M. Schiegg: Frühmittelalterliche Glossen

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Titel
Frühmittelalterliche Glossen. Ein Beitrag zur Funktionalität und Kontextualität mittelalterlicher Schriftlichkeit


Autor(en)
Schiegg, Markus
Erschienen
Umfang
381 S.
Preis
€ 68,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ludolf Kuchenbuch, Berlin

Der Gegenstand der vorzustellenden Münchner germanistischen Dissertation (2013) ist, im buchstäblichen Sinne, verschwindend klein, sein Behandlungsaufwand mit gutem Grund gigantisch. Es geht um eigenhändige Hinzufügungen – „sekundäre Eintragungen“ – zu (meist) vorgefundenem handschriftlichem Wortlaut (Text) durch namentlich meist unbekannte Mönche im frühmittelalterlichen Okzident. Solche Glossen sind damals keine „journalistischen Meinungsäußerungen“ wie heutzutage, sondern nahezu universelle „Instrumente der Texterschließung“ (S. 7), räumlich erkennbar an ihrer Position an den Rändern neben dem Schriftblock (marginal) oder zwischen dessen Zeilen (interlinear), graphisch an ihrer Form und Größe, sprachlich an ihrer Kürze. Meist bestehen sie in einem erklärenden Wort (Interpretament) zum Bezugswort im Text (Lemma). Zu Sätzen erweiterte Hinzufügungen dagegen versteht die Forschung als Scholien bzw. Kommentare. Bis vor wenigen Jahrzehnten galten derlei Glossen vor allem als lexikales Material, als Bestandteile eines werdenden althochdeutschen Schriftsprachschatzes (Lexikon) und wurden und werden dementsprechend lexikographisch, das heißt phonetisch, morphologisch und semantisch erforscht.

Neuerdings werden solche Glossen zunehmend als ein Werkzeugensemble verstanden, dessen Vielförmigkeit und Sinnfülle davon zeugt, wie nach der Regel Benedikts lebende Mönche auf der Basis lateinischer Graphie, gelernter lateinischer und gesprochener vernakulärer Sprache sowie biblischer und antiker Wissensbestände geschrieben, gebetet, gelesen, gelernt, gelehrt, bewahrt und weitergegeben haben. Die Glosse ist für die schrift- und wissenskulturelle Forschung zu einer Lupe geworden, durch die Sprach- und Kulturhistoriker die Mönche bei ihrer geistigen Arbeit in mehreren Sprachen und ihrem Schriftgebaren ‚beobachten’. Die Glosse als Herzstück eines spezifisch monastischen Habitus!

Markus Schiegg huldigt engelsgeduldig dieser neuen, ausgesprochen ertragreichen Sichtweise und Erschließungstechnik der Glossenforschung. Dies auf zwei Feldern – einerseits mittels eines exemplarischen Einzelfalls, andererseits im Wege einer Systematisierung des bisherigen Forschungs- und Kenntnisstandes.

Das A und O der neuen Glossenforschung ist der glossierte Kodex. Es gibt solche Dokumente in Hülle und Fülle. Kaum eine damalige Handschrift ist gänzlich frei davon. Schier unzählig sind diese unscheinbaren, oft schwer entzifferbar klein geschrieben, bisweilen bewusst verschlüsselten ‚Geschreibsel’, die ameisenartig die frühmittelalterlichen Manuskriptseiten bevölkern. [1] Schiegg hat mit dem zweiten Teil der Handschrift 6 des Archivs des Bistums Augsburg einen höchst bemerkenswerten Glossenschatz erschöpfend und minutiös aufbereitet (S. 209–320). Es handelt sich um den zweiten Teil eines Mischkodex, eine in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts (möglicherweise in Würzburg) entstandene Abschrift der vier Evangelien (fol. 26r-205v), die in den folgenden beiden Jahrhunderten von Generationen klösterlicher Benutzer in den verschiedensten Formen mit Scholien und Glossen versehen wurde. Warum? Nach gut hundert Seiten detaillierter Kleinarbeit kann der Verfasser besten Gewissens vermuten, dass das Evangeliar „für den regelmäßigen Einsatz in liturgischen Kontexten in der Funktion eines Lektionars erstellt worden ist, gleichzeitig aber eine Kommentierung an den Handschriftenrändern vorgesehen war.“ (S. 332)

Schieggs Forschungsertrag besteht – sachlich gebündelt – aus drei eng verzahnten Teilen. In ihnen wird danach gefragt, wie die meist lateinischen, aber eben auch volkssprachigen Ergänzungen geschrieben wurden (Graphie), wo auf der Pergamentseite sie hinzugefügt wurden (Position), worin sie bestanden (sachliche Eigenart) und – schließlich – welchen sozialen Situationen sie dienten (Funktion). Schiegg nennt diese Herstellungs- und Gebrauchsdimensionen „Kotext“, „Paratext“ und „Kontext“ und subsumiert sie unter den linguistischen Zentralbegriff der „Textualität“.

