A. Krause: Die Götter und Mythen der Germanen

Titel
Die Götter und Mythen der Germanen.


Autor(en)
Krause, Arnulf
Erschienen
Wiesbaden 2015: Marix Verlag
Umfang
254 S.
Preis
€ 5,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Rubel, Institutul de Arheologie Iasi

Mit dem zu besprechenden Band legt der Bonner Altnordist Arnulf Krause (K.) eine einführende, für ein breites Publikum gedachte Darstellung der Religion der Germanen vor. Das mit 20 Abbildungen und einem für das Format durchaus umfangreichen Bibliographie versehene Buch behandelt auf 254 Seiten die wichtigsten Aspekte der germanischen Religion und vor allem der nordischen Mythologie. Dabei nimmt K. leserfreundlich seinen Ausgang beim modernen Interesse an germanischen Mythologica, indem er auf aktuelle populärkulturelle Produkte verweist, die maßgeblich von der nordischen Tradition geprägt sind, etwa die besonders durch die Filmadaption in den letzten Jahren omnipräsente Trilogie vom „Herrn der Ringe“ des englischen Sprachwissenschaftlers J.R.R. Tolkien. Mit einigen kurzen Bemerkungen über die Rezeptionsgeschichte germanischer Traditionen bis zur aktuellen Populärkultur gelingt ihm der Übergang zu den eigentlichen Belangen des Themas.

In insgesamt zwölf Kapiteln widmet er sich zunächst der Quellenüberlieferung, worauf kosmologische Interpretationen des alten Nordens und die Darstellung der „höheren“ Götterwelt um Odin und Thor folgen. Weitere Kapitel widmen sich der „niederen Mythologie“, also Zwergen, Trollen, Naturgeistern et cetera und dem Thema Opfersitten, Grabriten und Jenseitsglauben sowie der Magie bei den Germanen. In zwei abschließenden Kapiteln kommt der Autor auf die mittelalterliche und moderne Rezeption der germanischen Religion zu sprechen.

Bemerkenswert – obwohl das für die Gattung der an ein breites Publikum gerichteten Einführungen selbstverständlich sein sollte – ist die verständliche und unprätentiöse Sprache, in der das Buch abgefasst ist. Fachbegriffe und Lateinisches werden erklärt und ausgelegt, der Stil ist flüssig und das Buch in seiner Gesamtheit sehr angenehm zu lesen und zeugt davon, dass der Autor sein Zielpublikum beim Schreiben deutlich vor Augen hatte; seine Erfahrungen im Bereich populärwissenschaftlicher Darstellungen werden ihm dabei geholfen haben.[1] Es ist vielleicht auch angebracht, an dieser Stelle den Preis des gebundenen (!) und schön aufgemachten Buches zu erwähnen: Für ganze fünf Euro bekommt der Leser eine kompetente und lesenswerte Einführung ins Thema.

Die in den folgenden Bemerkungen zum Ausdruck kommende Einzelkritik bestimmter Aspekte tut dem sehr positiven Gesamteindruck keinen Abbruch. Doch zunächst zu einer Fundamentalkritik, die indes nicht nur den Autor dieses Bandes trifft, sondern sich eigentlich auf die Gesamtheit der aktuellen Bücher zur germanischen Religionsgeschichte bezieht, deren Autoren grundsätzlich ähnlich verfahren. Allen diesen Beiträgen ist gemein, dass ihre narrative Grundkonstruktion auf der nordischen Mythologie basiert. K. ist sich als Fachmann auf dem Gebiet völlig im Klaren darüber, dass keines der Zeugnisse aus der isländischen Überlieferung (die Eddas, Skaldendichtung et cetera) des 12. und 13. Jahrhunderts „in eine ferne germanische Vergangenheit zurückgeführt werden“ kann. „Eigentlich weiß man kaum mehr, als dass die Götterlieder im 13. Jahrhundert auf Island bekannt waren und zu Pergament gebracht wurden. Alles andere ist Spekulation.“ (S. 20) Dennoch ist das Buch in weiten Teilen eine Darstellung der nordischen Mythologie und bietet trotz der zitierten einschränkenden Bemerkungen das volle Programm: Walküren, Walhall, Trolle et cetera. Dabei fehlen oft die – nach Meinung des Rezensenten auch für eine Einführung – nötigen Präzisierungen, etwa, dass die Walküren nur in der nordischen Überlieferung (und sehr spät) belegt sind. Das gleiche gilt für den bekannten – aber exklusiv skandinavischen – Gott Loki. Die sehr späte – wahrscheinlich wikingerzeitliche – Vorstellung von Walhall als Kriegerparadies (erste Belege datieren ins 10. Jahrhundert) entstammt der Lebenswelt einer Kriegerelite, also nur eines kleinen Segments der altnordischen Gesellschaft. Entsprechend entsteht der sicherlich ungewollte Eindruck, dass viele Aspekte der isländischen Überlieferung als gemeingermanisch betrachtet werden müssen.

