Cover
Titel
Hausmüll. Abfall und Gesellschaft in Westdeutschland 1945–1990


Autor(en)
Köster, Roman
Erschienen
Göttingen 2017: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
438 S.
Preis
€ 65,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jonas Stuck, Rachel Carson Center, Ludwig-Maximilians-Universität München

Wo „Hausmüll“ auf dem Umschlag steht, ist in diesem Falle kein Abfall drin. Roman Kösters Buch reiht sich in den Kanon umweltgeschichtlicher Literatur ein, die seit den 1980er-Jahren in Deutschland entstanden ist. Interessanterweise spielt die Abfallpolitik in Forschungsarbeiten und Überblicksdarstellungen zur Umweltgeschichte kaum eine Rolle. Am weitesten fortgeschritten ist die Müll-Geschichte in den USA, wo sie von Susan Strasser, Joal A. Tarr und Martin Melosi vorangetrieben worden ist. Aus der vorhandenen deutschsprachigen Forschungsliteratur lässt sich schwer die zentrale Rolle erahnen, die das Problem der „Müll-Lawine“ in den umweltpolitischen Debatten der 1970er- und 1980er-Jahren spielte. Welche Aktualität das Thema auch heute noch hat, zeigen die jüngsten Berichte über Chinas Import-Stopp für deutschen Plastikmüll. Anfang des Jahres hat China die Reißleine gezogen und einen Einfuhrstopp für Kunststoffabfälle verhängt, wodurch Deutschland in seinem Plastikmüll zu ersticken droht.[1] Die Abfallwirtschaft durchläuft weiterhin Aushandlungsprozesse und Krisen, die bereits in der Nachkriegszeit ihren Ursprung haben.

Roman Köster legt mit einer überarbeiteten Version seiner Habilitationsschrift, die 2015 an der Bundeswehr-Universität München vorgelegt wurde, eine Abhandlung zur Abfallwirtschaft in Westdeutschland zwischen 1945 und 1990 vor. Er widmet sich den Ursachen für das Ansteigen des „Abfallstroms“ nach dem Zweiten Weltkrieg und der veränderten Materialität des Mülls, die die Abfallwirtschaft in den 1970er- und 1980er-Jahren immer wieder an die Grenzen der Entsorgungskapazitäten führte. Methodisch verortet sich die Studie selbst an einer sehr interessanten Schnittstelle von Wirtschafts-, Technik- und Umweltgeschichte. Diese Trias reflektiert die Vielschichtigkeit des Abfallproblems und unterscheidet die Arbeit von dem von Roman Köster mitverfassten Band „The Business of Waste“[2], indem auch umwelt- und technikhistorische Aspekte berücksichtigt werden. Diese breite Fächerung spiegelt sich auch in der Auswahl der Archive wieder, die nicht nur Bundes- und Landesarchive, sondern auch Stadtarchive vieler westdeutscher Großstädte miteinbezieht. Köster schafft es so, nationale Narrative und kleinteilige kommunale Prozesse produktiv miteinander in Beziehung zu setzen.

Der Aufbau der Arbeit orientiert sich am Produktlebenszyklus von Hausmüll – wie und wo dieser anfällt, gesammelt, entsorgt und wiederverwertet wird. Diese Darstellung hat den Vorteil, dass detailliert gezeigt werden kann, wie die steigenden Abfallmengen und die sich verändernde Materialität von Müll jeweils spezifische Probleme für die Sammlung, Entsorgung und Wiederverwertung mit sich brachten. Allerdings zieht sich das Buch durch diesen Aufbau in die Länge, da jedes Kapitel erneut im Jahr 1945 ansetzt. Den meisten Raum der Arbeit nimmt das dritte Kapitel zur Abfallentsorgung ein. Quer zu dieser Gliederung steht ein kurzes Kapitel über die private Entsorgungswirtschaft in Westdeutschland, die sich seit Ende der 1960er-Jahre als ein neuer Akteur in der Abfallwirtschaft positionierte. Seit den 1970er-Jahren professionalisierten sich private Akteure und traten als ebenbürtige Partner der städtischen Entsorgungsstrukturen auf. Dieses Kapitel kann eher als Exkurs oder Zusatz gesehen werden, denn als integraler Bestandteil des Buches.

