S. Freund u.a. (Hrsg.): Dome – Gräber – Grabungen

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Titel
Dome – Gräber – Grabungen. Winchester und Magdeburg. Zwei Kulturlandschaften des 10. Jahrhunderts im Vergleich


Autor(en)
Freund, Stephan; Köster, Gabriele
Erschienen
Regensburg 2016: Schnell & Steiner
Umfang
207 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Bihrer, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Im Jahr 2008 entdeckten Archäologen im 1510 errichteten Hochgrab für Königin Edith im Magdeburger Dom einen Bleisarg mit den Gebeinen der Ehefrau Ottos I. Inzwischen haben anthropologische Analysen der Knochen, kunstgeschichtliche Untersuchungen des Bleisargs und der aufgefundenen Textilien sowie bauarchäologische Forschungen zum Sarkophag und zur Grabkirche neue Erkenntnisse gebracht, deren Deutung und Einordung aus geschichtswissenschaftlicher Sicht aber noch aussteht. Eine Tagung im Kulturhistorischen Museum in Magdeburg am 13. und 14. Juni 2014 setzte sich das Ziel, die Zusammenarbeit von Historikern, Archäologen und Kunsthistorikern zu diesem Themenfeld zu verbessern und die schon lange währende wissenschaftliche Diskussion über die 929 geschlossene Heiratsverbindung zwischen Otto I. und Edith und über die Beziehungen zwischen den Ottonen und den Königen von Wessex mit neuen Argumenten fortzusetzen.

Im Zentrum der Tagung stand die Frage „nach der genauen Gestalt der Beziehung des angelsächsischen Königreiches zum Reich der Ottonen“ (S. 7). Der Titel des Bands und wenige Worte im Vorwort, in welchem nur auf einer knappen Seite das Konzept erläutert wird, suggerieren, dass als ein weiteres Thema mögliche Parallelen, der gegenseitige Austausch und die Vernetzung der beiden Kulturlandschaften Magdeburg und Winchester in den Blick genommen werden sollten. Allerdings wird das Konzept der „Kulturlandschaften“ im Vorwort nicht weiter erläutert und in keinem der insgesamt acht Aufsätze aufgenommen. Auch das im Titel genannte Verfahren des regionalen „Vergleichs“ wird nur in der Studie von Caspar Ehlers eingelöst, meist widmen sich die Beiträgerinnen und Beiträger ausschließlich einer Region oder den Beziehungen zwischen den Ottonen und den Königen von Wessex. Treffender charakterisiert hingegen der Obertitel mit dem Dreiklang „Dome, Gräber, Grabungen“ sowie mit der regionalen Fokussierung auf „Winchester und Magdeburg“ die Kernthemen der sechs von deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie der zwei von englischen Fachleuten verfassten Studien.

Barbara Yorkes zweiteiliger Aufsatz (S. 13-25) prüft zunächst der Familiengeschichte der Könige von Wessex, um die Frage nach den Motiven für die Heiratsverbindung von Seiten der Ottonen beantworten zu können. Wie die jüngere englische Forschung kommt Yorke zu dem Schluss, dass Heinrich I. eine Heiratsverbindung in erster Linie aufgrund der langen Ahnenreihe und der zahlreichen ,Krieger‘ und ,Heiligen‘ unter den Vorfahren der Könige von Wessex anstrebte. Im zweiten Teil ihrer Studie, die sich der Kindheit und Jugend Ediths in England widmet, deutet Yorke die Resultate der anthropologischen Untersuchung der Gebeine der Königin dahingehend, dass Edith zunächst nicht am Königshof, sondern im mitreisenden Gefolge des Vaters aufgewachsen, wohl aber um das Jahr 919 der Mutter in ein Kloster gefolgt sei. Für diese Interpretation muss Yorke allerdings auf ältere Zeugnisse aus dem 9. Jahrhundert und auf deutlich jüngere Quellen aus dem 12. Jahrhundert zurückgreifen.

