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Titel
Albanische Muslime in der Waffen-SS. Von "Großalbanien" zur Division "Skanderbeg"


Autor(en)
Zaugg, Franziska A.
Erschienen
Paderborn 2016: Schöningh
Umfang
346 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Thomas Casagrande, Goethe Universität Frankfurt

Lange Zeit wurde die Geschichte der Waffen-SS in erster Linie auf deren Stellung im Geflecht der miteinander konkurrierenden Teile des NS-Staates untersucht. Damit lag der Schwerpunkt der Betrachtung auf den für Deutschland bedeutsamen Aspekten. Wenn ein Blick auf die nicht-reichsdeutschen Einheiten der Waffen-SS geworfen wurde, unterlag dieser ebenso dieser Beschränkung. Die von Franziska Zaugg vorgelegte Studie über „Albanische Muslime in der Waffen-SS“ stellt einen wichtigen Schritt zur Erweiterung der Perspektive dar.

Wie sie bereits in den ersten Sätzen der Einleitung schreibt, löst die Tatsache der Rekrutierung von muslimischen Albanern aus dem heutigen Kosovo für die Waffen SS, oft gleichermaßen „ungläubiges Kopfschütteln“ als auch „großes Interesse“ bei „Historikern und Laien“ aus (S. 13). Die dabei zu Tage tretenden emotionalen Reaktionen enthalten unterschiedliche Stereotype, von allgegenwärtigen Fernsehbildern der Bürgerkriege auf dem Balkan der 1990er-Jahre bis zurück zu Erinnerungen an die einstmals so beherrschenden Bilder der Karl May-Romane. Die Stärke der von Franziska Zaugg vorgelegten Studie besteht darin, sich nicht nur auf die Kriegsjahre und die Aufstellung der 21. Waffen-SS-Division „Skanderbeg“ zu beschränken, sondern diese in eine umfassende Analyse einzubetten, die auch die oben genannten Aspekte und Stereotype beinhaltet. Folgerichtig beginnt Franziska Zaugg ihr Buch mit einer Einführung zur Geschichte Albaniens, die eine Grundlage für das Verständnis des Balkan als militärisches Aufmarschgebiet, als Handelskorridor und Brücke zwischen Okzident und Orient von der Antike über die lange Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs bildet.

In dem anschließenden Unterkapitel zur italienischen Albanienpolitik rückt ein weiterer wichtiger geopolitischer Aspekt in den Mittelpunkt der Analyse. Die Auflösung des Osmanischen Reichs und der Habsburger Monarchie hatten in Südosteuropa zur Entstehung einer Reihe auf ethnische Homogenität bedachter Staaten geführt, die weder im Inneren in Bezug auf das Verhältnis zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen noch nach Außen in Bezug auf die Grenzen ihrer Nationalstaatlichkeit gefestigt waren. Die daraus entstehende unterschiedliche staatliche und ethnische Struktur auch des Kosovo und Albaniens sollte auf Dauer ein zentrales Problem jeder Balkanpolitik werden. Franziska Zaugg hat hier die Widersprüche zwischen den albanischen und italienischen bzw. deutschen Interessen herausgearbeitet, die eine Grundstruktur der Probleme der jeweiligen Besatzungsmacht in Albanien sichtbar werden lassen und die durch die Schaffung eines „Großalbanien“ als Teil des italienischen Imperiums keinesfalls gelöst wurden. Im Geflecht von Anpassung an und Unterdrückung durch die Besatzungsmächte verstanden es die verschiedenen Clans und Gruppen des Kosovo und Albaniens ihre Interessen einzubringen und in zähen Verhandlungen die eigenen Positionen zu behaupten. Dieses Grundmuster sollte auch in der ab 1943 erfolgten Ablösung der italienischen Besatzung durch die deutsche erhalten bleiben. Dabei gelingt es Franziska Zaugg eine differenzierte Analyse der verschiedenen inneralbanischen Interessen vorzunehmen, die auch die inneralbanische Hierarchie der vormodernen Feudalgesellschaft nicht aus den Augen lässt. Die sich aus den unterschiedlichen Interessen der jeweiligen lokalen Großgrundbesitzer, der Bajraktare und Beys, und der in Abhängigkeit und Ausbeutung lebenden Landbevölkerung ergebenden Widersprüche sollten bis Ende des Krieges die deutsche Besatzungspolitik beeinflussen und im Erstarken der Partisanenbewegung ab 1944 ihren Ausdruck finden.