Zur Graphie hat der Verfasser deshalb besonders viel zu sagen, weil die Glossen nicht nur in der normalen karolingischen Minuskel, sondern teilweise in Geheimschriften aufgezeichnet sind. Die eine basiert auf der Manipulation der Vokale durch Vertauschung oder Ersetzung durch benachbarte Konsonanten, die andere auf der Ersetzung von Buchstaben durch Neumen (Tonzeichen), ihr 10 Glossen umfassender Bestand wird auch kritisch ediert (S. 228–244). Über solche seltenen und rätselhaften Schreibweisen hinaus, deren Grund man nur vermuten kann (graphische Herausstellung, spielerische Schreibübungen), wird mittels Glossen bisweilen auf die fremdschriftliche Herkunft einzelner Wörter hingewiesen (griechisch), werden spezifische Buchstabenformen und Abkürzungen benutzt, markieren Zeichen im Text und am Rand den Bezug zwischen Lemma und Interpretament. Es kommt sogar zur Mehrfachglossierung (zwei volkssprachige Wörter erläutern ein lateinisches) oder syntagmatischen Erweiterungen, sodass zwei Ausdruckselemente – mischsprachlich lateinisch-althochdeutsch – nebeneinanderstehen können. Schließlich erweisen ältere und jüngere Schreibweisen des Althochdeutschen, dass die Glossatoren den Bibelwortlaut durch die Zeiten besser verständlich zu machen suchten.

Auch zu den Verortungen der Glossen auf der Seite und ihren Beziehungen zum Bibeltext hat Schiegg reiche Ernte eingefahren. Die meisten Einwortglossen sind interlinear direkt über den Lemmata eingetragen. Ein Beispiel: Über lateinisch „sabbatis“ (‚am Sabbat‘) steht etwa althochdeutsch „in tultedagen“ (‚an Festtagen‘) geschrieben. Dazu kommen zahlreiche Verweiszeichen – Punktekombinationen, Neumen, Majuskeln – für marginale Glossen und Scholien des Textes. Weiterhin beobachtet der Verfasser, dass die Glossen korrekt, das heißt grammatisch und semantisch kongruent mit ihren Lemmata sind. Verschiedene Glossentypen erweisen flexible Haltungen zum Text: einerseits spiegelnde Synonyme, andererseits Eintragungen, die das Bibeltextverständnis auch in grammatischer Hinsicht verbessern bzw. den Benutzer auf Besonderes im Text hinweisen und sogar Wertungen ausdrücken.

Bleibt noch das, was sachlich ‚von außen‘ im Laufe der Jahrhunderte von verschiedenen Glossatoren inkorporiert wurde und verschiedenen gottesdienstlichen Gebrauchsituationen dienlich sein sollte – seien es Parallelglossen aus Parallelhandschriften, seien es bibelexegetische ‚Autoritäten‘ wie Aug(ustinus), H(ieronymus), R(habanus Maurus), seien es liturgisch nützliche Zeichen (Kreuze, Punkte, Griffelstriche) für die präzise, pausengerechte Lesung. Dies alles lässt sich als kumulative Speicherung eines zusätzlichen Wissens verstehen, das neben den gottesdienstlichen Funktionen auch für ‚Unterweisungssituationen‘ durch lehrende Mönche getaugt haben dürfte. Die Handschrift 6 bildete offenkundig in den Zeiten ihrer Glossierungen ein lebendiges Reservoir und Instrument monastischer Schriftpraxis. Sie ist ein wichtiges Zeugnis im breiten Vorfeld des Übergangs zur scholastischen Buchkultur mit ihrem systematisierten Text-Glosse-Layout, dem Vorläufer der wissenschaftlichen Buchform.

Dies alles war nicht möglich ohne den umfassenden ersten Teil (S. 11–208). In ihm hat Schiegg auf der Basis der aktuellen kodexbezogenen Glossenforschung – also seinen direkten ‚Vorgängern‘ – eine beeindruckende textlinguistische Ordnungsleistung erbracht. Ausgehend von der Prämisse, dass die Glosse, sei sie lateinisch oder volkssprachlich, kein Text, keine transphrastische Größe ist, sondern nur in Verbindung mit Texten existiert, nutzt Schiegg das begriffliche Angebot der Textualitätsforschung dazu, alles zu Glossen empirisch Greifbare in eine Ordnung zu bringen, die auf ihre Funktionalität und ihre Kontextualität, ihren praktischen Sinn und Zweck abstellt. Unter den drei Dimensionen der Kotextualität, der Paratextualität und der Kontextualität wird eine in weit über 20 Subdimensionen aufgeschlüsselte Schriftsprachpragmatik der Glosse entfaltet. Sie zu erläutern und zu werten ist hier nicht der Ort. Das wäre Aufgabe einer historischen Linguistik.

