S. Kleiner u.a. (Hrsg.): Stress und Unbehagen

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Titel
Stress und Unbehagen. Glücks- und Erfolgspathologien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts


Hrsg. v.
Kleiner, Stephanie; Suter, Robert
Erschienen
Berlin 2018: Neofelis Verlag
Umfang
195 S.
Preis
€ 22,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Elberfeld, Institut für Pädagogik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Moderne westliche Gesellschaften sind bestimmt vom individuellen Streben nach Glück und Erfolg. In der Spätmoderne reichen das gewöhnliche Glück und der durchschnittliche Erfolg gleichwohl nicht mehr aus. Erwünscht und erhofft werden die aufsehenerregende Karriere, die große Liebe oder das perfekte Kind.[1] Was aber, wenn die Träume platzen und man beim Erreichen der Ziele scheitert? Dieser Frage widmet sich der vorliegende Sammelband von Stefanie Kleiner und dem früh verstorbenen Robert Suter. Der Band ist hervorgegangen aus einem Forschungsprojekt an der Universität Konstanz, das sich mit der Entstehung und Entwicklung glücks- und erfolgsbezogener Praktiken, Wissensformen und Subjektivierungsweisen im 20. Jahrhundert befasste.[2]

Die Herausgeberin und der Herausgeber nehmen an, „dass Glück und Erfolg zugleich als Problem wie auch als Lösung individueller und kollektiver Konflikte konzipiert werden und somit jeweils neuartige Definitionen und Subjektivierungsweisen hervorbringen“ (S. 15). Unglück und Misserfolg würden dabei, so eine weitere These, spätestens seit dem „Psychoboom“ der 1970er-Jahre zusehends therapeutisiert: einerseits in der Diagnose mit Konzepten wie Stress oder Burnout, andererseits in den Praktiken der Lebensführung, welche die einzelnen Subjekte zu einer ständigen „Selbstmodulation und -heilung“ (S. 12) anhielten. Analytisch greift der Band auf die wissenssoziologische Theorie des „boundary object“ zurück.[3] Glück und Erfolg, Stress und Burnout werden als ebenso unscharfe wie umstrittene Grenzobjekte bzw. -konzepte verstanden, die zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und literarischen Gattungen angesiedelt sind. Die einzelnen Beiträge behandeln diesbezüglich drei Dimensionen: erstens historisch-epistemologische Facetten, zweitens alterierende Subjektivierungsformen, drittens Prozesse der „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ (Lutz Raphael). Im Folgenden konzentriere ich mich auf solche Beiträge, die vornehmlich historisch argumentieren.

Heiko Stoff geht gleich zu Beginn in die Vollen und versucht sich an einer „Körpergeschichte des liberalen Kapitalismus im 20. Jahrhundert“. Das seit den 1950er-Jahren zunehmende Reden über Stress verweise auf ein Scheitern der ideologischen Kausalkette Leistung – Erfolg – Glück. Dies manifestiere sich wiederum in psychophysischen Prozessen und körperlicher wie geistiger Erschöpfung. Stoff zeichnet im Weiteren die Genealogie des Stresskonzepts und seine wissenschaftlichen Reformulierungen nach. Die wachsende Kritik an der Leistungsgesellschaft und ihren Begleiterscheinungen seit den 1960er-Jahren habe indes nicht zu einer Entwertung von Leistung und Erfolg geführt, sondern zum neuen Gebot individuellen Stressmanagements. Das spätmoderne Glücksstreben, so die Schlussfolgerung, korrespondiere mit einer Neuverfassung des Körpers, der bis in die Zellstruktur leistungsfähig und erfolgsorientiert sei: „[...] das neue Glück des leistungs- und erfolgsorientierten Menschen heißt deshalb Stressmanagement und Resilienz.“ (S. 51)

Die nachfolgenden Beiträge von Horst Gruner und Wim Peeters wenden sich aus literaturwissenschaftlicher Sicht der populären Darstellung von Burnout-Fällen respektive dem Subgenre des Messie-Ratgebers zu. Während anekdotisches Erzählen ein Indiz für das epistemologische Schwellendasein der Kategorie Burnout und zugleich elementar für die Wissensverbreitung sei, bereite die Messie-Literatur den phantasmatischen Anspruch, Herr im eigenen Haus zu sein, ratgebergerecht auf, indem „äußere“ in „innere“ Ordnung überführt werde.

