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Titel
Der letzte weiße Fleck. Europäische Antarktisreisen um 1900


Autor(en)
Schillings, Pascal
Erschienen
Göttingen 2016: Wallstein Verlag
Umfang
448 S., 10 Abb.
Preis
€ 48,00; $ 52.56
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Cornelia Lüdecke, Zentrum für Geschichte der Naturwissenschaft und Technik, Universität Hamburg

Als der Internationale Geographenkongress 1895 in London tagte, empfahlen die Anwesenden – quasi als Millenniumsaufgabe – die Erforschung des buchstäblich letzten weißen Fleckens der Erde, der Antarktis. Von deutscher Seite plädierte Georg von Neumayer (1826–1909) schon seit Jahrzehnten für die Aussendung einer Südpolarexpedition. Ebenso engagierte sich der fast gleichaltrige Clements Markham (1830–1916) in England. Beide luden sich jeweils zur Unterstützung auf Kongresse ein, um ihre Antarktisexpeditionen in die Wege zu leiten. So sprach Neumayer 1895 in London und Markham 1899 in Berlin, wo eine internationale Zusammenarbeit aller beteiligten Expeditionen nach dem Vorbild des Internationalen Polarjahres von 1882–1883 vereinbart wurde. Damit war eine gemeinsame Grundlage geschaffen, deren Ausführung jedoch national sehr unterschiedlich ausfiel. Pascal Schillings greift die beiden Hauptakteure heraus, Erich von Drygalski (1865–1949) für die deutsche Expedition an Bord der „Gauss“ (1901–1903) und Robert Falcon Scott (1868–1912) für die englische Expedition an Bord der „Discovery“ (1901–1904), um an ihrem Beispiel die gegensätzlichen Expeditionskulturen von wissenschaftlicher Forschung und geographischer Exploration zu erläutern. Schilling bezieht sich hier auf den Gegensatz von instrumentellen Messungen an einer Station und Augenbeobachtungen bzw. Untersuchungen während Schlittenreisen.

Nach einer Einführung in das Thema und einem polarhistorischen Kapitel über die Entwicklung der Antarktisforschung bis 1895 stellt Schillings in den drei folgenden Kapiteln verschiedene Aspekte der beiden Expeditionen einander gegenüber. Unter dem Stichwort „Expeditionsnetzwerke“ werden die Finanzierungsproblematik der kostspieligen Expeditionen, der Bau spezieller Polarschiffe, die Beschaffung der Ausrüstung auf globaler Ebene, die Expeditionsleiter und die Zielvorstellungen der einzelnen Explorationskulturen behandelt. Ein weiteres Unterkapitel widmet sich der meteorologischen und erdmagnetischen Wissenschaft und ihre Einbettung in globale Netzwerke. Die unterschiedliche Gewinnung der Messdaten auf hoher See, in den Stationen oder auf Schlittenreisen und die damit verbundenen instrumentellen Probleme untersucht das Kapitel „Wissenspraktiken im Eis“. Die mediale Darstellung der Datenerhebung unter den erschwerten polaren Bedingungen in Reiseberichten und Vorträgen sowie die Verarbeitung der Daten und Aufbereitung der Ergebnisse wird im Kapitel „Leidende Explorerkörper und Messtabellen“ beschrieben. Im sechsten Kapitel weitet der Autor den Zeitraum der besprochenen Expeditionen bis 1917 aus (im Titel des Kapitels steht „1916“), um einerseits gescheiterte Polarprojekte nach der ersten Phase der internationalen Kooperation um 1900 und um andererseits die völlig andere Situation um 1911 vorzustellen. Damals schloss der national aufgeladene Wettlauf zum Südpol jegliche wissenschaftliche Zusammenarbeit aus. Zudem wurde Scotts Tod auf dem Eis während des Ersten Weltkrieges in der britischen Öffentlichkeit nachhaltig als moralisches Beispiel präsentiert. Das letzte Kapitel schlägt den Bogen bis zur Jetztzeit und stellt die Entwicklung dar, die exemplarisch durch die wissenschaftliche Kooperation in der Antarktis während des Internationalen Geophysikalischen Jahres (1957–1958) und Reinhold Messners und Arved Fuchs‘ sportliche Durchquerung der Antarktis (1989–1990) angerissen wird.

Die einzelnen Kapitel, deren Titel wie schon angedeutet nicht immer schlüssig sind, beginnen mit einer allgemeinen Übersicht zum behandelten Thema und nennen die bereits dazu existierenden methodischen Arbeiten sowie die wichtigsten Stichworte, die in den nachfolgenden Ausführungen näher behandelt werden.

Die Vergleiche der unterschiedlichen Explorationskulturen sind sehr aufschlussreich, aber leider gibt es viel zu wenige begleitende Illustrationen. Wie bei Historikern üblich, überwiegen auf manchen Textseiten die Fußnoten mit Literatur- und Quellenhinweisen, die der Vertiefung der einzelnen Themen dienen. Lebensdaten der erwähnten Personen fehlen jedoch.

