M.A. Winde: Bürgerliches Wissen

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Titel
Bürgerliches Wissen - Nationalsozialistische Herrschaft. Sprache in Goebbels' Zeitung Das Reich


Autor(en)
Winde, Mathias Aljoscha
Erschienen
Frankfurt am Main 2002: Peter Lang/Frankfurt am Main
Umfang
152 S.
Preis
€ 30,20
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Waltraud Sennebogen, Institut für Geschichte, Universität Regensburg

Die von Ende Mai 1940 bis Mitte April 1945 erschienene Wochenzeitung ‚Das Reich‘ ist Gegenstand dieser sprachwissenschaftlichen Dissertation bei dem mittlerweile emeritierten Kölner Prof. Dietz Bering. Doch spricht die Arbeit aufgrund ihrer Thematik auch den Historiker an. Um von Vornherein jegliches Missverständnis auszuschließen: Mathias Aljoscha Winde setzt sich darin nicht etwa - wie der Titel durchaus vermuten ließe - mit der Sprache in ‚Das Reich‘ auseinander, sondern mit jenen Beiträgen der Wochenzeitung, die ‚Sprache‘ zum Thema haben. Dies relativiert die vielleicht allzu hohen Erwartungen, welche ansonsten an die Untersuchung herangetragen werden könnten.

Nichtsdestotrotz beansprucht Winde - in Anlehnung an Ehlichs Kritik der bisherigen Arbeiten zur Sprache als „Machtinstrument [...] im Faschismus“ [1]- hinsichtlich Untersuchungsobjekt und Methode erstmals den von diesem „skizzierten Weg der Aufgabenstellung“ beschritten zu haben (S. 16-19). Bis dato sei zu einseitig über die „spezifische Sondersprache des Nationalsozialismus“, über deren Lexik, Grammatik, Stilistik und über die „rhetorische[...] Sprachmanipulation“ der Nationalsozialisten geforscht worden (S. 17).[2] Ihm dagegen gehe es darum, exemplarisch ein hinter den sprachlichen Äußerungen stehendes „Wissenssystem“ zu untersuchen und - Ehlichs Begriff der „ideologischen Amalgamierung“ folgend - dessen Entwicklung im „Dritten Reich“ zu skizzieren (S. 18f.). Sein Augenmerk richtet sich dabei auf die Wochenzeitung ‚Das Reich‘, die ihm aufgrund der ‚bürgerlichen‘ Zielgruppe und auch aufgrund der Herkunft der meisten dort Beschäftigten einen für „bürgerliches Wissen“ repräsentativen Forschungsgegenstand darzustellen scheint (S. 20-27).

Zu Beginn skizziert Winde ausführlich das „bürgerliche Wissenssystem ‚Sprache‘“, stellt ihm die „nationalsozialistische Sprachauffassung“ kontrastiv gegenüber und problematisiert das Aufeinanderprallen dieser beiden Sprachwelten in der als explizit nationalsozialistisches Propagandablatt zu verstehenden Wochenzeitung, welche jedoch - mit Ausnahme der Goebbels‘schen Leitartikel - „von bürgerlichen Journalisten für bürgerliche Rezipienten“ produziert wurde (S. 29-65).

Im Folgenden untersucht Winde dieses Zusammentreffen anhand zweier exponierter Konfliktlinien. Im Zentrum seiner Analyse stehen dabei einzelne Artikel aus ‚Das Reich‘. Zunächst richtet sich sein Erkenntnisinteresse auf den Gegensatz von Sprachkritik und Sprachverwendung: Zwischen dem bürgerlich geprägten „Sprachideal“, wie es sich in den einzelnen Artikeln der Wochenzeitung noch immer nachweisen lässt, und der nationalsozialistischen Sprachpraxis scheint sich eine unüberwindliche Kluft aufzutun. Winde konkretisiert dies vor allem auch an drei Beispielen: den Hilfsverbkonstruktionen, den Metaphern und dem Fremdwortgebrauch (S. 68-90).