Zu Beginn schaut sich Roman Köster das rapide Ansteigen der Hausmüllmengen an, welches er weniger als ein Resultat der industriellen Produktionsweise, sondern vielmehr einer Ausprägung der modernen Konsumgesellschaft begreift. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Zunahme der Hausmüllmengen eine Konsequenz der sich veränderten Versorgung unter kapitalistischen Bedingungen. Der steigende Wohlstand der westdeutschen Gesellschaft während der 1950er-Jahre spielte hierfür eine wichtige Rolle, da er neue Konsumoptionen eröffnete und gleichzeitig die Arbeitskosten verteuerte. Die Entstehung großflächiger Logistiken der Warendistribution und economies of scale wurden so begünstigt und hatten gravierende Konsequenzen für die Abfallproduktion. Die Zunahme der Haushaltseinkommen schuf den „Wohlstandsmüll“ (S. 79) der modernen Konsumgesellschaft.

Die Müllentsorgung musste auf die Zunahme der Hausmüllmengen reagieren, um eine problemfreie Abfuhr gewährleisten zu können. Ab 1960 wurde die Müllabfuhr auf alle westdeutschen Großstädte ausgeweitet. Gleichzeitig kam es zu einer Standardisierung, durch die sich die Stadtreinigungsämter eine effizientere Sammlung und geringere Kosten erhofften. Die Einführung der Großcontainer-Mülltonne 1964 ist ein Beispiel für die Vereinheitlichung der Leistungsstandards der kommunalen Müllabfuhr. Sie war Ausdruck sozialer Aushandlungsprozesse, welche die Form, Beschaffenheit und Kapazität von Mülltonnen beeinflussten. Die Entwicklung der Sammelgefäße ist ein interessantes Beispiel, wie durch technische Rationalisierungsmaßnahmen auf die steigenden Abfallmengen und den Arbeitskräftemangel in Westdeutschland reagiert wurde. Das Kapitel zur Müllentsorgung wirkt streckenweise etwas ausschweifend, da seitenlang über verschiedene Containergrößen und Formen referiert wird. Gleichzeitig bindet Roman Köster die technischen Neuerungen aber an ihre gesellschaftlichen Implikationen, sodass die Relevanz der Ausführungen klar wird.

Bis in die 1960er-Jahre war die oben beschriebene Sammlung des Abfalls das städtehygienische Zentralproblem, wobei die Entsorgung zunächst als technisch lösbar galt. Dieses Verhältnis drehte sich in den 1960er-Jahren um, denn nun galt die Abfallsammlung als nahezu gelöst. Die Abfallentsorgung jedoch stieß durch die rapide steigenden Mengen und die veränderte Zusammensetzung des Mülls an ihre Grenzen, weshalb sie den zentralen Platz des Buches einnimmt. Die veränderte giftige Materialität des Mülls erzeugte nicht nur hygienische Probleme, sondern in einem viel weitergehenden Maße negative Auswirkungen auf Böden, Grundwasser und Luft. Daraus entstanden Probleme, welche „die ordnungsgemäße Entsorgung des Abfalls zu einem weitaus dringlicheren Problem machten, als es die Sammlung je gewesen war“ (S. 149). Die Komplexität der Abfallentsorgung führte dazu, dass ab der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre eine semantische Umbettung des Abfallproblems stattfand. Abfall wurde nun nicht mehr als Gegenstand der Städtehygiene, sondern als Umweltproblem behandelt. Roman Köster beschreibt diese Zeit als „Sattelzeit“ (S. 192) der abfalltechnischen Entwicklung, die in den 1970er- und 1980er-Jahren zu grundlegenden Veränderungen bei der Entsorgung führte. Neue, finanzkräftige Institutionen wie das 1974 gegründete Umweltbundesamt beschleunigten einen Generationenwandel der Experten. Damit veränderte sich auch Sprache und Kategorien, in denen das Abfallproblem verhandelt wurde.

