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Titel
How Not to Network a Nation. The Uneasy History of the Soviet Internet


Autor(en)
Peters, Benjamin
Erschienen
Cambridge MA 2016: The MIT Press
Umfang
XIII, 298 S.
Preis
€ 26,20
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Felix Herrmann, Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen

Das Internet wie wir es kennen wurde nicht in der Sowjetunion erfunden. Diese korrekte, wenn auch etwas triviale Aussage (S. 2) dient Benjamin Peters als Aufhänger für seine Monographie zur Geschichte von Bemühungen, in der Sowjetunion landesweite Computernetzwerke zu implementieren. Bemühungen, die, wie schon der von ihm gewählte Titel andeutet, scheiterten. Es ist das Ziel des Autors, die Gründe für dieses Scheitern zu erläutern und er tut dies vor allem im Kontext sowjetischer Wirtschaftsplanung und -praxis.

Umfassend geht der Autor zu Beginn auf die Kybernetik und insbesondere die spezifische Entwicklung dieser Wissenschaftsdisziplin in der UdSSR ein. In den Vereinigten Staaten während des Zweiten Weltkriegs entstanden und vorrangig mit der Steuerung von Systemen befasst, sollte die Kybernetik im Westen schon bald gegenüber der noch jüngeren Informatik bzw. computer science in den Hintergrund gedrängt werden und fortan nur noch ein Nischendasein führen.

Ganz anders in der Sowjetunion, wo nach Stalins Tod die Rehabilitierung des als kapitalistischer „Pseudo-Wissenschaft“ verunglimpften Forschungsfeldes einsetzte und sich in den 1970er-Jahren ein wahrer Kybernetik-Boom entwickelte. Als Träger der wissenschaftlich-technischen Revolution mit institutionellen Ressourcen zunehmend besser ausgestattet, beschäftigten sich sowjetische Kybernetiker nicht nur mit technischen, sondern auch mit sozialen, biologischen und ökonomischen Systemen.

Ideen für die Anwendung von kybernetischen Prinzipien in der computergestützten Erfassung und Auswertung von Wirtschaftsdaten bildeten den Ausgangspunkt für verschiedene Projekte zum Aufbau von unionsweiten Netzwerken. Peters schildert in seinem zweiten Kapitel anschaulich, wie sich die Kybernetiker mit ihren technokratischen Ansätzen zur Optimierung der Planwirtschaft in Konkurrenz zu den in der UdSSR maßgeblichen ökonomischen Schulen begaben: Den in den Wirtschaftsinstitutionen etablierten Vertretern des status quo einer in den ersten 5-Jahres-Plänen unter Stalin ausgeprägten Kommandowirtschaft und den liberalen, zaghafte Schritte in Richtung Marktwirtschaft befürwortenden und unter Premierminister Alexej Kosygin ab Mitte der 1960er-Jahre erstarkenden Reformern.

Wesentlich problematischer als die fehlende Unterstützung einer dieser beiden Richtungen war freilich die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit des sowjetischen Wirtschaftens. Während es sich offiziell um eine zentral gelenkte Planwirtschaft handelte, bestimmten in der Praxis vertikale Aushandlungsprozesse das Wirtschaftsgeschehen. Das Umgehen von zentralen Planvorgaben war in dieser Schattenwirtschaft die stärkste Triebfeder für Erfolg (S. 74f.), die entsprechende manipulative Anpassung des Zahlenmaterials, das man den Planungsbehörden zugehen ließ, das typische Vorgehen.

Die Stärken von Peters’ Buch treten hervor, wenn er die bis heute recht starren Narrative über den Kalten Krieg in Frage stellt. Während die USA jahrzehntelang gezielt über staatliche Forschungsagenturen wie DARPA und milliardenschwere Staatsaufträge im Rahmen von Rüstungsprojekten den Grundstock für die bis heute dominierende High-Tech Branche legten, zerrieben sich die sowjetischen Akteure im Ringen mit der Bürokratie, Kollegen und einer Realität, die dem ideologischen Lehrbuch vielfach nicht entsprach: „The capitalists behaved like socialists while the socialists behaved like capitalists.“ (S. 2)

Das von Peters in den Kapiteln 4 und 5 am detailliertesten betrachtete OGAS-Vorhaben[1] des Kiewer Kybernetikers Viktor Gluškov dient hierfür als anschauliches Beispiel. Es hatte das ehrgeizige Ziel, weitreichend in die sowjetische Wirtschaft einzugreifen. Das Projekt sah vor, Computer zur Erfassung von Ressourcenverbrauch und Produktion in jeder Fabrik des Landes zu installieren, die Daten in regionalen Rechenzentren zu aggregieren und schließlich nach Moskau weiter zu melden.

