H. Temporini: Kaiserinnen Roms

Cover
Titel
Die Kaiserinnen Roms. Von Livia bis Theodora


Hrsg. v.
Temporini-Gräfin Vitzthum, Hildegard
Erschienen
München 2002: C.H. Beck Verlag
Umfang
543 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Annetta Alexandridis, Institut für Altertumswissenschaften, Universität Rostock

Überblickswerke, "Grundwissen" und Einführungen erfreuen sich in den letzten Jahren auch in den Altertumswissenschaften einer zunehmenden Beliebtheit, trotz oder gerade wegen einer gewissen Unschärfe des Zielpublikums: vom interessierten Laien über Studierende bis hin zu den Lehrenden. Vor diesem Hintergrund ist es zu begrüßen, daß mit dem von H. Temporini herausgegebenen Buch eine Lücke geschlossen wurde. Die Biografien der Frauen des Kaiserhauses wurden in dieser Ausführlichkeit und chronologischen Breite bislang noch nicht zusammenhängend behandelt.[1]

Temporini hat dafür fünf weitere Autoren, allesamt renommierte Althistoriker aus dem deutschsprachigen Raum, gewinnen können. Ihre Beiträge widmen sich in chronologischer Reihenfolge den Frauen einzelner Herrscherfamilien oder einzelnen Kaiserinnen von Livia bis Theodora (H. Temporini, Die iulisch-claudische Familie: Frauen neben Augustus und Tiberius, S. 21-102; W. Eck, Die iulisch-claudische Familie: Frauen neben Caligula, Claudius und Nero, S. 103-163; H. Castritius, Die flavische Familie: Frauen neben Vespasian, Titus und Domitian, S. 164-186; H. Temporini, Die Familie der ,Adoptivkaiser' von Traian bis Commodus, S. 187-264; B. Bleckmann, Die severische Familie und die Soldatenkaiser, S. 265-339; M. Clauss, Die Frauen der diokletianisch-constantinischen Zeit, S. 340-369; Die Frauen der theodosianischen Familie, S. 370-436; H. Leppin, Theodora und Iustinian, S. 437-481; H. Leppin, Rückblick und Ausblick, S. 482-495). Die meisten Beiträge bieten eine durch epigraphische und numismatische Zeugnisse ergänzte, ausführliche Nacherzählung der schriftlichen Überlieferung. Es wird anhand der oft komplizierten und engen familiären Verflechtungen sowohl deutlich, wie die ,inoffizielle' politische Einflussnahme der Frauen über die Männer funktionierte, als auch, wie eben diese Frauen aus den vornehmsten Familien von den Männern machtpolitisch und ideologisch gezielt eingesetzt wurden. Die Bedeutung der Frauen war dabei stets von ihrer dynastischen Position bestimmt.

Die reichen biografischen und prosopographischen Angaben sind eine Fundgrube für die Fachleute, der Laie wird ihnen kaum folgen können und wollen. Immerhin helfen übersichtliche - soweit das bei den komplizierten Genealogien möglich ist - Stammbäume bei der Orientierung. Die ausgewählten Literaturangaben sind für ein deutschsprachiges Publikum gedacht und spiegeln einen je nach Autor unterschiedlichen Forschungsstand wider. Ein nützlicher Index sowie eine Karte des römischen Reiches ergänzen den Band. Zur Illustration wurde meist auf Münzbildnisse zurückgegriffen.

Anders als ein Sammelband für Experten sollte sich eine Darstellung, die auf ein heterogenes Publikum zielt, durch eine klare Zielvorgabe und methodische Einheitlichkeit auszeichnen. Eben diese aber fehlen über weite Strecken. Temporinis einleitende Worte machen das Dilemma deutlich und verdienen deshalb im Folgenden eine eingehendere Behandlung als die Einzelbeiträge. Explizites (und sehr begrüßenswertes) Ziel des Buches ist es, keine isolierte ,Frauengeschichte' zu schreiben. Vielmehr soll im größeren historischen Zusammenhang deutlich werden, dass "die Kenntnis der Lebensbilder (Kursivsetzung durch die Rezensentin) der ,Römischen Kaiserinnen' [...] unentbehrlich für das Verständnis der Herrschafts- und Legitimationsstrukturen, des gesellschaftlichen und familiären Gefüges sowie der Möglichkeiten und Grenzen eigenständiger weiblicher Rollen im Umkreis römischer Herrscher" ist (S. 9). Dies soll durch "eine eingehende Darstellung des Lebens und Wirkens (Kursivsetzung durch die Rezensentin) der führenden Frauen der römischen Kaiserfamilien seit Augustus - personen- und strukturbezogen angelegt, jeweils eingebettet in die allgemeine politische Geschichte der verschiedenen Perioden" geschehen (S. 17).

