M. Steffen: Geschichten vom Trüffelschwein

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Titel
Geschichten vom Trüffelschwein. Politik und Organisation des Kommunistischen Bundes 1971-1991


Autor(en)
Steffen, Michael
Erschienen
Berlin 2002: Assoziation A
Umfang
409 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Mohr, Berlin

Für den Verlauf der 70er Jahre in der Bundesrepublik besagen Schätzungen, dass rund 100.000 hauptsächlich junge Leute in der ein oder anderen Form direkt oder im Umfeld einer politischen Gruppe engagiert waren, die sich am Maoismus orientierte. [1] Die maoistischen Gruppen, Bünde oder Parteien sind als direkte Nachfolgegruppen aus dem Zerfall der Außerparlamentarischen Opposition Ende der 60er Jahre hervorgegangen. Sie suchten gegen die Neuformierung der moskau-orthodoxen Deutschen Kommunistischen Partei im Horizont des ”chinesischen Referenzsystemes” auf ihre Weise den antiautoritären Impuls der StudentInnenrevolte fortzusetzen. Sechs größere von ihnen verteilten sich über bestimmte regionale Schwerpunkte in der Bundesrepublik. Während die größte maoistische Gruppe, der Kommunistische Bund Westdeutschlands, seine Schwerpunkte in Heidelberg, Frankfurt und Bremen besaß, war der Kommunistische Bund hauptsächlich in Hamburg und Schleswig-Holstein beheimatet.

Bislang ist dieses nicht ganz unbedeutende Kapitel des bundesdeutschen Linksradikalismus so gut wie unerforscht. Es existieren nur zu Einzelaspekten maoistischer Politik und Ideologie in der Bundesrepublik Darstellungen. [2] Das gilt auch für die Teile des jüngst erschienenen instruktiven Buches von Gerd Koenen “Das rote Jahrzehnt”. [3] Ohne selbst einen wissenschaftlichen Anspruch zu formulieren, handelt Koenen das Binnenleben der größten maoistischen Gruppe in der BRD, den Kommunistischen Bund Westdeutschlands aus einer von ihm strategisch geschickt eingenommenen Opferperspektive ab. Die Forschungslücke über die maoistischen Gruppen in der BRD der 70er Jahre ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass sich aus diesem politischen Umfeld eine große Anzahl von reputierlich gewordenen Politikern hauptsächlich der Grünen Partei und in den 90er Jahren der PDS in Landes- und Bundesparlamenten rekrutiert haben.

Michael Steffen hat nun im Rahmen einer von Georg Fülberth in Marburg betreuten Dissertation das Wagnis unternommen, sich zunächst durch den unübersehbar wirkenden Blätterwald bedruckten Papiers eines der größten maoistischen Bünde in den 70er Jahren zu schlagen. Das Bonmot seines Doktorvaters vom „Trüffelschwein” aufgreifend, hat er die „Politik und Organisation des Kommunistischen Bundes” in den Jahren 1971 bis 1991 untersucht. Eine gekürzte Fassung wurde nun publiziert, die Langfassung ist im Internet einsehbar. [4] Steffen zeichnet den Werdegang des Kommunistischen Bundes chronologisch in vier größeren Kapiteln nach. Sie reichen von der Etablierung dieser Gruppe „als regionales Zentrum der (marxistisch-leninistischen) ML-Bewegung” bis zum Jahre 1975, gefolgt von dessen Engagement „im Kontext der neuen sozialen Bewegungen”, hauptsächlich in der Anti-AKW-Bewegung im Jahre 1977, und der sich für den KB direkt daran anschließenden, von ihm wesentlich initiierten „Alternativen Wahlbewegung”.

In diese Zeitetappe fällt auch der organisatorische Höhepunkt des KB. Im Jahre 1977 waren rund 2.500 Aktivisten in der ein oder anderen Form an diese Gruppe angebunden, und der von dieser Organisation zweiwöchentlich vertriebene Arbeiterkampf kann mit weit über 20.000 abgesetzten Exemplaren als zentrales Medium einer linken Gegenöffentlichkeit betrachtet werden, die erst Jahre später mit der Tageszeitung ähnlich groß werden sollte. In den letzten beiden kürzeren Kapiteln beschreibt Steffen dann den „Niedergang der ML-Bewegung”, die Spaltung des KB im Jahre 1979 und seine in den 80er Jahren erfolgte „Marginalisierung”.