Doch hatten weder die Reformer ein Interesse daran, die Planwirtschaft mit Hilfe von Computern nun endlich der orthodoxen Theorie entsprechend umzusetzen, noch waren die Fabrikdirektoren daran interessiert, ihre wesentlichen Gestaltungsinstrumente an Maschinen zu übertragen. Da OGAS eine formale Struktur abbildete, die in der Realität nicht existierte (S. 151), musste es zur großen Frustration seines Vordenkers scheitern. Von der dafür notwendigen technischen Ausstattung – laut Peters plante Gluškov 20.000 lokale Computerzentren – die die UdSSR nicht besaß und trotz umfangreicher Bemühungen zum Aufbau einer Computerindustrie auch niemals erhalten sollte[2], ganz zu schweigen.

Es waren amerikanische Institutionen, die ihre lokalen Netze miteinander verbanden, indem sie entsprechende Protokolle und Techniken entwickelten. So entstand der Kern dessen, was wir heute als Internet bezeichnen. Das OGAS erinnert dabei weniger an ein offenes Kommunikationsnetz als an Enterprise Resource Planning (ERP) Systeme wie sie seit den 1970er-Jahren im Westen von Firmen wie SAP entwickelt wurden und zunehmend die Wirtschaft prägen sollten. Das Internet im Titel scheint Marketing-Überlegungen geschuldet zu sein – wie auch schon bei Slava Gerovitch’ Artikel zum OGAS von 2008.[3] Doch das ist nicht die einzige Ähnlichkeit zwischen den Werken beider Autoren. Wer Gerovitch’ Monographie zur sowjetischen Kybernetik[4] gelesen hat, wird bei der Lektüre der ersten 50 Seiten aus Peters Tastatur manch ein Déjà-vu erleben. So stark bleibt Peters seinem Mentor (S. 208) verhaftet, dass er ganze Gliederungsüberschriften von diesem entleiht (S. 30, 191). Durch eine umfassendere Neuerschließung von Quellen zum Thema hätte sich Peters stärker von Gerovitch absetzen können. Zwar hat er nach eigenen Angaben dutzende Interviews mit Zeitzeugen geführt (S. xii), Verweise auf diese finden sich in den Endnoten leider kaum. Auch selbst recherchierte Archivquellen bilden die Ausnahme, obwohl zu vermuten ist, dass in den Bereichen Wirtschaft und Hochtechnologie noch wahre Schätze in den Archiven der Nachfolgestaaten der Sowjetunion schlummern und gerade im ukrainischen Kiew, der langjährigen Wirkungsstätte Gluškovs, auch zugänglich wären.

Anmerkungen:
[1] Die Abkürzung steht für Gesamtstaatliches automatisiertes System der Informationssammlung und -auswertung für Abrechnung, Planung und Steuerung der Volkswirtschaft der UdSSR (Obščegosudarstvennaja Avtomatizirovannaja Sistema sbora i obrabotki informacii dlja učeta, planirovanija i upravlenii narodnym chozjajstvom SSSR).
[2] Zu den Problemen der sowjetischen Computerindustrie siehe Felix Herrmann, Zwischen Planwirtschaft und IBM. Die sowjetische Computerindustrie im Kalten Krieg, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 9 (2012), S. 212-230, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/2-2012/id=3442 (18.09.2017).
[3] Slava Gerovitch, InterNyet: why the Soviet Union did not build a nationwide computer network, in: History and Technology 24.4 (2008), S. 335–350.
[4] Ders., From Newspeak to Cyberspeak: A History of Soviet Cybernetics, Cambridge, Mass., 2004.

Zitation
Felix Herrmann: Rezension zu: : How Not to Network a Nation. The Uneasy History of the Soviet Internet. Cambridge MA  2016 , in: H-Soz-Kult, 03.10.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25470>.
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Veröffentlicht am
03.10.2017
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