Cover
Titel
Gute Ritter, böse Heiden. Das Türkenbild auf den Kreuzzügen (1095–1291)


Autor(en)
Brandt, Niels
Erschienen
Umfang
408 S.
Preis
€ 55,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Clauss, Institut für Europäische Geschichte , Technische Universität Chemnitz

Der Titel des hier anzuzeigenden Buches ist Programm und Ergebnis gleichermaßen. Niels Brandt will zeigen, dass die türkischen Kombattanten in den Berichten zu den Kreuzzügen ins Heilige Land als veritable militärische Gegner, was er mit ‚gute Ritter‘ umschreibt, positiv und gleichzeitig als Heiden negativ konnotiert und dargestellt wurden. Die Ablehnung der religiösen Andersartigkeit stand einer anerkennenden Wertschätzung der militärischen Fertigkeiten nicht im Wege, vielmehr beförderten vergleichbare sozio-militärische Strukturen den Respekt vor den türkischen Reiterkriegern. Brandt macht das Kriegswesen als einen Bereich aus, in dem ähnliche Wertvorstellungen (wie männliche Tapferkeit und kriegerischer Mut) und strukturelle Ähnlichkeiten (wie die Bedeutung des Reitens für Taktik und Sozialprestige) eine Wertschätzung und Kooperation über die Religionsgrenze hinweg möglich machten. „Abendländische Ritter und türkische Reiterkrieger trennte ein religiöser Graben, aber sie standen sich stets auf Augenhöhe gegenüber.“ (S. 378) Damit greift Niels Brandt eine These auf, die Rosalind Hill bereits in den 1970er-Jahren formuliert hat (S. 24).[1]

Mit dieser Studie unternimmt Brandt den – methodisch grundsätzlich anregenden – Versuch, militärhistorische Fragestellungen für die Analyse von Fremd- bzw. Feindwahrnehmungen auf den Kreuzzügen fruchtbar zu machen. Damit bewegt er sich in einem von der Kreuzzugsforschung mehrfach beackertem Feld[2] und kann bereits bekannte Ergebnisse bestätigen: Das Verhältnis zwischen Kreuzfahrern und Muslimen war in erster Linie von Pragmatismus und nicht von Feindbildern geprägt, die Wahrnehmung des Islam und der muslimischen Opponenten änderte sich im Verlauf der Kreuzzüge und führte zu Anerkennung und Bündnissen, ohne in religiöse Toleranz im modernen Sinne umzuschlagen.[3] Die Formulierung Brandts, dass die Forschungsliteratur es oftmals „bei wenigen Sätzen über das Türkenbild der Kreuzfahrer“ belasse (S. 24), befremdet daher.

In der Einleitung (S. 9–29) macht Brandt deutlich, worum es ihm geht: Nicht das Bild der muslimischen Opponenten allgemein, sondern „das Bild von den Türken als Gegner in der Schlacht“ (S. 12) soll untersucht werden; damit wird eine wesentliche Einschränkung und eine methodisch nicht unproblematische Vorentscheidung getroffen: Wenn man sich auf militärische Konflikte konzentriert, ist es wenig überraschend, dass kriegsbezogene Qualitäten ein besonderes Gewicht erlangen. In die gleiche Richtung verweist der Umstand, dass Niels Brandt Militärgeschichte in einer eher traditionellen Weise betreibt. Aus den chronikalischen Texten werden die Abläufe der Schlachten genau rekonstruiert, und man kann sich „gleichsam in einen Teilnehmer des Zuges hinein versetzen“ (S. 22). Dieses Vorgehen nimmt wenig Rücksicht auf Ansätze einer jüngeren Militärgeschichte, die nach Darstellungskonventionen und Erzählabsichten in historiographischen Erzählungen vom Krieg fragt.[4] Hier hätten sich im Vergleich von narrativen Konstellationen auch jenseits der Kreuzzugschronistik (etwa zum Bild der ebenfalls als berittene Bogenschützen agierenden Ungarn) interessante Aussagen etwa zu Topik von Schlachtschilderungen und Feindbildern ergeben, die weitaus öfter auf literarisch-narrative Muster als auf situative Kriegsereignisse verweisen können als Brandt dies in Rechnung stellt.

Bezeichnend ist, dass dem Buch ein eigener Abschnitt über Methode und Vorgehen fehlt. Auf die Einleitung folgt ein Kapitel über „Die Kreuzfahrer und ihre Gegner“ (S. 30–61), in dem die politisch-militärische Ausgangslage skizziert und vor allem auf die türkischen berittenen Bogenschützen als ausschlaggebendes taktisches Moment eingegangen wird. Unter der Überschrift „Böse Heiden“ werden dann Türken- und Islambilder vor dem ersten Kreuzzug vorgestellt (S. 62–75), bevor dann in einer Mischung aus chronologischen und strukturellen Kapiteln verschiedene Aspekte des Themas von 1096 bis 1291 behandelt werden. Im Kapitel „Die Türken in den Schlachtschilderungen des ersten Kreuzzuges“ (S. 76–115) rekonstruiert Brandt aus den narrativen Quellen Kriegsabläufe und psychologische Folgewirkungen der türkischen Taktik auf die Kreuzfahrer, wobei er Teilnehmern und Augenzeugen – im Sinne der klassischen Militärgeschichte konsequent – ein besonderes Gewicht beimisst; hieraus ergibt sich die Kernthese des Buch: Die wiederholten Angriffe der türkischen berittenen Bogenschützen hätten bei den Kreuzfahrern „Furcht, Hoffnungslosigkeit und Panik“ (S. 88) ausgelöst und den Grundstein für eine respektvolle Hochachtung in der Einschätzung der türkischen Kampfesweise gelegt. So einleuchtend die Annahme, dass die Erfahrung militärischer Konfrontationen zur Neubewertung eines bislang unbekannten Gegners führt, auch sein mag, die Vorgehensweise Brandts nimmt mitunter zu wenig Rücksicht auf die Darstellungsabsicht und Funktionsweise mittelalterlicher Historiographie; so spricht er etwa von „angeblichen Wundern“, deren Präsentation in den Chroniken den „realen Schlachtverlauf“ beeinflussen würden (S. 93f.).