Nach rund einem Jahrzehnt Politaktivismus markieren die in einem Klima totaler staatlicher Repression erlittenen Ereignisse des „Deutschen Herbstes“ 1977 eine Zäsur, die sich nicht nur auf die Außenwirkung dieser Gruppe, sondern auch auf das Binnenleben der Organisation auszuwirken begann: Der zuweilen pathologische Züge tragende Arbeitsalltag in der Organisation wurde zunehmend weniger ertragen, es kam zu enormen Mitgliederverlusten, und innerhalb der verbleibenden KB-Familie brach in den Jahren 1978/79 etwas auf, was man heute gemeinhin eine Sexismusdebatte nennen würde. Darin wurde das Problem prügelnder Genossen genauso thematisiert wie die Relevanz der „Frauenfrage im Kapitalismus”. Die vehemente Ablehnung von „Grauzonen des Feminismus” innerhalb der eigenen Organisation wurde dann eine der Startrampen für denjenigen Teil des KB, der sich in als Gruppe Z in Richtung der sich formierenden Partei die Grünen abspaltete. Doch deren innerhalb der Grünen Partei erhofftes – ökosozialistisch genanntes – Projekt zerschellte, ähnlich wie der Niedergang des KB in den 80er Jahren unvermeidlich war.

Für den Zeitraum der 80er Jahre waren nur noch etwa 300 Leute dieser Gruppe zuzurechen. Nach der Selbstauflösung der DDR und dem Golfkrieg in der ersten Hälfte des Jahres 1991 beteiligten sich dann noch ungefähr 200 Personen an der Auflösungsdebatte dieser Organisation.

Zentral für die Einsicht in die Binnenverhältnisse der, wie alle linksradikalen Gruppen jener Zeit abgeschottet kommunizierenden, Gruppe waren für den Verfasser Interviews und Gespräche mit weit über 50 führenden AktivistInnen. Sie eröffneten ihm die Möglichkeit, in seiner Darstellung zwischen den nach außen proklamierten Normen dieser politischen Gruppe und Elementen ihrer Wirklichkeit zu unterscheiden. Im Schlussteil des Buches finden sich 58 mehr oder weniger ausführliche „biographische Anmerkungen zu leitenden Kadern des KB”. Dieser Abschnitt macht deutlich, dass diese Dissertation das Wirken der Organisation hauptsächlich aus den nachträglich eingenommenen Perspektiven ihres Führungspersonals beleuchtet, was seine Tücken hat.

Denn methodisch wirft ein derartiger, mit Hilfe politisch hoch motivierter politischer Akteure eröffneter Zugang das Problem der Kontrolle der so gewonnenen Aussagen auf. Hier können sich schnell in abgeschlossen tätigen Organisationen zirkulierende Gerüchte und Kolportagen zu Aussagen verdichten, die zur gravierenden Frage der Überprüfbarkeit führen. So wies das durch seine ehemalige Funktion als Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag heute wohl prominenteste Mitglied des Kommunistischen Bundes, Thomas Ebermann, eine über ihn in der vorliegenden Arbeit getroffene und hinsichtlich der Quellen auch nicht weiter belegte Aussage zurück, er sei Mitte der 70er Jahre in Luanda von der dort an die Macht gekommenen Befreiungsbewegung “mit militärischen Ehren” empfangen worden. Er sei, so Ebermann, dort auch nicht mit “mit zivilen Ehren empfangen” worden, weil er Zeit seines Lebens „weder [...] in Luanda noch in Angola” gewesen sei. [5]

Besonders gut gelungen erscheint dem Rezensenten an der Darstellung Michael Steffens sowohl die Beschreibung der Auseinandersetzung des KB mit den anderen ML-Gruppen in den 70er Jahren als auch deren politische Einordnung. Hier bringt der Autor einiges ans Licht und Aufklärung in das nur schwer zu entwirrende Gestrüpp des westdeutschen Maoismus der 70er Jahre. Die Dissertation von Steffen kann dabei sowohl als ein Beitrag zur Historisierung der 68er-Bewegung als auch zur Elitenbildung der politischen Klasse in der Bundesrepublik gelesen werden. Zudem thematisiert die Arbeit das spannungsreiche Verhältnis einer zentralen maoistischen Gruppe zu den Neuen sozialen Bewegungen, zumindest für den Verlauf der 70er Jahre.

