H. Heinen: Geschichte des Hellenismus

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Titel
Geschichte des Hellenismus. Von Alexander bis Kleopatra


Autor(en)
Heinen, Heinz
Erschienen
München 2003: C.H. Beck Verlag
Umfang
128 S.
Preis
€ 7,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Haake, Seminar für Alte Geschichte, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Die hellenistische Geschichte erfreut sich seit geraumer Zeit einer hohen Aufmerksamkeit seitens der altertumswissenschaftlichen Forschung - ein Umstand, der in einer hohen Publikationsdichte zur Epoche des Hellenismus seinen Niederschlag findet.[1] In diesem Rahmen sind in den letzten Jahren auch mehrere, teilweise sehr umfangreiche Gesamtdarstellungen über den Hellenismus erschienen.[2] Im Folgenden gilt es, einen kurzen Überblick zur hellenistischen Geschichte vorzustellen.

Eine Geschichte des Hellenismus auf 128 Seiten zu verfassen, stellt eine große Herausforderung dar. Heinz Heinen hat sich dieser Herausforderung angenommen und als Ergebnis zur Reihe 'Beck Wissen' eine sehr lesenswerte und gelungene 'Geschichte des Hellenismus. Von Alexander bis Kleopatra' vorgelegt. Das Buch bietet zu einer großen Bandbreite von Themen Einführungen und Überblicke - von den Grundzügen der Ereignisgeschichte über Geschichte und Strukturen einzelner Regionen und Monarchien bis hin zur Kultur- und Religionsgeschichte. Es liegt in der Konzeption der Reihe, dass sie ihrem Charakter nach den Autoren Beschränkungen auferlegt und auch dort Kürze oder Auslassung einfordert, wo man sich eigentlich weitergehende Ausführungen wünschte. Trotz dieser Crux ist es Heinen gelungen, eine ebenso ausgewogene wie differenzierte Darstellung vorzulegen.

Heinen beginnt sein Buch mit einer "Einleitung" zu "Thema, Zeit und Raum" (S. 9-10) und den "Voraussetzungen" (S. 11-14). Im ersten Unterkapitel stellt Heinen den aus antiken Quellen geläufigen Terminus hellenismos sowie dessen moderne Verwendung und den von J. G. Droysen in der Forschung etablierten Epochenbegriff 'Hellenismus' vor; zudem legt er hier die zeitliche Dimension und geografische Extension der hellenistischen Welt dar.[3] Die historischen Voraussetzungen für den Siegeszug Alexanders des Großen erläutert Heinen im zweiten Unterkapitel knapp: die Grundlagen, die Alexanders Vater Philipp II. während seiner Regierungszeit als makedonischer König (359-336) geschaffen hatte und den Zustand sowie strukturelle Probleme des Perserreiches. Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang besonders Heinens Verweis auf den so genannten "Zug der Zehntausend", in dessen Verlauf griechische Söldner unter dem achämenidischen Thronprätendenten Kyros des Jüngeren im Jahre 401 in der Schlacht des in der Nähe von Babylon gelegenen Kunaxa persische Reichstruppen besiegt hatten. Da Kyros in dieser Schlacht fiel, blieb der Sieg zwar ohne unmittelbare Konsequenzen, doch war grundsätzlich die Möglichkeit eines militärischen Sieges eines griechischen Heeres über persische Truppen im Perserreich selbst den Griechen vor Augen geführt worden.