Matthias Springer (S. 49-64) sieht hingegen die Motive Heinrichs I. bei der Anbahnung der Heiratsverbindung nicht im Prestige der Könige von Wessex begründet, sondern folgt Wolfgang Georgis Deutung[1], dass herrschaftliche Interessen und damit „handfeste Vorteile“ (S. 50) in der Konkurrenzsituation mit den westfränkischen Karolingern das Handeln des Liudolfingers geleitet hätten. Heinrich I. habe mit der Doppelheirat im Jahr 929 nicht nur Burgund enger an sich binden und seine Ansprüche auf Lothringen sichern wollen, sondern auch beabsichtigt, seine Macht auf Italien auszuweiten. Für seine Deutung geht Springer auf Beziehungen in der Völkerwanderungszeit zurück, weiterhin wäre zu diskutieren, ob man Herrschern des 10. Jahrhunderts solch weitreichende ,außenpolitische‘ Strategien unterstellen sollte.

Die weiteren Aufsätze aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive weiten den Blick über das Schicksal Königin Ediths hinaus. So untersucht Stephan Freund (S. 67-86) Rolle und Handlungsspielräume von Königinnen für das 10. und frühe 11. Jahrhundert. Er folgt der dominierenden Forschungsmeinung, dass die Regentschaft Adelheids als Wendepunkt verstanden werden sollte, denn von nun an besaßen die Königinnen beträchtlichen Einfluss, wie Interventionen und Petitionen belegen. Freund macht zudem die Bedeutung der ottonischen Regentinnen auf dem Feld der pragmatischen Kommunikation und damit des Nachrichtenaustauschs vom und zum Königshof besonders stark, allerdings setzen hierfür die Belege erst mit dem Beginn des 11. Jahrhunderts ein.

Einen stringenten historischen Vergleich erarbeitet Caspar Ehlers (S. 89-112) in Hinblick auf die angelsächsische und ostfränkische Kirchenorganisation. Er beobachtet dabei deutlich mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Die Ursache für diese Ähnlichkeiten sieht er nicht in Verbindungen aufgrund der gemeinsamen ethnischen Herkunft der Führungsgruppen oder aufgrund einer vermeintlich ,nationalen‘ Zusammengehörigkeit, sondern in der gemeinsamen Geschichte der Christianisierung. Die Parallelen in den Organisationsformen und insbesondere in der Raumordnung sind also dadurch zu erklären, dass beide kirchlichen Strukturen der Sphäre der weströmischen Kirche zugehörten. Unterschiede, wenn auch von eher marginalem Ausmaß, betreffen die Bedeutung von weiblichen Gemeinschaften und die Unterstützung der Kirche durch Könige und Königinnen.

Konsequent beziehungsgeschichtlich behandelt Hedwig Röckelein (S. 155-178) Reliquientranslationen zwischen den Ottonen und den Königen von Wessex; diese Transfers deutet sie als Hinweise auf politische und soziale Beziehungen der Eliten, da die Weitergabe von Reliquien die Zustimmung dieser Führungsgruppen bedurfte. Als Fazit hält Röckelein zum einen fest, dass es unter den frühen Ottonen keine direkten Reliquientranslationen von England nach Sachsen gegeben hat, dass aber zum anderen anhand der insgesamt vier Translationen von Reliquien des spätantiken Doppelheiligen Justinus von Auxerre bzw. Justus von Beauvais ein Tauschnetzwerk der Karolinger, Liudolfinger bzw. Ottonen und der Könige von Wessex rekonstruiert werden kann: Alle diese Familien waren an den Reliquientranslationen nach Magdeburg bzw. Corvey und Winchester bzw. Canterbury beteiligt und zugleich durch ein Heiratsnetzwerk verbunden. Die Beziehungen zwischen den Ottonen und den Königen von Wessex liefen somit auch indirekt über die Kernlandschaften des westfränkischen Königtums, nämlich über Burgund und die Ile-de-France.

