F. Schulze: Auswanderung als nationalistisches Projekt

Titel
Auswanderung als nationalistisches Projekt. "Deutschtum" und Kolonialdiskurse im südlichen Brasilien (1824-1941)


Autor(en)
Schulze, Frederik
Erschienen
Wien 2016: Böhlau Verlag
Umfang
426 S.
Preis
€ 80,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Gründler, Institut für westfälische Regionalgeschichte, Münster

In seiner Berliner Dissertation untersucht Frederik Schulze die Genese und den Wandel der Deutschtumspolitik und deren Praxis als „Deutschtumsarbeit“ in Brasilien vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Eintritt des Landes in den Zweiten Weltkrieg. Der Autor spürt den aus dieser Politik resultierenden Spannungsverhältnissen auf unterschiedlichen Ebenen nach. Er versucht, alle beteiligten Akteure in den Blick zu nehmen. Darunter finden sich die lokalen Eliten, deutsche Kolonialpolitiker, Pfarrer, Lehrer, Konsular- und Botschaftsmitarbeiter, die aufgrund ihrer Aufgaben zahlreiche schriftliche Quellen hinterlassen haben. Schulze geht davon aus, dass einerseits „das Sprechen über deutsche Einwanderung […] nur in einem globalen Kontext verständlich“ (S. 14) werde, da es Bestandteil eines weltweit vernetzten, deutschen Kolonialdiskurses gewesen sei. Andererseits verweist er darauf, dass auf lokaler Ebene permanent Aneignungen und damit auch Veränderungen dieser Diskurse durch die Eingewanderten erfolgten. Zudem war auch der brasilianische Staat ein Akteur innerhalb dieser Auseinandersetzungen, der sich keineswegs in die Rolle einer Kolonie drängen ließ, sondern eigene Vorstellungen für die deutschen Auswanderer entwickelte und versuchte, diese durchzusetzen.

Der Autor bettet seine Studie in die rezenten Forschungen zur Globalgeschichte, zum Postkolonialismus und zur historischen Migrationsforschung ein. Im Anschluss an Christopher Bayly[1] und Jürgen Osterhammel[2] nimmt er die „Fragmentierungen, unterschiedliche[n] Ausprägungen und Reaktionen […], die globale Vernetzungen charakterisierten“ (S. 20) in mikrohistorischer Perspektive in den Blick. Das Verbinden von lokalen mit „globalen“ Prozessen gelingt auf überzeugende Weise, weil der Autor zum einen seinen Untersuchungsgegenstand kritisch hinterfragt und die Auswander/innen und ihre Nachkommen nicht einfach als „Deutsche“ versteht, sondern sie – auch aufgrund von Hinweisen brasilianischer Historiker/innen – als Produkt auch brasilianischer und regionaler Einflüsse begreift. Zum anderen greift Schulze auf lokale Archivbestände in Brasilien zurück, die bisweilen sogar Briefe und anderes Schriftgut der „normalen“ Bevölkerung umfassen. Seine zentrale Quelle ist jedoch der große Fundus an veröffentlichten Texten, die die Akteure der Deutschtumsdiskurse sowohl lokal in Brasilien als auch in Deutschland produzierten. Darüber hinaus verwendet er Bestände des Auswärtigen Amtes und des Evangelischen Zentralarchivs in Berlin, um neben den offiziösen auch die „subkutanen“ Äußerungen in den Blick zu nehmen.

Der Verfasser trennt seine Untersuchung in zwei Teile. Im ersten untersucht er die „Deutschtumsarbeit“ und -diskurse lokaler Akteure und deren Verbindung mit weiterreichenden Kolonialdiskursen im Deutschen Reich. Hier weist er überzeugend nach, dass die Vorstellungen und Konzepte von „Deutsch-Sein“ einerseits von Personen und Institutionen initiiert und geformt wurden, die international tätig waren. Diverse Kolonial- und Agitationsvereine waren von Deutschland aus aktiv in die lokalen Geschehnisse im südlichen Brasilien involviert, indem sie versuchten, die „Deutschtumsarbeit“ zu konzeptualisieren und zu konturieren. Gleichzeitig waren die zahlreichen „deutsch-brasilianischen“ Zeitungen, Kirchen, Schulen und lokalen Vereine die wichtigsten Transmissionsriemen dieser Arbeit. Bei diesen Akteuren zeigt sich jedoch schon in der frühen Phase, dass das „Deutschtum“ der Auswanderer zwar ein zentrales Kriterium von Zugehörigkeit war, aber keinesfalls das einzige. Konflikte und Spannungen gab es z.B. um Konfessionszugehörigkeit und politische Überzeugungen, die auch die jeweiligen Positionen innerhalb der „Deutschtumsarbeit“ beeinflussten.