Es folgen chronologische Kapitel zu den „Türken in der ‚zweiten Generation‘ der Kreuzzugschroniken“ (S. 116–141), „Heiliger Krieg und alltägliche Nachbarschaft: Das 12. Jahrhundert bis 1187“ (S. 207–252), „Ein außergewöhnlicher Feldherr und seine Krieger: Saladin und sein Heer in den christlichen Quellen“ (S. 253–313) und „Ayyubiden, Mamluken und Choresmier: Das 13. Jahrhundert“ (S. 314–365). In diesen Kapiteln werden diverse Chronisten vorgestellt und ihr Bild der Türken analysiert, wobei neben bekannten Veränderungen im Bild der Muslime bei einzelnen Autoren – etwa Wilhelm von Tyrus – auf die Grundthese des militärischen Respekts verwiesen wird.

Die methodisch interessanten Abschnitte des Buches sind die Abschnitte „Gute Ritter? Blickwinkel“ (S. 142–174), „Vor der Schlacht, nach der Schlacht und abseits des Schlachtfeldes“ (S. 175–206) und „Die Ägypter: Ein schwächerer Gegner?“ (S. 246–252). Hier stellt Brandt Vergleiche zwischen verschiedenen Facetten der Feindbilder der Kreuzfahrer an und geht auch auf die Vorstellungen und Intentionen einzelner Autoren ein, etwa den Autor der Gesta Francorum und Ekkehard von Aura. Dabei wird die Perspektivität und Autorengebundenheit von Werturteilen hinterfragt, wenn Charakteristika wie ‚Wildheit‘ und ‚List‘ sich für die Muslime und normannische Kreuzfahrer gleichermaßen finden (Gesta Francorum): „Den Türken wird das Lob nicht zuteil, obwohl sie listig und wild sind, sondern gerade weil sie es sind, weil sie genau die Eigenschaften besitzen, die Ende des 11. Jahrhunderts und später noch auch die europäischen milites schätzen, mögen sie uns heute auch wenig lobenswert erscheinen.“ (S. 163) Hier wird das Feindbild der Kreuzfahrer facettenreich und entzieht sich eindimensionalen Deutungen von guten Rittern und bösen Heiden.

Auf diese Formel führt Brandt im Schlusskapitel (S. 366–378) seine Überlegungen aber wieder zusammen; dies fußt auf interessanten (aber nicht unbedingt neuen) Annahmen und Beobachtungen – wie zum Pferd als gemeinsames Statussymbol beider sich gegenüberstehender Gesellschaften oder zum Zusammenhang von Kriegserfahrung, Feindbildern und Pragmatismus – geht aber zu selten auf die literarisch-narrativen Qualitäten der Quellentexte ein. Ausnahmen hierzu – wie etwa zum Bild des „idealen“ Türken Saladin (S. 303f.) – zeigen, dass dieser Ansatz fruchtbar gewesen wäre.

Orts- und Personenregister beschließen ein Buch, das vieles Richtige, aber wenig Neues sagt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Rosalind Hill, The Christian View of the Muslim at the Time of the First Crusade, in: Peter M. Holt (Hrsg.), The Eastern Mediterranean Lands in the Time of the Crusades, Warminster 1977, S. 1–8.
[2] Vgl. etwa Martin Völkl, Muslime – Märtyrer – Militia Christi. Identität, Feindbild und Fremderfahrung während der ersten Kreuzzüge, Stuttgart 2011.
[3] Vgl. etwa Hannes Möhring, The Christian Concept of the Muslim Enemy during the Crusades, in: Hans-Henning Kortüm (Hrsg.), Transcultural Wars from the Middle Ages to the 21st Century, Berlin 2006, S. 185–193.
[4] Vgl. etwa Hans-Henning Kortüm, Der Krieg im Mittelalter als Gegenstand der Historischen Kulturwissenschaften. Versuch einer Annäherung, in: ders. (Hrsg.), Krieg im Mittelalter, Berlin 2001, S. 13–43.

Zitation
Martin Clauss: Rezension zu: : Gute Ritter, böse Heiden. Das Türkenbild auf den Kreuzzügen (1095–1291). Köln  2016 , in: H-Soz-Kult, 02.11.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26184>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.11.2016
Beiträger
Redaktionell betreut durch