Das zweite Hauptkapitel ("Historischer Überblick") gliedert sich in die drei Abschnitte "Alexander der Große (336-323) " (S. 15-31), "Die hellenistischen Staaten vom Tode Alexanders bis zum Auftreten Roms (323-251)" (S. 32-42) und "Im Schatten der Supermacht. Roms Vorherrschaft über die hellenistische Welt (215-30)" (S. 42-55), eine Dreiteilung der hellenistischen Geschichte, die durch die historischen Ereignisse nahezu vorgegeben ist. Die drei Unterkapitel beinhalten nicht nur eine klare und konzise Darstellung der vielfach äußerst komplexen (und auf Grund der Überlieferungslage partiell auch wirren) Ereignisabläufe, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll, sondern auch deutliche Akzentuierungen durch Heinen. Anregend stellt der Autor am Ende des Unterkapitels zu Alexander dem Großen die kontrafaktische Frage, was langfristig geschehen wäre, wenn Alexander nicht 323 in Babylon gestorben wäre, sondern seine Politik der "Mischung zwischen Persern und Makedonen" (S. 31) hätte fortführen können. Ob zu den intendierten Zielen wirklich die von William W. Tarn formulierte "unity of mankind" gehörte und ob die "bedenkliche Kehrseite dieser Medaille [...] die Entwertung bisheriger, gerade auch demokratischer Staatsformen und Institutionen, die Nivellierung der Reichsbevölkerung, die Etablierung eines Gottkönigtums, also die absolute Monarchie" gewesen wäre, lässt sich trefflich diskutieren. Und mit dem Verweis auf das Römische Kaiserreich gibt Heinen einen eindeutigen Fingerzeig, wie für ihn die Antwort aussieht. Zu den besonders gelungenen und wichtigen Passagen des Unterkapitels über die hellenistischen Staaten vom Tode Alexanders bis zum Jahr 215 gehört die Darstellung historischer Prozesse im nördlichen Schwarzmeerraum im Zusammenhang mit dem Vordringen der Sarmaten (S. 37f.), die Beschreibung der Geschichte der Wanderung (und Landnahme und Reichsbildung) der Parner aus Mittelasien in die Satrapie Parthien, nach der sie den Namen Parther erhielten (S. 38-40), sowie die Berücksichtigung der Geschichte Baktriens, des indo-griechischen Reiches und der Indo-Skythen (S. 40). Auch wenn sich Heinen auf sehr knappe Darstellungen beschränken muss, so ist äußerst positiv hervorzuheben, dass er in seinem Hellenismus-Buch diesen Aspekten der hellenistischen Geschichte Raum zubilligt, die sonst vielfach eher am Rande stehen. Das dritte Unterkapitel zur hellenistischen Welt unter Roms Vorherrschaft ist stark aus der römischen Perspektive geschrieben - auch wenn man sich vielleicht eher den Zugang 'Die griechische Welt und Rom' als 'Rom und die griechische Welt' zu diesem Unterkapitel gewünscht hätte, ermöglicht es diese Herangehensweise Heinen, sich konsequent auf die Geschichte der gut zweihundert Jahre zwischen 215 und 30 zu beschränken.