Im zweiten Teil der Arbeit stehen die Aushandlungen in Rio Grande do Sul im Zentrum der Analyse. Besonders eindrücklich gelingt es Frederik Schulze, die Brüche und Ambivalenzen der verschiedenen Akteure herauszuarbeiten. Der brasilianische Staat hieß die deutschen Einwander/innen aufgrund der ihnen stereotyp zugeschriebenen Eigenschaften, wie z.B. Fleiß, grundsätzlich willkommen und förderte die Ansiedlung. Im Verlauf der Zeit mehrten sich jedoch die Stimmen, die die fehlende „Assimilation“ beklagten und vor den Gefahren einer Abspaltung durch die Gründung einer deutschen Kolonie warnten. Spätestens ab Anfang der 1930er-Jahre setzte der Brasilianische Staat daher eine nationalistische Assimilationspolitik um, die zuvorderst die „deutschen“ Bevölkerungsteile, aber auch japanische Einwander/innen, zum Ziel hatte. Dies war nicht nur die Antwort auf eine verstärkte „Deutschtumsarbeit“, die die Assimilation ablehnte, sondern auch die Umsetzung einer „modernen“ Einwanderungspolitik, die sich an den soziologischen Erkenntnissen der Chicago School orientierte.

Während der brasilianische Staat die Nicht-Assimilierung der deutschen Einwander/innen als Problem wahrnahm, war auf der anderen Seite das Gegenteil der Fall. Die bürgerlichen Akteure der „Deutschtumsarbeit“ sahen gerade die „Verbrasilianisierung“ als problematisch an und wollten diese verhindern oder rückgängig machen. Die in der Bezeichnung zugespitzte Zuschreibung sozialer, kultureller und moralischer Verwahrlosung wurde zwar auch wissenschaftlich unterfüttert, war jedoch keinesfalls unumstritten. Denn in der Praxis waren nicht nur die bürgerlichen Eliten, wie Schulze hervorhebt, untereinander fragmentiert und zerstritten. An der seit den 1920er-Jahren verstärkten „Deutschtumspolitik“ gab es vielfach Kritik aus den Reihen der Einwander/innen. Diese Kritik verschärfte sich noch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, obwohl Teile der „Deutschbrasilianer“ den Veränderungen in Deutschland durchaus positiv gegenüberstand. Gleichwohl trafen die NSDAP/AO und manche Ortsgruppen der NSDAP in Rio Grande do Sul auf deutliche Ablehnung, die einerseits mit deren politischem Führungsanspruch zu tun hatte. Andererseits waren die Einwander/innen und ihre Nachkommen selbstverständlich sozial und politisch keine einheitliche Gruppe, sodass „Diffamierung und Terror“ und die nationalsozialistische „Kultur des Rassismus“ auf Widerstand trafen.

Den zweiten Teil schließt ein Kapitel über die Akteure selbst ab. Auch hier kann Schulze überzeugend die verschiedenen Positionen, die Praktiken von „Deutschtumsarbeit“ und widerständiges Verhalten herausarbeiten. Eindrücklich führt er auch vor Augen, was mit dem Scheitern der „Deutschtumsarbeit“ für die Protagonist/innen verknüpft war.

Frederik Schulze gelingt es in eindrucksvoller Weise, den Spannungsverhältnissen zwischen den zahlreichen Akteuren in Südbrasilien nachzuspüren und die Wandlungen von Diskursen und Praktiken der „Deutschtumsarbeit“ im Detail zu analysieren. Seine Arbeit zeigt mustergültig, wie fruchtbar die Verbindung von Kolonial- und Globalgeschichte in mikrohistorischer Perspektive für die Erforschung von Phänomenen wie Migration und Integration sein kann. Letztlich fehlt dem Sozialhistoriker nur eine noch detailliertere Analyse derjenigen, die die „Objekte“ der Deutschtumsdiskurse waren – also die Bauern, Arbeiter und Handwerker sowie ihre Familien, die das Gros der Auswanderer in Rio Grande do Sul stellten. Dass dies aufgrund der kaum vorhandenen Quellen nicht eingehender geschehen kann, ist dem Autor allerdings nicht anzulasten.

Anmerkungen:
[1] Christopher A. Bayly, Die Geburt der modernen Welt. Eine Globalgeschichte 1780-1914, Frankfurt am Main 2008.
[2] Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009.

Zitation
Jens Gründler: Rezension zu: : Auswanderung als nationalistisches Projekt. "Deutschtum" und Kolonialdiskurse im südlichen Brasilien (1824-1941). Wien  2016 , in: H-Soz-Kult, 28.09.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26460>.