S. Freund u.a. (Hrsg.): Von Zeitenwenden

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Titel
Von Zeitenwenden und Zeitenenden. Reflexion und Konstruktion von Endzeiten und Epochenwenden im Spannungsfeld von Antike und Christentum


Hrsg. v.
Freund, Stefan; Rühl, Meike; Schubert, Christoph
Erschienen
Stuttgart 2015: Franz Steiner Verlag
Umfang
217 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jonas Borsch, Fachbereich Alte Geschichte, Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Dass das Thema Zeit für mit der Vergangenheit befasste Wissenschaftler von besonderer Relevanz ist, ist eine einfache Weisheit. Als für sich genommen nicht fassbare, aber in ihren jeweiligen kulturellen Ausprägungen dem historischen Narrativ erst Struktur verleihende Kategorie spielt die Frage der Zeit beim historischen Arbeiten implizit ganz zwangsläufig eine Rolle. Aber auch in expliziter Form ist in den Geschichts- und Altertumswissenschaften in der jüngeren Vergangenheit zunehmend nach der Wahrnehmung von Zeit, nach historischen Zeitmodellen, nach deren Verbreitung und Implikationen gefragt worden.[1] Im Falle des vorliegenden Bandes „Von Zeitenwenden und Zeitenenden“ ist es nicht nur allgemein die Frage nach der Zeit als kulturelles Produkt, die im Mittelpunkt steht, sondern speziell diejenige nach Umbruch- und Endzeiten, also nach der Diagnose von verdichteten, (vermeintlich oder tatsächlich) schnellen Wandel hervorbringenden Zeiteinheiten. Diese Thematik ist für die in dem Band im Vordergrund stehende Periode zwischen römischer Kaiserzeit und Spätantike von besonderer Relevanz, wie die Herausgeber in ihrem Vorwort einleuchtend darlegen: Den Ausgangspunkt des Bandes bildet demnach die Diagnose eines tiefgreifenden Wandels im Zeitverständnis, eines „Paradigmenwechsel[s]“ (S. 7) in den ersten Jahrhunderten um/nach Christi Geburt, in dessen Zuge neben bzw. an die Stelle ‚klassischer‘ zyklischer Chronologie-Modelle zunehmend linear-endzeitliche Zeitauffassungen traten, die zwar auf alte (etwa jüdische) Traditionen zurückgingen, aber durch Christentum und Manichäismus neue Verbreitung fanden. Untersucht wird dieser Wandel nicht nur unter historischen, sondern insbesondere auch unter literaturwissenschaftlichen Prämissen.

Die klar formulierte Ausgangsbeobachtung des Bandes gibt den Anlass, in drei Unterkapiteln („Zeitenwenden“, „Zeiten(w)enden“, „Zeitenenden“) Konzepte des historischen Umbruchs, Epochenbildungen und -wahrnehmungen sowie eschatologische Diskurse in ihren verschiedenen Ausformungen zu betrachten. Ungeachtet durchaus unterschiedlicher methodologischer Herangehensweisen (vgl. etwa die Beiträge von Bruno Bleckmann, der sich auf die zeitgenössische und retrospektive Betrachtung der konstantinischen Zeit fokussiert und Anja Wolkenhauer, die chronologisch übergreifend literarische Motive der Zeitdarstellung in den Blick nimmt) erweisen sich die verschiedenen Themenblöcke als durchaus gut miteinander verklammert; dazu trägt insbesondere der gemeinsame chronologische Rahmen (das heißt die Konzentration auf den „Paradigmenwechsel“ in den ersten Jahrhunderten unserer Zeit) bei. Von den Einzelergebnissen können hier nur einige exemplarisch besprochen werden.