Was sind "Lebensbilder"? Die Bilder, die die Schriftsteller vom Leben der Frauen entwarfen? Die Bilder, die sich diese Frauen von ihrem Leben machten und in ihrer Normerfüllung vielleicht als individuell empfanden? Oder die Rolle, die ihnen in der Gesellschaft zugedacht war? Eines sind sie sicher nicht: "Leben und Wirken". Mit der Begrifflichkeit verschwimmen hier die methodischen Leitlinien. Ist es Aufgabe des Historikers, die "Lebensbilder" zu analysieren (S. 9) oder "die ,wahren' biographischen Züge methodisch herauszuarbeiten" (S. 18)? Abgesehen davon, dass schon die Idee einer historischen Wahrheit fraglich ist, wird im Buch nicht klar, wie aus den uns zur Verfügung stehenden Quellen biographische ,Wahrheit' gewonnen werden könnte. Vor den literarischen Topoi zum Schreckbild der ,Frauenmacht' warnen die Autoren zwar immer wieder, konsequent analysiert werden diese Topoi jedoch nicht.[2]

Ein Abschnitt zu Forschungsgeschichte und Rezeption sowie zu den literarischen Quellen und ihren Autoren hätte die Problematik übergreifend für alle Kapitel klar herausarbeiten können. Das Übergewicht der literarischen Überlieferung zur iulisch-claudischen Kaiserfamilie, das sich auch in diesem Buch bemerkbar macht (zwei Kapitel: S. 21-102; S. 103-163), hätte anschaulich mit der senatorischen Ablehnung gegenüber dem neuen Herrschaftsmodell in Zusammenhang gebracht werden können. In einem solchen systematischen Kapitel wäre es möglich gewesen, auch die neuere Forschung differenzierter zu diskutieren. Statt dessen stößt man z.B. auf die Bemerkung, die methodischen Prämissen "mancher Abhandlungen", die von einem "konsequenten Feminismus" ausgingen, seien nicht zu erkennen (W. Eck, S. 105; im Widerspruch dazu, aber ebenso verfälschend allgemein M. Clauss, S. 392). Vielmehr sind es fast alle Beiträge des Buches, die sich durch methodische Unschärfe auszeichnen. Die Quellen werden nicht konsequent angegeben, sie werden einmal kritisch bewertet und einmal unkritisch übernommen, vgl. z.B. Temporini S. 66; S. 74 (Cassius Dio) oder S. 84f. (Tacitus). Beim Leser verfestigen sich auf diese Weise viele der bekannten Klischees als historisch wahrer Kern.

Die Einbindung der Frauengeschichte in die allgemeine politische Geschichte bleibt meist in der Ereignisgeschichte haften. So werden wichtige Aspekte wie die nach außen vermittelte Funktion der Frauen des Kaiserhauses innerhalb der schwierigen Konstruktion des Prinzipats [3] oder Haushalt und Vermögen der Frauen (Temporini, S. 235) nie im größeren Zusammenhang behandelt. Systematische Kapitel zu Begriffen wie Macht und Einfluss oder ,Propaganda', die Gegenstand neuerer Forschungen sind,[4] hätten einige strukturelle Merkmale erhellen können. Auch ein gesondertes Kapitel zu den bildlichen Darstellungen - der Archäologin sei diese Bemerkung erlaubt - hätte wesentlich zur Veranschaulichung dessen beitragen können, wie das ,Bild' der Frauen des Kaiserhauses in und für die Öffentlichkeit konzipiert war, d.h. welche Funktionen diese Frauen übernahmen. Statt dessen wird die Physiognomie der Bildnisse z.T. ,für bare Münze' genommen (S. 113), werden die Frisuren nur als ,Mode' interpretiert (S. 177f.).[5] Angesichts der Fülle an Details werden trotz des chronologischen Aufbaus Veränderungen herrschaftssoziologischer Art kaum deutlich, wie z.B. das Entstehen einer deutlich charismatischen Herrschaftsauffassung seit Commodus und vor allem unter den Severern.