Dieser Befund entspricht im Wesentlichen dem für die zweite Konfliktlinie „Sprachideologie vs. Rassenideologie“ (S. 90-118). Anhand einzelner Schwerpunkte - „Sprache und Geist“, „Sprache und Wesen“, „Sprache und Volk“, „Sprache und Krieg“ - wird deutlich, dass sich hier ein offenbar ideologisch bedingter Gegensatz nicht völlig überwinden ließ: Während die Sprache selbst Objekt der ‚bürgerlichen‘ Sprachkritiker ist und somit auch Gegenstand ihrer Ideologie, manifestiert sich die nationalsozialistische Rassenideologie in sprachlicher Form - die Sprache also ist zwar Ausdruck dieser Ideologie, nicht aber deren Ausgangspunkt. Auf diese Weise bietet Winde eine Erklärung für den mitunter von der gängigen NS-Diktion abweichenden Sprachgebrauch der von ihm untersuchten Beiträge.

Im letzten Kapitel seiner Arbeit thematisiert Winde - ausgehend von den beiden zuvor untersuchten Konfliktlinien - ob in ‚Das Reich‘ ein Konsens zwischen den jeweils divergierenden Positionen hergestellt werden konnte (S. 119-136).

Hinsichtlich der Konfliktlinie „Sprachkritik vs. Sprachverwendung“ existierte ein solcher Konsens nicht: „Die gegensätzlichen Auffassungen im Bereich der Sprachpraxis stehen sich [...] unvereinbar gegenüber, ohne dass sich ein Übergewicht zu Gunsten einer Seite oder eine Verschmelzung der beiden abzeichnen würde.“ (S. 122) Dennoch, so Winde, gerate das „bürgerliche Wissen“ nicht „in Konflikt mit den Zielen der NSDAP“, es übernehme „vielmehr eine stützende Rolle im Rahmen der Ansprache der bürgerlichen Zielgruppe durch die nationalsozialistische Propaganda.“ (S. 122)

Für die zweite Konfliktlinie „Sprachideologie vs. Rassenideologie“ konstatiert Winde dagegen eine deutlich größere Schnittmenge. Wenngleich unterschiedlich akzentuiert, sei dieses Feld stärker „gekennzeichnet durch Nicht-Widerspruch und Schweigen, durch Verschmelzung von Elementen beider Wissenssysteme und durch unterschiedlich begründete gemeinsame Ziele.“ (S. 123) Im Kampf gegen das ‚Undeutsche‘ begegneten sich ‚bürgerliche‘ Sprachkritiker und nationalsozialistische Propagandisten (S. 125f.). Trotz unterschiedlicher Ausgangspunkte lässt sich also ein Konsens herstellen, dem Winde letztlich sogar eine herrschaftssichernde Funktion zuschreibt: „Durch eine nahezu osmotische Verbindung mit nationalsozialistischem Denken konnte das Wissenssystem ‚Sprache‘ eine tragende Rolle bei der Herstellung des Einverständnisses zwischen bürgerlicher Leserschaft und faschistischer Herrschaft einnehmen.“ (S. 136)

Wohl Ehlich würdigend schließt Winde seine Untersuchung mit einem „Von der Schuld der Sprache und der Unschuld der Überzeugungen“ betitelten, äußerst knappen Ausblick (S. 137-139). Darin kritisiert er den Angriff ‚bürgerlicher Sprachkritiker‘ auf die Sprache des Nationalsozialismus nach 1945. Die These von der „‚vergiftete[n]‘ Sprache“ habe das Erkennen einer „Kompatibilität von bürgerlichem und nationalsozialistischem Weltwissen“ verhindert und stattdessen dazu geführt, dass die „eigenen [...] Anschauungen“ nicht prinzipiell in Frage gestellt werden mussten (S. 138f.). Vielmehr lieferte das „bürgerliche Wissenssystem ‚Sprache‘“ in den ersten Jahren der Bundesrepublik „den Beweis der Unschuld der eigenen Überzeugungen durch den Beweis der Schuld der Sprache der Täter“ (S. 139).

Mit dieser These formuliert Winde zwar einen provokativen Beitrag zur mehr oder weniger fehlenden Aufarbeitung der NS-Vergangenheit vieler ‚bürgerlicher‘ Journalisten und Publizisten des „Dritten Reichs“ [3], doch fehlt seiner kaum zweieinhalbseitigen Argumentation hier der nötige Tiefgang - was auch für weite Teile der gesamten Arbeit zutrifft. Denn so sehr generell der Trend zur „schlanken“ Dissertation zu begrüßen ist, so wenig befriedigt Windes schmales Bändchen. Die innerhalb eines Jahres entstandene Arbeit wirft im Grunde mehr Fragen auf, als sie zu beantworten im Stande ist.