Die Auswahl der drei Fallbeispiele für das erste Kapitel „Zeitenwenden“ ist so einfach wie einleuchtend: Betrachtet werden zunächst zwei als maßgebliche historische Wendepunkte der Kaiserzeit geltende Regierungen, nämlich die des Augustus (Ulrich Eigler) und des Konstantin (Bruno Bleckmann), bevor ein chronologisch weiter ausgreifender Beitrag von Armin Eich (S. 45–72) die literarische Repräsentation jenes (je nach Standpunkt) Umbruches oder Prozesses thematisiert, der in das Ende des römischen Reiches mündete. Eich spricht hier schon in der Überschrift unmissverständlich von einem „Untergang“ (und explizit nicht von einer Transformation! Vgl. S. 52, Anm. 33), den er konkret in einem Prozess politischen Machtverlustes und zunehmender Verarmung der zentralen Regierungsorgane begründet sieht (S. 45f.). In einem an der Genrezugehörigkeit orientierten Durchgang unterschiedlicher Darstellungsmotive fragt Eich danach, ob und inwieweit diese „Wirklichkeit“ (S. 47 und passim) in der Literatur des 4. bis 6. Jahrhunderts aufgenommen und verarbeitet wurde. Er kommt dabei zu einem größtenteils negativen Befund: Zu beobachten sei, dass Literaten sich zu zeitgenössischen Problemen entweder gar nicht äußerten, sie zu verharmlosen suchten oder, bestenfalls, sie zwar benannten, ihnen aber keine adäquaten Antworten entgegensetzten. Dieses Ergebnis wird pointiert herausgearbeitet und meist auch plausibel begründet. Angesichts der außerordentlichen Fülle des Stoffes haben viele Ausführungen allerdings nur Skizzencharakter und bleiben eine nähere Differenzierung schuldig. Ein Beispiel hierfür bietet die Behandlung der Chronistik (S. 50–53), die sich, so Eich, in ihrer auf ein statisches Grundgerüst entkernten Form „gegen eine reflektierende Zusammenführung politischer, fiskalischer, ökonomischer u.a. Faktoren“ sperre (S. 51). Das stimmt so nicht ganz, denn obgleich manche Ereignisse in der Chronistik bemerkenswert nüchtern zur Sprache kommen (Eich führt die Darstellung der Absetzung des Romulus Augustulus bei Marcellinus Comes an, S. 51), werden historische Ereignisse dadurch nicht zwangsläufig jeder Reflexion und Analyse enthoben; Wertungen und (gerade auch negative) Bedeutungsaufladungen geschehen hier vielmehr über eigene Mittel, so etwa durch gezieltes chronologisches Arrangement. Auch in anderen Zusammenhängen, namentlich etwa bei der Betrachtung opulenter Schreckensdarstellungen bei Autoren wie Ammian, sind Eichs Interpretationen – hier: Konzentration auf opulente Einzelbilder statt Analyse – möglich, aber nicht alternativlos.

Der Gegenstand des zweiten Buchteiles ist auf den ersten Blick weniger klar abgegrenzt als der des ersten. Thematisiert werden „Zeitentwürfe“ (so die Einführung: S. 9), die sich nacheinander auf die Kaiserzeit im Allgemeinen (Anja Wolkenhauer), auf die Regierung Neros (Meike Rühl) sowie in einem rezeptionsgeschichtlichen Beitrag auf den Humanismus richten (Elisabeth Stein). Alle Beiträge fügen sich aber insoweit in eine gemeinsame Fragestellung ein, als dass hier das Zeitempfinden mit Blick auf einen jeweils engen Zeitraum, insbesondere mit Gegenwartsbezug, analysiert wird. Rühls Aufsatz zu Zeitkonzeptionen unter Nero bezeugt exemplarisch den Nutzen dieser chronologischen Engführung. Die Gegenwartswahrnehmung, die sich speziell in der neronischen Literatur greifen lässt, zeichnet sich laut Rühl durch Brechungen aus, die ihrerseits durch ein Aufeinandertreffen zyklischer und linearer chronologischer Konzeptionen hervorgerufen werden. Die Vorstellung von der Wiederkehr eines „goldenen Zeitalters“ kollidiert dabei mit einem Dekadenzdiskurs: Das neronische Gold glänzt nicht nur, sondern es trägt, wie Rühl etwa an Texten von Calpurnius Siculus und Seneca herausarbeitet, auch den Anruch der luxuria in sich (S. 102–105). Der letzterer diametral entgegengesetzte Diskurs der ländlichen Einfachheit, unter Augustus noch direkt mit der Gegenwart verknüpft (vgl. dazu den Aufsatz von Ulrich Eigler), wird hier auf lange zurückliegende, glücklichere Zeiten projiziert. Als weiteres kennzeichnendes Phänomen hebt Rühl die Tendenz zur theatralen Inszenierung und deren bewusste Reflexion hervor (S. 105–111): Auch vermeintlicher Umschwung und Neuanfang werden aus der Position des Zuschauers betrachtet und dadurch nur distanziert vermittelt. Das Bild einer solchen, durch „Distanz und Mittelbarkeit“ (S. 111) geprägten Gegenwartswahrnehmung kann Rühl auf Basis ihrer sorgfältigen Analyse deutlich konturieren; vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Eigeninszenierung Neros selbst, des berühmten ‚Kaiserkünstlers‘, neu kontextualisieren.

