, welche Auswirkungen die Auswanderung auf die südosteuropäischen Gesellschaften hatte (S. 27).

Als sich Mitte des 19. Jahrhunderts die Auswanderung nach Übersee von Nord- und Mitteleuropa zunehmend nach Ostmittel- und Südosteuropa verlagerte, wanderten neben Polen, Ruthenen und Russen auch viele Bewohner des Balkanraums in die beiden Amerikas oder nach Australien aus. In den ersten beiden Kapiteln widmet sich Brunnbauer diesen Entwicklungen und zeichnet ein vielschichtiges Panorama der Ausgangsgesellschaften. Dabei geht er auf die dortigen Lebensverhältnisse, die Auswanderungsmotive sowie die rechtlichen Rahmenbedingungen ein. Einen wesentlichen Einfluss auf die Auswanderung habe der Informationsaustausch gehabt, der sich unter anderem aus der Tätigkeit der Agenten speiste, jedoch maßgeblich von bereits Ausgewanderten und sich im Zielland befindenden Bekannten, Freunden oder Familienmitgliedern geleistet wurde. Dies sind keine grundsätzlich neuen Forschungsergebnisse – insbesondere nicht für die Habsburgermonarchie. Brunnbauer gelingt es jedoch, durch reiches Archivmaterial ein differenzierteres Bild der heterogenen Auswanderungsbewegung aus dem Balkanraum zu zeichnen. Ego-Dokumente und Zeitschriftenartikel, sowie die Synthese bekannter Forschungsinhalte und der Einbezug verschiedener Balkanländer veranschaulichen überzeugend die Prozesse in der Region. Die Lebensumstände von Kroaten, Griechen, Slowenen, Serben, Bulgaren oder Mazedoniern in den USA werden in all ihren unterschiedlichen und spezifischen Lebenswelten dargestellt und analysiert. Brunnbauer weist nach, dass südslawische Auswanderer in den USA meist in schlecht bezahlte Arbeitsverhältnisse gerieten, betont jedoch zugleich, dass es unter den südosteuropäischen Einwanderergruppe durchaus auch zu einer Aufteilung in verschiedene Arbeitsbereiche gekommen ist. Griechen arbeiteten beispielsweise als Obst- und Gemüsehändler, wohingegen Kroaten oder Serben in körperlich anstrengenden und gefährlichen Berufen tätig waren (S. 96ff.). Für das Leben vor Ort war die Selbstorganisation, die in Form von Vereinen oder Gesellschaften entstand, von nicht zu unterschätzender Bedeutung. In diesem Zusammenhang betont Brunnbauer, dass trotz steigender Einwanderungszahlen aus Südosteuropa in den USA die Verbundenheit mit der ‚Heimat‘ nicht abgebrochen war. Zwei Faktoren sind hier von Bedeutung: Erstens der regelmäßige Transfer von Geldsummen aus Amerika nach Südosteuropa, der den Kontakt über den Atlantik hinweg aufrechterhielt und zweitens die einsetzende Rückwanderung aus Amerika. Als theoretische Grundlage greift Brunnbauer neben globalgeschichtlichen Ansätzen auch Peggy Levitts Konzept des „global vernetzten Dorfes“ auf.[2] Staatliches Handeln im Kontext von Migration war und ist ein schwieriges Unterfangen. Die österreichisch-ungarische Regierung sowie die lokalen Behörden der südosteuropäischen Länder schenkten, so Brunnbauer, dem Wanderungsprozess des späten 19. Jahrhunderts zunächst kaum Aufmerksamkeit. Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden „Sozialen Frage“ und dem wachsenden Nationalismus in Südosteuropa änderte sich dies und die Debatten über Migration waren nun eng mit Fragen der Nationsbildung verknüpft (S. 148). Der Wegzug bestimmter Bevölkerungsgruppen (so genannter non-national elements) wurde von staatlichen Stellen durchaus befürwortet. Die Auswanderung so genannter „national elements“ sah man jedoch eher kritisch.

Hervorzuheben ist Brunnbauer Auseinandersetzung mit den zahlreichen staatlichen Versuchen der Balkanländer die südosteuropäischen Migrantennetzwerke im Ausland für sich (insbesondere Jugoslawien) nutzbar zu machen. In der Zwischenkriegszeit sollte die jugoslawische Diaspora, trotz geographischer Entfernung, ihre Zugehörigkeit zu ihrer ‚Heimat’ nicht verlieren und sich als Teil einer nationalen Gemeinschaft fühlen. Dadurch versuchte die heimische Politik ihren Einfluss auch international zu festigen. Brunnbauer argumentiert weiter, dass die jugoslawische Regierung sich jedoch nur an bestimmte Auswanderergruppen gerichtet habe, nämliche an jene, die für ihre Politik relevant erschienen, dazu zählten vornehmlich ethnische Südslawen. Zudem sollten „Jugoslawen“ zur Rückkehr in ihre Heimat ermutigt werden (S. 237). Auswandererorganisationen, Auswanderer, Zurückgebliebene sowie der Staat formten ein Netzwerk, das über nationale Grenzen hinweg kommunizierte.

Brunnbauer kommt zu dem Ergebnis, dass die über Jahrzehnte andauernde umfangreiche Migrationsbewegung aus Südosteuropa dem späteren Jugoslawien auch nach 1945 eine gewisse Durchlässigkeit des Eisernen Vorhangs hinsichtlich Kommunikation, Kultur, Auswanderung und Geldtransfer erlaubt habe, so dass auch das kommunistische Jugoslawien durchaus als „transnational connected region“ verstanden werden kann. Als zweiten zentralen Aspekt greift er die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen den beiden großen Migrationsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts auf. Hierbei verweist er einerseits auf ähnliche sozioökonomische Ausgangsvorrausetzungen im Herkunftsland, wie beispielsweise niedrige Löhne und agrarisch geprägte Gesellschaften, und andererseits auf ähnliche Motive und Ziele der Auswanderer selbst.

Ulf Brunnbauers Buch richtet sich aufgrund seines breiten Untersuchungszeitraums, dem geographischen Rahmen sowie zahlreicher thematischer Überlappungen nicht ausschließlich an Südosteuropa-Historiker, sondern liefert für die Migrations- und Globalgeschichte insgesamt wesentliche Forschungsergebnisse. Brunnbauer stellt hier ein überzeugendes Deutungsangebot für den Zusammenhang zwischen Emigration aus Südosteuropa und den regionalen Prozessen von Staats- und Nationsbildung vor. Dabei eröffnet er neue Perspektiven auf die Gesellschaften Südosteuropas, die über Jahrhunderte hinweg im Austausch mit anderen Regionen der Welt standen. Sein Buch zeichnet sich besonders durch die pointierte Analyse der historischen Inhalte sowie durch gut lesbare Darstellung aus. Darüber wird das Buch weiteren Forschungen in der europäischen Migrationsforschung als Anregung dienen.

Anmerkungen:
[1] Holm Sundhaussen, Geschichte des Balkanraums als Migrationsgeschichte: Theoretische Überlegungen und Herausforderungen, in: Yearbook of the Centre for Balkan Studies 42 (2013), S. 203–214, hier: S. 203.
[2] Peggy Levitt, The transnational villagers, Berkeley 2001.

Zitation
Elisabeth Janik: Rezension zu: : Globalizing Southeastern Europe. Emigrants, America, and the State since the Late Nineteenth Century. London  2016 , in: H-Soz-Kult, 06.09.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25455>.