Titel
Radicals in America. The U.S. Left since the Second World War


Autor(en)
Brick, Howard; Phelps, Christopher
Erschienen
Umfang
IX, 355 S.
Preis
€ 24,73
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hinnerk Onken, Historisches Institut, Universität zu Köln

Mitunter fällt es schwer, das Bild des Amerikas, das George W. Bush zum Präsidenten wählte (und das gleich zwei Mal) mit dem Bild des Amerikas in Einklang zu bringen, das millionenfach die Schriften Noam Chomskys oder Naomi Kleins „No Logo“ liest, die Platten so radikaler Musiker wie Pete Seeger, Rage Against the Machine oder Rise Against kauft und auch in jüngster Zeit noch eine radikale Graswurzelbewegung hervorzubringen im Stande war: Die Occupy-Bewegung mit ihrem Slogan „We are the 99 percent“ breitete sich von der Wall Street fast über die ganze Welt aus – fiel allerdings auch schnell in sich zusammen. Aktuell manifestiert sich die Ambivalenz des politischen Amerika in den Erfolgen des superreichen rechten Egomanen und republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump auf der einen Seite und der Begeisterung, die der selbsterklärte demokratische Sozialist Bernie Sanders besonders bei jungen Amerikaner/innen entfacht, auf der anderen Seite. Beim Verstehen zumindest der einen Facette dieses Bildes ist die 2015 erschienene Monografie „Radicals in America“ von Howard Brick und Christopher Phelps außerordentlich hilfreich.[1]

Die Arbeit behandelt die Genese der radikalen Linken in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Fokus der ersten Überblicksdarstellung zum Thema für diesen Zeitraum überhaupt liegt auf „radicals“ in den USA, es wird aber bei nahezu allen Aspekten auch ein globaler Kontext behandelt, so etwa der Zweite Weltkrieg, der Vietnamkrieg, Dekolonisation in Afrika oder linke Bewegungen in Mittelamerika.

Als analytische Klammer dient den Autoren die Metapher der Situierung des Radikalismus zwischen „margin and mainstream“ (S. 1). Wirklich radikal kann für sie dabei nur die politische Linke sein: „What makes left-wing criticism radical is the conviction that freedom, equality, democracy, and solidarity will demand changing the existing order of social life in fundamental ways – supplanting, for example, the power of multinational corporations – and devising new egalitarian ways of social interaction and political engagement. In this way the radical left differs profoundly from the so-called ‘radical’ right, which works to reinforce class, gender, and racial privileges, if often in the guise of liberty, patriotism, populism, tradition, or merit.“ (S. 7)

Jedes der sieben Kapitel, in die das außerdem aus Einleitung und Conclusio bestehende Buch gegliedert ist, beginnt mit einer kleinen biografischen Skizze. Vorgestellt werden dabei Personen, die bislang wenig oder gar nicht bekannt sind, im dritten Kapitel („A New Left“) etwa Gloria Richardson, eine schwarze Bürgerrechtlerin und Protagonistin des Cambridge Nonviolent Action Committee (CNAC) (S. 88–92). In den chronologisch aufeinander folgenden Kapiteln widmen sich die Autoren mal mehr, mal weniger ausführlich politischen Parteien und Gruppierungen von der Communist Party USA (CPUSA) über verschiedene trotzkistische, maoistische und anarchistische Gruppen bis hin zu sozialdemokratischen Plattformen unter dem Dach der Demokratischen Partei (und somit verschiedenen Strategien, Mehrheiten in politischen Prozessen zu gewinnen); der Geschichte der schwarzen Bürgerrechtsbewegung vom Busboykott in Montgomery, Alabama, über die Black Panther Party bis zu #blacklivesmatter; der Studierendenbewegung; dem American Indian Movement (AIM); der Geschichte von Gewerkschaften; der Entwicklung der Schwulen-/Lesbenbewegung, der Frauenbewegung und des Feminismus sowie EarthFirst und anderen Öko-Bewegungen. Auch die oben bereits angesprochene Occupy-Bewegung und andere aktuelle Entwicklungen wie eben z.B. #blacklivesmatter werden behandelt. Bei aller Komplexität und trotz der großen Linien, die sie in ihrer Darstellung verfolgen, schaffen es Bricks und Phelps dabei immer wieder, auch die lokale Ebene in den Blick zu nehmen, um zu zeigen, wie Politisierung und linke Radikalisierung konkret funktionierten. Beeindruckend und sehr gelungen ist der Versuch, einfache Amerikaner, Angehörige der „working class“, Weiße wie Schwarze wie Latinas/Latinos, Menschen im Norden wie im Süden und im Osten wie im Westen, in Industriezentren wie im ländlichen Raum, Frauen wie Männer in ihren so heterogenen Interessen und Perspektiven zu berücksichtigen.

