W. Göderle: Zensus und Ethnizität

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Titel
Zensus und Ethnizität. Zur Herstellung von Wissen über soziale Wirklichkeiten im Habsburgerreich zwischen 1848 und 1910


Autor(en)
Göderle, Wolfgang
Erschienen
Göttingen 2016: Wallstein Verlag
Umfang
330 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jochen F. Mayer, Edinburgh

Die gegenwärtigen Datenflüsse aus privaten und öffentlichen Lebensbereichen und, vor allem, deren gestiegenen Auswertungsmöglichkeiten durch Institutionen jenseits des Staates (private Konzerne und Geheimdienste), haben auch Bewegung in die statistikgeschichtliche Forschungslandschaft gebracht. Neuere Studien aus der Unternehmensgeschichte etwa befassen sich mit der Geburt des ‚statistical individual‘ in den Risikokalkulationen der US Lebensversicherungen und consumer credit bureaus zur Jahrhundertwende, lange vor dem Aufzug von big data.[1] Und während das geschichtswissenschaftliche Interesse am Zusammenhang von klassischen Volkszählungen und state formation bzw. nation building im 19. Jahrhundert nach wie vor groß ist[2], sind nun erste Werke erschienen, die sich angesichts der gegenwärtigen Konkurrenz durch schnelle, günstigere und hochvernetzte Auswertungsmöglichkeiten mit der longue durée klassischer Volkszählungen beschäftigen.[3]

Vorliegendes Buch – auf Göderles, an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz eingereichten Dissertation basierend – ist von seiner theoretischen Anlage her dem mittlerweile klassischen Forschungsstrang zu amtlicher Statistik und state formation bzw. nation building zuzuordnen. Das in den regelmäßig durchgeführten Volksbefragungen erzeugte statistische und demographische Wissen zur Bevölkerung, so die von Benedict Anderson und James C. Scott übernommene These, trug neben der Kartographie, entscheidend dazu bei, ‚Bevölkerung‘ in ihren messbaren Einzelheiten (zu Geschlecht, Religion, Familienstand, Beruf oder Beschäftigung) für bürokratische Verwaltung und letztlich den Zentralstaat ‚lesbar‘ (Scott) zu machen.

Der empirische Fokus liegt weitestgehend auf der österreichischen Reichshälfte (Zisleithanien; der Zuständigkeitsbereich der 1863 gegründeten k.k. statistischen Central-Commission). Anhand der Bestände des Ministeriums des Inneren, statistischer Fachpublikationen zu den vier zwischen 1869 und 1910 durchgeführten Volkszählungen, sowie markanter ethnographischer Arbeiten wird vor allem gezeigt, wie vor dem Hintergrund bürokratischer und politischer Instabilitäten in den 1860er-Jahren die Infrastruktur des Zensus selbst (die Zentralkommission, die Formulare und die Vermessung des Raumes) die auf Verstaatlichung und Konzentration zielende bürokratische Logik stützte. Für die folgenden Volkszählungen bis 1910 werden dann die Sprachen- und so genannten ‚Zigeunerzählungen‘ in den Blick genommen als charakteristische Beispiele für die zeitgenössische Nationalisierung und Biologisierung statistischer Erhebungspraktiken.[4]

Anhand der Erhebungsformulare des Zensus von 1869 – dem ersten nach der Niederlage bei Königgrätz und dem folgenden Ausgleich mit Ungarn – wird der Zensus als administratives Großprojekt nachvollziehbar zerlegt in einen kleinteiligen Prozess von Wissenspraktiken. Die Formulare leisteten die notwendigen Abstraktionen, um aus den vielfältigen Lebenswirklichkeiten eine nach den Vorgaben auf den Listen (zu Familienstand, Beruf oder Religionszugehörigkeit) kohärente und vergleichbare Entität ‚Staatsbürgerschaft‘ herzustellen. Der Wert dieses Kapitels liegt vornehmlich in einer gelungenen Illustration der Latourschen These, der zu Folge Zählroutinen, und letztlich die Glaubwürdigkeit des dadurch erhobenen Wissens selbst, auf der möglichst ununterbrochenen Zirkulation dieser Papiertechnologien beruhte.[5] Instruktiv ist hier Göderles Beobachtung, dass die Verwaltung auf die aktive Beteiligung der Bürger/innen angewiesen war, die die Vorgaben auf den Formularen lesen und verstehen mussten, dieser ‚Dialog‘ allerdings durch die kategorialen Vorgaben und den sprachlichen Verständnisschwierigkeiten ‚asymmetrisch‘ (S. 73) war. Allerdings beruht die Darstellung hier auf den Vorträgen Adolf Fickers, Hauptorganisator der Zählung von 1869 und ab 1873 Kommissionspräsident, sowie auf den darin abgedruckten Formularen. Als Reflexion eines Hauptakteurs erlaubt dieses Material sicherlich Aussagen zur Verwaltungslogik, scheint aber zur Rekonstruktion des Dialogs weniger geeignet, da die geographisch disparaten Zählpraktiken und die darin enthaltenen Aushandlungsprozesse bestenfalls gebrochen durch Fickers zentralstaatliche Linse eingefangen sind. Antistaatliche Sabotage (etwa absichtlich falsch ausgefüllte Fragebögen) oder die sprachlichen und technischen Übersetzungsproblemen werden zwar erwähnt (S. 80), aber letztlich von der scheinbar nahtlosen Zirkulation der Latourschen Transformationsketten vereinnahmt.

