B. Chiari (Hg.): Die polnische Heimatarmee

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Titel
Die polnische Heimatarmee. Geschichte und Mythos der Armia Krajowa seit dem Zweiten Weltkrieg


Hrsg. v.
Chiari, Bernhard
Erschienen
München 2003: Oldenbourg Verlag
Umfang
948 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Mix, Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin

Wer Anfang August Warschau besucht, dem werden die zahlreichen Blumen und Kerzen vor den Gedenktafeln auffallen, die in fast jeder Straße zu finden sind. Sie erinnern an den Aufstand der Heimatarmee, der am 1. August 1944 begann und nach 63 Tagen von den Deutschen mit äußerster Brutalität niedergeschlagen wurde. Von dieser Niederlage erholte sich die Heimatarmee, der bewaffnete Arm der polnischen Exilregierung, nicht mehr. Die Rote Armee, die vom östlichen Weichselufer aus den Aufstand beobachtet hatte, eroberte im Januar 1945 nicht nur das zerstörte Warschau, sondern auch die Macht in Polen.

Der Warschauer Aufstand ist zum Symbol für die Selbstbehauptung der polnischen Nation im Zweiten Weltkrieg geworden. Der polnische Widerstand lässt sich jedoch nicht auf dieses Ereignis reduzieren. Seine Geschichte und Deutung in der Nachkriegszeit ist vielschichtig und in Deutschland kaum bekannt. Ein umfassendes Bild von der Heimatarmee (Armia Krajowa, AK), der größten polnischen Widerstandsbewegung, liefert der von Bernhard Chiari im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes herausgegebene Sammelband. In den 34 Beiträgen wird die politische und militärische Geschichte der Heimatarmee, über die seit dem Systemwechsel von 1989 eine Vielzahl neuer Arbeiten erschienen ist,[1] ebenso untersucht wie ihre Rezeption.

Die Heimatarmee besaß kein einheitliches Erscheinungsbild. Sie umfasste vielmehr ein breites Spektrum der politisch fragmentierten polnischen Gesellschaft, die in ihrem Kampf gegen die Okkupanten auf die Konspirationserfahrungen aus der Teilungszeit zurückgreifen konnte. Die AK kämpfte nicht nur gegen die Deutschen, sondern auch gegen die Rote Armee, die auf der Grundlage des Ribbentrop-Molotov-Abkommens im September 1939 die ostpolnischen Territorien besetzt hatte. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion wurde die vormalige Besatzungsmacht dann zum Verbündeten der Heimatarmee. Mit dem sich abzeichnenden Sieg der Roten Armee lebte 1943 der polnisch-sowjetische Konflikt jedoch wieder auf, der durch die Aspirationen der nationalen Minderheiten in den ostpolnischen Gebieten noch verschärft wurde. In Wolhynien, Galizien und im Wilna-Gebiet war die Heimatarmee zugleich in Auseinandersetzungen mit nationalen ukrainischen und litauischen Verbänden verwickelt. Erst die erneuten Grenzverschiebungen und Vertreibungen unter sowjetischer Herrschaft, die weite Teile Mittel- und Osteuropas ethnisch homogenisierten, beendeten diese Konflikte.

Die sowjetische Propaganda verschwieg die Tätigkeit der Heimatarmee in den vormaligen polnischen Ostgebieten und diffamierte die Anhänger der AK als faschistische Kollaborateure. Timothy Snyder zeigt, wie in der ukrainischen Historiografie, welche die von den Sowjets gleichfalls verfolgte Ukrainische Aufständischenarmee (UPA) rehabilitiert, dieses verzerrte Bild der Heimatarmee unter nationalen Vorzeichen perpetuiert wird. Auch für weißrussische Historiker stellt die AK eine Herausforderung dar. Ivan P. Kren und Sigizmund P. Borodin versuchen in ihren Beiträgen, den Operationen der Heimatarmee auf weißrussischem Gebiet mit moralischen und staatsrechtlichen Argumenten die historische Legitimität abzusprechen. Grzegorz Motyka betont dagegen, dass von dem polnisch-ukrainischen „Krieg im Krieg“, in dem beide Seiten Dörfer niederbrannten, Zivilisten ermordeten und vertrieben, letztlich die Rote Armee profitierte, deren Gegner sich in den erbitterten Auseinandersetzungen gegenseitig schwächten.