Der zweite Teil des Buches wendet sich dann der SS-Division „Skanderbeg“ zu. Hierfür hat Franziska Zaugg eine beeindruckende Recherche in Archiven durchgeführt, die der Forschung lange Zeit verschlossen geblieben waren, wie etwa das Militärarchiv Belgrad und das staatliche Zentralarchiv Tirana. Daneben stützt sie sich auf eine umfassende Auswertung der der Forschung besser bekannten Dokumente aus dem Archivio Centrale dello Stato in Rom, dem Bundesarchiv in Berlin und dem Militärarchiv in Freiburg. Zaugg beleuchtet den Weg der Division von der ersten Vorbereitung zur Aufstellung, über die Rekrutierungsphase bis hin zum Einsatz im Partisanenkrieg 1944. Sie analysiert gekonnt die komplizierte Gemengelage aus ethnischem Konflikt und Besatzungsinteressen, und zeigt dabei immer wieder strukturelle und historische Kontinuitäten auf, die sich auf die SS-Division „Skanderbeg“ auswirkten. Die schon vor dem Beginn der Werbung von Albanern für die SS im Kosovo grassierende extreme Gewalt zwischen Serben und Albanern beeinflusste massiv Aufstellung und Einsatz der Division.

Hier gelingt es Franziska Zaugg überzeugend die Doppelgesichtigkeit des Krieges auf dem Balkan für Albanien und den Kosovo sichtbar zu machen. Er war sowohl Ausdruck deutscher Expansions- und Großmachtgelüste als auch die Fortsetzung seit langer Zeit bestehender ethnischer Konflikte. Dabei wurde über die Jahrhunderte je nach den Machtverhältnissen der sie umgebenen und bestimmenden Großmächte mal die eine, mal die andere Bevölkerungsgruppe begünstigt, was zu Gewaltexzessen und Unterdrückung der jeweils Unterlegenen führte. So konnten sowohl die serbisch-orthodoxe als auch die albanisch-muslimische Bevölkerung auf eine wechselseitige leidvolle Geschichte zurückblicken. Der Versuch der Instrumentalisierung dieser Konflikte und der mit ihr verbundenen extremen Gewalt durch die deutsche Besatzungsmacht für die Verwirklichung der eigenen Interessen im Allgemeinen und für die Waffen-SS im Besonderen wird von Franziska Zaugg umfassend aufgearbeitet. Dabei schwankte die Haltung der Waffen-SS gegenüber den muslimischen Albanern zwischen Idealisierung und Abwertung. Für den an der Geschichte der Waffen-SS interessierten Leser ist dies der faszinierendste Teil der Analyse. Franziska Zaugg lässt hier eine Reihe von an der Aufstellung der Skanderbeg beteiligten Vertretern der Waffen-SS und der deutschen Besatzungsbehörden zu Wort kommen. Das Schwadronieren des Sonderbevollmächtigten Südost des Auswärtigen Amtes, Hermann Neubacher oder des SS-Brigadeführers und Divisionskommandeurs der Division Skanderbeg, August Schmidhuber, um nur zwei hervorzuheben, ist voll von Stereotypen und Vorurteilen. Hier wird einerseits der Albaner zum „geborenen Kämpfer“, mit seiner „Waffe und seiner Freiheit“ untrennbar verbundener Streiter als menschliche Inkarnation des stolzen „Albanischen Adlers“ stilisiert und als Nachfahr der Illyrer als arisch erklärt (S. 301–306); andererseits wird er als diebisch, unzuverlässig und hinterhältig verachtet (S. 308f.). Dabei entwickeln sich die Vorurteile analog zum Kriegsgeschehen. Während zu Anfang der Aushebungen die Idealisierung des Albaners als Kämpfers überwog, gewinnt mit den Rückschlägen auf dem Kriegsschauplatz die ernüchternde und mit entsprechender Abwertung verbundene Einsicht immer mehr Raum, dass die muslimischen Albaner nicht bereit waren für die Waffen-SS und das Deutsche Reich in einem verlorenen Krieg unterzugehen.

