SET Rezension zu: D. Jünger: Emigrationspläne deutscher Juden 1933–1938 | H-Soz-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften

D. Jünger: Emigrationspläne deutscher Juden 1933–1938

Titel
Jahre der Ungewissheit. Emigrationspläne deutscher Juden 1933–1938


Autor(en)
Jünger, David
Erschienen
Göttingen 2016: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
440 S.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Susanne Bennewitz, Fachbereich Geschichte, Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg

Die Forschungsliteratur zur jüdischen Emigration, Flucht und Rettung aus Deutschland sowie zur Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung im Deutschen Reich ist umfangreich. Ungeklärt bleibe allerdings die Weichenstellung zwischen den beiden Optionen „Gehen oder Bleiben“, weshalb sich David Jünger in einer Dissertation an der Universität Leipzig mit dem Entscheidungsprozess für oder gegen Auswanderung beschäftigt hat. „Sich den Emigrationsfragen der Dreißigerjahre zu nähern bedeutet daher, sich nicht allein auf diejenigen zu konzentrieren, die Deutschland in diesem Zeitraum verließen, sondern auch auf diejenigen, die zwar von Auswanderung sprachen, schlussendlich aber blieben“ (S. 394), heißt es im Schlusswort. Tatsächlich legt David Jünger in seiner Sichtung der Quellen den Schwerpunkt auf die abstrakten oder nie realisierten Zukunftsmodelle der Juden im nationalsozialistischen Staat. Hierin besteht das eigentliche Novum dieser Arbeit. Konsequent folgt er politischen wie persönlichen Plänen, die sich nicht konkretisierten, sondern in einer Palästinareise, einem internen Memorandum oder am Konferenztisch endeten. Erfolgreiche Vorarbeiten zur individuellen Neuorientierung sowie die institutionelle Auswanderungshilfe werden in dieser Studie kaum berücksichtigt, um so dem historischen Verständnis für „das Bleiben“ den Weg zu ebnen.

Die Kompetenz und Entscheidungsfreiheit, die David Jünger in seiner personenzentrierten Darstellung den historischen Akteuren zuschreibt, zeigt sich im Aufbau der Studie und in der Beschränkung auf die Jahre 1933 bis 1938. Für diese Zeit werden generell legale Ausreise- und Niederlassungsmöglichkeiten im Ausland vorausgesetzt (z.B. S. 119). Daher konzentriert sich die Studie auf innerjüdische Debatten sowie die Reaktionen auf antijüdische Maßnahmen im Deutschen Reich, wodurch Migration als transnationales Phänomen zunächst einmal in den Hintergrund tritt.[1]

Der Forschungsansatz verbindet die öffentliche Emigrationsdebatte in der jüdischen Presse mit den Grundsatzpositionen jüdischer Verbände zur Emigrationsfrage. Der Schwerpunkt liegt auf politischen Programmen und Verhandlungen zu einer organisierten Gruppenauswanderung. Ergänzend wird die individuelle Alltagsperspektive mit Selbstzeugnissen von Intellektuellen eingefangen.

Jünger präsentiert sein Material in drei chronologischen Blöcken. Dem ersten Teil, „Im Schatten Weimars (1933/34)“, folgt ein ebenso ausführlicher zweiter Teil „Zwischen Hoffnung und Verzweiflung (1935/36)“, wohingegen die Jahre 1937/38 unter der Überschrift „Entscheidungen“ auf 40 Seiten knapp verhandelt werden.

Der Leser erhält zu den Zeitabschnitten jeweils eine Gesamtschau aller jüdischen Positionen von religiöser Orthodoxie über liberale Verbände bis zu deutschnationalen und zionistischen Flügeln. Einzelstudien zu jüdischen Verbänden wie die jüngst erschienene Studie von Johann Nicolai zum Centralverein[2] leisten zwar eine differenziertere Abwägung von politischer Arbeit und offizieller Sprachregelung, doch erinnert der hier gewählte Querschnitt eindrücklich an die ideologischen Spannungen der jüdischen Interessengruppen in Deutschland. Andere Differenzkategorien wie Beruf und Bildung, sozialer Status, Gender und Alter stehen hierbei nicht im Fokus.

Ein weiteres methodisches Ziel formuliert Jünger in seiner Einleitung, nämlich sich konsequent dem historischen Erkenntnishorizont zu widmen und nicht aus dem Fanal der Judenvernichtung zu argumentieren. Daher ist es überraschend, wenn die zahlreichen Quellenzitate und verschiedenen Gattungen mitunter sorglos kontextualisiert werden. So zum Beispiel, wenn der Autor für die Reaktionen deutscher Jüdinnen und Juden auf den Reichstagsbrand (S. 56–70) zeitgenössische wie retrospektive Berichte unterschiedslos gewichtet.

Auf inhaltlicher Ebene bietet die Arbeit eine umfangreiche Auswertung zionistischer Medien, die entgegen landläufiger Annahme die individuelle Auswanderung nie lauter propagierten als bürgerliche Fraktionen. Außerdem behinderten Vorbehalte gegen eine vertragliche Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich, Stichwort „Deutschland-Boykott“, die diplomatische Effizienz zionistischer Akteure, so dass das Haavara-Abkommen zum Kapitaltransfer von 1933 keine Modellfunktion erlangte. Mit besonderem Interesse referiert Jünger die weiteren Anläufe des Bankiers Max Warburg in dieser Richtung, den er damit in einer ideellen Verantwortungsposition als „Shtadlan“ (S. 164) der Juden Deutschlands rehabilitiert.

