SET Rezension zu: S. Martini: Postimperiales Asien | H-Soz-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften
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Titel
Postimperiales Asien. Die Zukunft Indiens und Chinas in der anglophonen Weltöffentlichkeit 1919–1939


Autor(en)
Martini, Silke
Erschienen
Berlin 2016: Oldenbourg Verlag
Umfang
XI, 491 S.
Preis
€ 59,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Torsten Weber, Deutsches Institut für Japanstudien, Tokyo

Silke Martini hat mit ihrer überarbeiteten Dissertation (Konstanz, 2015) eine umfassende und detailreiche Studie vorgelegt, die als erste Monographie in deutscher Sprache westliche und asiatische Asiendiskurse der Zwischenkriegszeit (1919–1939) untersucht. Gegenstand ihrer Studie ist ausschließlich englischsprachiges Quellenmaterial vor allem US-amerikanischer, britischer, indischer und chinesischer Intellektueller. Das fast 500 Seiten starke Buch besticht durch die breiten und tiefen Kenntnisse anglophoner Asiendiskurse der Zwischenkriegszeit sowie deren Einordnung in die großen Debatten der Zeit. Martinis Studie ist daher auch eine sehr wertvolle Ergänzung zu Forschungsarbeiten, die in den vergangenen Jahren zu asiatischen, aber überwiegend nicht-englischsprachigen Asiendiskursen der Zwischenkriegszeit entstanden sind.[1]

Den Vergleich zwischen China und Indien leitet Martini aus der Gegenwart ab; beide Länder gelten heute als Motoren des „Aufstiegs Asiens“ und stehen damit im Zentrum einer möglichen asiatischen Herausforderung des Westens. Darüber hinaus stehen sich beide Länder in Rivalität gegenüber. Die „Wurzeln des heutigen Aufstiegsdiskurses über Indien und China“, so Martini, liegen „in den zehn bis zwanzig Jahren nach dem Ersten Weltkrieg […] als das Nachdenken über Asien neue Impulse aus den weltpolitischen Umbrüchen, eine neue perspektivische Vielfalt und eine klare Zukunftsorientierung erhielt“ (S. 9). Die meiste Forschungsliteratur zu diesem Themenkomplex konzentriert sich auf Japan, da es der einzige durch Modernisierungen und imperiale Expansionen gefestigte Staat in Asien war. Martini dagegen fokussiert auf die „erstarkenden Nationalbewegungen Chinas und Indiens“ (S. 8) und die „große Zukunft“, die beiden perspektivisch zugesprochen wurde – oder sich Chinesen und Inder selbst zusprachen. Daher eignen sich China und Indien besser als Japan zur Analyse „vergangener Projektion[en] asiatischer Zukunft“ (S. 9), dem Kernanliegen des Buches. Methodisch bedient sich Martini bei verschiedenen Elementen der historischen Diskursanalyse, die dazu dienen sollen, als kontextualisierte Ideengeschichte die Aufstiegsdiskurse über Asien intellektueller Eliten zu untersuchen.

Nach einem einführenden ersten Teil ist das Buch in zwei weitere größere Teile gegliedert, in denen sich Martini zunächst mit „Möglichkeiten und Bedingungen der Modernisierung Indiens und Chinas“ (S. 16) auseinandersetzt (Teil 2) und dann die Rolle Chinas und Indiens auf der Suche nach einer neuen Nachweltkriegsweltordnung untersucht (Teil 3). Diese „Modernisierungsideen“ und „Weltordnungskonzepte“ bildeten nach Martini die beiden wichtigsten Themenkomplexe im Diskurs über den Aufstieg Asiens in der Zwischenkriegszeit. Die Modernisierungsdebatte unterteilt die Autorin in die drei Themenbereiche Nationalismus/politische Rekonstruktion, wirtschaftliche Entwicklung/soziale Frage und kulturelle/gesellschaftliche Erneuerung, denen sie jeweils ein eigenes Kapitel widmet. Jeder Themenbereich könnte für sich genommen ein oder mehrere Bücher füllen, doch gelingt es Martini, wesentliche Strömungen und Widersprüche deutlich herauszuarbeiten und zu problematisieren.

