Cover
Titel
The Devil's Riches. A Modern History of Greed


Autor(en)
Poley, Jared
Erschienen
New York 2016: Berghahn Books
Umfang
X, 215 S.
Preis
$ 110.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marlene Keßler, SFB 923 „Bedrohte Ordnungen“, Eberhard Karls Universität Tübingen

Im Zuge der Finanzkrise zwischen 2007 und 2009 kam die Gier in den Genuss einer erhöhten Medienpräsenz.[1] Wie schon seit Jahrhunderten wurde diese Emotion damit einmal mehr als Erklärungsfaktor für als problematisch oder gar krisenhaft erlebte Entwicklungen herangezogen. Es ist insofern fast verwunderlich, dass die Habgier, was die Epoche der Neuzeit anbelangt[2], noch nicht zum Objekt einer geschichtswissenschaftlichen Längsstudie geworden ist. Eine Lücke, die sich der amerikanische Frühneuzeitler Jared Poley mit seiner Monographie „The Devil’s Riches. A Modern History of Greed“ nun zu schließen anschickt.

Entsprechend seiner pointierten Ansage „[G]reed has a history. This book tells it“ (S. 10) geht es Poley in erster Linie darum, aufzuzeigen, dass das Konzept der Gier (und das verwandte Konzept des Geizes) ebenso wie die Art und Weisen, wie es bewertet wurde, historischem Wandel unterliegt. Durch die Analyse dieses Wandels lasse sich beispielsweise viel darüber erfahren, wie die Menschen sich zu unterschiedlichen Zeiten die gesellschaftlichen Verhältnisse begreiflich machten, interpretierten und kritisch hinterfragten. Mit diesem Ansatz reiht sich die Studie in eine ganze Reihe historischer Betrachtungen von Einzelemotionen ein[3], die im Rahmen des dynamischen, wenn auch noch immer nicht klar umrissenen Forschungsfeldes der Emotionsgeschichte entstanden sind.[4] Im Vergleich zu anderen Studien aus diesem Feld fällt Poleys Vorgehensweise allerdings recht traditionell diskursgeschichtlich aus.

Was die Auswahl der Quellen anbetrifft, beschränkt sich Poley auf die (westliche) Höhenkammliteratur. Das Buch ist chronologisch aufgebaut; je nach Kapitel betrachtet der Autor schwerpunktmäßig eines oder mehrere der Themenfelder Religion, Wirtschaft und Gesundheit. Poley beginnt mit einer ausführlichen Analyse des Dialoges De avaritia, den der humanistische Denker Poggio Bracciolini 1429 veröffentlichte. Dabei legt er dar, welche Bandbreite möglicher Haltungen zur Gier in diesem Text gedanklich bereits durchgespielt wird: von der Ablehnung als schlimmste Sünde, die auf persönlicher wie sozialer Ebene Schaden anrichte, bis hin zur utilitaristisch begründeten Wertschätzung. Das eigentlich Neue am modernen Gierdiskurs, so Poley, sei insofern nicht die Betonung der positiven wirtschaftlichen oder sozialen Auswirkungen der Gier, sondern vielmehr die Tatsache, dass dieser Diskurs über die unterschiedlichsten „institutional settings“ (S. 47), wie Ärzten, Ökonomen oder Juristen, hinweg geführt werde. Die vielen Spielarten dieses Gier-Diskurses vollzieht Poley in den darauffolgenden Kapiteln nach.

Im Bereich der Religion zeigt Poley anhand zentraler Reformer wie Martin Luther, Erasmus von Rotterdam oder Johannes Calvin auf, dass über die Diskussion der Gier hierarchische und soziale Abhängigkeitsverhältnisse sowohl inner- wie außerhalb der Kirche in Frage gestellt wurden. Konfessionelle Unterschiede seien auch durch die Abgrenzung der verschiedenen Haltungen zu Gier, etwa deren Betrachtung als äußerliche oder aber gedanklich-innerliche Sünde, verfestigt worden. Pietistische Denker hätten dann um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert, auch in Reaktion auf den zunehmend globalen Handel, die mit der Kritik an Gier einhergehende Kritik am übermäßigen Konsum neu gefasst. Die hohe kulturelle Deutungskraft der Gier zeige sich zudem darin, dass ihr noch im späten 19. Jahrhundert von spirituellen Strömungen wie der Theosophie große Aufmerksamkeit beigemessen wurde. Die damit verbundenen Vorstellungen vom Okkulten hätten auch das 20. Jahrhundert noch geprägt. Auf das Stereotyp vom raffgierigen Juden, wie es sich in zahlreichen antisemitischen Schriften auch der sozialen Elite der Frühen Neuzeit finden lässt, geht Poley nicht ein.

