A. Coşkun u.a. (Hrsg.): Seleukid Royal Women

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Titel
Seleukid Royal Women. Creation, Representation and Distortion of Hellenistic Queenship in the Seleukid Empire


Hrsg. v.
Coşkun, Altay; McAuley, Alex
Erschienen
Stuttgart 2016: Franz Steiner Verlag
Umfang
322 S.
Preis
€ 62,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sonja Richter, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen

Die seit 2008 stattfindenden Seleukid Study Days stellen deutlich das wachsende Interesse der Forschung an der Geschichte des Seleukidenreiches heraus, das sich in den letzten Jahrzehnten auch in verschiedenen Publikationen widerspiegelt.[1] Ausgehend von der Frage nach dem Verfall des Seleukidenreiches beschäftigte sich die Forschergruppe in den letzten Jahren etwa mit Fragen zur seleukidischen Genealogie, zu Herrschaftsetablierung und -legitimation, zur Bedeutung dynastischer (Heirats-)Verbindungen oder zu den Gründen und Auswirkungen innerdynastischer Konflikte.[2] Im Kontext der bisherigen Konferenzen zur Seleukidengeschichte widmete sich die vierte Tagung, die im Februar 2013 in Montreal stattfand, Fragen nach den Rollen, den Darstellungen und den Erwartungen weiblicher Angehöriger des seleukidischen Könighauses. Eine Auswahl dieser Beiträge enthält der nun von Altay Coşkun und Alex McAuley vorgelegte Tagungsband. Vorrangiges Ziel sei es, „to better understand the character of their influence, as well as the effects they had on the creation of a cultural koine and, more particularly, in shaping Seleukid royalty“ (S. 11).[3]

Strukturell gliedert sich der Tagungsband in vier Bereiche auf. Die beiden zunächst einführenden Beiträge von Hans Beck (Noble Women in China, Rome, and in-between – A Prologue, S. 13–16) und Altay Coşkun und Alex McAuley (The Study of Seleukid Royal Women: An Introduction, S. 17–22) widmen sich der Verortung des Themas in den historischen Diskurs der frauen- bzw. genderorientierten Forschung im Kontext der Alten Geschichte. Die Fokussierung auf den männlichen Personenkreis im Allgemeinen, die sowohl im Quellenmaterial als auch zumeist in der früheren Forschung zu finden ist, und die für das Seleukidenreich im Speziellen vorliegende Quellenarmut hatten bisher zur Folge, dass weibliche Angehörige des seleukidischen Königshauses nur marginal in den wissenschaftlichen Fokus rückten und dann zumeist lediglich in zwei Kategorien unterteilt wurden: So erscheinen sie entweder als kaum sichtbare Schattengestalten hinter prominenten Herrschern oder als skrupellose Machtanwärterinnen, die auf Kosten ihres Mannes und des Reiches eigene Ziele verfolgten. Vor diesem Hintergrund zielen die Beiträge darauf ab, die verschiedenen Facetten der weiblichen Angehörigen des Seleukidenhauses, die im überlieferten Quellenmaterial zu greifen sind, herauszuarbeiten und ihre Positionierung und Wahrnehmung innerhalb der Dynastie und außerhalb im beherrschten Territorium zu verorten.

