B. Edelmann-Singer: Koina und Concilia

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Titel
Koina und Concilia. Genese, Organisation und sozioökonomische Funktion der Provinziallandtage im römischen Reich


Autor(en)
Edelmann-Singer, Babett
Erschienen
Stuttgart 2015: Franz Steiner Verlag
Umfang
363 S.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Evelin Roels, Seminar für Alte Geschichte und Epigraphik, Universität Heidelberg

Ein Thema wie die Provinziallandtage im römischen Reich, jene Versammlungen (gr. koina, lat. concilia oder commune), in welchen sich die provinziale Elite jährlich zusammenfand und unter anderem den Herrscherkult feierte, stellt eines der althistorischen Themen dar, das sich durch seine zeitliche und geographische Breite sowie seine regionalen Unterschiede nur schwer in einer übergreifenden Studie zusammenbringen lässt. Während für andere, ähnliche reichsumfassende Gegenstände der althistorischen Forschung, wie die Verbreitung des Herrscherkultes, bereits grundlegende Arbeiten vorliegen, war den Provinziallandtagen in der Forschung bislang „das Mauerblümchendasein“ vorbehalten (S. 15). Diesem bedauerlichen Zustand will nun die zu besprechende Monographie ein Ende setzen.

Die aus ihrer Habilitationsschrift des Jahres 2013 hervorgegangene Studie von Babett Edelmann-Singer öffnet einen neuen Blick auf die politische, religiöse und sozioökonomische Funktion und Organisation der Provinziallandtage im römischen Reich. These der Studie ist, dass die Provinziallandtage wichtige politische Institutionen mit einem großen wirtschaftlichen und fiskalischen Potential waren, das weit über die von der Forschung bisher einzig betonte Funktion der concilia als religiöser Rahmen des Herrscherkults und Loyalitätserklärung an Rom hinausreichte. Es ist das Ziel dieser Arbeit anhand von Quellenneufunden und neuer Fragestellungen die politische und ökonomische Rolle der Provinziallandtage und ihren Mehrwert für Rom in der Institutionalisierung seiner Macht herauszuarbeiten.

Die ausführliche, sich auf eine beeindruckende Fülle von Quellen stützende Untersuchung stellte schon längst ein (oft bemerktes) Desiderat der althistorischen Forschung dar. Während gerade Studien zur römischen (provinzialen) Verwaltung, zur Repräsentation der provinzialen Elite im Reichsgefüge sowie zum Kaiserkult in großer Zahl vorhanden sind[1] und auch Monographien zu regionalen Versammlungen in der Antike nicht fehlen[2], wurde das Thema der Provinziallandtage noch nicht in seiner Gesamtheit erschlossen. Die bisher als Standardwerk geltende Monographie Jürgen Deiningers ist mittlerweile über fünfzig Jahre alt und darf hinsichtlich der vielen epigraphischen Neufunde als veraltet gelten.[3] Überdies habe Deininger die Provinziallandtage hauptsächlich als „ein Sprungbett in die Reichselite“ (S. 19) verstanden und damit die eigentliche Bedeutung dieser Institution stark reduziert. Die Forschung nach Deininger hat den religiösen Sektor weitgehend als das wesentliche Aufgabenfeld der Landtage verstanden, neben der gelegentlichen politischen Interessenvertretung und dem Repetundenverfahren, ohne dass dabei zum Beispiel die ökonomische Rolle berücksichtigt wurde. Edelmann-Singers Monographie ist, wie sie selbst betont, als eine Ergänzung der Studie Deiningers zu verstehen.

Nach einem einführenden Kapitel behandelt Edelmann-Singer die Vorgeschichte und Entstehung der Provinziallandtage in hellenistischer und republikanischer Zeit. Sie stellt fest, dass die Provinziallandtage der römischen Kaiserzeit das Konzept eines religiös-politischen Raumes vorfanden, dessen Grundbedingungen gegeben waren und benutzt wurden, das aber individuell sehr unterschiedlich gestaltet werden konnte. Die herrschaftssichernde Ausrichtung dieser Koina in der spätrepublikanischen Zeit wurde von Augustus aufgegriffen, der ihren Schwerpunkt auf den Herrscherkult verlagerte, wodurch für die Landtage neue Handlungsspielräume entstanden (S. 139). Mit der Feststellung, dass die Einrichtung der Landtage im Westen überwiegend unter der julisch-claudischen Dynastie erfolgte, verwirft Edelmann-Singer in überzeugender Weise sowohl die These Deiningers, erst Vespasian habe die Concilia und Koina eingerichtet, als auch die Krascheninnikoffs, die Schaffung der Provinziallandtage sei von dem Romanisierungsgrad der Provinz abhängig gewesen (S. 137).

Diese Feststellung scheint allerdings dazu zu führen, dass die unter den Flaviern und Antoninern eingerichteten Landtage vergleichsweise nur sehr knapp besprochen werden, sodass einige Fragen hierbei ungeklärt bleiben (zum Beispiel warum die Provinz Africa Proconsularis eine Sonderentwicklung darstellt, siehe S. 128).