Es ist durchaus möglich, dies alles auch dem Laien zu vermitteln, in klarer, einfacher und anschaulicher Sprache, ohne dabei auf die ,guten Geschichten' zu verzichten. Das beweisen die beiden Beiträge von Hartmut Leppin. Seine Beobachtungen zur Rolle der Theodora, Gattin Justinians, stellt er im abschließenden Kapitel "Rückblick und Ausblick" (S. 482-495) in einen größeren historischen Zusammenhang. Im Prinzipat reichten dynastische Funktion und Idealeigenschaften der Frauen des Kaiserhauses nicht aus, um ihre herausgehobene Position zu rechtfertigen. Ehrennamen und Priesterämter gaben dem ganzen einen formellen Rahmen. Bildnisse verfestigten die Präsenz dieser Frauen reichsweit auch visuell. Dennoch standen sie im unmittelbaren politischen Geschäft immer hinter den Männern zurück. In der Spätantike kann zwar nicht von einer Emanzipation der Frauen die Rede sein. Dennoch machte der "persönliche Glaubenseifer" im Christentum nicht nur den sozialen Aufstieg von Außenseitern möglich, sondern auch größere Handlungspielräume für die Kaiserfrauen. Stiftertätigkeit und das aktive Eingreifen in die in jener Zeit so scharf diskutierten Grundsatzfragen des Glaubens, z.T. auch gegen den eigenen Gatten, hatten unmittelbare politische Konsequenzen.

In wenigen Seiten fasst Leppin Wesentliches zur Rolle der kaiserlichen Frauen wie der Frau allgemein, zur Sexualität und zur "Konstruktion der Geschlechter" vom Prinzipat bis in die Spätantike zusammen. Er formuliert ebenso eingängig wie differenziert. Und nebenbei ist sein Text auch ein Lesevergnügen. - Kurz: Ende gut.

Anmerkungen:
[1] Das Buch ist wohl als Gegenstück zu Clauss, M. (Hg.), Die römischen Kaiser. 55 historische Porträts von Caesar bis Justinian, 2. Aufl., München 2001, gedacht. In Christ, K., Geschichte der römischen Kaiserzeit, München 1993, etwa hat die Geschichte und Funktion der Frauen keinen eigenen Platz. In stärker populär orientierten Werken wie Demandt, A., Privatleben der römischen Kaiser, München 1997, werden die Frauen nur punktuell und anekdotisch unter "Ehe und Liebe" oder "Kleidung, Wohnung, Dienerschaft" abgehandelt.
[2] Wegweisend dazu Späth, Thomas, Männlichkeit und Weiblichkeit bei Tacitus. Zur Konstruktion der Geschlechter in der römischen Kaiserzeit, Frankfurt 1994. Die Arbeit wird im Literaturverzeichnis zitiert, scheint aber nicht von allen Autoren rezipiert worden zu sein.
[3] Vgl. dazu Frei-Stolba, R., Recherches sur la position juridique et sociale de Livie, l'épouse d'Auguste, in: Frei-Stolba, R. ; Bielman, A. (Hgg.), Femmes et vie publique dans l'antiquité gréco-romaine (Etudes de lettres, Université de Lausanne 1), Lausanne 1998, S. 65-89.
[4] Zu Macht/Einfluß in diesem Kontext vgl. u.a. Wieber-Scariot, A., Vorhang zur Macht. Herrschaftsteilhabe der weiblichen Mitglieder des spätantiken Kaiserhauses, in: Kunst, Chr.; Riemer, U. (Hgg.), Grenzen der Macht. Zur Rolle der römischen Kaiserfrauen, Stuttgart 2000, S. 97-112, bes. S. 97f. mit weiterführender Literatur; zum Begriff Propaganda vgl. u.a. Ritter, H.-W., Zur Beurteilung der caesarischen und augusteischen Münzpropaganda, in: Christ, K.; Gabba, E. (Hgg.), Römische Geschichte und Zeitgeschichte in der deutschen und italienischen Altertumswissenschaft während des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd 1. Caesar und Augustus, Como 1989, S. 165-182, bes. S. 168ff.; Hölscher, T., Denkmäler der Schlacht von Actium. Propaganda und Resonanz, in: Klio 67 (1985), S. 81-102; Witschel, Chr., Rez. von Kuhoff, W., Felicior Augusto melior Traiano (1993), in: Klio 78 (1996), S. 524-529.
[5] Das als 'Sabina' ausgegebene Porträt auf dem Einband stellt nicht die Gattin Hadrians, sondern eine Privatperson dar.

Zitation
Annetta Alexandridis: Rezension zu: Temporini-Gräfin Vitzthum, Hildegard (Hrsg.): Die Kaiserinnen Roms. Von Livia bis Theodora. München  2002 , in: H-Soz-Kult, 26.05.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2569>.
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26.05.2003
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