Der erste Teil betrachtet die frühe Phase der seleukidischen Herrschaft (Experimenting with the Role of Royal Consort: the First Two Basilissai of the Seleukids, S. 25–104). So legt Ann-Cathrin Harders in ihrem Aufsatz (The Making of a Queen – Seleukos Nikator and His Wives, S. 25–38) überzeugend dar, dass sich nach Alexanders Tod im Kontext der nachfolgenden Diadochenreiche neben dem neuen Herrschertypus des hellenistischen Königs auch der der hellenistischen Königin herausgebildet habe, die abgesehen von der Position als Ehefrau des Königs auch selbst als Herrscherin agieren konnte, wie es etwa Apames Beziehung zu Milet zeigt. Im Anschluss stellen David Engels und Kyle Erickson (Apama and Stratonike – Marriage and Legitimacy, S. 39–65) die bedeutende Rolle heraus, die besonders die ersten beiden seleukidischen Gattinnen, Apame und Stratonike, im Kontext einer Etablierung der seleukidischen Herrschaft eingenommen haben. Ihr Fokus liegt hierbei auf der Einbindung der beiden Herrscherinnen in die Herausbildung eines dynastischen Konzepts im Kontext persischer und orientalischer Traditionen. Eran Almagor (Seleukid Love and Power: Stratonike I, S. 67–86) beschäftigt sich daraufhin mit der literarischen Episode um die Liebesgeschichte zwischen Antiochos I. und seiner späteren Gattin Stratonike. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf der nach Almagor untrennbaren Verbindung zwischen der literarischen Erzählung und der dahinter liegenden, historischen und politischen Bedeutung, wodurch ein Wendepunkt im Kontext von Herrschaftspolitik sowohl in der seleukidischen als auch in der hellenistischen Geschichte zum Ausdruck gekommen sei. Den Abschluss des ersten Teils bildet der Beitrag von Gillian Ramsey (The Diplomacy of Seleukid Women: Apama and Stratonike, S. 87–104), die sich schwerpunktmäßig mit den innen- und außenpolitischen Handlungen der seleukidischen Herrscherinnen auseinandersetzt. Ramsey gelingt es, die verschiedenen Rollen, die die seleukidische Herrscherin ausübt – „protective mother, likeminded consort, honourable daughter“ (S. 104) – herauszuarbeiten, und zu Recht beschreibt sie die Königin nicht nur als ein passives dynastisches Bindeglied, sondern auch als aktive Herrscherin.

Der zweite Aspekt beschäftigt sich mit Phasen weiblicher Herrschaft unter den Seleukiden und deren Darstellung bzw. Verzerrung (Representation, Visibility and Distortion of Seleukid Queenship, S. 107–172). Beginnend untersucht Altay Coşkun in seinem Beitrag „Laodike I, Berenike Phernophoros, Dynastic Murders, and the Outbreak of the Third Syrian War (253–246 BC)“ (S. 107–134) den Topos der „evil queen“ am Beispiel Laodikes I. und verortet plausibel die Ursache für das in der antiken Literatur etablierte negative Bild in der ptolemäischen Hofpropaganda Ptolemaios’ III., die sich dann erstmals im Werk des Phylarchos niedergeschlagen und losgelöst von den historischen Entwicklungen zwischen Seleukiden und Ptolemäern um die Mitte des 3. Jahrhunderts v.Chr. das Bild der ‚hinterhältigen Königin‘ geprägt habe. Am Beispiel des „War of Sisters“ (S. 141) beschäftigt sich daraufhin Brett Bartlett (The Fate of Kleopatra Tryphaina, or: Poetic justice in Justin, S. 135–142) mit einer in den historischen Quellen eher vernachlässigten Episode um die von Kleopatra Tryphaina befehligte Ermordung ihrer Schwester Kleopatra IV. Den Abschluss dieser Sektion bildet der Beitrag von Sheila Ager und Craig Hardiman (Female Seleukid Portraits: Where are they?, S. 143–172). Auf der Basis literarischer, numismatischer, epigraphischer sowie kunsthistorischer Quellen zeigen die Autoren auf, wie selten seleukidische Königinnen bzw. Herrscherinnen im Gegensatz zur ptolemäischen Dynastie im Kontext der Quellen in Erscheinung treten. Die Politik der dynastischen Repräsentation ändere sich jedoch in der Mitte des 2. Jahrhunderts v.Chr., wie das Beispiel der Münzen von Laodike V. zeige, die die Autoren als ptolemäische Prinzessin identifizieren und daraus einleuchtend schlussfolgern, dass der ptolemäische Einfluss innerhalb der Seleukidendynastie diesen Wandel beeinflusst habe. Im Kontext der kunsthistorischen Repräsentation sei es zudem auffällig, dass die Darstellung zumeist ptolemäischen Vorbildern folge und somit keine „specific Seleukid iconographic language“ (S. 172) entstanden sei. Ager und Hardiman kommen daher zu dem Urteil, dass nicht die Nichtsichtbarkeit der seleukidischen Herrscherinnen besonders hervorzuheben sei, sondern im Gegenteil die vielseitige bildliche Darstellung der ptolemäischen Königinnen.

