K. Rosen: Augustinus: Genie und Heiliger

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Titel
Augustinus: Genie und Heiliger. Eine historische Biographie


Autor(en)
Rosen, Klaus
Erschienen
Umfang
256 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jutta Günther, Institut für Alte Geschichte, Universität des Saarlandes / Seminar für Didaktik der Geschichte, Goethe-Universität Frankfurt am Main

„Biographien haben Konjunktur“, (S. 7) liest man bei Manfred Clauss in der Einleitung zur neuen Monographie über Augustinus von Klaus Rosen, der in Abgrenzung zu theologischen oder philosophischen Darstellungen explizit aus althistorischer Sicht eine historische Biographie vorlegen will (S. 10). In siebzehn Kapiteln stellt Rosen die Lebensstationen des bedeutenden Kirchenvaters dar, die in chronologischer Folge von Geburt und Kindheit über die Adoleszenz bis zum Tode Augustins reichen. Mit diesem Vorgehen, in chronologischer Weise das Leben und die Leistungen der dargestellten Persönlichkeit zu illustrieren, stellt sich Rosen in eine große antike Tradition hinein. Der Zusatz „Genie und Heiliger“, der sich im Untertitel der Monographie findet, spiegelt damit seine Haltung und Annäherungsweise an den Kirchenvater Augustinus unmittelbar wider. Dabei wird der etwas irreführende Begriff des Genies von Rosen hinsichtlich der Größe des Kirchenvaters in seiner Zeit und seiner weitreichenden Bedeutung für die Geschichte des christlichen Abendlandes aufgefasst. Mit diesem Verständnis möchte sich Rosen an andere Veröffentlichungen anschließen, die der Mitte des letzten Jahrhunderts entstammen.[1]

Als Leitfaden zur äußeren Anlage verwendet Rosen im ersten Teil seiner Biographie sehr naheliegend die Confessiones, an denen er sich darstellend abarbeitet und den Quellenautor selbst immer wieder in gut gewählten Auszügen sprechen lässt. Somit liest sich seine historische Biographie streckenweise als Nacherzählung der berühmten Bekenntnisse, jedoch ohne deren direkte Gottesansprache. Neben den Confessiones lässt Rosen auch die Predigten und Briefe Augustins zu Wort kommen. Die Quellenstellen reichert er um eine umfassende Kontextualisierung jeglicher Spezifika der spätantiken Geisteswelt an, die die lebenslange Gelehrsamkeit des modernen Biographen aufzeigen und auf diese Weise auch dem althistorischen Laien schnell und unkompliziert die Tür in die Zeit der Spätantike öffnet. Rosen versteht es sehr gut, eine Fülle an Details ansprechend und didaktisch sinnstiftend aufzuarbeiten und somit den Leser für die dargestellte Person schnell einzunehmen.

In der Wahl dieser Darstellungsform liegt einerseits ein großer Reiz aufgrund der Unmittelbarkeit, mit der der antike Autor zu uns spricht.[2] Zum anderen liegt aber darin auch die Gefahr der unkritischen Vereinnahmung, zu der die Confessiones aufgrund ihres Bekenntnischarakters besonders einladen. So geschieht es auch Rosen hin und wieder, dass er sich unweigerlich von Augustins Schilderungen mitreißen lässt und dessen Positionen, wohl eher unbemerkt, in seinen Sprachschatz übernimmt. So „faseln“ beispielsweise die Manichäer (S. 43) über ihren Glauben und den Kosmos, ähnlich wie Augustinus auf einen „geldgierigen Wahrsager“ (S. 36) trifft, der aus einer neutralen Perspektive heraus einfach einen Mantiker bezeichnet, der natürlicherweise seine Dienste gegen ein Entgelt anbietet. Ob dieses engen Deutungshorizonts, der zum Teil schulmeisterlich daher kommt und in dieser Hinsicht Augustinus in der starken Ablehnung seiner Jugend und Adoleszenz nachfolgt, vermisst der aufgeklärte Leser den Freiraum, sich selbst ein Bild machen zu können.

Nach dieser engen Anlehnung an die Confessiones vollzieht sich im zweiten Teil der vorliegenden Darstellung ein erfrischender Bruch mit der Erzählweise. Nach den ersten neun Kapiteln, die mit dem Tod Monnicas und der Überfahrt nach Africa enden und somit in Analogie zu den Lebensbeschreibungen der ersten neun Bücher der Confessiones stehen, schlägt Rosen im zehnten Kapitel einen neuen Ton an, der den Leser erfreut in seinen Bann zieht. Jetzt löst sich Rosen von der Selbstdarstellung Augustins und zeigt anhand einer tiefen Kenntnis dessen weiteren Schrifttums die Probleme und Herausforderungen auf, die dem jungen Priester in Nordafrica gegenübertreten. So geraten insbesondere die frühen Auseinandersetzungen mit den Manichäern (S. 102f.) und den Donatisten (S. 103f.) zu einer sehr anregenden Episode im zehnten Kapitel, die im Spiegel der Schriften und in Auseinandersetzung mit dem Biographen Possidius an Sachlichkeit und gleichzeitig Narrativität gewinnen.