Wenn damit die Interpretation zur Macht der Formulare zu formalistisch geraten ist, folgt die Darstellung eines weiteren Aspekts einer spannenden Idee: der Erfolg des Zensus hing an einer einheitlichen und auf Zentralisierung abzielenden Strukturierung des Erhebungsraumes. Dafür waren seit dem 18. Jahrhundert in erster Linie die Vermessung des Territoriums (durch Kartographie und ‚Landesaufnahme‘) und die Hausnummerierung zuständig. Auf dieser Grundlage jedoch trug die Zählpraxis selbst zur Integration der Königreiche und Länder in die noch junge zentralstaatliche Topographie bei; und zwar indem die Formulare, auf denen die Verwaltungsräume markiert waren, von den einzelnen Häusern über die Ortschaften, Gemeinden, Bezirke und den Kronländern zur Zentralkommission wanderten. Ein tonnenschwerer, wenn auch fragiler Strom aus Papier schrieb demnach die Bevölkerung sozial (und ethnisch) differenziert in den imperialen Raum ein, und trug gleichzeitig zu dessen bürokratischer Organisation und Integration bei.

Mit dem Zensus von 1880 setzte erstmals die Sprachenzählung ein, als eine Form der „Durchethnisierung“ (S. 288) des Reiches auf administrativer Ebene. Bis 1910 sollte die Umgangssprachenzählung – gegen die Opposition der Statistiker und mancher Reichsratsabgeordneten – Teil einer verschärften Nationalisierungspraxis von Seiten der cisleithanische Ministerialbürokratie werden. Göderle führt hier recht gut ein in die nach wie vor virulente Frage, wie sich Nationalität messen lässt, und fügt, zumindest in der Rekonstruktion der Argumente Fickers, den zisleithanischen Fall zur bestehenden Forschung hinzu.[6]

Vorliegendes Buch ist ein ebenso ambitionierter wie theoretisch anspruchsvoller Versuch, die Dynamiken imperialer Herrschaft anhand der beiden Pole ‚Zensus und Ethnizität‘ auszuleuchten im Kontext einer ethnisch wie territorial heterogenen und instabilen, und daher im Grunde sehr ‚modernen‘, imperialen Ordnung. Form und Duktus der Studie sind deutlich im Dissertationsmodus, doch wird speziell in den hier besprochenen empirischen Kapiteln ansprechend dargestellt wie der Zensus als das vielleicht wichtigste Instrument administrativ-wissenschaftlicher Wissensproduktion die Register bürokratischer Herrschaft stabilisierte aber auch dynamisierte, und zwar sowohl hinsichtlich der Kontrolle von Verwaltungsräumen, als auch der Ethnisierung der Bevölkerung.