Der dritte Schwerpunkt widmet sich Fragen zur Bedeutung der Verheiratung von weiblichen Angehörigen der Seleukiden (Dynastic Intermarriage and Hellenistic Queenship in the Shadow of the Seleukids, S. 175–272). In diesem Kontext rückt Alex McAuley in seinem Beitrag (Princess & Tigress: Apama of Kyrene, S. 175–189) am Beispiel der Apame von Kyrene die Bedeutung der seleukidischen Herrschertöchter für dynastische Allianzen in den Fokus. Während Apame durch ihre Heirat mit Magas von Kyrene die seleukidische Unterstützung für Magas’ Unabhängigkeitsbestrebungen gewährleisten sollte, setzte sie sich nach dem Tod ihres Gatten eigenständig für Kyrenes Loslösung vom ptolemäischen Einflussgebiet ein, indem sie die Heirat ihrer Tochter Berenike II. mit dem ptolemäischen Herrscher zu torpedieren versuchte. So außergewöhnlich der Einfluss dieser beiden Frauen in innerstädtischen und außenpolitischen Fragen auch gewesen sei, so hätten doch erneut die Herrscher selbst die Rahmenbedingungen geschaffen, in denen Apame und Berenike agieren konnten. Richard Wenghofer und Del John Houle (Marriage Diplomacy and the Political Role of Royal Women in the Seleukid Far East, S. 191–207) konzentrieren sich im Anschluss vorrangig auf einen Vergleich der seleukidischen und graecobaktrischen bzw. indogriechischen Münzprägung, um daran aufzuzeigen, dass die seleukidischen Herrscher das Mittel der Verheiratung auch in den östlichen Satrapien genutzt hätten und das hellenistische Baktrien und Indien somit bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts v.Chr. faktisch seleukidisch geblieben sei. Auch wenn kaum eine der seleukidischen Frauen exakt identifiziert werden könne, so habe sich die „integrity of the eastern frontiers of the Seleukid Empire“ auf matrilineare, dynastische Verbindungen gestützt. Diesen letzten Aspekt um die Bedeutung matrilinearer Verbindungen greift auch Rolf Strootman (‚The Heroic Company of my Forebears‘: The Ancestor Galleries of Antiochos I of Kommagene at Nemrut Daği and the Role of Royal Women in the Transmission of Hellenistic Kingship, S. 209–229) auf, der am Beispiel des Antiochos von Kommagene und dessen Hierothesion aufzeigen möchte, dass der Gedanke einer allumfassenden Monarchie in der Seleukidendynastie grundsätzlich verankert gewesen sei. So zeige sich besonders auf dem Nemrut Daği die Wichtigkeit sowohl der patrilinearen achaimenidischen als auch der matrilinearen seleukidischen Abstammung, wodurch noch einmal die Bedeutung von weiblichen Angehörigen der Seleukiden im Kontext der Herrschaftsetablierung und -repräsentation herausgestellt werde.

Julia Wilker konzentriert sich in ihrem Beitrag (A Dynasty without Woeman? The Hasmoneans between Jewish Traditions and Hellenistic Influence, S. 231–252) am Beispiel der Salina Alexandra und der Salome Alexandra auf die Rolle der weiblichen Angehörigen der Hasmonäer in Judaia. So sei besonders das dynastische Konzept der Seleukiden Vorbild für die Etablierung der hasmonäischen Herrschaftslegitimation gewesen und den weiblichen Angehörigen seien somit wichtige Scharnierfunktionen im politischen und repräsentativen Kontext zugekommen. Deutliche Unterschiede seien hingegen in Bereichen der dynastischen Verheiratung und der kultischen Verehrung zu finden, da die Herrschaft über Judaia in einer untrennbaren Verbindung von „religious authority and political rule“ (S. 250) bestanden habe. Zudem stehe die absolute Vernachlässigung hasmonäischer Frauen im Rahmen der dynastischen Propaganda, die sich etwa im 1. Makkabäerbuch niederschlage, im Widerspruch zur Wahrnehmung der Frauen in anderen hellenistischen Dynastien, doch sei es „against this background, that the role of women in the Hasmonean dynasty has to be understood and explained“ (S. 252). Zum Abschluss dieser Sektion wie auch des Sammelbandes beschäftigt sich Adrian Dumitru (Kleopatra Selene – A Look at the Moon and her Bright Side, S. 253–272) mit der letzten seleukidischen Königin Kleopatra Selene und ihrer Funktion als Bindeglied zwischen der ptolemäischen und der seleukidischen Dynastie, indem er die Motive der fünf Ehen hinterfragt, die Kleopatra Selene mit seleukidischen und ptolemäischen Herrschern einging, und schlüssig ihre Wandlung von einer zunächst passiven ‚Schachfigur‘ hin zu einer aktiven in die herrschaftliche Politik eingreifenden Königin aufzeigt. Ein die Ergebnisse zusammenfassendes Fazit fehlt. Beschlossen wird der Sammelband durch eine gemeinsamen Bibliographie (S. 273–303) und die Orts-, Namen- und Sachregister (S. 305–318) sowie vier Stemmata der Seleukiden, der Ptolemäer und der Antigoniden (S. 319–322). Positiv hervorzuheben sind die kurzen Abstracts, die jedem Aufsatz voranstehen und einen pointierten Einblick in das jeweilige Thema geben.