In seiner lesenswerten Erörterung des Schweizer Dokumentarfilms „JE KA MI“ von 1978 breitet Niklaus Ingold den sich entfaltenden präventivmedizinischen Denkstil in einem historisch spezifischen Kontext analytisch aus.[4] Der Film karikiere die Schweizer Gesundheitssportkampagnen der 1970er-Jahre, die in der Bundesrepublik parallel unter dem Schlagwort „Trimm Dich“ liefen. Die zeitgenössische Kritik berief sich wesentlich auf die Kritische Theorie, die Sport und Fitness als Instrumente der Manipulation verstanden habe. Dem entsprach die filmische Darstellung der „Bewegungspause“ beim Schweizer Lebensmittelkonzern Haco AG, dessen Mitarbeiter/innen unter dem Motto „Haco fit und froh“ täglich zur Gymnastik angehalten wurden. Ingolds Ziel besteht jedoch darin, derlei Kritik zu historisieren. So arbeitet er heraus, dass neoliberale Optimierungszwänge nicht thematisiert worden seien. Vielmehr habe die Kritik vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus stattgefunden und vorrangig den repressiven und totalitären Zügen des Fitnessbooms gegolten, die im aktualisierten Deutungsrahmen von Orwells Dystopie „1984“ präsentiert worden seien. Demgegenüber habe die offenkundige Sexualisierung des Körpers im Film keine Rolle gespielt, da Sexualität im freudomarxistischen Diskurs der Neuen Linken allein als Mittel zur Befreiung gesehen worden sei.

Vor einigen Jahren hat der kanadische Wissenschaftstheoretiker Ian Hacking die These formuliert, die wachsende Beliebtheit von Erzählungen über Autismus hänge mit dem zeitgleichen Aufstieg des Internets zusammen.[5] Katja Rothe greift diesen Gedanken in ihrem Beitrag auf und führt ihn anhand der literarischen Figur „Lisbeth Salander“ aus der bekannten Millennium-Trilogie von Stieg Larsson weiter. „Salander“ drücke ein wachsendes Unbehagen an der Utopie der sozialen Medien aus, immer und überall miteinander vernetzt zu sein. In der typischen Verknüpfung von Autist und Hacker entziehe sich „Salander“ derartigen Zumutungen des „Homo Communicans“ (Eva Illouz). Rothe vergleicht sie deshalb mit dem „Schizo“ als einer Figur der Deterritorialisierung bei Gilles Deleuze und Félix Guattari.[6] Doch weise „Salander“ zugleich konservative Züge auf, da sie abgesehen von der Nähe zur Lolita-Figur Allmachtphantasien verkörpere, welche den „realen“ weiblichen Alltag entwerteten.

Der überzeugendste Beitrag stammt von Wiebke Wiede und beschäftigt sich mit der scheinbaren contradictio in adiecto des „glücklichen Arbeitslosen“. Dazu analysiert sie am Fall der Bundesrepublik sozial- und humanwissenschaftliche Subjektivierungsprogramme und stellt ihnen ebensolche von Arbeitslosen gegenüber. Bis in die 1980er-Jahre hätten wissenschaftliche Studien die psychosoziale Belastung durch Arbeitslosigkeit betont. In Verbindung mit dem sozialpsychologisch gewendeten Stresskonzept und vor dem Hintergrund des neuartigen Phänomens der Akademikerarbeitslosigkeit habe sich das grundlegend geändert. Arbeitslosigkeit sei eine individuell zu meisternde Herausforderung geworden, für die es spezifische Coping-Fähigkeiten zu entwickeln galt. Wiede sieht darin eine neue Subjektfigur des „arbeitslosen ‚Unternehmers seiner eigenen Arbeitskraft’“ (S. 156) aufscheinen, der für sein Glück individuell verantwortlich sei. Nach einem erkenntnisreichen Parforce-Ritt durch die Geschichte der Neuen Linken und des Alternativen Milieus sowie deren Haltungen zur Erwerbsarbeit gilt Wiedes Hauptaugenmerk der Initiative „Die glücklichen Arbeitslosen“, die von Mitte der 1990er- bis Anfang der 2000er-Jahre mit Publikationen und Happenings hervortrat. Obschon es sich nur um eine kleine Gruppe handelte, sieht Wiede ihre Relevanz in der subversiven Aneignung des Glücksbegriffs. „Die glücklichen Arbeitslosen“ hätten sich den Zumutungen der Arbeitsgesellschaft nicht aktiv entgegengestellt, sondern seien gänzlich unheroisch an ihnen vorbeigeglitten.

