D. Rüther: Der Widerstand des 20. Juli

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Titel
Der Widerstand des 20. Juli auf dem Weg in die Soziale Marktwirtschaft. Die wirtschaftspolitischen Vorstellungen der bürgerlichen Opposition gegen Hitler


Autor(en)
Rüther, Daniela
Erschienen
Paderborn 2002: Schöningh
Umfang
491 S.
Preis
€ 68,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marc Buggeln, Universität Bremen

Während die Soziale Marktwirtschaft politisch zu Grabe getragen wird, findet in der historischen Forschung die Suche nach ihren Ursprüngen statt. Einen wichtigen Beitrag hierzu liefert die von Hans Mommsen betreute Dissertation von Daniela Rüther. Im Zentrum der Untersuchung steht die von den Freiburger Professoren Adolf Lampe, Constantin von Dietze und Erwin von Beckerath propagierte „Leistungswettbewerbstheorie“ und die Frage nach ihrem Einfluss auf den bürgerlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Rüther sieht in der Durchsetzung der Idee innerhalb des Widerstands den zweiten wichtigen Strang für die Etablierung der Sozialen Marktwirtschaft in den frühen Jahren der Bundesrepublik – neben den Planungen, die aus der Verbindung von Otto Ohlendorf und Ludwig Erhard hervorgingen.

Rüther argumentiert damit gegen die von der bisherigen Forschung behauptete geringe Bedeutung wirtschaftspolitischer Vorstellungen innerhalb des Widerstands sowie auch gegen einen bisher angenommenen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen den Freiburger Professoren und dem Kreisauer Kreis. Der große Gewinn der Studie liegt in ihrer breiten empirischen Basis: Rüther hat eine Vielzahl bisher wenig genutzter Quellen zusammengetragen. Hierbei wird ein ideengeschichtlicher Ansatz verfolgt, der sich von anderen Untersuchungen dadurch abhebt, dass die Begriffe „Ordoliberalismus“ oder „Neoliberalismus“ für die Vorstellungen der Freiburger abgelehnt werden. Stattdessen wird durchgängig nur vom „Leistungswettbewerb“ gesprochen.

Im I. Kapitel untersucht Rüther, wie sich die Grundzüge der deutschen Wirtschaftswissenschaften in den 1920er und 1930er-Jahren entwickelt haben und aus welchem dieser Stränge die Leistungswettbewerbstheorie hervorging. Im Einklang mit bisherigen Forschungen stellt sie eine zunehmende Schwächung des Liberalismus als politischer Idee während der Weltwirtschaftskrise fest. Vorherige Liberale wie Walter Eucken oder Wilhelm Röpke wandelten sich zu Befürwortern eines partiellen Eingreifens des Staates in den Markt und bezeichneten dieses als „liberalen Interventionismus“. Die Mehrzahl der gewandelten Liberalen folgte dabei politischen Vorstellungen, die auf starke Hierarchien setzten und einen Einfluss der „Massen“ verhindern wollten.

Rüther kritisiert zwar die politischen Vorstellungen der Freiburger Professoren Lampe, von Dietze und Beckerath, die durch ein pessimistisches Menschenbild, die Ablehnung sozialer Sicherheitssysteme und des Parlamentarismus geprägt waren, doch verliert sich diese Erkenntnis im Verlauf der Arbeit mitunter, weil Rüther zu unkritisch den Selbstbeschreibungen der Freiburger folgt und die weitreichenden Folgen der wirtschaftlichen Forderungen verkennt. So wird etwa Lampes Kontakt zum Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsstabes, General Georg Thomas, als ein oppositionelles Element verstanden, weil beide sich für eine nur auf Steuern und Anleihen basierte Kriegsfinanzierung aussprachen (S. 121). Damit standen sie zwar tatsächlich gegen die vorherrschende Meinung, aber Rüther lässt unerwähnt, dass die Umsetzung der Pläne zu drastischen bis verheerenden Einschränkungen für die unteren Schichten in Deutschland geführt hätte. In diesem Zusammenhang übernimmt Rüther auch unkommentiert Lampes Selbstbeschreibung, dass er nach 1945 von der französischen Militärregierung im „Konzentrationslager“ festgehalten worden sei.