Dennoch lohnt die Lektüre für jeden schriftkulturell interessierten Mediävisten. Warum? Er erfährt viel darüber, wie nötig es ist, die herkömmliche teleologische Perspektive auf das Alt-„hoch“-deutsch als frühe Entwicklungsstufe und seine Indienstnahme für einen auf die Goethezeit fokussierten Aufstieg zum Hochdeutsch aufzugeben und sich stattdessen der jeweiligen sprachlichen Ausdruckwirklichkeit zu widmen. Man bewundert, wie weit begriffsgeleiteter Umgang mit jeder skripturalen Kleinigkeit – ob Punkt oder Buchstabe, ob Zeile oder Rand –, mit jeder Wortfunktion – ob expressiv, direktiv oder deklarativ –, mit jedem Gebrauchsindiz – beim Unterricht, in der Bibliothek, in der Schreibstube oder Einzelzelle – führen kann. Und lernt so eine mehrsprachige sprachpragmatische ‚Historiolinguistik‘ im Aufbau kennen, ohne die, das sei hier prognostiziert, künftige Mediävistik kaum wird auskommen können. Eine ernsthaft um schriftkulturelle Inter-, ja Postdisziplinarität bemühte mediävistische Perspektive tut sich da auf! Aber so weit die linguistische Bemühung um die schriftsprachliche ‚Wirklichkeit‘ im Kodex geht, die Analyse des Wechselspiels zwischen ‚Text‘ und ‚Glosse‘ vorangetrieben, die Eigenart der geistig-geistlichen Aktivitäten aufgedeckt wird, die Bewegungsform des monastischen Wissensbetriebs Profil gewinnt – an einem zentralen Punkt bleibt diese so schön historische Linguistik ahistorisch: im Verständnis und Gebrauch ihrer Spitzenbegriffe selbst. Man ist schlicht irritiert, dass die Leittermini ‚Text‘ und ‚Glosse‘ nicht darauf befragt werden, ob sie in ihrer lateinischen Form – „textus“, „glossa“ – im Zeugnisbestand vorkommen, und wenn, in welchem spezifischen Sinn und in welcher Differenz zur modernen wissenschaftlichen Terminologie. Dies zu tun, wäre ein Leichtes gewesen und hätte wahrscheinlich der gewählten Methode keinerlei Abbruch getan, sondern gerade verdeutlichen können, wie unverzichtbar das Wissen um die Inkongruenz zwischen der Sprache der Zeugnisse und der der historischen Wissenschaft ist. Sie zu klären, ist eine entscheidende Aufgabe mediävistischer Semantik. Es gibt inzwischen mediävistische Arbeiten genug, die sich dieser Aufgabe widmen. [2]

Anmerkungen:
[1] Zur Veranschaulichung sei hier nur auf die „e-codices“ verwiesen, z. B. <http://dx.doi.org/10.5076/e-codices-csg-0914> (03.08.2016).
[2] Vgl. Pierre Chastang, L’archéologie du texte médiéval. Autour de travaux récents sur l’écrit au Moyen Âge, in: Annales HSS (2008), S. 245–269; Ludolf Kuchenbuch, Ecriture et oralité. Quelques compléments et approfondissements, in: Jean-Claude Schmitt / Otto Gerhard Oexle (Hrsg.), Les tendances actuelles de l’histoire du Moyen Age en France et en Allemagne, Paris 2002, S.143–165; Ludolf Kuchenbuch / Uta Kleine (Hrsg), „Textus“ im Mittelalter. Komponenten und Situationen des Wortgebrauchs im schriftsemantischen Feld, Göttingen 2006; Ludolf Kuchenbuch, Reflexive Mediävistik. Textus – Opus – Feudalismus, Frankfurt a. M. 2012.

Zitation
Ludolf Kuchenbuch: Rezension zu: : Frühmittelalterliche Glossen. Ein Beitrag zur Funktionalität und Kontextualität mittelalterlicher Schriftlichkeit. Heidelberg  2015 , in: H-Soz-Kult, 07.09.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25818>.
Redaktion
Veröffentlicht am
07.09.2016
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