Die Kapitel dreizehn und vierzehn bilden das Herzstück der historischen Biographie. So begegnet im dreizehnten Kapitel eine lebhafte Schilderung des Religionskampfes der Donatisten, Katholiken, Circumcellionen und Manichäer in ihrer jeweiligen Auswirkung auf Augustinus und den Lebensalltag der Menschen in Africa (S. 127–150), die durchweg zu einer gut verständlichen Darstellung der verworrenen Zustände und Spannungsfelder wird. Besonders gelungen ist die Kontextualisierung der Gesetzestexte und der Beschlüsse der Konzilien in ihrer Gültigkeit für den jeweiligen Raum, so dass sich dem heutigen Leser unmittelbar die politische Bedeutung der Provinz Africa erschließt. Im vierzehnten Kapitel behandelt Rosen die bedeutende staatstheoretische Schrift De civitate Dei und zeichnet sich auch hier durch eine Klarheit aus, die durch die Erläuterungen der philosophischen Traditionen und ihrer Verortung in der paganen Geisteswelt äußert lesenswert ist (S. 151–176).

Die letzten drei Kapitel des Buches behandeln Einzelaspekte wie den Pelagianismus, die zentrale theologische Schrift über die Trinität und die generelle politische Situation in Nordafrica verbunden mit den Interventionsbestrebungen Augustins. Die Biographie endet mit den Nachfolgeregelungen und dem Tod Augustins sowie mit einem kurzen Nachwort zur Augustinus-Rezeption.

Insgesamt hat Rosen eine sehr lesenswerte Biographie vorgelegt, die sich am engen Rahmen der durch die Confessiones vorgezeichneten Lebensstationen zunächst stark belehrend abarbeitet, dann aber im zweiten Teil durch ein breites Panorama der Stimmen der Zeit und der weiteren Schriften Augustins auszeichnet. Anschaulich dargestellt und klar formuliert richtet sich diese Biographie an interessierte, nicht althistorische Leser, die sich mit der Lebensgeschichte einer der bedeutendsten Kirchenväter vertraut machen wollen und auf Anleitung und Orientierung angewiesen sind. Auch für Studierende und Leser vom Fach ist das Buch empfehlenswert, da es sich durch eine Fülle gut recherchierten Materials auszeichnet und gleichsam für den ersten Teil die Frage nach der Notwendigkeit eines kritischen Blicks aufwerfen kann. Zur besseren Lesbarkeit für ein interessiertes Laienpublikum ist der Fußnotenapparat an den Schluss der Darstellung gesetzt worden, was das akademische Lesen erschwert. Die angehängte Bibliographie zu Augustinus lässt keinen wesentlichen aktuellen Titel vermissen. Ein Register, anschauliches Karten- und Bildmaterial sowie eine knappe Zeittafel runden die Biographie ab. Sein selbst gestecktes Ziel an die Anforderungen überzeugender Prosa in Anlehnung an Heinrich Lausberg (S. 72), nämlich die Trias aus Belehren, Bewegen und Erfreuen[3], hat Rosen damit sicherlich erreicht, wenngleich der Belehrung insbesondere im ersten Teil der größere Anteil unter den dreien zukommt.

Anmerkungen:
[1] Rosen beruft sich auf William H. C. Frend, The Donatist Church. A Movement of Protest in Roman North Africa, Oxford 1952, S. 228 und Richard P. C. Hanson, The Filoque Clause, in: ders., Studies in Christian Antiquity, Edinburgh 1985, S. 279–297, die Augustinus nur einen kleinen Abschnitt widmen und ihn nicht explizit als Genie, aber als Großen seiner Zeit bezeichnen. Anders E. R. von Kientiz, Augustinus. Genius des Abendlandes, Wuppertal 1947, der Augustinus wie auch Hanson stark theologisch überzeichnet.
[2] Diese Darstellungsform wählten beispielsweise von Kientiz, Augustinus, aber auch Peter Brown, Augustine of Hippo. A Biography, London 2000, im ersten Teil seiner brillanten Biographie, und auch die ebenfalls im Jahr 2015 erschienene Biographie von Robin Lane Fox, Augustine. Conversions to Confessions, New York 2015, die ausschließlich die 43 Jahre der Confessiones zum Leitfaden nimmt. Einen anderen Zugang wählen Therese Fuhrer, Augustinus. Darmstadt 2004, oder auch Kurt Flasch, Augustin. Einführung in sein Denken, Stuttgart 1980, der aus philosophischer Perspektive eine glänzende Einführung vorgelegt hat.
[3] Heinrich Lausberg, Handbuch der literarischen Rhetorik. Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft, 3. Aufl., München 1973.

Zitation
Jutta Günther: Rezension zu: : Augustinus: Genie und Heiliger. Eine historische Biographie. Darmstadt  2015 , in: H-Soz-Kult, 24.10.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26379>.
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24.10.2016
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