In seiner Recherche wertet Schillings neben der entsprechenden Primär- und Sekundärliteratur auch unveröffentlichte deutsche und britische Quellen aus. Scotts erste Expedition wird ausführlich aus der Sicht der sie maßgeblich organisierenden Royal Society und der Royal Geographical Society beschrieben. Der deutschen Expedition wird hauptsächlich ministeriales Archivmaterial zugrunde gelegt. Unklar ist, warum der Autor nicht auch Drygalskis privaten Expeditionsnachlass hinzugezogen hat, der nahezu vollständig und gut zugänglich im Institut für Länderkunde in Leipzig archiviert ist. Dieses Material wäre insofern zur Ergänzung nützlich, da Drygalski bereits im Februar 1898 als Leiter der deutschen Expedition eingesetzt wurde und seitdem für die Vorbereitung verantwortlich war. Scott hingegen wurde erst im Juni 1900 auf Markhams Betreiben zum Expeditionsleiter ernannt, was in Markhams Erinnerungen „Antarctic Obsession“ (1986) dargelegt ist, die Schillings ebenfalls nicht beachtet hat.

Der Text ist aus geisteswissenschaftlicher Sicht schlüssig geschrieben. Es geht um die Wissensproduktion in der Antarktis und um die dabei zugrunde gelegten unterschiedlichen Explorationskulturen sowie deren national und ideologisch geprägten Aufladungen. Untersucht werden die fördernden Personen und Institutionen, die Planung, Expeditionsvorbereitung, Ausrüstung, Durchführung bis hin zur Auswertung der Daten und Sammlungen sowie die Publikation der Ergebnisse. Hierbei werden die verschiedensten Einflüsse auf die deutsche und englische Wissensproduktion herausgearbeitet.

Wenn es jedoch um naturwissenschaftliche Inhalte geht, stößt man mitunter auf fachliche Missverständnisse. Beispielsweise schreibt Schillings, dass während des Internationalen Polarjahres (1882–1883) zusätzlich zu den stündlichen Messungen der meteorologischen und magnetischen Parameter an festgelegten Termintagen für 24 Stunden die meteorologischen Messungen alle fünf Minuten durchgeführt werden sollten (S. 61). Das macht gar keinen Sinn. Stattdessen sollten mit den magnetischen Messungen die von der Sonne verursachten Variationen des Erdmagnetfeldes im Tagesverlauf aufgezeichnet werden, wie es in der zugrunde gelegten Quelle geschrieben steht.

Weitere Unstimmigkeiten ergeben sich durch Unkenntnis der Polargeschichte. Schillings stellt fest, dass es den Expeditionsteilnehmern auf Scotts „Discovery“ an notwendigem Wissen über Reisen mit Hundeschlitten gefehlt habe, weil Nansens Buch über seine Drift in der Arktis „Farthest North“ (deutsch: „In Nacht und Eis“) nicht in der Bordbibliothek vorhanden war (S. 213). Dabei verfügten Scotts Offiziere Albert Armitage und Reginald Koettlitz über persönliche Erfahrungen mit Hundeschlittenreisen aus ihrer Teilnahme an der Jackson-Harmsworth-Expedition (1894–1897) nach Franz Joseph Land.

Außerdem behauptet Schillings, dass „15.000 Reichsmark aus dem kaiserlichen Dispositionsfonds für die Ausstattung eines Observatoriums auf Samoa bewilligt [wurden], das aber letztlich nicht in Betrieb ging“ (S. 171). Das Observatorium wurde hingegen tatsächlich 1902 im Zusammenhang mit der deutschen Südpolarexpedition eingerichtet und bis 1921 unter deutscher Leitung geführt. Später ist daraus das Apia Observatory der Samoa Meteorology Division hervorgegangen.

Der bayerische Offizier Wilhelm Filchner (1877–1957) hatte seinen Plan einer Antarktisdurchquerung schon längst verworfen, als er 1911 nach Süden aufbrach, denn sonst wäre er mit Scotts zweiter Expedition (1910–1913) in Konflikt geraten (S. 350). Es war also keineswegs eine Entscheidung vor Ort, als Filchners Schiff im Weddellmeer eingefroren war.

Georg von Neumayer hatte nicht in München promoviert, sondern zwei Ehrendoktortitel in München und Tübingen erhalten (S. 42). Und der estnische Wissenschaftshistoriker heißt „Erki" und nicht „Erik“ Tammiksaar (S. 61, 439).

Wenn man von den exemplarisch dargestellten Fehlern und Fehlinterpretationen der Quellen, die nur Naturwissenschaftlern oder Polarhistorikern auffallen, absieht, ist die Darstellung sehr gut zu lesen und empfehlenswert für alle, die sich für Polarexpeditionen vor dem Ersten Weltkrieg interessieren, als die Basis für die deutsche Polarforschung gelegt wurde. Ohne persönliche Wertung stellt Schillings die Facetten der unterschiedlichen Explorationskulturen vor: die geographisch orientierte Expedition auf der britischen Seite mit Scott, der zum Südpol wollte, und die wissenschaftliche Expedition auf der deutschen Seite mit Drygalski, der sich den exakten wissenschaftlichen Messungen verschrieben hatte. Drygalskis Expeditione erhielt später sogar die Bezeichnung „Universitas Antarctica“.

Es sollten mehr Dissertationen dieser Art verfasst werden, denn die Forschung in den Polargebieten ist interdisziplinär und deren Entwicklung nicht nur unter naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkten, sondern zum Beispiel auch unter sozialwissenschaftlichen, medizinischen, technischen oder auch politisch/geopolitischen Aspekten zu betrachten.

Zitation
Cornelia Lüdecke: Rezension zu: Schillings, Pascal: Der letzte weiße Fleck. Europäische Antarktisreisen um 1900. Göttingen 2016 , in: H-Soz-Kult, 08.12.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26348>.
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Veröffentlicht am
08.12.2017
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