Die hier vorgelegten Studien bleiben an vielen Stellen mit dem in den einleitenden Bemerkungen bereits erwähnten Problem konfrontiert, dass sich auf Grund der Quellenarmut zu einigen Phasen der seleukidischen Geschichte, vor allem in den östlichen Teilen des Reiches, kaum belastbare Aussagen treffen lassen. Die Erforschung einzelner Personengruppen, besonders wenn sie wie die weiblichen Angehörigen der Seleukidendynastie grundsätzlich nicht im Fokus der Geschichtsschreibung standen, kann daher schnell an ihre Grenzen stoßen; ein Problem, mit dem von den Autoren in ihren Beiträgen in unterschiedlicher Weise umgangen wird. Die drei thematischen Sektionen, im Besonderen die Sektionen I und II, wirken in sich geschlossen und beleuchten die jeweiligen übergeordneten Aspekte aus verschiedenen Blickwinkeln. Die Beiträge der Sektion III sind im Gegensatz dazu in ihren jeweiligen thematischen Ausschnitten deutlich disparater, doch vereint sie der übergeordnete Themenkomplex, wodurch die Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit unterstrichen werden, die das Seleukidenreich über Jahrhunderte ausgezeichnet haben und aus dem Feld der hellenistischen Dynastien noch einmal deutlich herausheben.

Anmerkungen:
[1] So etwa David Engels, Studies on the Seleukid Empire between East and West, Leuven 2016 (im Druck); Paul J. Kosmin, The Land of the Elephant Kings. Space, Territory, and Ideology in the Seleucid Empire, Cambridge 2014; Sonja Plischke, Die Seleukiden und Iran. Die seleukidische Herrschaftspolitik in den östlichen Satrapien, Wiesbaden 2014.
[2] Bisher erschienen ist Kyle Erickson / Gillian Ramsey (Hrsg.), Seleucid Dissolution: the Sinking of the Anchor, Wiesbaden 2011. Demnächst publiziert wird Kyle Erickson (Hrsg.), War within the Family – the First Century of Seleucid Rule. Proceedings of Seleucid Study Day III / Panel at the VIIth Celtic Conference of Classics, Bordeaux, September 2012.
[3] Wenige Studien beschäftigten sich bisher dezidiert mit der Rolle der hellenistischen Königin, doch zeigen sie dennoch auf, welche besondere Rolle der basilissa in der hellenistischen Staatenwelt zukam. Vgl. etwa Grace H. Macurdy, Hellenistic Queens. A Study of Woman Power in Macedonia, Seleucid Syria and Ptolemaic Egypt, Baltmore 1932; Sarah Pomeroy, Women in Hellenistic Egypt: From Alexander to Cleopatra, New York 1984; Elizabeth D. Carney, Women and Monarchy in Macedonia, Norman 2000.

Zitation
Sonja Richter: Rezension zu: Coşkun, Altay; McAuley, Alex (Hrsg.): Seleukid Royal Women. Creation, Representation and Distortion of Hellenistic Queenship in the Seleukid Empire. Stuttgart  2016 , in: H-Soz-Kult, 09.01.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25958>.
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09.01.2017
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