Der reale Einsatz der 21. SS-Division „Skanderbeg“ beschränkte sich auf wenige Monate zwischen Frühling und Winter 1944. Die ausschließlich im Partisanenkampf eingesetzte Division reiht sich dabei in eine Reihe von „fremdvölkischen“ wie auch „volksdeutschen“ Einheiten der Waffen-SS ein, die als orts- und sprachkundige Unterstützung bei der Bekämpfung der Gegner der deutschen Besatzung eingesetzt wurden. Diese unter Aufsicht und Regie der Waffen-SS geführten Aktivitäten im Rahmen nationaler Bürgerkriege trugen nicht nur Zeichen eines zur Herrschaftssicherung geführten drakonischen Besatzungskriegs sondern eben auch das Gesicht ethnischer Konflikte und ethnisch begründeter Pogrome. Die von der Skanderbeg mit aller Härte durchgeführten, „Sühnemaßnahmen“ genannten, Mordaktionen reihten sich ein in die Geschichte ethnischer Konflikte auf dem Balkan, zum Teil an den gleichen Orten wie während der Balkankriege vor dem Ersten Weltkrieg oder auch wieder wie in den 1990er-Jahren während des Bürgerkriegs im Zuge der Auflösung Jugoslawiens. Dieser schon für andere Bevölkerungsgruppen und Waffen-SS Einheiten aufgezeigte Zusammenhang wird auch von Franziska Zaugg in Bezug auf die albanischen Muslime und die 21. SS-Division „Skanderbeg“ nachgewiesen.

Der dritte Teil führt den Leser fort von der schrecklichen Wirklichkeit des Partisanenkrieges auf dem Balkan während des Zweiten Weltkriegs hin zu einem Diskurs über die „Entstehung und den Wandel eines deutschen Albaner-Bildes“. Die hier aufgezeigten Kontinuitäten von den „völkischen“ Wissenschaften und Karl May enthalten noch einmal die in der Analyse bereits angedeuteten und interpretierten Stereotype. Franziska Zaugg beendet ihr mehr als lesenswertes Buch denn auch schlüssig mit einem Fazit mit der Überschrift „Von der SS-Division Skanderbeg in die Gegenwart“.

Franziska Zaugg ist eine tiefgreifende Studie gelungen, die nicht nur einen weiteren wichtigen Moment zur Erkenntnis über die nichtreichsdeutschen Teile der Waffen-SS beiträgt. Die Einbettung der Geschichte der muslimischen Albaner in der Waffen-SS in einen größeren historischen und inhaltlichen Zusammenhang ist beispielhaft für Perspektiven neuerer Forschungen über den Nationalsozialismus. Auch „singuläre“ Verbrechen sind Teile eines historischen Prozesses. Sie entstehen aus einem „davor“ und beeinflussen ein „danach“. Insofern werden sie in ihrer Entstehung und ihrer Wirkungskraft nur verständlich wenn sie nicht isoliert betrachtet werden. Zu diesem Ansatz hat Franziska Zaugg einen richtungsweisenden Beitrag geleistet.

Zitation
Thomas Casagrande: Rezension zu: Zaugg, Franziska A.: Albanische Muslime in der Waffen-SS. Von "Großalbanien" zur Division "Skanderbeg". Paderborn 2016 , in: H-Soz-Kult, 17.11.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25535>.
Redaktion
Veröffentlicht am
17.11.2017
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/