Die Frage des Rechtsstatus sowie des Spitzenpersonals und der identitätsstiftenden Rolle der Provinziallandtage wird im dritten Kapitel untersucht. Der Rechtstatus der Provinziallandtage lässt sich juristisch nur schwer genauer definieren, da die Kompetenzen, Rechte und Aufgaben wiederholt aufgebessert oder ad hoc entschieden wurden, obwohl es Anzeichen dafür gibt, dass die Landtage größtenteils auf der Basis des römischen Vereinsrechts organisiert waren (S. 148). Sie entwickelten sich ferner über die Zeit zu Räumen, in denen sich eine eigene kollektive provinziale Identität formen konnte, was sich auf den Münzemissionen nachvollziehen lässt.

Das vierte Kapitel widmet sich der wirtschaftlichen und finanziellen Dimension der Provinziallandtage, wobei die Ausgaben und Einnahmen sowie die bisher in der Forschung vernachlässigte Münzprägung die zentralen Untersuchungsgegenstände bilden. Edelmann-Singer greift hierbei auf das Erklärungsmodell der Transaktionskostentheorie zurück und stellt neun methodische Prämissen auf, die von einer über das gesamte römische Reich ähnlichen Organisationsstruktur und einer vergleichbaren Funktionsweise der Landtage ausgehen (S. 195–197). Diese Verallgemeinerung sowie die sehr dünne Quellenlage für die wirtschaftliche und finanzielle Dimension der Koina und Concilia führen jedoch dazu, dass die Beobachtungen hierzu hypothetischer Art bleiben müssen.

Plausibler ist Edelmann-Singers Folgerung, der beträchtliche Anteil der Provinziallandtage an der Münzproduktion, der Steuererhebung in den Provinzen, dem Straßenbau und der Truppenversorgung spräche dafür, die Landtage als Teil der öffentlichen römischen Administration zu verstehen. Außerdem waren es die nicht-kultischen Funktionsträger der Landtage, die zu den höchsten Kreisen der Provinzelite gehörten, was einer Deutung der Landtage als rein kultische Organisation widerspricht.

Mit der vorliegenden Arbeit ist Edelmann-Singer eine umfangreiche und beeindruckende Studie gelungen, die für das Fachpublikum einen bisher vernachlässigten Aspekt im Bereich der Religions-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte erörtert. Es ist das große Verdienst der Verfasserin, in ihrer Monographie zum ersten Mal die Münzprägung der Provinziallandtage in die Untersuchung einbezogen zu haben, die ein neues Verständnis zu den administrativen Aufgaben und Leistungen dieser Versammlungen ergeben. Die Argumentation ist durchaus überzeugend und klar, wird von vielen Verweisen unterbaut, die (ältere) Forschungsliteratur wird in ausreichendem Maße rezipiert.

An dieser herausragenden Leistung sind nur wenige Kleinigkeiten zu kritisieren. Neben einzelnen typographischen Fehler (zum Beispiel Dimitriev statt Dmitriev im Literaturverzeichnis und den Fußnoten) ist der Verzicht der Autorin, einen neuen Begriff für die Koina und Concilia zu postulieren und stattdessen an der geläufigen, obwohl problematischen Bezeichnung ‚Provinziallandtage’ festzuhalten, enttäuschend (S. 26–27). Gerade bei einer Studie, die das Verständnis eines bisher bekannten, aber viel zu einfach gedeuteten Phänomen grundlegend ändert, wäre es angemessen, eine neue Definition zu formulieren, die die neu postulierte Interpretation adäquat wiedergäbe.

Insgesamt ist festzuhalten, dass die Monographie Edelmann-Singers einen lobenswerten und anregenden Beitrag zum Verständnis der römischen Provinzialverwaltung und der Organisation und Funktion der Provinziallandtage liefert, der eine durchaus lehrreiche und fruchtbare Lektüre für diejenigen bietet, die sich für die Verwaltung und die Wirtschaft der römischen Provinzen, die Beziehungen zwischen Kaiser und Provinz, und die Funktionsweise des römischen Reiches interessieren.

Anmerkungen:
[1] Unter anderem Duncan Fishwick, The imperial cult in the Latin west. Studies in the ruler cult of the western provinces in the Roman empire, Leiden u.a. 1987–2005; Eckhard Stephan, Honoriatioren, Griechen, Polisbürger, kollektive Identitäten innerhalb der Oberschicht des kaiserzeitlichen Kleinasien, Göttingen 2002; Gabriele Wesch-Klein, Provincia. Okkupation und Verwaltung der Provinzen des Imperium Romanum von der Inbesitznahme Siziliens bis auf Diokletian, Wien 2008.
[2] So Marco Vitale, Eparchie und Koinon in Kleinasien von der ausgehenden Republik bis ins 3. Jh. n. Chr., Bonn 2012, und die Beiträge von Ernst Kornemann an der Realencyclopaedie: s.v. Concilium, Sp. 801–830 (RE IV, 1 [1900]) und s.v. Koinon, Sp. 914–941 (RE Suppl. IV [19248]).
[3] Jürgen Deininger, Die Provinziallandtage der römischen Kaiserzeit, München 1965.

Zitation
Evelien Roels: Rezension zu: : Koina und Concilia. Genese, Organisation und sozioökonomische Funktion der Provinziallandtage im römischen Reich. Stuttgart  2015 , in: H-Soz-Kult, 18.07.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25519>.
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Veröffentlicht am
18.07.2016
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