Das dritte Hauptkapitel seines Buches widmet Heinen dem Themenkomplex "Die Regionen der hellenistischen Welt. Staat, Gesellschaft, Wirtschaft" (S. 56-90). In einer Art Proömium eröffnet Heinen dieses Kapitel mit einigen zentralen Feststellungen, die den weiteren Aufbau seines Kapitels begründen: Da es eine Vielzahl von Staaten auf dem Boden des ehemaligen Alexanderreiches gab, die eine sehr verschiedene Geschichte sowie differente Lebensformen und Bevölkerungskomponenten hatten, hält es Heinen trotz der strukturellen Gemeinsamkeiten der hellenistischen Monarchien zu Recht für geboten, zunächst die einzelnen Regionen und politischen Machtbereiche für sich genommen zu behandeln und jeweils die Bereiche Staat, Gesellschaft und Wirtschaft zu beschreiben. Bevor Heinen eine kurze Synthese seines dritten Hauptkapitels vorlegt, behandelt er gesondert "Makedonien" (S. 56-59), "Griechenland und Ägäis" (S. 59-65), "Kleinasien" (S. 65-71), den "Schwarzmeerraum" (S. 71-75), "Das Seleukidenreich" (S. 75-81) und "Das Ptolemäerreich" (S. 82-88). Hervorzuheben ist bei diesen Kapiteln, dass der Autor erneut seinen Fokus auch auf Regionen richtet, die für gewöhnlich nicht im zentralen Blickfeld der Hellenismusforschung liegen - besonders deutlich wird dies bei seinen Ausführungen zum Schwarzmeerraum. In seiner Synthese "Der hellenistische Staat" (S. 88-90) betont Heinen besonders den Aspekt, den er bei aller Diversifizität als gemeinsames Charakteristikum der hellenistischen Welt ansieht: die Monarchie. In knapper und prägnanter Weise legt der Autor eine klare (idealtypische) Beschreibung der hellenistischen Königreiche vor und stellt wesentliche Aspekte des hellenistischen Königtums vor. Bedauerlich ist, dass Heinen an dieser Stelle andere politische Organisationsformen ausblendet: die griechischen Bundesstaaten, die er allerdings kurz, jedoch prägnant im Unterkapitel "Griechenland und Ägäis" behandelt (S. 60), und die Poleis. Zwar behandelt Heinen in seinem dritten Kapitel einige wichtige Poleis wie beispielsweise Athen, Korinth und Sparta (alle S. 61) sowie Rhodos (S. 63f.), doch erfährt die in hellenistischer Zeit sehr vitale Polis-Ideologie sowie die Interaktion zwischen Monarch und Polis nur in recht unzureichender Weise im Kontext der Schilderung der Geschichte Westkleinasiens Berücksichtigung (S. 67); anders verhält es sich hingegen mit der Darstellung städtischer Lebenswelten (S. 68f.).

Im vierten Hauptkapitel ("Kulturen und Religionen im Hellenismus", S. 91-113) wendet sich Heinen zunächst der zentralen Frage zu, wie der Hellenismus als geistesgeschichtliches Phänomen zu begrenzen sei und verweist darauf, dass grundsätzlich solchen Phänomenen eben nicht mit "derart präzisen Daten beizukommen sei" wie politischen (S. 91f., hier S. 91). Heinen plädiert deswegen dafür, den Hellenismus als kulturelle Epoche bereits in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts beginnen zu lassen, da bereits zu jener Zeit die "für den Hellenismus so charakteristische Verbindung des Griechentums mit den indigenen Kulturen" (S. 91) begonnen hätte - er verweist in diesem Zusammenhang auf den karischen Dynasten Maussolos. Diese Begründung für den Beginn des Hellenismus als geistsgeschichtliches Phänomen erscheint allerdings diskussionswürdig, da ein regionales Moment sehr stark privilegiert wird, während in anderen Bereichen der griechischen Welt noch die 'Klassik vorherrscht'. Erst mit dem "Sieg des Christentums" im 4. Jahrhundert sieht Heinen - nicht zu Unrecht - den Endpunkt des Hellenismus unter geistesgeschichtlichen Auspizien. In seinem Unterkapitel "Die griechische Kultur" (S. 92-99) geht Heinen vor allem auf die Entwicklung der Philosophie und die Literatur ein und berücksichtigt dabei auch deren soziale Bedingungen. Die wichtigsten Grundzüge auf dem Gebiet der Religionen skizziert Heinen im Unterkapitel "Die Religionen des Hellenismus" (S. 99-104); dabei betont er die große Bedeutung der traditionellen Polis-Kulte auf der einen Seite (S. 99f.) ebenso wie die Einführung neuer Gottheiten, die Metamorphosen 'östlicher' Gottheiten (S. 100-103) und den Herrscherkult (S. 103f.) auf der anderen Seite. Besonders hervorzuheben ist Heinens Unterkapitel über "Regionale Kontakte und Konflikte" (S. 105-111): Hier zeichnet der Autor prononciert die Konfliktlinien zwischen Griechen einerseits und insbesondere Juden und Ägyptern andererseits nach und stellt die Adaptionen griechischer Elemente in Babylonien und Baktrien vor. Auch im nur knappen Unterkapitel "Zur bildenden Kunst im Hellenismus" (S. 111-113) legt Heinen wesentliche Charakteristika der Kunst in hellenistischer Zeit dar.