Insgesamt wird die Entwicklung der US-amerikanischen radikalen Linken seit dem Zweiten Weltkrieg als eine Geschichte zunächst eines Aufstiegs und dann eines Niedergangs erzählt: Der Aufstieg sei in den extrem politisierten 1960er- und 1970er-Jahren kulminiert; in den folgenden Jahrzehnten gingen und gehen radikale Stimmen insbesondere im offiziellen politischen System immer mehr unter, so die Autoren. Und so scheint es folgerichtig, dass auch Bernie Sanders im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten gegen Hillary Clinton, eine Republikanerin „light“, letztlich keine Chance hatte. Bricks und Phelps Darstellung dieser Entwicklung ist aber wenig fatalistisch und enttäuscht. Vielmehr stellen sie heraus, wie bestimmte zunächst marginale Positionen der radikalen Linken im Laufe der Zeit „mainstream“ wurden. „Radicalism becomes invisible, paradoxically, in its victories.“ (S. 311) Die von der politischen Rechten ausgerufenen „culture wars“ der 1980er- und 1990er-Jahre jedenfalls habe die Linke wenigstens tendenziell gewonnen: Mit Barack Obama regierte von 2009 bis 2017 ein afroamerikanischer Präsident (dessen Nachfolgerin vermutlich eine Frau wird) und Frauenrechte oder die Akzeptanz von Homosexuellen bis hin zur „Homoehe“ sind mittlerweile weit verbreitete Positionen – das Rad wird sich nicht ganz zurückdrehen lassen. Allerdings klingt in der Darstellung mitunter Enttäuschung über handelnde Personen der politischen Linken an; mit Rechten und Konservativen wie etwa Ronald Reagan und den Bushs, aber auch mit Bill Clinton oder Al Gore gehen Brick und Phelps sehr viel härter ins Gericht.

Die Autoren sind profunde Kenner der Geschichte linker Bewegungen und vertraut mit linken Diskursen; viel Quellenmaterial stammt aus ihren eigenen Sammlungen. Mit großer Sicherheit bewegen sie sich im Dschungel der vielen Namen von Personen, Gruppen und Organen sowie deren Abkürzungen, die im sehr hilfreichen Register verzeichnet sind. Die Literaturhinweise sind ebenfalls hilfreich, wenn auch der Zitations- bzw. Belegstil gewöhnungsbedürftig ist: Alle Nachweise finden sich geballt am Ende eines Absatzes in einer Fußnote. Ein weiterer kleiner Kritikpunkt betrifft die Abbildungen, die etwas unmotiviert über den Text verteilt sind und fast ausschließlich illustrativen Charakter haben. Insgesamt jedoch ist das Buch gut geschrieben; auch bei dramatischen Ereignissen wird Pathos weitestgehend vermieden. Mitunter ist es sogar amüsant: „What is a radical? The word ‘radical’ comes from the same Latin word as ‘radish’. Both describe objects that are red, zesty, and sometimes found underground […].“ (S. 5) Zudem sind Brick und Phelps um Fairness gegenüber den Akteuren und darum bemüht, linke Mythen und Meisternarrative nicht einfach fortzuschreiben. Hinsichtlich der politischen Haltung der Autoren bleiben dennoch keine Zweifel: weit links. Das hindert sie jedoch nicht daran, eine alte linke Tradition pflegend innerlinke Kritik zu üben, etwa an der stalinistischen und auch später noch voll auf UdSSR-Kurs liegenden CPUSA oder an den Aktionen des Schwarzen Blocks im Rahmen der Proteste anlässlich der Konferenz der Wirtschafts- und Handelsminister der WTO in Seattle 1999. Brick und Phelps beziehen dagegen selbst nur eher vage Position. Sie schlagen eine pragmatische sozialistische Politik vor, die nicht auf eine Revolution abziele, schon gar nicht gewaltsam, aber auch nicht auf bloße Reformen des Bestehenden.

Anmerkung:
[1] Beide Autoren sind Historiker und haben bereits einschlägige Publikationen zu US-amerikanischem Radikalismus verfasst. Das Manuskript der zu besprechenden Arbeit hatte Howard Brick (University of Michigan, Ann Arbor) ursprünglich alleine verfasst, wie Christopher Phelps (University of Nottingham) auf einer Buchpräsentation im Rahmen der Radical Americas Conference 2015 in London erzählte. Zu ihrer Zusammenarbeit kam es, als Brick das Manuskript seinem späteren Koautor zu lesen gab. Phelps fand die Arbeit grundsätzlich sehr gut, übte aber auch viel und vor allem sehr detailliert Kritik. Brick erwiderte daraufhin sinngemäß, Phelps solle das Buch halt selber schreiben. Dieser nahm den Kollegen beim Wort und so brachte Phelps sich dann als Autor ein. Von der dialektischen Produktionsweise profitiert das Buch ganz ungemein.

Zitation
Hinnerk Onken: Rezension zu: : Radicals in America. The U.S. Left since the Second World War. New York  2015 , in: H-Soz-Kult, 08.11.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26183>.