A. Schanbacher: Kartoffelkrankheit und Nahrungskrise

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Titel
Kartoffelkrankheit und Nahrungskrise in Nordwestdeutschland. 1845–1848


Autor(en)
Schanbacher, Ansgar
Erschienen
Göttingen 2016: Wallstein Verlag
Umfang
512 S., 36 Abb.
Preis
€ 42,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans-Heinrich Bass, Hochschule Bremen

Ansgar Schanbacher ist ein facettenreiches regionalgeschichtliches Werk zu einem europaweit wichtigen Thema gelungen – der Hungerkrise der Jahre 1846 und 1847. In den deutschen Staaten zeigten sich in dieser Krise „wie im Vergrößerungsglas“ – um ein Wort Friedrich Nietzsches abzuwandeln[1] – ihre wirtschaftlichen, sozialen und politischen Strukturprobleme (vgl. S. 234f.): Vielerorts war die Bevölkerungsexpansion zu rasch im Verhältnis zu den landwirtschaftlichen Erwerbsmöglichkeiten. Die moderne Industrie steckte noch in den Kinderschuhen, aber die ländliche Heimindustrie (Protoindustrie) sah bereits ihrem Untergang entgegen. Die daraus resultierende strukturelle Armut bedeutete nicht zuletzt Unter- und Mangelernährung – und das für England rückblickend geprägte Chrononym der „hungrigen Vierziger“ (Jane Cobden Unwin)[2] lässt sich umstandslos auch auf die deutschen Staaten anwenden. Vor diesem Hintergrund trat seit 1845 eine Pilzerkrankung der auch in Norddeutschland zum wichtigsten Nahrungsmittel der ländlichen und städtischen Unterschichten gewordenen Kartoffel auf, gefolgt von einer wetterbedingten Getreidemissernte (1846). Für Kleinstbauern bedeutete das einen unmittelbaren Rückgang der Nahrungsmittelverfügbarkeit, für Tagelöhner einen Rückgang der Verdienstmöglichkeiten, und für alle, die Nahrungsmittel zukaufen mussten, aufgrund der enormen Teuerung einen Rückgang der realen Kaufkraft. Territoriale Fragmentierung, politische Blockaden und ideologische Scheuklappen begrenzten staatliche Interventionen zur Bewältigung der sich ergebenden Notlage. Es kam in der Folge zu teils gewalttätigen sozialen Protesten – zeitlich rasch gefolgt, wenn wohl auch nicht in direktem kausalem Zusammenhang dazu stehend (so auch die Einschätzung Schanbachers: S. 417ff.), von der März-Revolution von 1848. Der Autor behandelt daher zu Recht nicht nur die beiden Jahre der eigentlichen Subsistenzkrise 1846/47, sondern schließt das Vorjahr und das Folgejahr in seine Betrachtung mit ein.

Schanbacher ist zwar nicht ganz zuzustimmen, wenn er eine Vernachlässigung des Nahrungsmangels der 1840er-Jahre in der bisherigen Historiographie beklagt (S. 12). Einige Aspekte (Ernten und Preise) wurden schon in der älteren sozialhistorischen Literatur behandelt. Seit den 1990er-Jahren gibt es zudem einen eigenen Strang an Literatur zu den demographischen, ökonomischen und politischen Aspekten speziell der Subsistenzkrise von 1846/47 – den Schanbacher selbst in seinem Forschungsüberblick (S. 28–31) erwähnt, wenn auch nur sehr knapp. Aber Schanbacher füllt mit dem hier rezensierten Buch tatsächlich eine Lücke in unserem Wissen über diese Situation und bedient sich innovativer Ansätze zu ihrer Darstellung: Zum einen widmet Schanbacher sich einer bislang (mit Ausnahme von Hans Gerd Husung) in diesem Zusammenhang nicht ausführlich behandelten Region, nämlich den Staaten auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Niedersachsen – vor allem dem Königreich Hannover, dem Großherzogtum Oldenburg sowie dem Herzogtum Braunschweig.[3] Er erschließt dafür zahlreiche regionale und lokale Quellen in vorbildlicher Breite und Tiefe. Zum anderen liegt der Fortschritt von Schanbachers Werk gegenüber der älteren Literatur im Perspektivwechsel. Der Autor setzt sich nämlich zum Ziel, drei Subdisziplinen neu miteinander zu verknüpfen (S. 17f.): (1) die Umweltgeschichte, (2) die historische Hungerforschung und (3) die Wissens- und Wissenschaftsgeschichte. Dass er dabei andere Subdisziplinen, die bislang im Zentrum der Behandlung dieses Themas standen – vor allem die historische Demographie, die analytische Wirtschaftsgeschichte und die historische Protestforschung – etwas vernachlässigt, ist angesichts der Breite des Themas verständlich.