Dunkle Seiten in der Geschichte der Heimatarmee beleuchten Frank Golczewski und Janusz Marszalec. Golczewski untersucht nicht nur das komplizierte Verhältnis der AK zu den Juden, das organisierte Hilfe ebenso einschloss wie antisemitische Übergriffe, sondern auch die Deutung der polnisch-jüdischen Beziehungen während der Besatzungszeit in der polnischen Geschichtsschreibung. Golczewski weist dabei überzeugend nach, wie sehr politische und moralische Ressentiments die Darstellungen überlagerten – und wie sie bis heute nachwirken. Mit dem „Randverhalten von Soldaten der Heimatarmee“ befasst sich Marszalec. Der alltägliche Terror der deutschen Besatzer war eine psychische Belastung für die Soldaten im Untergrund, die sich oftmals in einer moralischen „Grauzone“ bewegten, zu der Beschlagnahmungen und Raub von Lebensmitteln und Geld ebenso gehörten wie Morde an politischen Gegnern und Vergeltungsaktionen gegen konkurrierende Widerstandsgruppen.

Das Ende der Heimatarmee wurde durch eine politische Fehleinschätzung ihrer Führung beschleunigt. Den Vormarsch der Roten Armee auf polnischem Territorium unterstützte die AK mit militärischen Aktionen gegen die sich zurückziehenden deutschen Truppen – in der Hoffnung, als gleichberechtigter Verbündeter und „Herr im Haus“ akzeptiert zu werden. Von der Heimatarmee ging für die Rote Armee zwar keine ernsthafte militärische Bedrohung aus, doch sah sie in dem bewaffneten Arm der polnischen Exilregierung zu Recht ein Hindernis auf dem Weg, eine kommunistische Regierung in Polen zu installieren. Noch vor dem Kriegsende entwaffnete die Rote Armee die AK, deren Soldaten den „Säuberungen“ der sowjetischen Sicherheitsorgane zum Opfer fielen. In Propagandakampagnen diffamierten die neuen Machthaber die Heimatarmee als „Sudelgnom der Reaktion“ und Feind der fortschrittlichen volkspolnischen Kräfte. Mit dem Ende der stalinistischen Epoche 1956 verschwand diese holzschnittartige Deutung. Wie unter nationalkommunistischen Vorzeichen Veteranen der Heimatarmee in den 1960er-Jahren rehabilitiert wurden, zeigt Krzysztof Lesiakowski in seinem Beitrag über den stellvertretenden Innenminister Mieczyslaw Moczar, der den von ihm geführten „Verband der Kämpfer für Freiheit und Demokratie“ für ehemalige AK-Angehörige öffnete. Der nichtkommunistische Widerstand wurde damit partiell in das offizielle Geschichtsbild der Volksrepublik Polen integriert. Dieser Prozess stieß jedoch rasch an Grenzen. Ein Denkmal für den Warschauer Aufstand, analog zu dem 1948 eingeweihten Monument Nathan Rapoports für den Ghettoaufstand, konnte bis zum Ende der Volksrepublik nicht realisiert werden. Mehrere Initiativen für die Errichtung eines solchen Denkmals scheiterten oder wurden von der kommunistischen Regierung manipuliert. Die unterdrückte Erinnerung brach sich nach dem Systemwechsel von 1989 Bahn. Mit zahlreichen Gedenktafeln, der Umbenennung von Straßen und öffentlichen Plätzen und der Umgestaltung bestehender Denkmäler entwickelte sich, so Tomasz Markiewicz, „ein wahrer Aufstandskult“ in der polnischen Hauptstadt.