Kapitel II widmet sich den „oppositionellen Wirtschaftsplanungen der Freiburger Kreise“. Rüther fasst hierunter auch die Tätigkeiten der Freiburger in der Klasse IV der Akademie des Deutschen Rechtes von Hans Frank und später in der Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath, wobei die Autorin argumentiert, dass die Klasse IV weder ein „Hort der Opposition“ noch primär ein Instrument des Regimes gewesen sei, sondern vor allem ein Raum für fachwissenschaftliche Diskussion. Sie schließt hieraus, dass die Schwelle loyaler Opposition nicht überschritten wurde. Den Schwerpunkt des Kapitels bildet die Tätigkeit der Freiburger als Verfasser des wirtschaftspolitischen Teils der Denkschrift „Politische Gemeinschaftsordnung“ für die Bekennende Kirche, die im Frühjahr 1943 fertiggestellt wurde. Rüther weist überzeugend nach, dass wesentliche Teile der Denkschrift von den Freiburgern aus ihren vorherigen Veröffentlichungen übernommen wurden. Insofern folgte die Bekennende Kirche nach Rüther mit der Denkschrift wesentlichen Elementen der Leistungswettbewerbsordnung, auch wenn die Freiburger in ihrem Teil berufsständische Prinzipien sowie die Idee einer Familienwirtschaft aufnahmen, was in ihren bisherigen Schriften wenig präsent gewesen war. Insgesamt war auch die Denkschrift nur in geringem Maße von oppositionellem Geist geprägt: Es wurde ein autoritäres System favorisiert, die nationalsozialistische Arbeitsorganisation gelobt und vor der Gefahr der „Vermassung“ gewarnt.

Im III. Kapitel werden die Einflüsse der Freiburger auf die wirtschaftspolitischen Vorstellungen der Zentren des bürgerlichen Widerstands gegen den Nationalsozialismus untersucht. Rüther stellt zuerst die Differenzen zwischen Carl Goerdeler und den Vertretern des Kreisauer Kreises dar, die bei einem Treffen im Januar 1943 auftraten. Sie fasst die inhaltlichen Konfliktlinien jedoch weitgehend als einen persönlichen Dissens zwischen Goerdeler und Moltke auf. Ähnlich führt sie die Differenzen zwischen den Freiburgern und Goerdeler im Wesentlichen auf die persönlichen Eigenheiten Goerdelers und insbesondere dessen Unwissenschaftlichkeit zurück. Den Freiburgern attestiert Rüther hingegen: „Sie standen über dem Richtungsstreit innerhalb der Verschwörung, und sie vermittelten zwischen den Parteien [...]. Dabei gelang es offensichtlich, einen breiten Konsens herzustellen.“ (S. 288f.) Hier sitzt Rüther dem Blick und den Selbstdarstellungen ihrer Protagonisten auf, denn weder standen die Freiburger über dem Richtungsstreit, noch gelang es ihnen, einen Konsens unter den bürgerlichen Widerstandsgruppen herzustellen.

Beim Konflikt der Freiburger mit Goerdeler übersieht Rüther, dass Goerdeler inzwischen eng mit den ehemaligen Gewerkschaftsvertretern Jakob Kaiser und Max Habermann zusammenarbeitete und deshalb sozialpolitische Vorstellungen in sein Programm übernahm, die mit den Ideen der Freiburger nicht mehr kompatibel waren. Bei der Beschreibung der wirtschaftspolitischen Diskussion innerhalb des Kreisauer Kreises bewertet Rüther die Bedeutung der durch Peter Graf Yorck von Wartenburg und ein Gutachten Günter Schmölers eingebrachten Aspekte der Leistungswettbewerbsordnung deutlich zu hoch. Sie stellt einleitend zwar treffend fest, dass die wirtschaftspolitischen Vorstellungen der Kreisauer anfangs vor allem durch Moltkes planwirtschaftliche Überlegungen geprägt waren, geht dann jedoch von einem deutlichen Wandel aus. Ein solcher hat in dieser Form aber nicht stattgefunden, weil wesentliche Vorstellungen der Freiburger im diametralen Gegensatz zu den Zielen der Kreisauer standen. So beschränkte sich der von Rüther herbeigeschriebene Konsens darauf, dass alle Gruppen auch wettbewerbliche Aspekte in einer zukünftigen Wirtschaftspolitik berücksichtigt wissen wollten.

Aufgrund der zu einseitigen Fixierung der Analyse auf die Freiburger Protagonisten muss die Kritik an der Studie insgesamt überwiegen. Andererseits gilt es festzuhalten, dass Rüther die Erschließung der Quellen zur Widerstandsgeschichte enorm vorangetrieben hat. In vielen Punkten kommt ihre Darstellung so zu einer Präzisierung bisheriger Erkenntnisse. Die Aufgabe zukünftiger Forschung wird es sein, die Fülle der erschlossenen Quellen zu berücksichtigen und sie überzeugender in den Gesamtzusammenhang einzubetten.

Zitation
Marc Buggeln: Rezension zu: : Der Widerstand des 20. Juli auf dem Weg in die Soziale Marktwirtschaft. Die wirtschaftspolitischen Vorstellungen der bürgerlichen Opposition gegen Hitler. Paderborn  2002 , in: H-Soz-Kult, 25.01.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2550>.
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Veröffentlicht am
25.01.2005
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