Wenn man den Begriff „Germanen“ hört, der ja auch im Titel auftaucht, so sind das, auch chronologisch, zunächst einmal die von Caesar und Tacitus beschriebenen Südgermanen des europäischen Festlands, mit denen die Römer in Kontakt traten und deren Götterwelt sich fundamental von der des späten Nordens unterschieden hat. Allein aus der Kontaktzone zwischen der Germania Magna und dem Römerreich, den Rheinprovinzen, kennen wir aus den wenigen Bemerkungen der Quellen und vielen Inschriften – dem epigraphic habit sei Dank – eine Vielzahl eindeutig germanischer Gottheiten; allerdings oft nur dem Namen nach. Darunter sind auch ganz bedeutende, überregional verehrte Gottheiten, wie die bei Tacitus ausführlich geschilderte Göttin Nerthus (Germ. 40). Zwar gibt es Anzeichen für die Ausbildung der Wodans- bzw. Odinsreligion auch bei den Festlandgermanen (die Wochentage, die analog zum römischen Vorbild nach den germanischen Hauptgöttern benannt wurden, lassen sich sprachgeschichtlich bis ins 4. oder gar 3. Jahrhundert zurückverfolgen; die Fibel von Nordendorf aus dem frühen 7. Jahrhundert ist der erste inschriftliche Beleg für Wodan), jedoch stellt die Überbetonung der nordischen Überlieferung eine Verengung der Vielfalt der religiösen Traditionen der germanischen Völker Europas dar.

Natürlich lag das für den Fachmann im Bereich des Altnordischen nahe und die Tatsache, dass nur die isländische Überlieferung narrative Konstrukte und echte Mythen, also im Wortsinne „Geschichten“, bietet, macht diese Bevorzugung verständlich. Dennoch hätte man sich bisweilen distanzierende Kommentare oder Problematisierungen einzelner Aspekt gewünscht. Die Tatsache, dass man allgemein und bewusst vereinfachend von einer gemeinsamen Religion (im Singular) „der Germanen“ spricht, wie man das aus epistemologischen Erwägungen tut und gemäß akademischem Schubladendenken auch tun muss, hätte auf einer der 254 Seiten kurz angeschnitten werden können. Wenn wir von Germanen sprechen, dann haben wir es (schon vor der Völkerwanderung!) mit ethnischen Gruppen zu tun, die in riesigen, voneinander weit entfernten Gebieten zwischen Südskandinavien, dem heutigen Polen und dem nördlichen Schwarzmeerraum (Goten) siedelten. Dass die Goten wahrscheinlich überhaupt keinen Gott Wodan/Odin kannten und ihre Toten ganz anders bestatteten als die meisten anderen Germanenstämme, nämlich ohne Waffenbeigabe, zeigt, dass es Differenzierungen gibt, die auch für das Gesamtbild wichtig sind[2]. Klaus Böldl, der vor kurzem ein ebenfalls sehr empfehlenswertes Handbuch zur nordischen Mythologie vorgelegt hat[3], spricht das Dilemma deutlich an, wenn er den Begriff einer „germanischen Mythologie“ grundlegend hinterfragt: „Der Begriff nordische Mythologie ist der zutreffendere, denn wir wissen nicht, wie weit die Überlieferung der Edda zurückreicht und ob die auf dem europäischen Festland lebenden Südgermanen der Völkerwanderungszeit wirklich dieselben Göttergeschichten kannten wie die Isländer“[4]. Es muss betont werden, dass K. sehr wohl und durchaus ausführlich die antiken Quellen referiert und besonders in den Abschnitten über die Opferbräuche und Bestattungsriten auf die südgermanischen Belege eingeht und auch archäologische Forschungen erwähnt. Einem Altnordisten fehlende archäologische und althistorische Tiefendarstellung vorzuwerfen, wäre darüber hinaus mehr als unfair. Jedoch haben die Namenslisten von Riesen und Zwergen (S. 120–126) oder Aufzählungen literarischer Odinsnamen (S. 89f.) nur dann etwas mit den Göttern und Mythen der Germanen zu tun, wenn man sich sicher sein kann, dass man die Bewohner des wikingerzeitlichen oder mittelalterlichen Nordens tatsächlich noch genauso als „Germanen“ ansprechen kann, wie die Cherusker des Arminius oder die Franken und Alamannen der Völkerwanderungszeit, oder dies mindestens ein wenig problematisiert.