Der semantischen Wandel lässt sich zunächst in Abgrenzung zu den Denkweisen und Begriffen der Städtehygiene begreifen. Abfall als Umweltproblem zeichnete sich durch schädliche Wirkungen aus, die sich mittels technischer Maßnahmen nicht mehr lokal eingrenzen ließen. Zum einen lag das daran, dass Deponien ihre Gifte in das Grundwasser oder Müllverbrennungsanlagen sie in die Luft emittierten und deshalb von einer räumlich begrenzten Problematik nicht mehr die Rede sein konnte. Chemische Gifte können sich außerdem, anders als Keime, Bakterien und Viren, im menschlichen Körper ablagern und so über Generationen weitergegeben werden.[3] Aus diesem Grund widerspricht Köster dem Historiker Kai Hünemörder, der das Abfallproblem gerade wegen seines angeblichen lokalen Charakters aus seiner Darstellung der frühen westdeutschen Umweltpolitik ausschließt. Roman Köster ist in dieser sehr gelungenen Interpretation zuzustimmen, wenngleich man noch hinzufügen kann, dass weiterhin versucht wurde, Müll als lokales Problem zu begreifen und die negativen Folgen zu externalisieren. Anfang der 1990er-Jahre kulminierten solche Externalisierungsversuche in dem Export von Giftmüll in die Türkei.[4] Der massenhafte Export von Müll in die DDR ist ein weiteres Indiz dafür. Dieser Prozess wurde erst mit dem Basler Übereinkommen, dem Deutschland 1995 beigetreten ist, unterbunden.

Die Entsorgungsprobleme konnten auch nicht durch Hausmüllrecycling gelöst werden, das „kein Selbstläufer“ (S. 378) wurde. Es kristallisierte sich schließlich in den 1980er-Jahren heraus, dass der Staat und die Kommunen stärker eingreifen mussten, um zu einer dauerhaften Lösung im Sinne einer ökologischen Wiederverwertung von Hausmüll zu kommen. Der in den 1970er-Jahren so emotional ausgefochtene Konflikt zwischen Ökologie und Ökonomie konnte durch neu etablierte Infrastrukturen, aber auch durch staatliche Subventionierung entschärft werden. Doch eines erreichte das Recycling nie: Es stellte keine vollständige Lösung für die westdeutsche Abfallwirtschaft dar, die weiterhin unter gravierenden Entsorgungsproblemen litt. So stellt sich Köster die Frage: „Wenn zunehmende Mengen potentiell gefährlicher Abfälle produziert wurden, lag es dann nicht nahe, an ihren grundlegenden Strukturen etwas zu ändern?“ (S. 11). Diese Frage steht stellvertretend für die Art und Weise, wie er die Geschichte der Abfallwirtschaft behandelt: Er schafft es, nicht nur die Ebene der Institutionen und Praktiken innerhalb der modernen Konsumgesellschaft zu analysieren, sondern auch die Ausprägung spezifischer Semantiken, in denen das Abfallproblem verhandelt wurde. Diese Semantiken verbindet er mit anderen Debatten der Geschichtswissenschaft. Diese Verbindung schafft einen entscheidenden Mehrwert etwa im Vergleich zu der Studie Reiner Kellers[5], die im Wesentlichen diskursimmanent argumentiert. Leider schimmern diese die Arbeit prägenden, faszinierenden Spannungsverhältnisse im Titel des Buches nicht recht durch.

Anmerkungen:
[1] Simone Humml, So verändert China die weltweiten Müllströme, in: Spiegel Online, 20.06.2018, <http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/plastik-muell-china-leitet-weltweite-abfallstroeme-um-a-1214074.html> (24.10.2018).
[2] Raymond G. Stokes / Roman Köster / Stephen C. Sambrook, The Business of Waste. Great Britain and Germany, 1945 to the Present, Cambridge 2013.
[3] Kate Brown, The Last Sink: The Human Body as the Ultimate Radioactive Storage Site, in: Christof Mauch (Hrsg.), Out of Sight, Out of Mind: The Politics and Culture of Waste (RCC Perspectives: Transformations in Environment and Society 2016, no. 1), S. 41–47.
[4] Hermann-Josef Tenhagen, Müll-Exportchampion ohne Markt, in: taz, 22.08.1992, <http://www.taz.de/!1656305/> (24.10.2018).
[5] Reiner Keller, Müll - Die gesellschaftliche Konstruktion des Wertvollen. Die öffentliche Diskussion über Abfall in Deutschland und Frankreich, 2. Aufl. Wiesbaden 2009.

Zitation
Jonas Stuck: Rezension zu: : Hausmüll. Abfall und Gesellschaft in Westdeutschland 1945–1990. Göttingen  2017 , in: H-Soz-Kult, 25.10.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26429>.
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25.10.2018
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