Unter einem auf den ersten Blick sichtbaren gemeinsamen Banner stehen die Beiträge des letzten Abschnittes, der sich um Endzeit-Vorstellungen zwischen Johannes-Apokalypse (Klaus Wengst), römischer Verarbeitung christlich-jüdischer Traditionen (Christoph Schubert) und Manichäismus (Markus Stein) dreht. Schon aufgrund seines Umfanges sticht in diesem Abschnitt besonders der Beitrag von Stefan Freund hervor, der dem frühchristlichen Endzeitdiskurs bei lateinischen Autoren des 2. bis frühen 4. Jahrhunderts nachgeht. Seinen Ausgangspunkt bildet die Beobachtung, dass die christlichen Endzeitvorstellungen für diese Autoren ein massives „Vermittlungsproblem“ (S. 140) mit sich brachten: Einem klassisch-pagan vorgebildetem Publikum – zu dem ja auch nicht wenige Christen zählten – mussten die Linearität der christlichen Eschatologie und der ihr inhärente subversive (da „das Ende der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Ordnung“ implizierende [S. 144]) Charakter aufstoßen. Freund untersucht, wie diesem Problem argumentativ begegnet wurde – und zwar vornehmlich, wenngleich nicht ausschließlich, in an ein nicht-christliches Publikum gerichteten apologetischen Schriften. Die Tendenzen reichen hier von einem allgemein zurückhaltendem Umgang bzw. der möglicherweise gezielten Ausklammerung eschatologischer Elemente (z. B. Passio Perpetuae, Arnobius) über die Verknüpfung des Endzeitdiskurses mit allgemeineren, offenbar besser mehrheitsfähigen Dekadenzdiskursen (Tertullian, implizit auch Cyprian) und die Parallelisierung von paganer Philosophie und christlicher Lehre (Minucius Felix) bis hin zur erläuternden Einweihung des paganen Publikums in eine aufgrund ihrer Verknüpfung mit dem Untergang Roms bedauerliche (horret animus dicere: so das von Freund treffend für seine Überschrift gewählte Zitat [vgl. S. 163f.]), aber unausweichliche und schließlich heilsbringende Zukunft (Laktanz). Gegenüber dem christlichen Publikum zeigen sich einige der Autoren demgegenüber von einer anderen Seite; so schlägt der Ton bei Tertullian im innerchristlichen Kontext – im Kontrast zu seinen apologetischen Schriften – geradezu in Triumphalismus um (insbesondere S. 153f.). Letztlich bezeugen gerade solche Unterschiede jedoch deutlich das von Freund in den Mittelpunkt seiner Beobachtungen gestellte und auf solider Textbasis herausgearbeitete Bemühen der frühchristlichen Schreiber, nicht etwa als „wirre Endzeitpropheten“ (S. 167) zu erscheinen, sondern ihre eschatologischen Inhalte für ein angesichts zeitgenössischer Tendenzen des Krisenempfindens für diese auch potentiell empfängliches paganes Publikum adäquat zu verpacken.

Trotz ihrer durchaus disparaten Themenbreite finden die unterschiedlichen Beiträge des Bandes insgesamt kohärent zusammen. Auch im Detail bieten sie dabei durchweg interessante Einblicke – dass sich dabei über die Ergebnisse im Einzelnen teils auch trefflich diskutieren lässt, ist nur selbstverständlich und keineswegs als Manko zu sehen. Immer wieder ergeben sich bei der Lektüre auch Anknüpfungspunkte, die über die Summe der Einzelanalysen hinausweisen, denn gerade in der heterogenen Fülle der zu Rate gezogenen Zeugnisse verdeutlicht sich besonders gut der als Ausgangspunkt postulierte übergeordnete Wandel der chronologischen Bezugssysteme. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass diese Systeme auch mit- und nebeneinander bestehen, ja sogar in ihrer Gegensätzlichkeit wahrgenommen werden konnten. Der gut lektorierte und angenehm lesbare Band bietet insofern seinerseits die paradigmatische Betrachtung einer langen „Umbruchphase“ im Zeitdenken, deren Verlauf und Ergebnisse auf die kaiserzeitlichen und spätantiken Mentalitäten und Diskurse zweifelsohne eine beträchtliche Wirkung ausgeübt haben.

Anmerkung:
[1] Ein zentrales Thema bilden Zeiterfahrungen und Zeitkonzepte etwa im Werk Reinhart Kosellecks: Siehe die Aufsatzsammlungen Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt am Main 1979 und ders., Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt am Main 2000. Vgl. in den letzten Jahren außerdem Wolfgang Hameter / Meta Niederkorn-Bruck / Martin Scheutz (Hrsg.), Ideologisierte Zeit. Kalender und Zeitvorstellungen im Abendland von der Antike bis zur Neuzeit, Innsbruck 2005; Alexander Demandt, Zeit. Eine Kulturgeschichte. Berlin 2015. Für einen Blick speziell auf das Altertum vgl. Hartmut Heller (Hrsg.), Gemessene Zeit – Gefühlte Zeit: Tendenzen der Beschleunigung, Verlangsamung und subjektiven Zeitempfindens, Wien 2006.

Zitation
Jonas Borsch: Rezension zu: Freund, Stefan; Rühl, Meike; Schubert, Christoph (Hrsg.): Von Zeitenwenden und Zeitenenden. Reflexion und Konstruktion von Endzeiten und Epochenwenden im Spannungsfeld von Antike und Christentum. Stuttgart  2015 , in: H-Soz-Kult, 10.10.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25518>.
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Veröffentlicht am
10.10.2016
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