An allen drei Bereichen der Modernisierungsdebatte ist sowohl für China als auch für Indien abzulesen, dass der angestrebte oder von außen zugewiesene „nationale Aufstieg“ nur mit einer eher zögerlichen Zurückweisung des ‚Westens‘ einherging, die zudem meist nur symbolisch oder funktional war; in Wirklichkeit war der Wunsch nach Einheit, Freiheit und Stärke ebenso wie die Industrialisierung, die staatsbürgerliche Erziehung und kulturelle Erneuerung in beiden Ländern eher Imitation oder Assimilation als Abkehr, eher Anerkennung als Ablehnung westlicher (oder japanischer) Modelle. Daher ist die Erkenntnis, es „überwog das Bedürfnis, moderne und traditionelle, westliche und asiatische Kulturelemente zu vereinen“ (S. 227) nicht überraschend, insbesondere dann, wenn man – wie Martini es tut – vor allem ans Ausland und an Eliten gerichtete englischsprachige Publikationen heranzieht. Radikalere anti-westliche Strömungen, die zu der Zeit durchaus existierten und z.B. von Cemil Aydin[2] erforscht wurden, fanden in den von Martini untersuchten Publikationen offenbar keinen Platz.

Beachtlich ist, wie kurzsichtig zahlreiche der Einschätzungen vor allem ausländischer Beobachter waren. So schrieb der von Martini häufig zitierte US-amerikanische Auslandskorrespondent Nathaniel Pfeffer im Jahr 1930, dass „China in allen praktischen Belangen seine Souveränität widererlangt“ habe (S. 94). Tatsächlich blieb China auch nach Gründung der Nankinger Regierung 1927 aber weiterhin in verschiedene Machtbereiche zerfallen. Auch Maos Kommunisten und Japan seit Anfang der 1930er-Jahre konterkarierten Chiang Kai-sheks letztlich erfolglosen Versuch der Etablierung einer chinesischen Zentralregierung. Welches „China“ soll hier also seine Souveränität erlangt haben und was war diese „Souveränität“ angesichts der inneren Zerrissenheit und äußeren Bedrohung wirklich wert? An diesen und einigen anderen Stellen wäre es wünschenswert gewesen, dass Martini die Einschätzungen der Beobachter etwas kritischer eingeordnet und – wo angemessen – auch als naiv oder falsch offengelegt hätte.

Der zweite, mit „Weltordnungskonzepte“ überschriebene Teil beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit kulturalistischen und geopolitischen Zukunftsprognosen. Zuvor skizziert Martini die Diskussion zur Rolle Chinas und Indiens in der neuen politischen (Völkerbund) und wirtschaftlichen (internationaler Handel) Nachkriegsordnung, die in und für beide Länder die Hoffnung auf einen internationalen und nationalen Neuanfang mit sich gebracht habe. Das internationale Recht und die Prinzipien der Selbstbestimmung und Gleichheit weckten Erwartungen auf „die Integration militärisch und wirtschaftlich schwacher Nationen in eine internationale Gesellschaft, die nicht länger an westlich definierte ‚zivilisatorische Standards‘ gekoppelt war“ (S. 278). Somit konnte der Völkerbund als Symbol einer neuen Nachkriegsordnung zumindest in der Theorie (und in der Debatte über die zukünftige Rolle Chinas und Indiens in der Weltpolitik) einen „verbindlichen Rahmen“ bilden, wie Martini schreibt, „um den ‚Aufstieg‘ dieser Länder in den Kreis der großen Nationen in Angriff zu nehmen“ (S. 279).