Dieses Manko beginnt bereits mit den grundsätzlichen Überlegungen zum Thema: Der dürftige Verweis auf die von Ehlich vorgeschlagene „analyse du discours“ als Basis des wissenschaftlichen Zugriffs vermag nicht, die fehlende Auseinandersetzung mit Foucaults Grundlagenwerk „Die Ordnung des Diskurses“ zu ersetzen (S. 18f.).

Auch der elementare Paradigmenwechsel in der sprachwissenschaftlichen Analyse des „Dritten Reiches“ von einer „Sprache des Nationalsozialismus“ hin zur „Sprache im Nationalsozialismus“, der nun seit beinahe zwanzig Jahren die linguistische Forschung bestimmt, wird von Winde - wohl auch zugunsten der postulierten „Neuheit“ des eigenen Ansatzes - faktisch übergangen.[4] Gerade weil Winde darüber hinaus von einem „Wissenssystem“ Sprache ausgeht, das ‚bürgerliches‘ Wissen - und damit einen außersprachlichen Inhalt - tradiert, dürfte eine Auseinandersetzung mit dem Begriffpaar langue/parole de Saussures [5] nicht fehlen - zumal sich der „Streit um die Sprachkritik“ der 60er Jahre insbesondere in Zusammenhang mit der Saussure-Rezeption in der deutschen Linguistik entzündete [6]. Es mag durchaus als Produkt überzogener Erwartungen erscheinen: doch wäre es zudem auch einem Linguisten angemessen, die Auseinandersetzung mit dem Werk des Soziologen Max Weber zu suchen; zumindest bei einer Arbeit, die sich zum Ziel setzt, nach der konsensstiftenden und herrschaftssichernden Funktion der Wochenzeitung ‚Das Reich‘ zu fragen.

Was die Vorgehensweise Windes betrifft, so ist die von ihm postulierte Dichotomie Bürgertum-Nationalsozialismus keineswegs unproblematisch. Wenngleich hier nicht im Geringsten einer mittlerweile selbst historisch gewordenen Betrachtungsweise gemäß der Gleichung Kapitalismus = Faschismus mit einer gemeinsamen ‚bürgerlichen‘ Trägerschicht das Wort geredet werden soll, so wirkt das Gegensatzpaar Bürgertum-Nationalsozialismus doch überaus konstruiert. Die auch von Winde nicht geleugneten Interdependenzen zwischen beiden Komplexen lassen - ganz abgesehen von dem oszillierenden Begriff ‚Bürgertum’ selbst - darauf schließen, dass hier eine Vereinfachung und Operationalisierung zugunsten der Anwendbarkeit des analytischen Zugriffs vorliegt. Als solche ist diese nicht zwangsläufig zu tadeln. Die äußerste Verknappung der nationalsozialistischen Sprachauffassung auf die Person Hitlers (S. 49-53) erscheint jedoch allzu reduktionistisch - ebenso die Gleichsetzung des ‚bürgerlichen Wissensystems‘ Sprache mit den vom Deutschen Sprachverein vertretenen Positionen (S. 29-49).

Vor allem in diesem Zusammenhang wäre es unerlässlich gewesen, den biografischen Hintergrund der Artikelschreiber aus ‚Das Reich‘ zu skizzieren. Dies unterbleibt jedoch - was ein erhebliches Defizit der Arbeit darstellt. Winde beschränkt sich auf das bloße Nennen von Namen. Die dahinter stehenden Personen bleiben im Dunkeln, ihre Repräsentativität für das ‚bürgerliche Wissenssystem‘ Sprache zumindest zweifelhaft. Handelt es sich etwa bei dem mit zwei Beiträgen (1940/1944) erwähnten Karl Korn (S. 75, 141, 144) um den späteren Verfasser der „Sprache in der verwalteten Welt“ [7] und damit um einen der führenden Vertreter der bürgerlichen Sprachkritik der 60er Jahre? Diejenigen Mitarbeiter von ‚Das Reich‘, die Winde als Beweis für die ‚Bürgerlichkeit‘ der Wochenzeitung anführt - darunter so illustre Namen wie Lothar Günther Buchheim, Joachim Fernau, Erich Peter Neumann, Elisabeth Noelle, Oskar Loerke, Wolfgang Koeppen oder Luise Rinser, um nur einige zu erwähnen (S. 62) - haben mit den von ihm analysierten Beiträgen nichts zu tun. Zugleich jedoch verweisen sie auf das von Winde nicht ausgeschöpfte Potenzial einer noch eingehenderen Untersuchung des Blattes.