Im letzten Beitrag untersucht Matthias Leanza das Begriffspaar Stress und Resilienz. Vermittels kybernetischer Konzepte habe das Stresskonzept in den 1960er-Jahren eine Transformation durchlaufen und widme sich seitdem, wie das umfassendere medizinische Modell der Salutogenese, vorrangig gesundheitserhaltenden Faktoren. Diese werden unter dem Begriff der Resilienz verhandelt, der aus der Werkstoffkunde des 19. Jahrhunderts stammt und die Fähigkeit eines Materials bezeichnet, aus einem exogenen Belastungszustand wieder in den „Normalzustand“ zurückzuspringen (lat. resilire). Das „resiliente Selbst“ der Spätmoderne habe eben diese Fähigkeit zu erwerben, beispielsweise mit Hilfe von Entspannungs-, Körper- und Psychotechniken. Leanza plädiert dafür, dies als zeitgebundene Lösung für das Problem der Ausbildung einer stabilen Ich-Identität ernst zu nehmen, welche angesichts der fortschreitenden Entgrenzung und Verflüssigung sozialer Verhältnisse erschwert werde.

Summa summarum gelingt es dem Sammelband, neue Perspektiven auf das Streben nach Glück und Erfolg zu entwickeln. Positiv hervorzuheben sind besonders der reflexive Umgang mit Zeitdiagnosen und deren partielle Historisierung. Die einzelnen Beiträge lesen sich dabei ebenso informativ wie spannend. Kritisch anzumerken bleibt, dass eher Schlaglichter auf einzelne Phänomene geworfen werden. Ebenso denkbare und wichtige Themen wie der Umgang mit Sexualität oder Süchten, beispielsweise die Rolle von Kokain für die postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft, werden nicht angesprochen. Während dies im Rahmen eines Sammelbandes unausweichlich sein mag, müssten künftige Studien nach meinem Dafürhalten einen systematischeren Zugriff wählen und in einer stärker gesellschaftsgeschichtlichen Heuristik erste Syntheseangebote unterbreiten. Ferner werden widersprüchliche und gegenläufige Entwicklungen ausgeblendet. So werden Burnout und Depression inzwischen nicht nur psychotherapeutisch, sondern vornehmlich neurophysiologisch erklärt und behandelt. Und der Arbeitslosigkeit wird nicht nur mittels elaborierter Selbstführungstechniken zu Leibe gerückt, sondern weiterhin auch mit Zwang. Allerdings sollen diese Einwände das Verdienst des Bandes, der insgesamt voll überzeugt, keineswegs schmälern.

Anmerkungen:
[1] Vgl. jüngst Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, 5. Aufl., Berlin 2018 (1. Aufl. 2017).
[2] Dazu gehört die Reihe „Glück und Erfolg“, in der vor drei Jahren bereits ein erster Sammelband aus dem Zusammenhang des Projekts erschienen ist: Stefanie Kleiner / Robert Suter (Hrsg.), Guter Rat. Glück und Erfolg in der Ratgeberliteratur 1900–1940, Berlin 2015; rezensiert von Isabelle Haffter, in: H-Soz-Kult, 12.05.2017, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26165 (23.07.2018).
[3] Vgl. Susan Leigh Star, This is Not a Boundary Object: Reflections on the Origin of a Concept, in: Science, Technology, & Human Values 35 (2010), S. 601–617.
[4] Siehe mit Filmausschnitten auch Niklaus Ingold, Schlank, sonnengebräunt und überwacht? Über Fitnesskritik, in: Geschichte der Gegenwart, 24.04.2016, https://geschichtedergegenwart.ch/schlank-sonnengebraeunt-und-ueberwacht-ueber-fitnesskritik/ (23.07.2018).
[5] Ian Hacking, Autism Fiction: A Mirror of an Internet Decade?, in: University of Toronto Quarterly 79 (2010), S. 632–655, http://neurodiversity.qwriting.qc.cuny.edu/files/2015/11/Hacking-autism-lit.pdf (23.07.2018).
[6] Vgl. Gilles Deleuze / Félix Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie, Frankfurt am Main 1977.

Zitation
Jens Elberfeld: Rezension zu: Kleiner, Stephanie; Suter, Robert (Hrsg.): Stress und Unbehagen. Glücks- und Erfolgspathologien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Berlin  2018 , in: H-Soz-Kult, 03.08.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25650>.