Dabei liegt der Untersuchung die These zu Grunde, dass der KB „einen ausgezeichneten Riecher bei der Auswahl und Opernationalisierung gerade solcher Themen [besaß], mit denen die Traditionslinke [...] schon aus rein ideologischen Gründen nichts zu tun haben wollte, wie etwa die Geschlechterfrage oder die Problematik neuer Technologien”( S. 9). Diese Interpretation mag aus der hier eingenommenen Perspektive der Traditionslinken nicht ganz verkehrt sein, kann aber aus der Sicht der Frauen- und Anti-AKW-Bewegung der 70er Jahre sehr wohl in Frage gestellt werden.

Leider sucht man vergeblich nach einem kritisch reflektierenden Schlusskapitel über den KB, der gemessen an seinen ursprünglich formulierten Zielen politisch ganz offenkundig gescheitert ist. Dabei hätte doch der für die Arbeit gewählte Titel in Form der Trüffelschwein-Metapher einigen Interpretationsanstrengungen Raum geboten. Das Trüffelschwein ist ein Tier, das – an der Leine geführt – mit großer Kraft Leckerbissen sucht und findet, ohne jedoch davon selbst zu profitieren. In dem hier interessierenden Zusammenhang sind mindestens zwei Schlussvarianten dieser Geschichte denkbar. Im ersten Fall haben sich die Trüffelschweine nach dem Wegfall ihrer Organisation, basierend auf ihren dort in jahrelanger Arbeit erworbenen Qualifikationen für ihr heutiges Berufsleben, nicht ohne Gewinn privatisiert. In diesem Sinne könnte ein Großteil der präsentierten biografischen Skizzen über die leitenden Kader gelesen werden. Insofern teilen sie auch individualbiografisch das Schicksal aller revolutionären Organisationen, die vor Erreichung ihres Zieles abgefangen werden: Sie tragen zur Modernisierung des einst innig abgelehnten Systems bei. In dem anderen Fall werden die Trüffelschweine am Schluss von ihren Herren einfach geschlachtet und aufgefressen. Kann man sagen, dass die Politik und Organisation dieser maoistischen Gruppe gemessen an den Ereignissen von 1968 ein Rückschritt war, eine kurzlebige Erscheinung, deren Ende man heute mit „Gut so!“ kommentieren kann? Oder lässt sich die Politik dieser Organisation doch als Teil eines Maulwurf-Projektes zu seiner Zeit verstehen? Ein Projekt, das es in ähnlicher Form und in „besseren Zeiten“ allemal verdient hat, wieder an die Oberfläche zu stoßen? Der Autor hat den Rezensenten mit der Beantwortung dieser auch politisch bedeutsamen Fragen nach seinem beeindruckend akribischen Durchgang durch zwanzig lange Jahre der „Politik und Organisation des KB” leider allein gelassen.

Anmerkungen:
[1] Staadt, Jochen, Der Versuch, sich an der Glatze aus dem Sumpf zu ziehen. Die K-Gruppen, in: Dietz, Gabriele (Hg.), Wild + Zahm. Die Siebziger, Berlin 1997, S. 74-77.
[2] Vgl. Schröder, Jürgen, Ideologischer Kampf vs. Regionale Hegemonie. Ein Beitrag zur Untersuchung der ‚K-Gruppen’ (Berliner Arbeitshefte und Berichte zur sozialwissenschaftlichen Forschung Nr. 40), Berlin 1990; Ludwig, Andrea, Neue oder deutsche Linke? Nation und Nationalismus im Denken von Linken und Grünen, Opladen 1995.
[3] Koenen, Gerd, Das rote Jahrzehnt, Köln 2001.
[4] Volltext-PDF im Internet unter: http://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2002/0060/
[5] Ebermann, Thomas, Damals, in: Konkret 2 (2003), S. 22f.

Zitation
Markus Mohr: Rezension zu: : Geschichten vom Trüffelschwein. Politik und Organisation des Kommunistischen Bundes 1971-1991. Berlin  2002 , in: H-Soz-Kult, 24.04.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2628>.
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24.04.2003
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