Abschließend ist festzustellen, dass dieser Anstoßcharakter sicherlich die nicht unbedeutendste Leistung Windes darstellt. Das von ihm gewählte Forschungsfeld ist längst nicht ausgereizt. Sein Beitrag regt - trotz mancher theoretischen und methodischen Schwächen - zur Diskussion und zur weiteren Arbeit mit dem Thema an. Als einer der ersten - und dies sei hier noch einmal ausdrücklich betont - hat Winde versucht, Ehlichs diskursanalytische Vorschläge aufzugreifen und ihnen zu folgen. Seine Arbeit verdeutlicht, dass das von Voigt postulierte „Ende der Sprache des Nationalsozialismus“ nicht End- sondern Ausgangspunkt einer viel weiter reichenden Erforschung der „Sprache im Nationalsozialismus“ gewesen ist.[8]

Anmerkungen:
[1]Vgl. Ehlich, Konrad, Über den Faschismus sprechen - Analyse und Diskurs, in: ders. (Hg.), Sprache im Faschismus, Frankfurt am Main 1989, S. 7-34; sowie Ehlich, Konrad, „..., LTI, LQI, ...“ - Von der Unschuld der Sprache und der Schuld der Sprechenden, in: Kämper, Heidrun; Schmidt, Hartmut (Hgg.), Das 20. Jahrhundert. Sprachgeschichte –Zeitgeschichte (Institut für deutsche Sprache, Jahrbuch 1997), Berlin 1998, S. 275-303.
[2] Zum Stand der Forschung Mitte der 90er Jahre vgl. Kinne, Michael; Schwitalla, Johannes, Sprache im Nationalsozialismus (Studienbibliographien Sprachwissenschaft 9), Heidelberg 1994.
[3] Vgl. weiterführend Köpf, Peter, Schreiben nach jeder Richtung. Goebbels-Propagandisten in der westdeutschen Nachkriegspresse, Berlin 1995; sowie zuletzt Hachmeister, Lutz; Siering, Friedemann (Hgg.), Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945, München 2002.
[4] Eine erste wegweisende Untersuchung stammt aus der Mitte der 80er Jahre. Vgl. Maas, Utz, „Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand“. Sprache im Nationalsozialismus, Versuch einer historischen Argumentationsanalyse, Opladen 1984; Zur Forschungsentwicklung generell vgl. Polenz, Peter von, Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, Band III. 19. und 20. Jahrhundert, Berlin 1999, S. 547-555.
[5] Vgl. DeSaussure, Ferdinand, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, mit einem Nachwort von Peter Ernst, Berlin 2001.
[6] Vgl. die Dokumentation des „Streits um die Sprachkritik“ im Anhang der 3. Auflage des „Wörterbuch[es] des Unmenschen“: Sternberger, Dolf; Storz, Gerhard; Süskind, Wilhelm E., Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Neue erweiterte Ausgabe mit Zeugnissen des Streites über die Sprachkritik, Hamburg 1968; Wissenschaftlich aufgearbeitet wurde der „Streit zwischen Sprachwissenschaft und Sprachkritik von Schiewe; Vgl. Schiewe, Jürgen, Die Macht der Sprache. Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart, München 1998, S. 242-249.
[7] Vgl. Korn, Karl, Sprache in der verwalteten Welt, Frankfurt am Main 1958.
[8] Vgl. Voigt, Gerhard, Bericht vom Ende der ‚Sprache des Nationalsozialismus‘, in: Diskussion Deutsch 5 (1974), S. 445-464.

Zitation
Waltraud Sennebogen: Rezension zu: : Bürgerliches Wissen - Nationalsozialistische Herrschaft. Sprache in Goebbels' Zeitung Das Reich. Frankfurt am Main  2002 , in: H-Soz-Kult, 12.06.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2650>.
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12.06.2003
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