Da die Vertreter der bürgerlich-liberalen jüdischen Verbände bis zum Novemberpogrom 1938 keine positive Haltung zur vollständigen Umsiedlung des deutschen Judentums einnahmen, erhalten in der Studie Extrempositionen wie die des Staatszionisten Georg Kareski ungleich mehr Aufmerksamkeit. Kareski begrüßte die rassistische Ausgrenzungspolitik der Nürnberger Gesetze als Chance für die jüdische Selbstfindung und Volkswerdung. Interessant ist hier Jüngers Parallelisierung zionistischer Visionen mit denen der separatistischen Orthodoxie, die ebenfalls früh auf den Gewinn der äußeren Diskriminierung aus jüdischer Sicht hinwiesen. Im Gegensatz zu Stefan Vogt, der diese Denkmuster im nationalen Diskurs einordnet,[3] zielt Jünger hierbei auf das Potential, das in einer internationalen völkerrechtlichen Anerkennung der deutschen Judenheit zum Zeitpunkt der Nürnberger Gesetze gelegen hätte.

So durchzieht die Kapitel die Frage, ob vor allem ideologische Grabenkämpfe zwischen den jüdischen Repräsentanten in Deutschland eine zukunftsorientierte Zusammenarbeit in der Emigrationspolitik verhinderten. Grundsätzlich weist Jünger diese bekannte Kritik zurück (S. 330), aufgrund des Forschungsdesigns bleibt die ideologische Differenz deutsch-jüdischer Vertreter dennoch ein wesentlicher Punkt (S. 132, S. 318). Anhand der internationalen jüdischen Verbände und Hilfsorganisationen erinnert Jünger an die gesamteuropäische Situation, in der die Notlage der demografisch kleinen Gruppe deutscher Staatsangehöriger jüdischer Herkunft gegen die der osteuropäischen Gruppen abgewogen werden musste.[4]

Die umfangreich dokumentierten Einzelergebnisse verdichten sich nicht zwingend zu der im Titel angezeigten breiten Untersuchung der „Emigrationspläne der Juden“. Die Argumentation stützt sich im Wesentlichen auf drei edierte Tagebücher (Viktor Klemperer, Willy Cohn, Kurt F. Rosenberg) und die programmatischen Aussagen weniger jüdischer Verbandsvertreter und Journalisten.

Zudem entsteht für den heutigen Leser eine Irritation aus dem Umgang mit essentialistischer Setzung von „Judenheit“ und deutsch-jüdischer Existenz. Jünger behandelt fast nur Ziele und Handlungen als „Emigrationspläne“, die eine kollektive Umsiedlung aller damals rassistisch diskriminierten Deutschen beinhalteten (vgl. S. 270ff.). An diesem Punkt wird die höchst diverse Gruppe einer halben Million deutscher Staatsbürger und ihrer Angehörigen, die von der nationalsozialistischen Ideologie als Volksfremde problematisiert wurden, als virtuelle Einheit gedacht.

Die Studie bietet eine intensive und provokante Diskussion von jüdischen Grundsatzpositionen der 1930er-Jahre zur nationalen Frage und jüdischen Zukunft außerhalb Deutschlands. Die Lektüre ist immer informativ und fesselnd, da der Autor im Detail gut belegt und in Einzelfällen internationale diplomatische Komplikationen auf zionistischer, humanitärer und politischer Ebene neu herausarbeitet und dennoch den Spannungsbogen der Ereignisse beibehält. Der methodische Ansatz stößt uns auf die immer virulente Frage, ob und wie Ideengeschichte mit sozialer Praxis in Übereinstimmung gebracht werden kann. Entgegen dem Trend zur situativen und intersektionellen Differenzierung in der Diasporaforschung oder den jüngeren Forschungsbeiträgen der Emigrationsforschung zu ökonomischen und administrativen Handlungsfeldern rücken hier wieder die großen Themen jüdischer Repräsentanz, Identität und kollektiver Geschichtsdeutung in den Fokus.

Anmerkungen:
[1] Daher wurden neue Überblickswerke zu Immigrationsgesuchen, Asylpolitik und Aufnahmepraxis westlicher Staaten kaum rezipiert, vgl. Frank Caestecker / Bob Moore (Hrsg.), Refugees from Nazi Germany and the Liberal European States, New York 2010.
[2] Johann Nicolai, „Seid mutig und aufrecht!“. Das Ende des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens 1933–1938, Berlin 2016.
[3] Stefan Vogt, Subalterne Positionierungen. Der deutsche Zionismus im Feld des Nationalismus in Deutschland, 1890–1933, Göttingen 2016.
[4] Vergleiche dazu Saskia Sassen, Migranten, Siedler, Flüchtlinge, Frankfurt am Main 1996, S. 95–114.

Zitation
Susanne Bennewitz: Rezension zu: Jünger, David: Jahre der Ungewissheit. Emigrationspläne deutscher Juden 1933–1938. Göttingen 2016 , in: H-Soz-Kult, 11.01.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26501>.
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Veröffentlicht am
11.01.2018
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