Abgesehen von dieser Fundamentalkritik, die die gesamte „Branche“ und keineswegs nur K. allein trifft, wären lediglich ein paar Kleinigkeiten zu bemerken, die fast nur noch Geschmacksfragen betreffen. So kann man die Frage stellen, ob angesichts der Tatsache, dass die nordische Bronzezeit und ihre eindrucksvollen Felsbilder mit den Germanen entgegen früherer Annahmen sicher nichts zu tun haben (dessen ist sich K. bewusst, S. 39), das Kapitel „Die Rätsel der Felsbilder“ (S. 33–39) überhaupt hätte Aufnahme finden müssen. Darüber hinaus erscheint die Ursprungsfrage seit einigen Jahren doch deutlicher entschieden zu sein, als K. meint, wenn er auch Skandinavien als Ursprungsgebiet „der Germanen“ angibt (S. 33). Archäologie und Sprachwissenschaft haben gemeinsam das nördliche Deutschland im 5.–4. vorchristlichen Jahrhundert und die dort verbreitete Jastorf-Kultur als Nukleus der durch Sprache und materielle Kultur definierbaren „Germanen“ ausgemacht[5]. Die Jastorf-Kultur gilt damit bis auf weiteres in Übereinstimmung mit dem linguistischen Befund für die Gegend als die Keimzelle des Germanischen, das sich dann auf nördliche und östliche Nachbarn ausbreitete. Diese plausible und derzeitig allgemein anerkannte These von der Entstehung der germanischen Sprache in Nord- bzw. Mitteldeutschland, bringt das Problem mit sich, im Umkehrschluss nun eine – zumindest sprachliche – „Germanisierung“ des Nordens anzunehmen. Wie diese sprachliche oder kulturelle Germanisierung des Nordens vor sich ging, muss offen bleiben. Skandinavien sollte deshalb deutlicher als Ursprungsgebiet ausgeschlossen werden, die späteren Berufungen auf eine skandinavische Herkunft (etwa der Goten) ist sehr wahrscheinlich als distinguierende Fiktion einer Elite zu betrachten.

Das alles soll den positiven Gesamteindruck dieser lesenswerten Einführung nicht beschädigen. Einzelne Kapitel des Bandes sind geradezu herausragend in der Darstellung und bieten komplexe und interessante Sachverhalte in einer seltenen Griffigkeit. So gelingt es K. in seinem Kapitel über die Christianisierung auf engem Raum (S. 181–200) die wichtigsten Aspekte sowohl der anglo-irischen Mission der rechtsrheinischen Germania, wie auch der von Hamburg ausgehenden Missionierung des Nordens zu fassen und auch kirchengeschichtliche Hintergründe deutlich zu machen. Das abschließende Kapitel „Goldene Hörner und Ringe der Macht“ folgt auf geradezu spannende Weise der modernen Rezeption von Wagner bis Tolkien und spricht auch neuheidnische Kulte an, so dass man gerne noch mehr davon gelesen hätte. Dem interessierten Laien, aber auch dem Studenten, der sich unter kompetenter Führung ins Thema einlesen will, sei dieses wohlfeile Buch nachdrücklich empfohlen.

Anmerkungen:
[1] K. hat eine ganze Reihe von nützlichen Einführungen verfasst, etwa: Die Geschichte der Germanen, Frankfurtam Main 2005 oder: Die Welt der Kelten, Frankfurt am Main 2004.
[2] Ausführlich hierzu Herwig Wolfram, Die Goten, 5. Auflage, München 2009. Ob der für die Goten überlieferte Gott Gaut sich auf eine der bei den Skalden des Norden verwendeten „kenningar“, also einen poetischen Beinamen Odins, zurückführen lässt, ist umstritten.
[3] Klaus Böldl, Götter und Mythen des Nordens. Ein Handbuch, München 2013.
[4] Klaus Böldl in einem Interview: Wie der germanische Glaube zur Ökoreligion wurde, in: Die Welt, 19.03.2010. Online unter: <http://www.welt.de/kultur/article6841836/Wie-der-germanische-Glaube-zur-Oekoreligion-wurde.html> (25.04.2016).
[5] zuletzt: Jochen Brandt und Björn Rauchfuß (Hrsg.), Das Jastorf–Konzept und die vorrömische Eisenzeit im nördlichen Mitteleuropa: Beitrage der internationalen Tagung zum einhundertjährigen Jubiläum der Veröffentlichung. Die ältesten Urnenfriedhöfe bei Uelzen und Lüneburg durch Gustav Schwantes, 18.–22.05.2011 in Bad Bevensen, Hamburg 2014. Die sprachwissenschaftlichen und hydronomischen Aspekte ausführlichst bei Jürgen Udolph, Namenkundliche Studien zum Germanenproblem, Berlin 1994.

Zitation
Alexander Rubel: Rezension zu: : Die Götter und Mythen der Germanen. Wiesbaden  2015 , in: H-Soz-Kult, 06.06.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25970>.
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Veröffentlicht am
06.06.2016
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