(1) Zum Ausgangspunkt seiner Arbeit wählt Schanbacher „das Auftreten von Naturgefahren, wie sie der Erreger der Kartoffelkrankheit [seit 1845] und der negative klimatische Einfluss im Sommer 1846 auf die Ernteerträge darstellten“ (S. 17). Es ist dem Autor wohl darin zuzustimmen, dass „die Kartoffelkrankheit [...] die Grundlage für die Subsistenzkrise von 1846/47 [legte]“ (S. 174). Allerdings muss man, so Schanbacher, auch berücksichtigen, dass „insgesamt [...] die kleinteilige Struktur des Kartoffelanbaus und ebenso große Unterschiede im Befall mit der Kartoffelkrankheit und beim Ertrag eindeutige Aussagen [erschweren]“ (S. 86) und dass „1845 [...] neben der Kartoffelfäule auch Überschwemmungen, Starkregen und Nachtfröste die Erträge [verringerten]“ (S. 84). Die Ereignisse analysiert Schanbacher in der Tradition von Bernd Herrmann umweltgeschichtlich, nämlich unter dem Aspekt der „Mensch-Umwelt-Interaktion in der Vergangenheit“.[4]

(2) In seinem Neuansatz in der historischen Hungerforschung strebt der Autor die Überwindung einer „ökonomiezentrierten Sichtweise“ durch Berücksichtigung von Aspekten der Kultur und Fragen nach Wahrnehmung und Deutungsmustern an (S. 19). Es geht Schanbacher also ebenso um die vermutete Innenwelt der Handelnden, ihre Interessen und Intentionen wie um die Außenwelt der überlieferten Ernteergebnisse, Preissetzungen, Transporte, Proteste und Interventionen. Fraglich ist allerdings, ob die Quellen ein hinreichend tiefgründiges Bild der Wahrnehmungen und Empfindungen der Unterschichtsangehörigen zulassen, denn Vermutungen über eine hungerbedingt „größere Wertschätzung für gesunde Kartoffeln, […] verstärkte[.] Sparsamkeit, […] vorsichtigeren Umgang mit den gesunden Knollen“ (S. 140) scheinen eher trivial. Demgegenüber gestattete die Quellenlage, bei den staatlichen Interventionen drei Aspekte herauszuarbeiten: (a) Unterschiede zwischen den nordwestdeutschen Staaten, (b) Unterschiede im vorherrschenden wirtschaftlichen Denken in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Vergleich zum 18. Jahrhundert (insbesondere, was den Umgang mit der Nahrungsmittelspekulation anbetraf), und (c) Unterschiede zwischen zentralstaatlichem und lokalem Handeln. Während das zentralstaatliche Handeln eher symbolischer Natur gewesen sei, zudem „insgesamt widersprüchlich, teils ziellos und selten vorausschauend“ (S. 387), habe lokales Handeln oft tatsächlich die Widerstandsfähigkeit (Resilienz) der Gesellschaft gegen das Risiko des Hungerns erhöht (S. 391 ff.).

(3) In dem wissen(schaft)sgeschichtlichen Teil des Buches (S. 126–172) zeigt Schanbacher an der Entdeckung des Kartoffelfäuleerregers beispielhaft auf, dass die 1840er Jahre auch eine „Umbruchsphase von einer überwiegend experimentellen zu einer naturwissenschaftlich begründeten Landwirtschaft“ waren (S. 172). Gut gelungen sind ihm auch die Ausführungen über die wirtschaftswissenschaftlichen Paradigmata (Kameralismus, Liberalismus), die der staatlichen Intervention bzw. Nicht-Intervention zu Grunde lagen, und die Dekonstruktion ihrer Entstehung und Verbreitung (S. 287–294).

Obwohl Schanbacher an verschiedenen Stellen (S. 109, 202, 262) wichtige theoretische Bezugspunkte würdigt – etwa John Kingdons Theorie der „Focusing Events“, die besagt, dass Strukturprobleme erst durch Krisen sichtbar werden, oder die Regionaltypologie von Manfred Gailus und die Protesttypologie von Michael Hecht – geschieht die Rückbindung an diese sozialwissenschaftlichen Theorien nicht systematisch.[5] Die Arbeit weist zudem durch viele Einzelbelege auch einige Längen auf. So hätte man sich eine etwas straffere Behandlung der Angaben zum Ausmaß des Pilzbefalls und des Ernteausfalls gewünscht. Nützlich bei der Lektüre des umfangreichen Werkes ist jedoch, und das macht diesen kleinen Mangel wett, dass jedes Kapitel des Buches mit einem (Zwischen-)Fazit schließt. Dabei kommen dem Autor eine klare Sprache und eine messerscharfe Urteilskraft zu Hilfe. Seine vielen, wohl abgewogenen Einzelerkenntnisse und die Erschließung zahlreicher lokaler Quellen garantieren, dass das Werk Schanbachers auf lange Zeit ein Referenzwerk zu diesem Thema bleiben wird.

Anmerkungen:
[1] Friedrich Nietzsche, Werke, Zweite Abteilung, Band XV, Der Wille zur Macht (Manuskript ursprünglich 1887), 3. Aufl., Leipzig 1923 (1. Aufl. 1911), S. 173.
[2] Jane Cobden Unwin, The Hungry Forties. Life Under the Bread Tax, Descripitive Letters and Other Testimonies from Contemporary Witnesses, with an Introduction by Mrs. [Jane] Cobden Unwin, London 1904.
[3] Hans-Gerhard Husung, Protest und Repression im Vormärz. Norddeutschland zwischen Restauration und Revolution, Göttingen 1983.
[4] Bernd Herrmann, Umweltgeschichte. Eine Einführung in die Grundbegriffe, Berlin 2013.
[5] John W Kingdon., Agendas, Alternatives, and Public Policies, Boston 1984; Manfred Gailus, Straße und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preußens, 1847–1849, Göttingen 1990; Michael Hecht, Nahrungsmangel und Protest. Teuerungsunruhen in Frankreich und Preußen in den Jahren 1846/47, Halle (Saale) 2004.

Zitation
Hans-Heinrich Bass: Rezension zu: : Kartoffelkrankheit und Nahrungskrise in Nordwestdeutschland. 1845–1848. Göttingen  2016 , in: H-Soz-Kult, 18.10.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26346>.