Im Kapitel zu den kulturalistischen Zukunftsprognosen untersucht die Autorin Asien-Konzeptionen, die von einer kulturellen oder spirituellen Einheit Asiens ausgingen. Diesen „spirituellen Asianismus“ weist sie vor allem bei Rabindranath Tagore sowie einer Reihe westlicher Beobachter nach. Bedeutender schienen zu dieser Zeit allerdings die Skeptiker und Kritiker solcher Vorstellungen gewesen zu sein, vor allem in Asien, wo man selbst auf kürzesten Reisen die kulturelle und sprachliche Vielfalt, nicht Einheit Asiens erleben konnte. So ist es nicht verwunderlich, dass letztlich in beiden Ländern nationalistische oder sub-national regionalistische Asianismus-Konzeptionen überwogen, die sich gerne der diskursiven Wirkungsmacht des Schlagwortes „Asianismus“ bedienten, aber eher Mittel zum Zweck der Nationalstaatsbildung oder nationalen Stärkung waren. Die bengalische oder indische Unabhängigkeit oder die Schaffung eines Großindiens kamen stets vor dem solidarischen Interesse an Asien, das zu groß, zu abstrakt und zu divers war. Dies wird im abschließenden Kapitel zur Rolle beider Länder in den geopolitischen Machtkonstellationen noch deutlicher. Während in der englischsprachigen Literatur der Zwischenkriegszeit Warnungen vor einer „Gelben Gefahr“ weiterhin florierten – allerdings von „liberalen Internationalisten deutlich verneint“ worden seien (S. 326) – bedeutete die Annahme, dass das hierarchische System des Imperialismus nicht von heute auf morgen einer gerechteren Weltordnung weichen würde, dass chinesische und indische Intellektuelle alternative Konzepte vorschlagen und Strategien ausarbeiteten mussten. Eine dieser Positionen legte nahe, dass auch Asiaten in diesem hegemonialen Machtpoker aggressiv mitmischen sollten („Might is right“). Hier wäre ein kleiner Exkurs zu indischen und chinesischen Flirts mit dem Faschismus interessant gewesen, der zweifelsohne ebenfalls zu den „westlichen Ideologien“ gezählt werden muss, durch deren Aneignung sich auch chinesische und indische Denker und Aktivisten eine „Selbststärkung Indiens und Chinas“ versprachen (S. 381).[3]

Daneben stand vor allem auch der Völkerbund zur Disposition, der zu einem „Bund der Völker“ (Chakraberty) oder anderweitig reformiert werden sollte. Es dominierten allerdings Entwürfe, die der eigenen Nation eine zentrale Rolle zuschrieben, so z.B. bei einem in den USA lebenden chinesischen Politikwissenschaftler namens Mingchien Joshua Bau, der in Negation der tatsächlichen politischen Gegebenheiten noch 1922 die Fortsetzung einer sino-zentrischen Regionalordnung gefordert hatte. Gleiches galt auch für die meisten Spielarten des Pan-Asianismus, der eine supranationale Alternative zur imperialistischen Realität der Zeit hätte sein oder werden können. Einige Intellektuelle wie S.K. Datta, Taraknath Das oder Lowe Chuan-hua verteidigten noch bis Anfang der 1930er-Jahre die Idee eines gemeinsamen indisch-japanisch-chinesischen Projektes bis hin zur Gründung eines „wahren Völkerbunds des Ostens“ (S. 353). Allerdings gab es auch Skeptiker, wie den Erzieher und Schriftsteller Sadhu T.L. Vaswani, der 1923 befand, dass das durch die hinduistisch-muslimisch Rivalität geteilte Indien, das weiterhin in den Nachrevolutionswirren verharrende China und das unverändert imperialistisch ambitionierte Japan keine Basis für ein gemeinsames pan-asianistisches Projekt darstellen konnten (S. 350). Vaswani behielt recht und „Asiens Zukunft“ der folgenden zwei Jahrzehnte war gezeichnet von Rivalität, Konflikten, anhaltender Fremdherrschaft und letztlich auch vom Krieg zwischen Asiaten. Nicht nur der Pan-Asianismus, sondern auch andere optimistische Zukunftsvisionen vom Aufstieg Asiens, insbesondere Chinas und Indiens, hatten sich als falsch erwiesen und wurden um fast ein halbes Jahrhundert vertagt.