Den Abschluss des Buches bilden "Bilanz und Ausblick" (S. 114). Hier schlägt Heinen einen großen Bogen von Alexander dem Großen bis hin zum "Sieg des Christentums", wodurch der "Hellenismus seine größte Wirkung erreicht und die Geschichte Europas entscheidend geprägt habe" (S. 114). Die markanten Linien, die Heinen hier durch die antike Geschichte zieht, sind allerdings hinsichtlich der Aussagen über die Konsequenzen der Hellenisierung Roms - nämlich die Aufgabe "seine[r] republikanische[n] Verfassung zugunsten einer Monarchie" und die Aufgabe des "Glauben[s] seiner Väter" und die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im 4. Jahrhundert - zu diskutieren. Zweifelsohne regen die bilanzierenden Ausführungen Heinens zu Diskussion und Reflexion an.

Heinz Heinen hat eine anschauliche und ausgewogene kurze Geschichte des Hellenismus in seiner ganzen Breite und Vielfalt vorgelegt, in der es ihm gelingt, nicht allein den Forschungsstand kenntnisreich und treffend in seine Darstellung einfließen zu lassen, sondern immer wieder auch dezidiert Akzente zu setzen, die vielfach genau in den Gebieten liegen, auf denen Heinen sich als Hellenismusforscher in besonderer Weise profiliert hat - dem Ptolemäerreich und dem Schwarzmeerraum. Bereichert wird dieses rundherum gelungene Buch durch eine Vielzahl von Karten und Abbildungen sowie eine Zeittafel und ein Verzeichnis der Dynastien.

Anmerkungen:
[1] Verwiesen sei hier exemplarisch nur auf die Reihen "Hellenistic Culture and Society" (Berkeley 1990ff.), "Studies in Hellenistic Civilization" (Aarhus 1990ff.) und "Studi Ellenistici" (Pisa 1984ff.), die das große Forschungsinteresse am Hellenismus deutlich widerzuspiegeln vermögen.
[2] Shipley, G., The Greek World after Alexander. 323-30, London 2000; Erskine, A. (Hg.), A Companion to the Hellenistic World, Oxford 2003; Gehrke, H.-J., Geschichte des Hellenismus (Oldenbourg Grundriß der Geschichte 1A), München 2003; vgl. jetzt auch: Schmitt, H. H.; Vogt, E. (Hgg.), Lexikon des Hellenismus, Wiesbaden 2005; älteren Datums sind: Will, E., Histoire politique du monde hellénistique. 323-30 av. J.-C., 2 Bde., Nancy 1979-1982; Walbank, F., The Hellenistic World, Sussex 1981 (deutsch: Die hellenistische Welt, München 1983); Walbank, F. W. u.a. (Hgg.), The Cambridge Ancient History; Bd. VII 1: The Hellenistic World, Cambridge 1984; Astin, A. E. u.a. (Hgg.), The Cambridge Ancient History; Bd. VIII: Rome and the Mediterranean to 133 B.C., Cambridge 1989 (partiell); Préaux, Cl., Le monde hellénistique. La Grèce et l'Orient (323-146 av. J.-C.), Paris 1992; Green, P., Alexander to Actium. The Historical Evolution of the Hellenistic Age, Berkely 1990.
[3] Bedauerlich ist, dass Heinen Sizilien und Unteritalien aus seinem Buch ausblendet. Dies begründet er damit, dass Sizilien und Unteritalien "vom 3. bis 1. Jh. trotz aller Verbindungen nach Osten eher in die römische und karthagische Geschichte einbezogen waren" (S. 10). Verwiesen sei aber auf Heinens Ausführungen zu den Griechen im westlichen Mittelmeergebiet auf den S. 41f.

Zitation
Matthias Haake: Rezension zu: : Geschichte des Hellenismus. Von Alexander bis Kleopatra. München  2003 , in: H-Soz-Kult, 24.02.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2556>.
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24.02.2006
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