Das Bild von der Heimatarmee als einer Bewegung patriotischer, aber politisch naiver Jugendlicher, deren Enthusiasmus zynisch ausgenutzt wurde, ist literarisch durch die Bücher von Jerzy Andrzejewski („Asche und Diamant“) und Roman Bratny („Kolumbus-Jahrgang 20“) geprägt worden. Dass diese Deutung nicht repräsentativ für die Erfahrungen der Soldaten im Untergrund war, verdeutlicht Rafal Wnuk anhand ausgewählter Lebensgeschichten von AK-Mitgliedern. Der Mythos von der ausgebrannten und orientierungslosen „Kolumbus-Generation“, die ihren Patriotismus für ein falsches Ziel verschwendet habe, trug zur Aufwertung der Heimatarmee bei, legitimierte jedoch zugleich den Machtanspruch der Kommunisten und ihre gesellschaftspolitischen Vorstellungen vom „neuen Polen“.

Eine konzise Zusammenfassung der vergangenheitspolitischen Auseinandersetzung über die Heimatarmee in Polen nach 1945 liefern Edmund Dmitrów und Jerzy Kulak. Die Debatten über die politisch-ideologische Ausrichtung der Heimatarmee und ihre Bedeutung in der polnischen Geschichte begannen mit dem „Tauwetter“ Mitte der 1950er-Jahre, wurden aber von der Zensur und der kommunistischen Interpretation gelenkt, die darum bemüht war, die Rolle der AK im Kampf gegen die Deutschen herunterzuspielen. Die Oppositionsbewegung der 1970er- und 1980er-Jahre bezog sich in ihrem Kampf um ein unabhängiges und freies Polen bewusst auf die idellen Traditionen der Heimatarmee. Nach dem Systemwechsel von 1989 wurde diese endgültig zu einem konstitutiven Element der polnischen Nationalgeschichte. Umso heftiger fielen die öffentlichen Reaktionen auf die von Journalisten und Historikern angestoßenen Debatten über die Kooperation von AK-Einheiten mit den Deutschen und über den Antisemitismus in der Heimatarmee aus. „Die Heimatarmee – oder besser: ein idealisiertes und überhöhtes Bild von ihr – ist nach der Periode der Verteufelung über die Jahre zu einem nationalen Symbol geworden“, konstatiert Chiari.

Der Sammelband, der eine umfangreiche Bibliografie zur Heimatarmee enthält, vermittelt unter Einschluss außerpolnischer Perspektiven ein beeindruckend breites Bild von der facettenreichen Geschichte und Deutung der Heimatarmee. Die Beiträge, die mehrheitlich von jüngeren Historikern verfasst sind, bieten darüber hinaus einen Überblick zu zentralen Aspekten der polnischen Vergangenheitspolitik mit ihren kontroversen Diskussionen über Okkupation, Widerstand und Kollaboration.

Anmerkung:
[1] Die erste Gesamtdarstellung über die AK verfassten ihre ehemaligen Mitglieder im Exil: Polskie Sily Zbrojne w drugiej wojnie swiatowej, Bd. 3: Armia Krajowa, Londyn 1950; Maßgeblich aus der Volksrepublik: Terej, Janusz Jerzy, Na rozstajach dróg. Ze studiów nad obliczem i modelem Armii Krajowej, 2. Auflage, Warszawa 1980. Eine Auswahl der zahlreichen seit 1989 publizierten Arbeiten – Quelleneditionen, Erinnerungsberichte, Regionalstudien und Untersuchungen zu einzelnen Formationen der AK – ist in der Bibliografie des Sammelbands verzeichnet (S. 913-934).

Zitation
Andreas Mix: Rezension zu: Chiari, Bernhard (Hrsg.): Die polnische Heimatarmee. Geschichte und Mythos der Armia Krajowa seit dem Zweiten Weltkrieg. München  2003 , in: H-Soz-Kult, 25.08.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2632>.
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25.08.2003
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