In den drei archäologischen Aufsätzen werden die bisherigen Forschungsergebnisse der jeweiligen Verfasser gebündelt: Martin Biddle (S. 115-137) stellt seine Untersuchungen zur Sakrallandschaft von Winchester mit den in drei Kirchen Old Minster, New Minster und Nunnaminster sowie zu den dortigen Königsgräbern zusammen; im Zentrum seiner Darstellung stehen die sechs frühneuzeitlichen Truhen mit Gebeinen von Mitgliedern englischer Herrscherfamilien, deren sterbliche Überreste seit 2012 naturwissenschaftlich untersucht werden. Rainer Kuhn (S.27-47) resümiert die bisherigen Funde und Befunde der Magdeburger Domgrabungen auf dem Domvorplatz und im Dom selbst insbesondere seit dem Jahr 2006. Dabei geht er in erster Linie auf mögliche Deutungen der ergrabenen Nord- und Südkirche sowie auf die Wiederauffindung der Gebeine Ediths und die Chronologie der Umbettungen ein. Sebastian Ristow (S. 139-153) skizziert die Vorgeschichte der Entwicklung von Königsgrab und Memoria bis zur Grablege Ottos des Großen und Ediths im Magdeburger Dom vor allem anhand der fränkischen Königsbestattungen. Er kann belegen, dass bis ins 10. Jahrhundert außer Mitgliedern von Königsfamilien andere Laien nur in Ausnahmefällen im Kircheninnern bestattet wurden. Ristow beklagt in methodischer Hinsicht die fehlende Materialbasis und die vielfach unklaren archäologischen Befunde, außerdem weist er auf oftmals problematische Interpretationen von in vielen Fällen deutlich später entstandenen Schriftquellen hin. Weiterhin hebt er die Individualität der einzelnen Beisetzungen und deren sakrale Kontextgebundenheit hervor und warnt so vor vorschnellen Verallgemeinerungen.

So bemerkenswert die Ergebnisse der Studien im Einzelnen sind, so wäre doch eine größere gegenseitige Wahrnehmung der bisherigen deutschen bzw. englischen Forschungsergebnisse wünschenswert gewesen. So fehlen zum Beispiel in den deutschen Beiträgen und in der Bibliographie des Sammelbands jegliche Referenzen zur thematisch einschlägigen Monographie von Veronica Ortenberg[2], zum maßgeblichen Sammelband von David Rollason, Conrad Leyser und Hannah Williams[3] oder zu den Forschungen des besten Kenners der Beziehungen zwischen England und dem ostfränkisch-deutschen Reich, Michael Lapidge.[4] Vor diesem Hintergrund ist es problematisch, dass im Vorwort des Sammelbands drei thematische Felder umrissen werden, für welche auf der Magdeburger Tagung neue Perspektiven entwickelt worden seien, nämlich die Einbindung der ottonischen „Heiratspolitik“ (S. 8) in die Kommunikationsnetze und das verwandtschaftliche Gefüge der westeuropäischen Herrscherfamilien, die unbedeutende Rolle der Heiratsverbindung zwischen Otto I. und Edith für die Oswald-Verehrung im ostfränkisch-deutschen Reich sowie das nur gering ausgeprägte Bewusstsein einer gemeinsamen ethnischen Abstammung im 10. und 11. Jahrhundert (S. 8–9). Genau diese Fragen werden aber schon seit einiger Zeit in der Forschung auch kontrovers diskutiert. Doch dies mindert nicht den Ertrag des durch ein sorgsam erstelltes Register erschlossenen Sammelbands, der überdies aufgrund seiner hochwertigen Ausstattung mit zahlreichen, durchweg in Farbe gedruckten Bildern, Karten und Grundrissen beinahe wie ein Ausstellungskatalog wirkt. Der Sammelband ist somit ein würdiger Auftakt für das geplante Museum am Magdeburger Dom, das in der ehemaligen Staatbank am Domplatz eingerichtet werden soll und das sich auch den Grablegen und damit der Geschichte Königin Ediths widmen wird.

Anmerkungen:
[1] Wolfgang Georgi, Bischof Keonwald von Worcester und die Heirat Ottos I. mit Egitha im Jahre 929, in: Historisches Jahrbuch 115 (1995), S. 1-40.
[2] Veronica Ortenberg, The English Church and the Continent in the Tenth and Eleventh Centuries. Cultural, Spiritual, and Artistic Exchanges, Oxford 1992.
[3] David Rollason / Conrad Leyser / Hannah Williams (Hrsg.), England and the Continent in the Tenth Century. Studies in Honour of Wilhelm Levison (1876–1947), Turnhout 2011.
[4] Vgl. als Übersicht Michael Lapidge, Germany, in: ders. u.a. (Hrsg.), The Blackwell Encyclopaedia of Anglo-Saxon England, Oxford/Malden 1999, S. 203.

Zitation
Andreas Bihrer: Rezension zu: : Dome – Gräber – Grabungen. Winchester und Magdeburg. Zwei Kulturlandschaften des 10. Jahrhunderts im Vergleich. Regensburg  2016 , in: H-Soz-Kult, 12.10.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26532>.
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Veröffentlicht am
12.10.2016
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