Neben den oben genannten, sind die Hauptkritikpunkte im Zusammenhang mit der Frage zu sehen, warum die Dissertation für die Veröffentlichung nicht eingehender umgearbeitet wurde. Hiesige Promotionsordnungen mögen dagegen gesprochen haben, doch eine solche Umarbeitung, für die auch ein inhaltliches Lektorat von Seiten des Verlages hilfreich gewesen wäre, hätte sicherlich zu gewissen Umstellungen der Gliederung geführt, und damit auch inhaltlich zur Klärung und Schärfung der Argumentation beigetragen. Beispielsweise werden die Akteure und Institutionen der amtlichen Statistik erst in der zweiten Hälfte des dritten Kapitels eingeführt, so dass in Kapitel 2 historische Details auftauchen, die erst später verständlich werden. Im Zuge einer solchen Präzisierung hätte es sich auch angeboten, die Geschichte des Zensus systematischer mit der Verwaltungs- bzw. Staatsgeschichte des Habsburgerreiches in Beziehung zu setzen. Die Eigentümlichkeiten des statistischen Apparats etwa bleiben sozialgeschichtlich – wie vielleicht typisch für eine eng an Latour angelehnte Historiographie – weitestgehend gesichts- und machtlos. Zu Schulung und Auswahlverfahren der ‚Zählungs-Commissäre‘, neben den Familienoberhäuptern und Formularen immerhin die wichtigste Schnittstelle zwischen Bürger und Verwaltung, ist nur zu erfahren, dass sie von den Gemeinden bestellt wurden, und insbesondere mit den entlegenen Regionen wie Dalmatien oder Galizien gewisse Schwierigkeiten auftraten in der Anwendung der von der Zentralkommission bereitgestellten Zählstandards (S. 54; 148; 269). Zudem müssten gerade für den ‚Nationalitätenkampf‘ (Brix) politische Diskussionen außerhalb der statistischen Zentralkommission, wie etwa innerhalb der Ministerialbürokratie oder im Abgeordnetenhaus des Reichsrates (die zur Umgangssprachenzählung 1880 ist erwähnt auf S. 224), deutlicher mit der konzeptionell-verwaltungstechnischen Entwicklung des Zensus in Beziehung gesetzt werden. Aber die materielle Raumgeschichte amtlicher Zählpraxis ist spannend und gerade für die imperiale Staats- und Verwaltungsgeschichte böte sich eine Weiterentwicklung auf der Grundlage von Göderles Arbeit an. Hierfür scheint mir die Integration von historischer Geographie und Kartographiegeschichte, etwa entlang der Fragen wie Formular und Karte, und das darin jeweils verhandelte Wissen in der Aneignung des Raumes interagierten und öffentlich Glaubwürdigkeit erlangten, eine vielversprechende Vorgehensweise zu sein.[7]

Anmerkungen:
[1] Dan Bouk, How our Days Became Numbered. Risk and the Rise of the Statistical Individual, Chicago 2015; Josh Lauer, Creditworthy. A History of Consumer Surveillance and Financial Identity in America, New York [im Erscheinen].
[2] Allein zum Deutschen Reich bzw. Preußen sind in letzter Zeit zwei Monographien erschienen: Jason D. Hansen, Mapping the Germans: Statistical Science, Cartography, and the Visualization of the German Nation, 1848–1914, Oxford 2015; Michael C Schneider, Wissensproduktion im Staat. Das königlich preußische statistische Bureau 1860–1914, Frankfurt am Main 2013.
[3] Kerstin Brückweh, Menschen Zählen. Wissensproduktion durch britische Volkszählungen und Umfragen vom 19. Jahrhundert bis ins digitale Zeitalter, Berlin 2015.
[4] Zu den Umgangssprachenerhebungen siehe nach wie vor Emil Brix, Die Umgangssprache in Altösterreich zwischen Agitation und Assimilation. Die Sprachenstatistik in den zisleithanischen Volkszählungen 1880 bis 1910, Wien 1982.
[5] Dass die Validität von Wissen eben auf solchen materialisierten Verkettungen beruht, wurde von Latour allerdings selbst schon anhand von statistischen Fragebögen illustriert, Bruno Latour, Science in Action: How to Follow Scientists and Engineers through Society, Cambridge (MA) 1987, S. 233f.
[6] Siehe zu Fickers Position schon, Brix, Umgangssprache in Altösterreich, S. 72f.
[7] Zu Zensus und Kartographie siehe Matthew G. Hannah, Governmentality and the Mastery of Territory in Nineteenth-Century America, Cambridge 2000, und Hansen, Mapping the Germans.

Zitation
Jochen F. Mayer: Rezension zu: : Zensus und Ethnizität. Zur Herstellung von Wissen über soziale Wirklichkeiten im Habsburgerreich zwischen 1848 und 1910. Göttingen  2016 , in: H-Soz-Kult, 25.05.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25514>.
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Veröffentlicht am
25.05.2017
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