In der Ökonomie waren, wie Poley deutlich macht, die unterschiedlichen Haltungen zur Gier lange von der merkantilistischen Annahme eines ‚Nullsummenspiels‘ geprägt, im Zuge dessen insbesondere das Horten von Geld von den unterschiedlichsten Denkern als schädlich angeprangert wurde. Mit dem 18. Jahrhundert geriet zunehmend das Verhältnis von staatlicher Politik und moralischer Bewertung der Gier in den Blickpunkt. So wies Bernard de Mandeville bereits 1714 darauf hin, dass Verschwendungssucht ein aus gesellschaftlicher Sicht notwendiges Übel sei, da sie durch ihre konsumanregende Funktion der Allgemeinheit diene. Dem Geiz sprach er dabei umgekehrt eine ausgleichende Wirkung zu. Friedrich der Große wiederum befürwortete mit einer proto-keynesianisch anmutenden Argumentation staatliche Ausgaben um des allgemeinen Wohlstands willen, betrachtete Habsucht auf individueller Ebene jedoch kritisch. In den großen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts um die konkurrierenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen wurde der Gier Poley zufolge eine Schlüsselrolle zugemessen. Auffällig sei dabei, wie sehr wirtschaftstheoretische Schriften auch noch des frühen 20. Jahrhunderts vom religiös-wertenden Sprachgebrauch geprägt seien. Die Annahme eines rational agierenden ‚homo oeconomicus‘, im Zuge derer die Einbeziehung von Emotionen und moralischen Abwägungen als Überrest vermeintlich mittelalterlicher Denkweisen zurückgewiesen werde, habe sich hingegen erst nach 1945 als ökonomisches Standardmodell durchgesetzt. Interessant wäre an dieser Stelle gewesen, auch die neuere Verhaltensökonomie mit ihrer Verbindung von psychologischen und wirtschaftstheoretischen Analysen mit einzubeziehen, doch über das frühe 20. Jahrhundert reicht Poleys Studie nicht hinaus.

Im mit Gesundheit betitelten Themenbereich schließlich geht Poley zunächst ausführlich auf die Schriften des Alchemisten Paracelsus ein. Dieser habe die Gier als soziale Katastrophe für Reich wie Arm gewertet und sie wie Emotionen insgesamt dem ‚tierischen Anteil‘ im Menschen zugeschrieben. Gleichzeitig sei Paracelsus davon ausgegangen, dass der Mensch durch den himmlischen Anteil, der ihm ebenfalls innewohne, die Fähigkeit besitze, sich von diesem Verlangen auch freizumachen. Im Anschluss taucht der medizinische Diskurs im Wesentlichen erst wieder mit den psychologischen Auseinandersetzungen um 1900 zu Geld und damit verbundenen Begehrlichkeiten auf. Poley stellt dar, wie Gier in dieser Zeit pathologisiert wurde, bis hin zum Symptom eines ‚analen Persönlichkeitstypus‘ im Rahmen der Freud’schen Psychoanalyse. Dieses Persönlichkeitsbild sei dann von Erich Fromm in enge Korrelation mit der Ausbreitung des Kapitalismus gebracht worden.

Insgesamt zeichnet sich Poleys Studie durch eine sehr quellennahe Herangehensweise, eine transnationale Perspektive und die Einbeziehung deutsch- wie englischsprachiger Sekundärliteratur aus. Mit überraschenden Erkenntnissen wartet er weniger auf, aber er kann deutlich machen, dass die Annahme, die Emotion der Gier habe mit zunehmender Säkularisierung der Gesellschaft eine ‚rational‘ begründete Aufwertung erfahren, zumindest verkürzt ist. Die verschiedenen Sichtweisen auf Gier erlebten über die Neuzeit hinweg zahlreiche Transformationen, gleichbleibend war aber, dass dieser Emotion eine hohe Wirkmacht zugesprochen wurde.

Am Ende eines jeden Kapitels fasst Poley die Ergebnisse zumeist kurz zusammen und schafft dabei auch Querverbindungen. Dennoch machen es die Vielzahl an Quellenzitaten, die den Text durchziehen, und die Fülle an Einzelbeobachtungen dem Leser nicht immer leicht, den roten Faden im Blick zu behalten. Aus begriffsgeschichtlicher Perspektive wäre eine zusätzliche Angabe des Originalwortlautes in den Fußnoten wünschenswert gewesen.

Anmerkungen:
[1] Siehe dazu Maik Herold, Gier am Finanzmarkt? Eine Emotion und ihre Instrumentalisierung im aktuellen Krisendiskurs, in: Karl-Rudolf Nolte (Hrsg.), Emotionen und Politik. Begründungen, Konzeptionen und Praxisfelder einer politikwissenschaftlichen Emotionsforschung, Baden-Baden 2015, S. 249–269.
[2] Für eine Untersuchung des christlichen Konzepts der avaritia bis ins 10. Jahrhundert siehe Richard Newhauser, The Early History of Greed. The Sin of Avarice in Early Medieval Thought and Literature, Cambridge 2000.
[3] Vgl. z.B. Andreas Bähr, Furcht und Furchtlosigkeit. Göttliche Gewalt und Selbstkonstitution im 17. Jahrhundert, Berlin 2013; Darrin M. McMahon, Happiness: A History, New York 2006; Wiliam M. Reddy, The Making of Romantic Love. Longing and Sexuality in Europe, South Asia, and Japan, 900–1200 CE, Chicago 2012; Nicolas P. White, A Brief History of Happiness, Malden 2006.
[4] Überblicke zur Emotionsgeschichte verschaffen etwa Bettina Hitzer: Emotionsgeschichte – ein Anfang mit Folgen. In: H-Soz-Kult, 23.11.2011, http://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-1221 (16.01.2017) sowie jüngst Rüdiger Schnell, Haben Gefühle eine Geschichte?, 2 Bde., Göttingen 2015.

Zitation
Marlene Keßler: Rezension zu: : The Devil's Riches. A Modern History of Greed. New York  2016 , in: H-Soz-Kult, 23.02.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26474>.