Martinis sprachlich und gedanklich souverän verfasstes Buch ist eine inspirierende Lektüre, die noch gewinnbringender wird, wenn man sie zusammen mit den hier in den Fußnoten genannten Werken liest, um auch wichtige Argumente einflussreicher Denker zu erfassen, die zur gleichen Zeit und zu gleichen Diskursen, aber nicht auf Englisch schrieben.[4] So ließe sich auch das Ungleichgewicht der Quellenbasis beheben, das dadurch entsteht, dass aus offensichtlichen Gründen in der Zwischenkriegszeit viel mehr indische als chinesische Arbeiten auf Englisch erschienen sind. Dadurch ist der Radius der von Martini erfassten chinesischen Stimmen im Vergleich zu den indischen sehr viel kleiner und weniger repräsentativ. Während indische Meinungsführer wie Gandhi, Nehru, Tagore, T. Das, L. Rai und B.K. Sarkar ausführlich zu Wort kommen, bleibt die Analyse chinesischer Beiträger bisweilen bruchstückhaft. Der spannende Kampf in China etwa um die Deutung des Asienbildes Sun Yat-sens nach dessen Tod 1925, das sich zentral auch um die Zukunft Asiens drehte, findet ebenso wenig Erwähnung wie alternative Weltordnungsvisionen führender chinesischer Intellektueller der Zwischenkriegszeit wie Li Dazhao, Chen Duxiu und Zhang Taiyan, nur weil diese nicht auf Englisch publizierten.[5] Dort, wo Martini ihre Auswahl gelegentlich zu Meinungen „asiatischer Intellektueller“ verallgemeinert oder die zitierten Ausschnitte als Stimmungsbilder der Meinungslage in China darstellt, kann man deshalb nur unter Vorbehalt zustimmen. Gleiches gilt für ihren Gebrauch des Begriffes „Weltöffentlichkeit“, den sie etwas verengt auf eher elitäre Publikationen und Gelehrtendiskurse reduziert. Treffender wäre es wahrscheinlich gewesen, sich mit dem Begriff der „transnationalen Öffentlichkeiten“ zu begnügen. Wie Martini selbst schreibt, kann „von einem britisch-indischen und einem sino-amerikanischen Diskurs gesprochen werden“ (S. 417), weil sich die zitierten Briten überwiegend mit Indien und die Amerikaner überwiegend mit China befassten. Selbst die von Martini ausschließlich untersuchten englischsprachigen Diskursräume waren also historisch viel enger und viel stärker zerklüftet, als es der Untertitel „Weltöffentlichkeit“ nahelegt.

Lässt man diese Einwände beiseite und sich auf die methodischen Vorgaben der Autorin ein, wird die Lektüre zu einem großen Gewinn, da das Buch nicht zuletzt durch die intensive Verarbeitung britischer und US-amerikanischer Indien- und Chinabilder der Zwischenkriegszeit eine wichtige Forschungslücke schließt.

Anmerkungen:
[1] Siehe Cemil Aydin, The politics of anti-Westernism in Asia: visions of world order in pan-Islamic and pan-Asian thought, New York 2007; Eri Hotta, Pan-Asianism and Japan’s war 1931–1945, New York 2007; Craig A. Smith, Constructing Chinese Asianism: Intellectual Writings on East Asian Regionalism (1896–1924), PhD dissertation (University of British Columbia), 2014; Torsten Weber, Embracing ‚Asia‘ in China and Japan. Asianism Discourse and the Contest for Hegemony, 1912–1933, New York 2017 sowie als kommentierte Quellensammlung Sven Saaler / Szpilman, C.W.A. (Hrsg.), Pan-Asianism: A Documentary History 1860–2010. Boulder 2011.
[2] Siehe Aydin 2007 sowie ergänzend zahlreiche Quellen in Saaler/Szpilman 2011.
[3] Siehe zu Indien Maria Framke, Delhi – Rom – Berlin. Die indische Wahrnehmung von Faschismus und Nationalsozialismus, 1922–1939, Darmstadt 2013, und zu China A. James Gregor, A place in the sun: Marxism and Fascism in China’s long revolution, Westview 2000.
[4] Martini selbst weist in Fußnote 90 auf S. 24 auf das Problem der Nicht-Einbeziehung v.a. chinesischsprachiger Quellen hin, relativiert es aber dadurch, dass „die Berücksichtigung chinesischer Quellen nicht im methodischen Rahmen der Untersuchung“ liege.
[5] Siehe zu diesen und anderen Stimmen aus China: Viren Murthy, The Political Philosophy of Zhang Taiyan: The Resistance of Consciousness. Leiden 2011, sowie mit einem besonderen Fokus auf Asien-Konzeptionen Smith 2014 und Weber 2017. Einen tieferen Einblick in indische Asiendiskurse geben Carolien Stolte / Harald Fischer-Tiné, „Imagining Asia in India: Nationalism and Internationalism (ca. 1905–1940)”, in: Comparative Studies in Society and History 54 (2012), S. 65–92, sowie Carolien Stolte, Orienting India: interwar internationalism in an Asian inflection, 1917–1937, PhD dissertation (Leiden University), 2013.

Zitation
Torsten Weber: Rezension zu: Martini, Silke: Postimperiales Asien. Die Zukunft Indiens und Chinas in der anglophonen Weltöffentlichkeit 1919–1939. Berlin 2016 , in: H-Soz-Kult, 12.01.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26448>.